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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

225 de- „Frikdenauer Lokal-Anzeiger" 
Lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o NeichSstempekgcsctz. 9lm 1. Oktober 1913 tritt das 
Rcichsstcmpelgesetz vom 3. Juli 1913 in Kraft. Dieses 
Gesetz enthält die gesetzliche Vorschrift, das; die Versicherungs 
nehmer für ihre Feuerversicherung eine Stempelabgabe für 
das Reich bezahlen müssen. Die bisherigen Stempeln, 
Sporteln usw., welche für die einzelnen Bundesstaaten er 
hoben wurden, fallen dagegen weg. Der neue Reichsstempel, 
welcher nach gesetzlicher Vorschrift von den Versicherungs 
nehmern vom 1. Oktober 1913 an bezahlt werden muß, 
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Versicherungssumme oder einen Bruchteil von M. 1000, 
1») von kürzerer Dauer für jeden Monat 1V, Pfg. für je 
M. 1000 Versicherungssumme oder einen Bruchteil von 
M. 1000; 2. für unbewegliche Gegenstände bei Versiche 
rungen a) von einjähriger oder mehr als einjähriger Dauer 
für jedes Jahr 5 Pfg. für je M. 1000 Vcrsichrungssumme 
oder einen Bruchteil von M. 1000, d) von kiirzercr Dauer 
für jeden Monat 5 Pfg. für je M. 10000 Versicherungs 
summe oder einen Bruchteil von M. 10000. In der Ein- 
bruchdiebstahl-Branche beträgt die Stempelabgabe 10°/ 0 des 
gezahlten Entgelts (Barprämie) in Abstufungen von 10 Pfg. 
für je M. 1 oder einen Bruchteil dieses Betrages. Befreit 
von der Stempelpflicht bleibe» Feuer- und Einbruchdiebstahl- 
Vclsicherungen, bei welchen die Versicherungssuinme den 
Betrag von M. 3000 nicht übersteigt. Von dem Reichstag 
ist diese Besteuerung der Versicherungsnehmer als Beitrag 
zu den Kosten der Verstärkung der deutschen Heeresmacht 
beschlossen ivorden. Tie Versicherungs-Gesellschaften haben 
die gesetzliche Pflicht, die Steuer mit der Prämienzahlung 
von den Versicherungsnehmern für das Reich einzuziehen 
und den Steuerbetrag an die Steuerbehörde abzuliefern. 
Eine Verweigerung der Bezahlung der Stempelabgabe hilft 
den Versicherungsnehmern nichts, denn es handelt sich unr 
eine gesetzliche Vorschrift. Wenn die Bezahlung der Stempel- 
abgabe verweigert iverden sollte, so muß der Stempelbetrag 
zwangsweise entweder auf dem Verwaltungswege von der 
Steuerbehörde oder auf gerichtlichem Wege eingezogen werden, 
so daß dem Versicherungsnehmer nur noch Kosten entstehen 
würden. In der Prämienrechnung auf den Versicherungs- 
Scheinen und illachträgen und aus den besonderen Prämien- 
rechnungen ist der Reichsstcmpclbctrag künftig mit aufgeführt, 
und die Agenten müssen diesen Stempelbetrag mit der 
Prämie von dem Versicherungsnehmern einfordern. 
v Ermittelung und Beobachtung non Krüppeln. 
Erfahrungsgemäß erkennen viele Eltern eine beginnende 
Knocheuverbiegung oder ähnliche Erkrankungen erst ziemlich 
spät und zögern auch daun noch lange, che sie ärztliche 
Hilfe in Anspruch nehmen. Zur Ermittlung solcher Kinder 
siuo deshalb die Schulen um ihre Mitwirkung gebeten 
worden. Es gilt aber, nicht nur bereits schwer leidenden 
Schulkindern — oder auch vom Schulbesuch befreiten 
— die nötige Heilbehandlung zu gewähren, sondern schon 
einzugreifen, bevor der Z >stand sich so verschlimmert, daß 
schwierige Operationen voer eine Anstaltsbehandlung sich 
nötig machen. Dieser wichtige Zeitpunkt liegt oft im vor- 
schulpflichtigcu Alter. Das Armenamt in Leipzig hat des 
halb ins Auge gefaßt, die allgemeine Ermittlung und Be 
obachtung der Gebrechlichen mit Hilfe des Stadtbezirks- 
orztes und seiner Organe künftig auf eine breitere Grund 
lage zu stellen. Wie die eigentliche Armenpflege, so darf 
auch die Fürsorge im weiteren Sinne nicht warten, bis die 
einzelnen Fälle an sie herantreten; sie muß vielmehr alle 
Bedürftigen rechtzeitig und möglichst lückenlos zu ermitteln 
suchen, sie nach den verschiedenen Formen der notwendigen 
Hilfe gliedern und ihre Entwickelung dauernd im Auge be 
halten. Das Armeuamt wendet sich deshalb an die Armen- 
pfleger mit der Bitte, ihm Gebrechliche — insbesondere 
Kinder —, die irgendivie einer Beratung oder eines Heil 
verfahrens bedürftig erscheinen, regelmäßig zu melden. Je 
früher die Fürsorge beginnen kann, desto sicherer wird er 
reicht, daß Verkrüppelte nicht lebenslang Zaungäste des 
Glückes bleiben müssen, sondern erwerbsfähige, selbständige 
Menschen werden. 
o Ter Friedenaner Parochialbcrein veranstaltete 
gestern seinen ersten Uuterhaltnngsabend nach den Ferien, 
der durch seinen zahlreichen Besuch miederrun bewies, daß 
das Interesse für den Verein ungeschwächt anhält. Im 
Mittelpunkt des Abends stand der Vortrag des Herrn 
Pfarrer Priebe-Grunewald über ,,Das Christnsbild in der 
Kunst". Redner betonte einleitend, daß wir ein wirkliches 
Bild von Christus, gleichsam eine Photographie, nicht be 
sitzen. lind das sei gut, denn wir könnten uns Christus 
beispielsweise von jüdischem Typus nicht vorstellen. Christus 
muß nach unserer Vorstellung ohne jedes Rasseumerkmal 
fein. Und so sind die existierenden Christusbilder ent 
standen aus den Anffassnngen der Künstler. Christus soll 
mild und von Herzen demütig, aber auch von königlicher 
Hoheit sein, der da Gewalt im Himmel und auf Erden 
besitzt. Tie meisten Christusbilder sind einseitig, sie treffen 
euuveder die eine oder die andere Seite der Charakterzüge des 
Heilandes. Ursprünglich wurde Christus selbst überhaupt nicht 
dargestellt. Man versinnbildlrchte ihn nur als den guten Hirten 
und stellte ihn bartlos und in jugendlicher Kraft dar. Die 
bärtigen Christusbilder und damit das Bestreben, den 
Heiland selbst darzustellen, kamen erst im 4. Jahrhundert 
auf. An etiva 40 Lichtbildern führte der Vortragende nun 
die Christusbilder der verschiedensten Maler und Bildhauer 
vor und erläuterte die Auffassung der Künstler. Lebhafter 
Beifall dankte dem Redner für den prächtigen Vortrag und 
der Vorsitzende des Vereins, Herr Prof. Dr. Kleinecke, sprach 
diesen Dank noch besonders aus. Musikalische Darbietungen 
gingen dem Vortrage voran uud^beschlossen auch den Abend. 
Mittwoch, den 24. September 1913. 
Von diesen entzückten in erster Linie die Violinoorträge des 
Herrn Referendar Krug, der sich immer mehr als fein 
sinniger Künstler entwickelt. In seinen gestrigen Darbietungen: 
Sonate G-moll, 1. Satz von Grieg und Balletszene v. Boriot 
bewies er eine gute Technik und sicheren Bogenstrich. Der schöne 
volle Ton und die glückliche Auffassung der Kompositionen be 
geisterten die Hörer zu nicht enden wollendem Beifall, sodaß 
sich Herr Dr. Krug zu einer Zugabe verstehen mußte, wofür 
er ebenfalls lebhaft applaudiert wurde. Eine nicht minder 
gute Aufnahme fand die diplvm. Musiklehrerin Frl. Seek 
mit ihren Vorträgen am Flügel. Die Beethoven-Sonate, 
pathötiqne op. 13 C-moll, wie Polonaise cismoll von 
Chopin spielte sie empfindungsvoll und mit glänzendem 
Anschlag. Auch als sich bestens anpassende Begleiterin 
müssen wir sie loben. Die Sopranistin Frau Dr. Aßmann 
hat eine für einen Konzertsaal zu kleine Stimme, die zwar 
nicht ohne eigenen Reiz ist, jedoch in den Kraft erfordernden 
Stellen stark vibriert. Am besten gelang ihr' noch das 
durch seine zarte, weiche Komposition anheimelnde „Wiegen 
lied" von Brahms, das klar und rein zu Gehör kam. 
o Amerikanische Knlturbilder. Unser Mitbürger 
Schriftsteller und Redakteur Louis Viereck, hält in der Aula 
des Falk - Realgymnasiums, Lützowstr. 846, einen fünf 
stündigen Lichtbilder-Kursus über „Amerikanische Kultur 
bilder", illustriert durch Wandkarten, graphische Tafeln und 
mehrere Hundert sehr interessanter Originalbildcr. Die 
Vortragskurse werden veranstaltet von der Humboldt- 
Akademie und finden Freitag Abends 8—9 Uhr statt. 
Beginn 3. Oktober 1913. 3. 10.: 1. Ozeanfahrtcn einst 
und jetzt. 10. 10.: 2. Umschau im malerischen Amerika. 
17. 10: 3. Berühmte Amerikaner und interessante Ameri 
kanerinnen. 24. 10.: 4. Bei den Goldgräbern in Alaska. 
31. 10.: 6. Der Panamakanal und die Weltausstellung von 
San Franziska. Eintrittskarten sind im Hauptbüro und 
allen Zweigbüros der Humboldt-Akademie, an den meisten 
Theaterkassen, und vor Beginn der Vorträge beim Schul 
diener des Falk-Realgymnasiums zu haben. Der ganze 
Kursus kostet 5 M.; aber auch für alle Eiuzelvorlesungen 
werden Karten zu 1 Dt. beim Schuldiener abgegeben. Die 
Eintrittskarten sind zur ersten Vorlesung mitzubringen, es 
findet kein freier Zutritt zu dieser statt. Falls nicht die 
Teilnahme von mindestens 15 Zuhörern gesichert sein sollte, 
wird der Kursus nach der 1. Vorlesung abgebrochen. 
Zuschriften 
(Für diese Rubrik übernehmen wir keine Verantivortung.) 
Lebensgefährliche Verkehrszustände am Lauterplatz in Friedenau. 
Es ist schon soviel über die skandalösen Berkehrszustände am 
Laulcrplatz ivährend der Markttage geschrieben worden. Aber leider 
immer »och nicht genug. Anstatt, das; die Behörden endlich dafür 
sorgen sollten, den einer Weltstadt wie Groß-Berlin — dem 
Friedenau wohl zuzurechnen ist — unwürdigen Zuständen ein Ende 
zil machen, wird der Verkehr immer noch mehr eingeengt. Wir 
Einwohner der südlichen Vorstädte sind diese Zustände nachgerade 
gewöhnt geworden. Wer aber aus anderen Stadtteilen hierher 
kvnunt, wird sich verblüfft fragen, wie so etwas von den Aussichts- 
Instanzen noch länger geduldet werden kaun. 
Die Rheinstratze (Hauptstraße/Schloßstraßc) bildet die einzige 
direkte Verkehrsader von Berlin nach Schöncberg, Friedenau, 
Steglitz, Lichterfelde, Zehlendorf, Wannsee, Potsdam (ganz abge 
sehen von dem regen Automobilocrkehr nach dem Westen Deutsch 
lands). Diese kolossal überlastete Verkehrsader ist an und für sich 
nicht übcrniäßig breit. Diese beengte Verkehrsader wird sage und 
schreibe, in den Hauptverkchrsstunden bis fl Uhr Morgens und 
Mittags von 12 bis 8 Uhr auf unverantwortliche Weise fast un 
passierbar gemacht. An VerkehrStngen stehen nämlich ungezählte 
Hündlerwagcn auf der Straße, inan denke, nicht etwa in der 
Etraßcnrichtung an der Bordschwelle entlang, nein direkt quer über 
die Straße, die Pferde mit der Rase über die Mitte dcö Dammes 
hiniveg. Für den gesamten Verkehr bleibt nur ein schmaler Streifen 
von etiva 3 Meiern. Zu Zeiten, wenn nämlich die Hondlerivagen 
rangieren oder ein Wagen von der entgegengesetzten Richtung durch 
fährt, ist die Straße für anderes Fuhrwerk einfach unpassierbar. 
Als Fuhrwerksbesitzer muß man stets froh sein, wenn man ohne 
Schaden für sich rmd andere vorbei ist. 
Der gesamte Zustand ist derart gefahrvoll, daß durch einen 
Zufall eine folgenschwere Katastrophe eintreten kann. Wenn z. B. 
an der betr. Stelle einmal ein Autoreifen mit dem bekannten 
doniierähnltchen Knall plagen und eins der quer über die Straße 
stehenden Händlcrpscrdc scheu werden sollte — die anderen Pferde 
würden dann instinktiv mitmachen — sämtliche Passagiere auf dem 
gegenüberliegenden Bürgersteig befänden sich durch die auf sie los 
stürmenden Gespanne in ernster Lebensgefahr. 
Aber, wie gesagt, all die vielen Klagen aus dem Publikum 
scheinen hier nichts zu nützen. Jene teilweise Sperrung geschieht 
anscheinend mit Genehmigung sämtlicher Aufsichtsinstanzcn. Gcgen- 
ivürtig werden noch die sonst direkt an« Bürgersteig liegenden 
Slraßcnbahnglcise wegen Anlegung von Rasenstreifen auf den 
sowieso schon sehr engen Fahroamm gelegt; dort liegt noch ein 
Haufen Sand, dort ein Berg Steine, dort ein Stoß Schienen, dort 
Karren und anderes Arbeitsgerät. Kurz, es ist für den Fuhrwerks 
besitzer einfach schauderhaft. 
Das läßt sich nun eininal nicht ändern, auch nicht, daß die 
Straße auf der anderen Seite des Lauterplatzes (die Lauterstraße) 
ganz und gar für den Fuhrwerksoerkehr während des Marktes 
öffentlich gesperrt ist. Umsomehr darf und muß man aber verlangen, 
daß die einzig noch übrigbleibende Straße um den Lnuterplatz 
(verlängerte Niedstraße) auch voll und ganz dem Verkehr) erhalten 
bleibt. Die Straße ist, wie ich erfahren habe, ausdrücklich in ihrer 
vollen Breite den, VerKhr freigegeben. Es ist daher nicht scharf 
genug zu verurteilen, daß der Gemeindcvorstand Friedenau dem 
öffentlichen Interesse entgegen und anscheinend auch entgegen den 
Bestinimungen der Aufsichtsbehörde auch diese Straße bis über die 
Hälfte mit Händlerständen besetzt. Wenn dies geschehen ist, um 
bloß täglich noch ei» paar Groschen Standgeld mehr herauszu 
schlagen, wäre das direkt verwerflich gehandelt. Es kommt noch 
hinzu, daß die Marktbuden mit der Front nach der Straße zu 
stehen, das kaufende Publikum die noch freie Straßcnhälste vollends 
unpassierbar macht. Wie soll das mal im Falle einer Feuers 
gefahr werden, wenn die Feuerwehr durch will? Oder wenn ein 
Gespann durch die vielen bei Wind umherfliegenden Papierfetzen 
wild gemacht, direkt in die mitten auf der Straße stehenden Käufer 
und Buden hineinrast? Wer ist in diesem Falle sür das Unglück 
verantwortlich und für den Schaden Hastbar zu machen? Sicher 
wohl die Genieindebehördc von Friedenaul 
Es muß hier Abhilfe geschaffen werden! Sämtliche hier auf 
der Straße stehenden Bertaussstände müssen vom Straßendamm 
herunter und die am Rande stehenden Buden müffen ihre Front 
nach dem Markt zu erhalten, damit das kaufende Publikum nicht 
die Straße versperrt. Eigentlich müßte von der Bordschwelle ab 
noch ein Steg für die Fußgänger frei bleiben. Wie soll dies erst 
werde», wenn die Lastfuhrwerke sür den Rathausneubau, der an 
dieser Stelle errichtet wird, dort ständig die Passage versperren? 
Ein Fuhrwcrlsbesitzer und Bürger aus Friedenau. 
Die alte Buche. 
Skizze von Nanny Steinmann. 
Hinter dem kleinen Sommerhäuschen ging es bergab 
gerade in den schönste Laubwald hinein. Ich hatte nur 
zwei Minuten von meiner Zimmertür aus zu gehen bis zu 
dem grünen Dom. Herrlich große Buchen mit breiten 
prächtigen Kronen umpfingen mich dann. Rur die aller 
notwendigste Stundenzahl verbrachte ich in meinem Stübchen, 
sonst war ich dort bei den Buchen, die bald meine liebsten 
Freunde geworden waren. 
Links vom Walde zogen sich weite Wiesen hin, die zu 
dem etwa zehn Meter höher gelegenen Dörfchen empor 
kletterten. Der Rand des Waldes war durch eine gerade 
Reihe schlanker, schmächtiger Tannen gezogen. Rur ein 
alter breitastiger Buchenbaum war noch vor diese getreten 
und stand — in seiner ganzen Schönheit alle andern 
Kronen überragend — etwa zehn Schritte höher auf der 
Wiese. Das war mein Liebling. Das herrliche Grün 
unter ihm war mein Platz. Dort konnte man mich fast 
iinmer finden. 
Schon am frühen Morgen saß ich hier mit einem 
Buche oder lag lang ausgestreckt und hörte dem Rauschen 
der Blätterkrone zu. Ich ließ mir tausend frohe Dinge 
erzählen von diesem nie * ermüdenden Wehen und Raunen. 
Ganz erfüllt von meinen schönen freudigen Träumen unter 
der Buche kehrte ich dann heim, um am nächsten Morgen 
wieder zu meinem Liebling zu eilen. 
Es war an einem heißen Nachmittag. Da wollte die 
Mutter meiner Wirtin ins Heu gehen. Sie war schon ein 
altes Frauchen, aber doch half sie noch tüchtig bei der Arbeit. 
Ich verließ mit ihr zusammen das Haus, und wir gingen 
in den Buchenwald. 
„Frau Rosen", sagte ich, ich muß Ihnen doch nun 
auch einmal meinen Lieblingsplatz zeigen, wo ich fast 
immer bin." 
Wir gingen auf den weichen Moosboden und kamen 
an den Rand des Waldes. Ich lief schnell einige Schritte 
vor zu meiner Buche. 
„Kommen Sie! Frau Rosen! Das ist meine schöne, 
alte, liebste Buche! Die hab' ich ganz in mein Herz geschlossen". 
Frau Rosen stand einige Augenblicke still. Ich rechnete 
dies Ausruhen ihrem Alter zu. 
„Kommen Sie! Es ist prächtig hier!" rief ich noch 
einmal. So recht erfüllt von der Freude, einem andern 
mein Lieblingsplätzchen zeigen zu können. 
Sie kam langsam heran. In ihren Augen schimmerten 
Tränen, lind das alte liebe Gesicht mühte sich vergeblich, 
ihrer Herr zu werden. 
Ich sah sie erschrocken an. Ich wußte nicht, ob ich 
fragen durfte, was diese Erregung in ihr hervorgerufen hatte. 
Wir waren beide still. Und alle Freude war von mir 
gewichen. 
Dann fing sie an zu sprechen. 
„Ja, sehen Sie, liebes Fräulein, die Buche, die kenne 
ich gut. Hier ist mein lieber Mann verunglückt. Von hier 
aus haben sie ihn mir tot nach Hause gebracht. 
„Aber, liebe Frau Rosen," sagte ich ganz von Mitleid 
ergriffen über diese für sie so schwere Erinnerung. „Wie 
mar denn das gekommen?" 
Sie wischte die Tränen von den welken Backen. 
„Es ist jetzt 23 Jahre her. Die Kinder waren noch 
klein, vier, sechs und acht Jahre alt. Es war Winter. 
Wir wohnten damals oben im Dorf. Die Wiesen hier alle 
waren ganz beschneit und vereist. Es war Sonntag. Er 
hatte einen schweren Sack mit Sand sür den Förster im 
Hause. Da kam er in die Stube und sagte: „Mutter, ich 
fahre mal schnell mit dem Schlitten zum Förster und bringe 
ihm den Sand." . . . Dann fuhr er mit dem kleinen 
Schlitten über die Wiesen. Es war wohl zuviel Eis darauf. 
Der Schlitten ging rechts ab und sauste gegen diesen 
Vanm. . . Er war gleich tot. Der Halswirbel gebrochen. 
So brachten sie ihn mir." 
Die Tränen liefen über ihre Backen. Die Stimme 
erstickte ihr fast. Ich wagte mich nicht zu rühren. Jedes 
Wort war mir zu nichtssagend. 
„Als ich ihn sah, brach ich ohnmächtig zusammen/ 
Mit fast scheuen Augen sah ich zu der alten Buche hin. 
Mein Liebling, der mir so viel Freuden gespendet hatte, er 
mar der Schuldige in diesem schrecklichen Unglück. Meine 
Blicke gingen weiter zu den schlanken Tannenbäumen. 
„Wenn er gegen die Tannen gefahren wäre, würde es 
gewiß nicht so schlimm gekommen sein", sagte ich leise. 
„Ja," sagte sie, es war schrecklich, aber es hat wohl 
so kommen sollen." 
Wir waren beide still. Sie — in der furchtbar 
traurigen Erinnerung. Ich — in dem Verwundern über 
meine Buche, die mir plötzlich ernst und unerbittlich er 
schien. Wie der Tod selbst. 
„Uns ist es dann sehr schlecht gegangen," fing Frau 
Rosen mit etwas ruhigerer Stimme an zu erzählen. „Erst 
war ich schwer krank. Dann hieß es arbeiten. Auch die 
Kinder mußten früh heran und haben harte Zeiten kennen 
gelernt. Aber sie waren fleißig und nun geht es ja allen 
ganz gut . . . Hier bin ich seitdem nur einmal wieder ge 
wesen. Ungefähr ein Jahr nach dem Unglück. Da brach 
ich ohnmächtig hier zusammen." 
Still gingen wir von der Buche fort. Frau Rosen 
an ihre Arbeit. Ich in den Wald. Am Abend kehrte ich 
zu meinem Liebling zurück. Lange saß ich noch unter 
seinem Blätterdach in tiefem Sinnen und hörte dem Rauschen 
zu, der ersten Predigt von dem Todesengel, der so plötzlich 
in unser Leben tritt.
        
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