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Periodical volume Nr. 225, 24.09.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Ich bedauere deshalb auch von meinem Standpunkte, daß die 
in meinem Ergebenen vom 21. er. angeführten Gründe vollauf ge 
nügen, nicht abgehen zu können, und ich stelle es Ihnen deshalb 
anheim, falls Sie meine Gründe nicht als genügend anzusehen ver 
mögen, die.Angelegenheit Ihrer vorgesetzten Behörde zur Entscheidung 
vorzulegen, im Gegenteil, die Lösung der Frage in dieser Form 
würde mir sogar sehr angenehm sein, um diesen Fall in durchaus 
freundlicher Weise zu einer für beide Teile ersprießlichen Erledigung 
zu bringen. Im übrigen dürfte die Beurteilung der Frage, ob 
meine Familie bereits bis zum Freitag Abend ohne meine Begleitung 
von einer verhältnismäßig weilen Auslandsreise allein zurückkehren 
konnte, doch wohl eine absolut interne Familienangelegenheit sein, 
und ich darf Sie, s. g. H. D., wohl bitten, die Entscheidung einer 
solchen Frage mir überlassen zu wollen. 
Ich darf ferner wohl noch darum bitten, die Schulverwaltung 
anweisen zu wollen, an mich gerichtete Briefe in Zukunst zu 
frankieren, da ich im allgemeinen prinzipiell keine unfrankierten 
Briefe annehme, und es leicht vorkommen könnte, daß unab 
sichtlich ein unfrankierter Blies in meiner Abwesenheit zurückge 
wiesen würde. 
Ich empfehle mich Ihnen und zeichne 
Hochachtungsvoll 
Ich erwiderte, nun in rein amtlicher Form: 
Selbstverständlich steht es zu Ihrer alleinigen Entscheidung, 
wie Sie Ihre und Ihrer Familien Reisen einrichten. Ich habe mich 
darauf beschränkt, Sie auf Ihre Pflicht aufmerksam zu machen, dafür 
zu sorgen, daß Ihr Sohn dem Unterricht nicht entzogen ivird, und 
ich hatte Ihnen geschrieben, wie das am einfachsten hätte gemacht 
werden können. 
Ich muß Ihnen noch einmal erklären, daß ich nicht in der 
Lage bin, die Versäumnis Ihres Sohnes als entschuldigt anzu 
sehen, und ich füge hinzu, daß ich im Wiederholungsfälle ge 
nötigt wäre, von den mir zustehenden Befugnissen Gebrauch zu 
machen. 
Zu dem letzten Absatz Ihres Schreiben bemerke ich, daß nach 
Vorschrift Mitteilungen über Schüler portofrei versandt werden, 
andere Briefe gehen als Dienstsache. 
Wenn Ihnen meine Entscheidung nicht genügt, muß ich Ihnen 
anheimgeben, die vorgesetzte Behörde anzurufen. Unterschrift. 
Herr Dr. hat es für gut befunden, nochmals zu schreiben. 
Sein Brief lautet: 
Ohne auf den übrigen Inhalt Ihres Briefes vom 20. er. näher 
einzugehen, möchte ich Sie hiermit in der höflichsten Farin gebeten 
haben, bereits in dem vorliegenden Falle, ohne jede Rücksicht auf 
mich, von den Ihnen zustehenden Befugnissen in dem weitesten 
Maße Gebrauch machen zu wollen. 
Ich habe auf diesen Brief nicht mehr geantwortet. 
Zur Sache selbst brauche ich nur wenig zu sagen. Nach 
der Schulordnung ist zu jeder nicht durch Krankheit ver 
anlaßten Versäumnis, vorher die Erlaubnis der Schule 
einzuholen. Die Schüler wissen das ganz genau, denn 
es wird ihnen immer wieder eingeschärft, und alle Eltern | 
sollten es wissen, da die Bestimmung regelmäßig in den 
Jahresberichten abgedruckt wird. Herr Dr. erfuhr spätestens 
am Donnerstag, daß er geschäftlich noch am Freitag in An 
spruch genommen sein werde. Wollte er seine Familie 
nicht allein reisen lassen, so hätte er der Schule eine briefliche 
Mitteilung (oder ein Telegramm) zugehen lassen müssen; 
der Brief wäre schon am Freitag, also zur rechten Zeit, hier 
gewesen. Derartige Schreiben laufen gar nicht selten am 
Ende der Ferien ein und werden von der Schule stets als 
genügend anerkannt. Herr Dr. hat das aber nicht für nötig 
erachtet. Der Direktor ist verpflichtet, fiir die Aufrecht 
erhaltung der Schulordnung zu sorgen, und ich glaube, daß 
die Mahnung, die ich an den Vater gerichtet Hube, in eine 
außerordentlich milde Form gekleidet war. Herr Dr. ist 
Bürochef in einem Berliner Handelshnuse. Ich mochte 
wissen, ob er, falls ein Lehrling zwei Tage aus dem Ge 
schäfte einfach fortbleibt und hernach mit einer so unzu 
reichenden Entschuldigung sich wieder einstellt, das als voll 
auf genügend betrachten oder nicht vielmehr darin einen 
Grund sehen würde, ihn sofort zu entlassen. Soll denn 
für die Schule ein anderer Maßstab angelegt werden? 
Wohin käme die Schule, wenn derartige Anschauungen von 
ihr gebilligt würden, sei es auch nur stillschweigend? 
Es gibt aber Menschen, und es gibt Zeitungen, die 
hierüber anders denken. Herr Dr. hielt es für angebracht, 
sein „Material" der Presse zu übergeben, und er hat auch 
ein Blatt gefunden, das sich seiner angenommen hat. Am 
7. Juli brachte die Berliner Zeitung „Die Welt am Montag" 
den folgenden Artikel: 
Der „befugte" Herr Gymnasialdirektor. Aus unserm Leser 
kreise wird uns der Briefwechsel des Gymnasialdirektors Busch in 
Friedenau mir dem Vater eines Schülers mitgeteilt, der sich um 
eine zweitägige Schulversäumnis des letzteren dreht. Die büro 
kratisch-schroffen Briefleistungen des Schuldirektors, sind derart, 
daß sie in keiner Weise der überaus höflichen Korrespondenz ent 
sprechen, wie sie der Vater des Schülers führte. Der Vriesioechsel 
begann mit der Mitteilung des Direktors, daß ec die von dem 
Schüler über den verspäteten Schulantritt gemachten Angaben nicht 
für zutreffend halte und um Aufklärung ersuche. Dem entsprach 
der Vater sofort, indem er darlegte, daß er während der Pfrngst- 
serien den Sohn sowie seine Frau auf eine Geschäftsreise nach 
bis zur Raserei, aber dadurch war dock, nicht notwendig 
bedingt, das; er nun auch aufgehört haben müsse, seine 
Frau zu lieben. Vielleicht war es in Wirklichkeit nur ihre 
manchmal bis zur Unnahbarkeit gesteigerte Kälte, die ihn 
über die Natur seiner Empfindungen für sie täuschte; 
vielleicht bedurfte es nur eines neuen Aufflackcrns ihrer 
Leidenschaft, um das bis zum Verglimmen herabgebrannte 
Feuer auch in ihm zu neuer Flamme zu entzünden. Sie 
war ja nicht weniger schön als die Polin — unbefangen 
betrachtet vielleicht sogar von einer viel edleren und köst 
licheren Schönheit als sie. Und ihre Ehe war noch zu 
jung, als daß in seiner Seele bereits dis Erinnerung 
hätte verblassen können an die überschwenglichen Selig 
keiten, die er ihrer Schönheit und ihrem keuschen Liebreiz 
verdankte. Wenn cs ein Wesen auf Erden gab, das ihn 
durch liebevolle Hingabe das krankhaft wilde Verlangen 
nach der Gräfin Waffilewska allgemach vergessen machen 
konnte, so war cs einzig sein schönes, in herrlichster Jugend 
blüte prangendes Weib. Und als er sich in brutaler Auf 
richtigkeit vor ihr zu seiner Leidenschaft für d'e andere 
bekannte, war er wohl in Wahrheit schon von keinem 
anderen Wunsche beseelt gewesen, als von dem, sie da 
mit zum Kampfe aufzureizen um seinen Bcsiz. Er war 
ja bereit, sich in diesem Kampfe besiegen zu lassen, wenn 
er nur die Gewißheit hatte, daß die Niederlage ihm einen 
Ersatz bringen würde für die Wonnen, auf die er damit 
verzichtete. Das; Helga statt dessen sein rücksichtsloses Be 
kenntnis mit scheinbarer Ruhe aufnahm, hatte thu ent 
täuscht und verwirrt, und er war schon halb auf dem 
Wege gewesen, sich zu unterwerfen, auch ohne daß ihm 
der ersehnte Lohn für seinen Verzicht ausdrücklich zuge 
sichert wurde. Da mußte das Wort, das sie ihm jetzt mit 
eisiger Kälte zugcschleudert hatte, ihn freilich treffen wie ein 
Kopenhagen mitgenommen habe, wo er dann nnerivartetcrweisc 
zwei Tage länger verweilen mußte. „Hätte ich", so schrieb der 
Vater, „voraussehen können, daß mich meine geschäftlichenAn 
gelegenheiten so lange in Kopenhagen aushalten würden, so würde 
ich Sie, sehr geehrter Herr Direktor, setbstverständlich vor meiner 
Abreise um Urlaub für meinen Sohn für den 17. d. M. gebeten 
haben. So hole ich denn meine diesbezügliche Bitte hiermit 
noch nachträglich nach und stehe außerdem zu allen weiteren Aus 
künften und Aufschlüss.m in dieser Angelegenheit sehr gern zu 
Ihren Diensten." 
Wer aber meint, daß damit die Sache erledigt gcivcsen wäre, 
kennt nicht die — Befugnisse eines Schuldirektors. Umgehend ließ 
dieser ein neues Schreiben los: „ . . . nach der Schulordnung 
härte für die Versäumnis Ihres Jungen die Genehmigung vorher 
eingeholt werden müssen, oder Sie hätten, als Sie die Unmöglich 
keit erkannten, rechtzeitig am Freitag wieder hier sein zu kömren, 
sofort der Schule Nachricht zukommeir lassen müssen. Zu der durch 
aus notwendigcns Aufrechterhaltung der Schulzucht muß ich dringend 
bitten, hinfort den Bestimmungen gemäß zu verfahren." 
Noch einmal wies der Vater des Schülers bescheiden auf die 
unvorhergesehene Reiseverzögerung hin. Nur niit dem Erfolg, daß 
der Herr Schuldirekter nunmehr die Geschäfts- und Familienange 
legenheiten in die Debatte zog: „Ich vermag nicht einzusehen, 
warum Ihre Familie nicht am Freitag rechtzeitig wieder hier sein 
konnte . . und auf nochmalige Auskunft des Vaters schroff er 
klärte: „Ich muß noch einmal erklären, daß ich nicht in der Lage 
bin, die Versäumnis Ihres Sohnes als entschuldigt anzusehen, und 
ich füge hinzu, daß ich im Wiederholungsfälle genötigt bin, von 
den mir zustehenden Befugnissen Gebrauch zu machen." 
Der Vater hat darauf diesen eifrigen Wahrer der Schuldisziplin 
kurz und gut gebeten, bereits im vorliegenden Falle obne jede 
Rücksicht von seinen Befugnissen Mebrauch zu machen. Das war 
ain 20. Mai. Inzwischen hatte sich der Herr Schuidircktor in dieser 
Sache nicht iveiter geregt. 
Ob er begriffen hat/daß ein Bogen auch überspannt werden 
kann? Oder ob ihn nur die Mitteilung zum Schweigen gebracht 
hat, daß seine (immer unfrankierten) Briefe event, der Zurück 
weisung ausgesetzt seien? — 
Jedenfalls könnte es nichts schaden, wenn die höhere Schul 
behörde sich einmal mit deut Herrn über diese seine sonderbare 
Korrespondenz etwas unterhielte. 
Der Artikel wäre mir vielleicht garnicht bekannt geworden, 
wenn er mir nicht durch den Presseausschuß des Berliner 
Philvlogenvereins, dem ich mich zir aufrichtigem Danke ver 
pflichtet fühle, zugesandt worden wäre. Ich fand ihn vor, 
als ich Ende Juli von der Fericnreise zurückkehrte. 
Man sieht auf den ersten Blick, was sv ein Zeitungs- 
niamr mit einigen aus dem Zusammenhang gerissenen 
Sätzen an Entstellungen fertig bringt. Am kräftigsten ist 
aber doch wohl die noble Denunziation am Schlüsse des 
Artikels. 
Die „Welt am Montag" ist irr Berlin sattsam bekannt 
und ivird von jedem Urteilsfähigen nach Gebühr eingeschätzt. 
Da aber der Artikel von diesem oder jenem Vater meiner 
Schüler gelesen sein mochte, so hielt ich cS fite gut, eine 
Richtigstellung irr demselben Blatte zu verlangen. Ich 
schrieb daher am 30. Juli an die Zeitung: 
Unter der Uebcrschrift: „Der befugte Direktor" hat die W. a. M. 
vom 7. Juli einen erst fcl;t zu meiner Kenntnis gekommenen 
Artikel gebracht, der in Anknüpfung an einen Briefwechsel zwischen 
mir und dem Kaufmann Hermann Dr. Behauptungen enthält, die 
nicht richtig sind. Auf Grund des Preßgcsetzcs ersuche ich die 
Redaktion, in die nächste Nummer folgende Nichtigstellimg auf 
zunehmen; 
1. Es ist nicht wahr, daß ich „die Geschäfts- und Familien- 
verhältnisse des Herrn Dr. in die Debatte gezogen habe." Ich 
habe vielmehr, als Herr Dr. eine ähnliche Behauptung ausstellte, 
geschrieben: „Selbstverständlich steht cs zu Ihrer alleinigen Ent 
scheidung, wie Sie Ihre und Ihrer Familie Reise einrichten. Ich 
habe mich darauf beschränkt, Sie aus Ihre Pflicht aufmerksam zu 
machen, dafür zu sorgen, daß Ihr Sohn dem Unterricht nicht ent 
zogen wird, und ich hatte Ihnen geschrieben, wie das am ein 
fachsten hätte gemacht werden können." 
2. Es ist nicht wahr, „daß mich die Mitteilung zum Schweigen 
gebracht hat, daß unfrankierte Briefe der Zurückweisung ausgesetzt 
seien." Herr Dr. hat vielmehr eine Antwort auf den Brief, der 
diese Mitteilung enthielt, bekommen, und der Schluß meines 
Schreibens lautet: „Wenn Ihnen meine Entscheidung nicht genügt, 
so muß ich Ihnen anheim geben, die vorgesetzte Behörde anzu 
rufen." Herr Dr. hat einen anderen Weg gewählt. 
Die Zeitung hat diese Berichtigung nicht gebracht, 
sondern am 7. August geantwortet: 
Zur Beantwortung Ihrer Zuschrift weisen wir Sie darauf hin, 
daß Ihre Berichtigung nicht den gesetzlichen Anforderungen ent 
spricht. Was darin steht, widerspricht dem von uns wörtlich ange 
gebenen Zitat aus Ihrem Brief. Sie können den Sinn dieser 
Ihrer Aeußerung nicht nachträglich aus der Welt schaffen. Unter 
diesen Umständen müssen wir die Aufnahme Ihrer Berichtigung 
ablehnen. 
Ich glaube ja, daß die Zeitung gerichtlich hätte ge 
zwungen werden können, die Berichtigung aufzunehmen. 
Aber es widerstrebte mir, mich noch weiter mit dem Blatte 
zu befassen. Und ich fand gerade in jenen Tagen, als ich 
die während der Ferien angesammelten Zeitungen durch 
blätterte, in einer vom 12. Juli dalierlen „Berliner Plauderei" 
von Heinrich Binder ein Urteil über die Berliner Montags- 
betäubenber Schlag, und es konnte thin nicht leicht werden, 
sich in die so völlig unerwartete Wendung zu finden. 
„Du — du hast aufgehört, mich zu lieben?" wiederholte 
er. „Seit dem gestrigen Abend?" 
„Nein, es ist wohl schon früher der Fall gewesen, 
wenn es mir auch erst in dieser Nacht zur Gewißheit ge 
worden ist." 
„Das ist ja ein rührend ehrliches Bekenntnis. Aber 
wenn cs nicht die Ereignisse des gestrigen Abends waren, 
die mich um deine Liebe gebracht haben, wodurch, in aller 
Welt, habe ich si: dann verscherzt?" 
„Ich behaupte nicht, daß die Schuld allein auf deiner 
Seite gewesen ist. Wahrscheinlich waren wir von vorn 
herein im Irrtum, als wir uns füreinander bestimmt 
glaubten. Es gibt wohl Gegensätze, die auch die tiefste und 
stärkste Liebe nicht dauernd versöhnen kann." 
„Zum Beispiel den Gegensatz zwischen einer Patrizier- 
tochter und einem Bauernsohn — nicht wahr?" 
„Du weißt sehr gut, das; es nicht das ist, was ich 
sagen wollte. Aber in einem anderen Sinne mag es 
allerdings in der Verschiedenheit unserer Herkunft be 
gründet gewesen sein, daß wir uns niemals ganz verstehen 
konnten. Und soweit dabei überhaupt von einem Verschulden 
die Rede sein kann, ist es sicherlich auf meiner Seite nicht ge 
ringer gewesen als auf der deiuigen." 
„Ein sehr großmütiges Zugeständnis!" höhnte er. 
„Wenn auch vermutlich kein ganz ehrlich gemeintes. Denn 
nach deiner Ueberzeugung wäre es doch wohl an mir ge 
wesen, mich deinen Anschauungen und Gewohnheiten an 
zupassen. Du hättest mich auf solche Art möglicherweise 
nach und nach zu der Höhe deiner Lebensauffassung hin- 
aufgezogen — nicht wahr?" 
„Wozu soll es nutzen, daß wir uns jetzt noch darüber 
presse, aus dem ich doch einige Stellen hier mitteilen möchte. 
Da heißt es: 
„In der Berliner Presse scheint es keine Hundstage zu geben, 
und vor allen Dingen nicht in der Berliner Montagsoresse, die sich 
jede Woche ivie toll gebärdet, die jede Woche die sozialen Fragen 
lösen will und die mll innigem Behagen allwöchentlich im Sumpfe 
der Großstadt schmatzend herumwühlt. 
In Berlin erscheinen bekanntlich ein paar Wochenzeitungc» die 
den Titel „Skandalpreffe" sogar mit heftigem Männerstolz für sich 
in Anspruch nehmen. In diesem kleinen, aber völlig bedeuttmgs- 
losc» Sumpfe gärt und kocht, sprudelt und quirlt cs allmöchentlich, 
daß die Dämpfe bis zum blauen Himmel steigen. 
Man muß sich wundern, daß cs immer noch Leute gibt, die 
. . . gutgläubig genug sind, die mit grellen Ucberschriften dort auf 
gebauschten Nichtigkeiten überhaupt nur zu lesen. 
Wahllos greife ich aus den Artikeln, die diese Presse in dieser 
Woche brachte, die nachstehenden lleberschriftcn heraus: Wlld- 
gcwordene Mütter; Der rutschende Demokrat; Herr Bahlsen ein 
Ehrenmann; Großmäulige Kneifer; Chinescnlicbe; Proleten; Ein 
Schiebergenie. 
Ganz zu schweigen von den vielen Artikeln, die sich mit der 
Berliner Prostitution beschäftigen, in der diese Art von Presse die 
meisten Anregungen empfängt und die für sie den kastalischen Quell 
bedeutet. 
Was in Berlin gescheitert ist, was sich zurückgesetzt oder in 
seinen Rechten gekränkt glaubt, notorische Querulanten, Apostaten 
und aus partcipolischcm Boden Gestrauchelte, all diese Mannen 
treffen sich als Mitarbeiter dieser Montagspreffe in wechselvolicm 
Reigen wieder". 
Ich brauche dieser Kritik kein Wort hinzuzufügen. 
Wenige Tage nach dem Erscheinen des Artikels', hat 
Herr Dr. seinen Sohn für Michaelis d. I. abgemeldet. 
Kurz vor Ferienanfang, also unmmittelbar vor dein Er 
scheinen des Zeitungsartikels hatte er noch den Klassenleiter 
seines Sohnes aufgesucht und dabei auch das Gespräch auf 
den Briefwechsel mit mir gebracht. Er hat sich freilich ge 
fallen lassen müssen, daß der Herr Kollege ihn scharf zurecht 
wies, als er sich erlaubte, mein Verhalten in der Ange 
legenheit zu kritisieren, und besonders als er die Befürchlnnq 
aussprach, daß seinem Sohne aus diesem Vorfall Nachteil 
erwachsen könne. Es genügt, wenn ich dazu das eine sage, 
daß cs keinen schmählicheren Vorwurf für einen Lehrer gibt, 
als daß er den Sohn entgelten lassen könnte, was unver 
ständige Eltern versehen haben. Die Verdächtigung wäre 
wirklich besser unterblieben. Aber sie veroollstänhigt das 
Bild eines modernen Vaters. 
Einen besonders unangenehmen Beigeschmack bekomm! 
der Fall noch, wenn man erfährt, daß der Vater mir 
eigentlich zu Dank verpflichlet ist. Vor Jahren, bevor sein 
Sohn die Anstalt besuchte, also als ganz Fremder, kam der 
Herr einmal zu mir und erbat in einer rein persönlichen 
Angelegenheit meinen Rat. Ich habe ihm eine Stunde 
meiner gewiß nicht allzu reichlich bemessenen Zeit gewidmet 
und habe mich gefreut, ihm helfen zu können. Er schied 
damals auch mit dem Ausdruck lebhaften Dankes von mir, 
um diesen freilich jetzt in so eigenartiger Weise in die Tat 
umzusetzen. 
Ich aber überlasse das Urteil darüber, ob ich „büro 
kratisch schroff" bi», getrost den Eltern meiner Schüler rmd 
meinen Schülern selbst. Ich brauche keinen einzigen ans- 
zunehmen. 
Berlin-Friedenau. W. Busch. 
Lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikel nur niit Quellenangabe gestattet.) 
o Die neue Straßenbahnlinie 84, die Anfang Oktober 
nach Friedenau, Südwestkorso geführt wird, wird von diesem 
Zeitpunkte ab auch vom Halleschen Tor aus verlängert. 
Sie fährt von dort aus über Friedrich-, Koch-, Charlotten-, 
Französische-, Werdersche-Straße den Hackeschen Markt, Bahn- 
hos Börse, Rosenthalerstraße, Wembergsweg, Kastanien- und 
Pappel-Allee bis zur Schönhauser-Allee. Der Fahrpreis für 
die ganze Strecke beträgt 15 Pfg., Teilstrecken für 10 Pfg. 
werden eingerichtet zwischen Südwestkorso und Charlotten- 
Ecke Leipzigerstraße, zwischen Kaiserallee und Neuen Marli 
sowie zwischen Goltz- Ecke Pallasstraße und Schönhauser-Allee. 
o Klage wegen Anliegerbeitrag. Mehrere Anlieger 
der hiesigen Handjerystraße, darunter der Architekt Wilhelm 
Hubert und der Maurermeister Bruno Hubert, waren zu 
Anliegerbeiträgen herangezogen morden. Hiergegen erhoben 
sie Einspruch und später Klage mit dem Antrage, von den 
Beiträgen freigestellt zu werden, weil es sich nicht uni die 
erste Pflasterung des nördlichen Teiles der Straße, zwischen 
Ringbahn und Maybachplatz. handele. Tie Pflasterung sei 
vielmehr schon zweimal erneuert worden. Auch wurde die 
Gültigkeit des betr. Ortsstatuts angezweifelt, weil es nicht 
ordnungsgemäß publiziert morden sei. Tie gleiche Streit- 
unterhalten. Jetzt, wo doch vie Entscheidung gefalle» i|t, 
an der nichts mehr geändert werden kann!" 
„So? Meinst du wirklich, daß es dabei nur auf dich 
ankommt und auf das, was du zu beschließen gut findest? 
Es scheint ja so eine Art von Entjührung zu sein, die b-er 
Herr Konsul da ins Werk setzen will, llnd während meiner 
Abwesenheit habt ihr ja Gelegenheit genug gehabt, euch 
über die Einzelheiten der Ausführung zu verständigen. Acer 
am Ende bin ich auch noch da. lind ich werde mir's ;cur 
überlegen, ob ich zu dem schönen Plane meine Zusliinmmig 
gebe." 
„Ich brauche deine Zustimmung nicht, Hubert; denn ich 
werde unter allen Umstünden tun, was ich meiner Eelafl- 
achtung schuldig bin." 
„Aha! Erst war es deine Familienehre, die dich be 
rechtigte, meinen Willen zu mißachten, und jetzt ijt es 
deine Selbstachtung. Man muß dirdasZugestöndnis niache», 
daß du um großklingende Schlagworte nicht leicht in Ver 
legenheit koininsi. Meine niedrige .Herkunft und meine 
inangclhafte Erziehung machen es mir leider unmöglich, dir 
darin nachzueifern. Aber meine plebejische Ausdrucksweise 
hat dafür vielleicht den Vorzug der leichteren Vcrstäiidlich- 
ieit. Und ich hoffe zuversichtlich, daß du mich verstehst, 
wenn ich dir sage, daß ich deine Cousine Margarete nicht 
eine Stunde langer unter meinem Dache.zu beherbergen 
wünsche, daß ich deinen Bender bitten lasse, mich mit 
weiteren Besuchen zu verschonen, und daß ich den Herrn 
Konsul auf dem kürzesten Wege hinausbefördern werde, 
wenn er sich nach einmal untersteht, hierherzukommen." 
(Fortsetzung felgt.)
        
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