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Periodical volume Nr. 216, 14.09.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

roßen Stadtgemeinde entgegenkommt. Für das Defizit, das durch 
die Untergrundbahn entsteht, wird die jetzige Mehrheit verantwort 
lich gemacht. Mit Unrecht, denn vor 6 Jahren hatte die liberale 
Fraktion 18 von 66 Stimmen. Alle Parteien haben damals in 
gutem Glauben die Untergrundbahn beschlosien. Redner ist übci- 
Ö , daß in Zukunft die Untergrundbahn der Stadt noch großen 
ül bringen wird. Ein wichtiges Verlangen ist das nach 
Erholungs- und Spielplätzen. Dieses steht zuwider den Interessen 
der Baugesellschajteu. Aber hier muß allein das öffentliche 
Interesse maßgebend sein. Daher dürfen im Stadtparlament nicht 
Vertreter allmächtig sein, die mit Vodcngescllschaften in Verbindung 
stehen. Dadurch sind s. Zt. die unglückseligen Bebauungspläne in 
Schöneberg beschlossen worden. Einst hat Herr Haberland 
die Pläne für die Stadt Schöueberg diktiert. Mustergültig 
dagegen, sind die durch die liberale Fraktion beschlossenen 
Bebauungspläne. Für die Verbesserung der Wohnungen hat die 
Stadt eine Wohnungspflege eingerichtet, die vielleicht mehr noch 
als den Interessen der Mieter, denen der Hausbesitzer dient. Für 
alle die erörterten Angelegenheiten -ist Geld notwendig. In der 
Finanzpolitik wird der jetzigen Mehrheit der größte Vorwurf ge 
macht. Redner weist nach, oaß Schöneberg nie eine reiche Stadt 
gewesen sei. Denn es hat keinen Grundbesitz, keine industriellen 
Anlagen. Die Gelegenheit zu billigem Erwerb ist von der ein 
stigen Mehrheit versäumt. Schöneberg hätte 1018 das Elek 
trizitätswerk erwerben können. Doch da auch Schmargendorf und 
Wilmersdorf angeschlossen sind, so wären diese 1028 abgesprungen. 
Auch hätte die Stadt an Abnehmern verloren. Als Entschädigung 
hat Schöneberg 3 Millionen Kapital zum Nennwert erhalten, 
während der Kurs an der Börse das Doppelte beträgt. Ferner 
sind bedeutende Vorteile für die Bevölkerung herausgcschlageiu 
Schöneberg ist am Werk mit über ‘/ 3 des Aktienkapitals beteiligt 
und hat daraus eine Einnahme von 1800 000 M., während Char 
lottenburg nur 1 200 000 M. aus seinem eigenen Werk zieht. Der 
Preis der Kilowattstunde richtet sich nach den Preisen von Berlin 
unb Charlottenbuxgl Nun die Erhöhung auf 110 Proz. Früher 
hat Schöneberq einen großen Betrag aus der Umsatzsteuer bezogen 
ungefähr 1000 OM im letzten Jahre nur */«, das ist bewirkt durch 
die schlechte Baukoujunktur. Gewachsen sind die Ausgaben der 
Stadt für Schulen, Beamte u. a. Dazu steigern sich die An 
forderungen von Provinz und Stadt. Tie jetzige Mehrheit hat die 
Fehler von'früher auszlibaden, dazu in einer Zeit schlechter Kon 
junktur. Selbst im reichen Wilmersdorf denkt man an Einführung 
der 110 Proz. Dazu ist Wilmersdorf mit seiner Untergrundbahn 
noch viel übler dran. In den anderen großen Vororten sieht es 
nicht besser aus. Wenn die Wcrtzuwachsstcuer 2 Jahre früher 
eingeführt wäre, so hätte Schönebcrg 4 Millionen mehr im Säckel. 
Die Bautätigkeit'ist durch diese Steuer nicht'gehemmt worden. 
DaL liegt an der Schwsttigkcit der Geldbeschaffung. Man kann 
der liberalen Biehrheit nicht den Nachweis führen, daß sie gerade 
die Ausgaben veranlaßt hat, die zur Erhöhung der Einkommen 
steuer geführt hat. Dem Urteil der Wühler ist es nun anheim 
gestellt, ob sie die bewährte Politik der liberalen Fraktion gut 
heißen will. 
Die Herren Stadtv. Architekt Seidel und Verlagsbuch- 
händler Springer sind verreist' und daher am Erscheinen 
verhindert. Herr Dir'. Woiwode sucht zu erklären, wie es 
kommt, daß in der Beckerstraße so schlechte Verkehrsver- 
hältnisse bestehen. Er sucht ferner den Vorwurf zu ent 
kräften, daß die freie Fraktion von Herrn Haberland ab 
hängig sei. Die über den Vermögenzustand der Stadt 
vom Magistrat gemachten Angaben zweifelt der Redner an, 
daß man aus der „melkenden Kuh jetzt keine goldenen Eier 
mehr herausholen kann" liege nicht an den Terraingesell 
schaften. Diese brauchten die Wünsche der Bevölkerung 
nicht zu berücksichtigen, wenn sie nicht an sie gestellt würden. 
Stadtv. Zobel zeigt, daß die Angriffe in dem ersten Flug 
blatte nicht vorhanden waren. -Dagegen waren gehässige 
Vorwürfe und unwahre Angahe.st. iw.dem gegnerischen Flug 
blatte, das von Herrn Woiwode mit unterzeichnet ist. 
Redner verlas dieses Fluglatt. Redner geißelt dann die 
Art, wie von der Friedenauer Terraingesellschaft, deren 
Direktor Woiwode ist, im Friedenauer Ortsteil Bebauungs 
pläne gemacht worden sind. Einziger Erhvlungsplatz 
ist der Dürerplatz. Es ist dieselbe Art, wie sie jetzt 
noch auf dem Tempelhofer Felde von Herrn Haberland ge 
trieben wird. Dort könnert vielleicht 44 Schulkinder Fußball 
spielen, während 15 000 Schulkinder einst vorhanden sein 
werden. Eins der wichtigsten Probleme der Stadtpolitik ist 
eben Bodenpolitik. Es darf nicht der Zustand herrschen, 
daß ein einziger Mann die Finanzlage der Stadt bestimmt 
wie Herr Haberland, der den Boden in der Hand hat. Für 
den Vertrag mit den, Elektrizitätswerk hat Herr Jatzow s. Zt. 
gestiiümt, ebenso für die Untergrundbahn. Schon beginnen 
jetzt die Hausbesitzer sich in ihren Fachzeitschriften von den 
Terrainspekulanten loszulösen, wie aus ihrem Kampf für 
die Gründwertsteuer hervorgeht. Denn die Ertragstener 
dient nur den Terrainbesitzern. Herr Jatzow ist auf einer 
Hausbesitzerversammluüg nach dem Berichte für die Terrain- 
spekulanten eingetreten. — Der Stiftuttgsetat der Stadt ist 
etwas ganz Trauriges, trotz der gestifteten Ruderboote des 
Herrn Haberland. Ein Bürgersinn in Schönebcrg besteht 
nicht. Herr Woiwode soll nur eine Einrichtung nachweisen, 
die sie nicht mit gemacht haben. Die Gegenpartei soll doch 
Fhre Adresse sehlt 
uns noch immer, wir können Ihnen den '„Friedenauer 
Lokal-Anzeiger" nach dem Oktober nur dann weiter 
zustöilcn, wenn Sic uns Ihre Adresse 
mitteilen. Auch wenn Sie uns bekannt- sind, bitten wir 
trotzdem um Ihre Adresse. Nur wer die Adresse mitteilt, 
wird auch nach dem j. Oktober unser Blatt pünktlich er 
halten, da wir am s. Oktober eigene Boten einstellen. 
Eine Abbestellung beim Spediteur ist nicht erforderlich, 
jedoch unbedingt Neubestellung in der 
GeWstslLelle MMttM L5 
(Fernruf Amt Pfalz bürg 2\2<)) 
oder in folgenden Geschäften: 
PapiergelMt Wild. Ebers. RHMtratze 15 
PapiiMWifl Arthur Zkchalig. Ldenwaldltrahe 7 
PaylergeslW Frl. Nordheim. Sieglindeltratze 4 
Zigarrenhandlung Paul Fühl. Südweltkokfo 17 
Zigarretthandlung E. Sahn. Rembrandtitr. 14. Dilrerpl. 
Verlag und Geschäftsstelle des 
Friedenauer Lokal-Anzeigers 
Aheinstr. 15. Fernspr. Psalzburg 2129. 
einmal zum Hausbesitzerprivileg eine klare Stellung ein 
nehmen. Herr Direktor Woiwode erklärt, daß nur alte 
Anhänglichkeit an die Stadt Schöneberg ihn zum Worte 
veranlaßt habe. Mit der Aufforderung, die vom Bezirks 
verein ausgestellten Kandidaten zu wählen, schloß der Vor 
sitzende Um 11 hi, Uhr die Versammlung. 
o Firmcneittträgmlg. Nr. 41547. Udo Gronefeld 
Rohprodukte, Berlin-Friedenau. Inhaber: Udo Grvnefeld, 
Kaufmann, Berlin-Friedenau. 
o .Konkursverfahren. In dem Konkursverfahren über 
den Nachlaß .des am 20. Dezember 1911 verstorbenen, zu 
letzt in Berlin-Friedenan, Beckerstr. 10, wohnhaft ge 
wesenen Bankbeamten ist zurAbnahme der Schlußrechnung 
des Verwalters, zur Erhebung von Einwendungen gegen 
das Schlußverzeichnis der bei der Verteilung zu berück- 
sichtigenden Forderungen der Schlußtermin auf den 21. 
' Oktober 1913, Vormittags 10'/ 2 Uhr bestimmt. 
o Wagnerabend. Einen Abend zur Erinnerung an 
Richard Wagtters 100. Geburtstag veranstaltete gestern die 
höhere Mädchenschule des Herrn Dr. Lorenz. Eltern, 
Freunde und Gönner der Anstalt und namentlich ehemalige 
Schülerinnen hatten sich zahlreich zu der sinnigen Ehrung 
; des großen Meisters eingefunden. Wie uns versichert 
wurde, sollte der Abend den Zweck haben, Liebe zu edler 
Musik zu erwecken. Daß diese Anlegung auf fruchtbarsten 
Boden gefallen, bewies die Hingabe, mit der sich alle Mit 
wirkenden ihrer Aufgabe weihten. Mit einem von der 
Oberlehrerin Frl. Rost verfaßten Prolog wurde die Feier 
eingeleitet. Es folgte ein kurzes Lebensbild Richard Wagners. 
, Herr Direktor Dr. Lorenz begrüßte die Erschienenen und 
betonte, daß die Veranstaltung einer behördlichen Bestimmung 
entspräche, auch neben Gesang, Bekanntschaft mit den 
Werken der Meister der Musik zu vermitteln. Das sehr 
geschickt zusammengestellte Prograiiun brachte nun Stücke 
aus Lohengrin. Fliegender Holländer, Meistersinger und 
Tannhäuser. Es würde zu weit führen, wollten wir jeder 
Leistung einzeln gedenken; zur Anerkennung soll gesagt 
werden, daß alle ihr bestmöglichstes leisteten. Doch können 
wir es uns nicht versagen, das „Spinnerlied" und „Walthers 
Traumlied", beide für Klavier und Geige, besonders lobend 
hervorzuheben. Großen Beifall erntete die gut gespielte 
Tannhäuscr-Ouvertüre und Elisabeths Begrüßung der Halle. 
Die Chöre zeigten anerkennenswertes Können, und wir waren 
erstaunt, was der Dirigent mit dem verhältnismäßig kleinen 
Chor aus dem Pilgerchor ans Tannhäuser machte. In 
richtiger Erkenntnis dessen, welche Unsummen Fleiß und 
Mühe aufgewandt, bezeugte die Anstalt dem Dirigenten 
ihre Dankbarkeit durch ein prachtvolles Blumenarrangement. 
Dein Musiklehrer Herrn Walter Schmidt, der sich als ein 
feinfühliger und umsichtiger Leiter zeigte und an dem 
Gelingen des Abends den größten Anteil hatte, sei auch an 
dieser' Stelle wärmster Dank ausgesprochen. Wir wollen 
unseren Bericht nicht schließen, ohne der Begleitung am 
Klavier zu gedenken, die in dezenter und verständnisinniger 
Weise von einer Dame der Gesellschaft ausgeführt wurde. 
o Manner-Turnverein. Alle Männer-Abteilungen ver 
anstalten heute (Donnerstag) von 8Vj—10 Uhr in der 
Turnhalle des Gymnasiums (Handjerystraße) ein gemein 
sames Turnen zu Ehren der diesjährigen Sieger und zur 
Verabschiedung der Rekruten. Nachdem findet um 10 l / 2 Uhr 
in der „Kaisereiche" eine außerordentliche Mitglieder- 
Versammlnng statt zur Ehrung eines Mitgliedes. Nachdem 
ist eine gemütliche Feier zu Ehren der diesjährigen Sieger 
und der Rekruten. 
o Der Männer-Gcsaugverein „Rütli" wird in dem 
Konzert aus Anlaß seines 26. Stiftungsfestes am Sonn 
abend, dem 27. September, Abends 8'/ 2 Uhr folgende Ge 
sänge vortragen: Krönt den ^ag von Kurz, Muttersegen von 
Opladen, Mein Hochland von Schumann, Gruß an's Ober 
innthal von Fittig, Zu Straßburg von Hilpert und Einkehr 
von Zöllner. Außerdem bringt Herr H. Steinhäuser das 
Tenorsolo „Verbotener Gesang" zu Gehör. Nach dem 
Konzert, in dem die Schützenkapelle des Herrn Musik 
direktors Müller-Zehlendorf, mitwirkt, findet Ball statt. Um 
1 Uhr ist Kaffeetafel, während der das Lustspiel „Ein 
fideles Gefängnis" zur Aussührung kommt. 
o Der evangelische Arbeiterverein für Friedenau 
und Umgegend hat vom deutschen evangelischen Volksbnnd 
zur Jahresfeier des Verbandes^ Berlin-Brandenburg am 
Freitag, dem 10. Oktober d. Js., abends 7 Uhr, im Marmor 
festsaal des Zoologischen Gartens. Eingang Lichtensteinbrücke, 
Einladung erhalten. Eintrittskarten zu bedeutend er 
mäßigtem Preise sind bei Mitglied Wietasch, Stubenranch 
straße nur bis zum 30. September erhältlich, selbige kosten 
statt 3 M. nur 2 M.. statt 2 M. nur 1.50 M.. statt 1,50 
Mark nur 1 M., statt 1 M. nur 76 Pf., statt .75 Pf. nur 
50 Pf., statt 50 Pf. nur 80 Pf.; am Festabend und ab 
1. Oktober erhöhte Preise. Der Verein beabsichtigt mit 
seinem Vereinsbanner dort vertreten zu sein. Nach der 
„Dortragsfolge" werden Ansprachen halten die Herren Kons.- 
Rat Universitätsprofessor 1). MahliNg, Pastür D. Philipps 
und Direktor Pastor Stuhrmann-Godesberg, ferner Mnsik- 
vorlräge des Kirchenchors der Heilandskirche unter Leitung 
seines Dirigenten Herrn Organist R. Kurth und der Kapelle 
des Königin-Elisabeth-Regiments unter persönlicher Leitung 
des Herrn Obermusikmeisters Brinkmann. 
o Mäittierturnverein. Die 2. Knabenabteilung be 
suchte am vergangenen Sonntag den Schlachtort Großbcercn 
und hielt dann in der Genshagener Heide ein Kriegsspicl 
ab. Die Marschstrecke betrug diesmal, weil dem Spiel im 
Walde mehr Zeit als sonst eingeräumt war, nur 17 km. 
Es beteiligten sich an der Tnrnfahrt, die die siebente in 
diesem Jahre war, 36 Knaben und 3 Erwachsene. 
o Unentgeltlichen Unterricht erteilt die.Werbevcr- 
einigung für National-Stenographie (Vorsitzender Dr. 
Engelbrecht) an Herren. Damen und Schüler. Der ganze 
Unterricht dieser äußerst leicht erlernbaren Kurzschrift um 
faßt nur 6 Stunden, wöchentlich 1 Stunde. Für die Lehr 
mittel sind 3 M. zu zahlen, andere Unkosten erwachsen den 
Teilnehmern nicht. Im Monat Oktober beginnen neue 
Kurse: In Berlin-Friedenau am 6. Oktober in dem 
Handelsinstitut von H. Jungck, Friedenau, Rheinstr. 52. 
Die Teilnehmer werden sodann zu fertigen Stenographen 
ausgebildet und erhalten auch gediegenen Unterricht im 
Maschinenschreiben und allen kaufmännischen Fächern zu er 
mäßigten Preisen nachgewiesen. Anmeldungen für diese 
Kurse in Friedenau sind zu richten an das Handels 
institut von H. Jungck. Friednau, Rheinstr. 52. Für die 
Kurse in Berlin, Rosenthalerstr. 65, am 11. Oktober: 
Seydelstr, 1, am 8. Oktober; in Schöneberg am Wartburg 
platz in der Gemeindcschule am 2. Oktober; in Neukölln, 
Bergstr. 136/37 am 7. Oktober sind schriftliche Anmeldungen 
an Herrn Lehrer Müller in Schöneberg, Kriemhildstr.'2, zu 
richten. 
o Eine Film-Oper bringen die „Hohenzollcrn- 
Lichtspiele" von morgen ab zur Vorführung. Es ist ein 
Drama, betitelt „Das fremde Mädchen", in 4 Akten von 
Hugo von Hoffmannsthal, in welchem die hervorragende Tanz- 
diva Grete Wiesenthal auftritt. Zu diesem Film hat Herr 
mochte der Konsul seine mächtige Uebcrraschung nicht zu 
verbergen. 
„Für immer, Helga? Ist das dein Ernst und dein 
fester, unwiderruflicher Entschluß?" 
„Ja. Aber ich würde dir dankbar sein, Cäsar, wenn 
du mir erließest, dir über die Gründe 2lufschluß zu geben. 
Ich habe keinen Anlaß, einen Vorwurf gegen Hubert zu 
erheben — das ist dir genug, nicht wahr?" 
Statt aller Antwort küsste er ihr die Hand, und sie 
lächelte ihm dankbar zu. Dann war es eine Heine Weile 
still zwischen ihnen, bis der Konsul fragte: 
„Und Margarete? Host du sie vorbereitet?" 
„Ja. Die traurige Rachucht hat sie sehr schwer ae- 
troffen, und du wirst in der Nächsten Zeit viel Nachsicht 
mit ihr haben müssen, Cäsar!" 
„Ich wollte, du nähmest dich ihrer an, Helga! Ich 
habe wohl wenig Talent, ein junges Mädchen richtig zu 
behandeln." 
„Wenn du sie mir anvertrauen willst . Daß ich 
sie wie eine Schwester liebe, brauche ich dir nicht erst zu 
sagest. Aber ich weiß ja vorerst selber noch nicht, wo 
ich mir eine Zuflucht suchen werde. Und schließlich wirst 
du doch auch wohl Bedenken tragen, sie der Obhut einer 
Frau zu übergeben, die sich von ihrem Manne getrennt hat." 
„Ja, ist es denn nicht deine Absicht, zu uns zurück 
zukehren, Helga? Ich habe es für unnötig gehalten, dir 
ausdrücklich zu versichern, daß mein Haus dir allezeit weit 
offen steht." 
„Dank für die gute Absicht. Aber davon kann selbst 
verständlich nicht die Rede sein. Der Leute wegen eben 
sowenig, als um meiner selbst willen. Du begreisst das, 
nicht wahr?" 
Ihre 2lntwort schien ihn zu betrüben; aber er neigte 
nichtsdestoweniger zustimmend den Kopf. 
„Ich würde deine Entschlüsse achten, Helga, auch wo 
ich sie nicht verstände. Aber du mußt dir doch irgendeinen 
Plan für deine nächste Zukunft gemacht haben." 
„Ich werde euch nach Hamburg begleiten und dort 
in einem stillen, kleinen Pensionat bleiben, bis die Beisetzung 
vorbei ist. Darüber hinaus habe ich noch keine Pläne. 
Und ich möchte auch keinen Entschluß fassen, bevor ich 
mit Henry gesprochen habe." 
„Was du tust, wird sicherlich das Rechte sein. Und ich 
habe nur den einen Wunsch, dir dabei mit allem zu dienen, 
was ich zu bieten habe." 
„Ich weiß, daß ich auf dich zählen darf. Und wenn 
ich auch für mich selber kaum eines Rates oder Beistandes 
bedürfen werde, so könnte es doch geschehen, daß ich für 
Henry " 
„Herr Henry FrederikseN fragt, ob die gnädige Frau 
für ihn zu sprechen sei," meldete in diesem Augenblick das 
Mädchen, und noch ehe die junge Frau hatte antworten 
können, sagte der Konsul hastig in englischer Sprache, die 
ihm wie seiner Cousine von Kindheit auf gelaustg war: 
„Laß mich zuerst allein mit deinem Bruder sprechen, 
Helga! Ich bitte dich herzlich darum. Und ich gebe dir 
mein Wart, daß damit nichts verdürben werden wird." 
Sie zögerte wohl, aber nur für die Dauer weniger 
Sekunden. Dann nickte sie ihm zu und stand auf. 
„Führen Sie Herrn Frederiksen hierher," befahl sie, 
und gegen den Konsul gewendet, fügte sie hinzu: „Ich 
gehe zu Margarete. Du brauchst nur nach dem Mädchen 
zu klingeln und mich rufen zu lassen, wenn es dir an der 
Zeit scheint, daß ich ineinen Bruder begrüße." 
Sie ging hinaus, und tast im numüchen Augenblick 
schon erschien Henry Frederiksen in' der gegenüberliegenden 
Tür. 2lls er seines Vetters ansichtig wurde, schien er un 
schlüssig, ob er weitergehen oder umkehren solle. 2lber 
der Konsul machte dieser augensällige» Ungewißheit ein 
Ende, indem er ihm mit rckhigi freundlicher Miene ent 
gegenging. 
«Gaten Tag, Henry! Ich hoffe, du kannst es über dich 
gewinnen, in me.ner Gesellschaft.hier auf Helga zu warten." 
Wie sie vor anderthalb Jahren ohne Händedruck aus 
einander gegangen waren, ch reichten sie sich auch jegt 
nicht die Hände. Und auf Henry Frederitsens Gesicht stand 
leierlich genug das trotzig feindselige Enipfinoen geschrieben, 
das iyn bese-lte. 2tber er zwang sich zu kühlerHöstichleir, 
indem er erwiderte: 
„Ich konnte nicht darauf vorbereitet sein, dich hier an 
zutreffen. Vermutlich war also dies die große Ueoer- 
raschnng, die mein Schwager mir verhieß, als ich Um an 
diesem Morgen aussuchte." 
„Es ist nichl sehr wahrscheinlich, daß er dabei an mich 
gedacht hat. Denn zu jener Stunde hatte er wohl noch 
kaum Kenittnis von dem traurigen Anlaß, der mich „ach 
München geführt." 
„Ein tlanriger 2lnlaß? Einer, der vielleicht auch mich 
I angeht?" ’ 
«Mein Haus ist von schwerer Trauer heimgesucht 
worden. Ich komme von einem Sterbebett, Henry!" 
Kreideweißen Antlitzes stürzte der andere auf ihn zu 
und packte mit ungestümem Griff feinen 2trm. 
„Von einem Steroebett, sagst du ? Herr im Himmel, es 
— es ist doch — es ist doch nicht Margarete?" 
(Fortsetzung folgt.)
        
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