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Periodical volume Nr. 225, 24.09.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Kriederrarree 
Anparteiische Zeitung für kommunale und bürgerliche 
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Jertin-Ariedenau, Mittwoch, den 24. September 1913. 
20. Iayrg. 
Depelcken 
Letzte Nachrichten 
Berlin. In einem Hotel der Unterbaumstratze, die 
sich von der Schumcmustraße zum Friedrich-Karl-Ufer hinzieht, 
haben sich heute nacht ein Mann und eine Frau erschossen. 
Die Ermittlungen ergaben, das; der Mann der 28 Jahre 
alte Kaufmann Martin Krouheim aus der Karlstratze 5 zu 
Fiirstenwalde ist. Die Tote ist eine 24jährige Bettn Speichert 
aus Brandeuburg. 
Belgrad. Ein königlicher Ukas ordnet die Mobili 
sierung^ der Morawa-Division sowie eines Teiles der 
Reservisten aller Divisionen an. 
Hannover. In der Feldmark von Godshorn (Land 
kreis Hannover), wurde am Montag die Haushälterin Marg. 
Strobel, die aus Bayern gebürtig ist, erschossen aufgefunden. 
Sie war früher bei dem Schornsteinbauer Fritz Lutter in 
Hannover als Haushälterin tätig gewesen. Nachdem sie 
diesen Dienst verlassen hatte, bat Lutter sie wiederholt, zu 
ihm zurückzukehren. Am Montag Nachmittag fuhr Lutter 
nach Godshorn, wo die Strobel zuletzt bedienstet war. Er 
fand sie auf dem Felde beim Kartoffelroden und ermordete sie 
dort. Der Täter ist seitdem verschwunden. 
Kopenhagen. Der Professor der Botanik an der 
Universität Lund, Bengi Lidfortz, ist gestern iin Alter von 
45 Jahren gestorben. 
Rom. J>n Irrenhaus von Perugia hat eine Ober- 
aufseherin der weiblichen Abteilung zwei Wärterinnen er 
schossen und sich darauf selber zu Tode verivundet. Der 
Grund ist Eifersucht der Mörderin auf eine der Wärterinnen. 
Paris. Die amerikanische Tänzerin Veronika Maxwell 
ist mit ihrem Freunde, dem Grafen Perigio, einem Mitglied 
der aristokratischen Gesellschaft des römischen Hofes, bei 
einem Automobilausflug m der Nähe von Paris schwer 
verunglückt. Die Tänzerin, die das Automobil selbst lenkte, 
verlor, als plötzlich ein Pneiunatik platzte, die Gewalt über 
das Steuer; der Wagen schlug um und das Paar wurde 
herausgeschleudert. Beide trugen so schwere Verletzungen 
davon, daß sie nach dem Hospital geschafft werden mutzten. 
Madrid. Beim Einschiffen mehrerer Truppenteile von 
Algeciras nach Marokko weigerte sich ein Teil des königlichen 
Leibregiments, das Land zu verlassen. Es kam zu einer 
Meuterei; der Fahnenträger, der voranschritt, wurde getötet. 
Es ist dasselbe Regiment, in dem die wohlhabenden und 
adligen Madrider dienen, die vor vierzehn Tagen durch den 
Ministerpräsidenten Ronianones vom Feldzug ungesetzlich be 
freit ivurden. 
Schote, Haus und Prelle. 
Dem „Deutschen Philologcn-Blatt", Korrespondenz- 
Blatt für den akademisch gebildeten Lehrcrstand, ent 
nehmen wir den nachfolgenden, sehr interessanten 
Artikel aus der Feder unseres GpmnasialdirektvrS 
Herrn Dr. Busch. Es findet in dem Artikel ein 
Vorfall seine Aufklärung, mit dem sich im August d.J. 
ein Montagsblatt beschäftigte. 
Schule und Haus — ein unerschöpfliches Kapital. 
Wieviel Beherzigenswertes ist von Berufenen darüber schon 
gesagt und geschrieben worden, und wieviel Erfreuliches 
kann man aus der Erfahrung eines dem Dienst an der 
Jugend gewidmeten Lebens dem hinzufügen. Wie schwierig 
sich andererseits in der Gegenwart vielfach das Verhältnis 
der Schule zum Hause gestaltet, das ist schon oft gerade 
von denen schmerzlich beklagt worden, die mit Ernst und 
Hingebung an ihrer Aufgabe arbeiten, und eine der bittersten 
Erfahrungen, die wir Lehrer in unserem Berufe iinmer 
wieder rnachen müssen, ist es, daß vielen Eltern das Ver 
ständnis für ihre Pflichten der Schule gegenüber fehlt. 
Matthias erzählt in seiner letzten Schrift (Erlebtes und 
Zukunftsfragen S. 111 f.) mit gutem Humor ein Beispiel 
aus seiner Tätigkeit als Düsseldorfer Direktor, mir sei es 
gestattet einen Fall mitzuteilen, der, an sich herzlich unbe 
deutend, sozusagen typisch ist für die Art, wie manche Kreise 
zur Schule Stellung nehmen, typisch auch für die Rolle, 
die eine gefällige Presse dabei zu spielen sich berufen fühlt. 
Der Unterricht nach» den Pfingstferien begann in diesem 
Jahre der Landtagswahlen wegen nicht am Freitag, dem 
16., sondern erst am Sonnabend, dem 17. Mai. Wie 
immer machte ich auch diesmal den Schülern bei der letzten 
Montagsandacht vor den Ferien entsprechende Mitteilung 
und hob mit besonderer Betonung hervor, daß eine Ver 
längerung der Ferien nur in besonders dringenden Fällen 
und nur nach vorher erteilter Genehmigung zulässig sei. 
Tatsächlich waren am 17. Mai alle Schüler zur Stelle, 
soweit sie nicht durch Krankheit entschuldigt waren. Nur 
der Sextaner Dr. fehlte. Er erschien erst am folgenden 
Montag um 9 Uhr und legte folgendes Entschuldigungs 
schreiben vor: 
Ich bitte höfl. das Fernbleiben meines Sohnes vom Unterricht 
am Sonnabend, den 17. dss. sowie am heutigen Tage in der ersten 
Stunde entschuldigen zu wollen. Hochachtungsvoll Hermann Dr. 
Auf Befragen des Klassenleiters gab der Schüler als 
Grund der Versäumnis an, er habe mit den Eltern eine 
Reise nach Kopenhagen gemacht und sei erst am Sonntag 
Abend zurückgekehrt. 
Unter Hinweis auf diese Aussage bat ich den Vater in 
einem kurzen Schreiben um nähere Auskunft und erhielt 
den folgenden Brief: 
S. g. H. D. Auf Ihre geehrte Zuschrift gestatte ich mir Ihnen 
ganz ergebenst zu erwidern, daß ich allerdings den genauen Wort 
laut der Angaben meines Sohnes seinem Herrn Klassenleiter gegen 
über nicht kenne, daß jedoch die Angaben meines Sohnes jedenfalls 
im allgemeinen als zutreffend erachtet werden können, wenngleich 
mein Sohn sich vielleicht auch nicht ganz klar und logisch ausge 
drückt haben dürste, was von einem Kinde in dem Alter ja auch 
nicht zu verlangen ist, zumal mein Sohn seiner ganzen Eharakter- 
anlage nach erwachsenen Personen und namentlich seinen Vor 
gesetzten gegenüber leicht etwas befangen wird. 
Den Grund für die Schulversäumnis, s. g. H. D., bitte ich aus 
nachstehendem entnehmen zu wollen: Ich 'halte in der auf das 
Pfingstfest folgenden Woche geschäftlich in Kopenhagen zu tun, 
hoffte jedoch so rechtzeitig meine Arbeiten dort erledigen zu können, 
daß meiner Rückkehr bis Freitag, den 10. dss. Mls., Abends nichts 
im Wege gestanden haben würde. Um meinen Angehörigen eine 
Freude zu bereiten und gleichzeitig von dem Gedanken geleitet, daß 
durch das Kennenlernen fremder Verhältnisse sich der Gesichtskreis 
eines jeden Menschen bedeutend erweitert, nahm ich meine Familie 
mit auf die Reise. — Ganz unerwartet zogen sich jedoch meine 
geschäftlichen Verhandlungen in die Länge, sodaß ich gezwungen 
war, noch einige Tage in Kopenhagen zu verweilen, und da ich nun 
meinen Sohn bezw. meine Frau eine solche verhältnismäßig weite 
Reise — schon in Anbetracht der verschiedenen Zollschwierigkeiten — 
nicht allein antreten lassen konnte, so habe ich unter der Voraus 
setzung, daß die Schulverwaltung der veränderten Situation volles 
Verständnis entgegenbringen würde, meine Familie den letzten Tag 
verflossener Woche, also den 17. d. M., noch in Kopenhagen zurück 
behalten, von wo aus sie dann unter meiner Führung am 18. d. M. 
die Rückreise antrat. 
Hätte ich voraussehen können, daß mich meine geschäftlichen 
Angelegenheiten so lange in Kopenhagen aufgehalten haben 
würden, so würde ich Sie, s. g. H. D.. selbstverständlich vor 
meiner Abreise um Urlaub für meinen Sohn für den 17. d. Mts. 
gebeten haben. 
So hole ich denn meine diesbezügliche Bitte hiermit noch nach 
träglich nach und stehe außerdem zu allen weiteren gewünschten 
Auskünften und Aufschlüssen in dieser Angelegenheit sehr gern zu 
Ihren Diensten. — Hochachtungsvoll 
Es war meine Pflicht, den Vater nunmehr darauf auf 
merksam zu machen, datz er gegen die Schulordnung ver 
stoßen habe, und ich bat ihn, sich in Zukunft genauer an sie 
zu halten. (Eine Abschrift von diesem und von meinem 
ersten Schreiben habe ich nicht zurückbehalten.) 
Damit hätte die Sache erledigt sein können. Aber 
Herr D. antwortete hierauf: 
S. g. H. D.l Auf Ihre gefällige Zuschrift gestatte ich mir 
ganz ergebenst zu erwidern, daß bezüglich Ihrer Bemerkung: „nach 
der Schulordnung hätte für die Versäumnis Ihres Junten die 
Genehmigung vorher eingeholt werden müssen", meme in 
meinem Briese vom 21. ds. abgegebene Erklärung: „Hätte ich 
voraussehen können, daß mich meine geschäftlichen Angelegenheiten 
so lange in Kopenhagen aufgehalten haben würden, so würde ich 
Sie sclbstoerständlick vor meiner Abreise um Urlaub für meinen 
Sohn für den 17. o. M. gebeten haben. So hole ich denn meine 
diesbezügliche Bitte hiermit noch nachträglich nach", doch vollauf 
genügen dürfte. — 
Was den übrigen Inhalt Ihres Geehrten anbetrifft, so gestatte 
ich mir zu bemerken, daß mir die diesbezüglichen Bestimmungen 
der Schulordnung leider nicht bekannt sind, und um nun im 
Interesse der notwendigen Aufrechterhaltung der Schulzucht hinfort 
den Bestimmungen gemäß verfahren zu können, bitte ich Sie ganz 
ergebenst, mir doch die betreffenden Bestimmungen freundlichst 
übersenden zu wollen, natürlich sofern dieses nach der Schulordnung 
statthaft ist. 
Indem ich Ihnen, sehr geehrter Herr Direktor, für Ihre 
Freundlichkeit schon im voraus meinen allervcrbindlichstcn Dank 
aussprcche, empfehle ich nlich Ihnen und zeichne 
hochachtungsvoll 
Auf diesen Brief schrieb ich zurück: 
S. g. H.l Sie sind im Irrtum, wenn Sie glauben, durch 
Ihren Brief der Schulordnung vollauf genügt zu haben. 
Ich vermag nicht einzusehen, warum Ihre Familie nicht am 
Freitag rechtzeitig wieder hier sein konnte, ebensowenig, warum 
Ihr Sohn, wenn Sie am Sonntag Abend zurückgekommen sind, 
nicht am Montag schon um 8 Uhr in der Schule erschienen ist. 
Als entschuldigt kann daher die Versäumnis Ihres Sohnes nicht 
angesehen werden. 
Die Schulordnung ist Ihnen s. Zt. bei der Anmeldung Ihres 
Sohnes übergeben worden. Ich füge sie nochmals bei. 
Hochachtungsvoll 
Unterschrift. 
Darauf kam wieder ein Schreiben des Herrn Dr.: 
S. g. H. D. Meinen verbindlichsten Dank für die Ueber- 
kendung der Schulordnung, in welcher ich eine Richtschnur für das 
Verhalten im vorliegenden Falle leider nicht gefunden habe. Der 
8 12 schreibt wohl vor, datz bei Schulversäumnissen aus anderen 
Anlässen als Krankheit die Erlaubnis des Klassenleiters bezw. des 
Direktors vorher einzuholen ist. Ich schrieb Ihnen aber doch be 
reits, daß es mir gar nicht möglich war, diese Erlaubnis vorher 
einzuholen, da ich ja von vornherein gar nicht beabsichtigte, meinen 
Sohn vom Unterricht fernzuhalten. 
Patnzierbhit. 
Roman von Nieinhold Ortmann. , 
50. (Nachdruck verboten.! 
Fest und ruhig, mit klarem, ernstem Blick sah sie ihm 
ins Geficht. .... 
„Warum willst du versuchen, dich zu rechtfertigen t 
Ich habe ja nichts Deranigcs von dir verlangt. Und es 
fmd der Unwürcigkeiten schon genug, als daß du sie noch 
durch die Feigheit einer bewußten Luge vermehren solltest. 
Ich wurde cs viel anständiger und mannhafter finden, 
wenn du mir offen erklärtest, daß du in oiese F>au ver- 
denn — da dir so viel daran liegt, es zu hören: 
ich liebe die Gräfin Waffilewska." 
Helga war unter dem brutalen Wort nun doch z»- 
fammengezuckl; aber sie wußte ihre Haltung zu bewahren. 
„Und lrogdem dachtest du daran, unser Zujan.inen- 
le^enIedenflills'würde ich dir die Entscheidung darüber 
anheimgestellt haben. Aber ich sehe ja nun, datz es besten 
nicht ineyr bedarf, da du sie wohl schon feit de», ge,tilgen 
Abend getroffen hast. So wenig es die Besorgnis um 
das Seelenheil deiner Cousine war, die dir den ersten 
Neffeplan emgab, so wenig ist es der Tod , dieser alten 
skiau der dich jetzt bestimmt, in die geliebte Ha...ourgffche 
Umgebung zurückzukehren. Uu> das Ku.d beim rechten 
Namen zu nennen: du wolltest mich einfach verlassen. 
Hund du würdest auf diesem Vorhaben bestehen, auch 
wenn — wenn ich dir verspräche, ineine Beziehungen 
zu der Gräfin abzubrechen 7" 
„Auch dann." 
Es wird dir augenscheinlich verdammt leicht, einen so 
fokgenschwercn Schritt zu tun. Allzu stürmisch tann danach 
deine Liebe zu mir kau», noch gewesen fein. Eine Frau, 
der noch etwas an ihrem Mann gelegen ist, überläßt ihn 
doch nicht so ohne weiteres einer anderen. Wenigstens 
hättest du doch eine Aussprache herbeiführen niüsjen, um 
dich zu überzeugen, ob es jich zwischen mir und der Gräfin 
um mehr als einen bedeutungslosen Flirt handelte." 
„Das war für mich gleichgültig, seildem ich zu der Er 
kenntnis gekommen war, daß ich aufgehört hatte, dich 
zu lieben." 
„Er starrte sie an, als zweifle er, recht gehört zu haben. 
Wie er diese ganze, zwecklose Auseinandersetzung vielleicht 
nur deshalb herbeigezwungen hatte, weil ihre unerschütter 
liche Gelassenheit feine männliche Eitelkeit verletzte und 
weil er um dieser Gelassenheit willen an der Ernsthaftig 
keit ihres Entschlusses zweifelte, so hatte er sie jetzt durch 
seine anfstacheliiden Fragen aus ihrer Verfchaiizung her 
austreiben wollen, selbst auf die Gefahr hi», sich dadurch 
um dieVerwirklichung seiner phantastischen Glückshofsnungen 
zu bringen. Bei all seinem heißen Verlangen nach dem 
Besitz der Gräfin war er doch mit sich selber noch durch 
aus nicht im reinen über das, was er tun oder lassen 
sollte. Es kam ihm sicherlich nicht darauf an, sich über 
kleinliche Vorurteile und allzu engherzige Moralbegriffe 
hinwegzusetzen, und manchmal, wenn er dergleichen tat, 
mochte er jich auch die Kraft und die genialische Rücksichts 
losigkeit zugetraut haben, im Notfall alle Schranken nieder 
zureißen. Heute aber litt er unter dem Druck der fatalen 
Empfindung, daß er die Probe aus die Berechtigung dieser 
stolzen Zuversicht eigentlich recht schlecht bestand. Der Ge- 
danke, mit einem schönen Weibe, das nicht das seine war, 
einfach auf und davon zu gehen, unbekümmert um alles, 
was er hinter sich zurückließ, hatte wohl von vornherein 
etwas berauschend Verführerisches und zauberhaft Lockendes 
für ihn gehabt, aber er hatte doch eigentlich noch nicht für 
einen einzigen Augenblick im Ernst an die Möglichkeit der 
Ausführung geglaubt. Es war noch zu viel von dem 
ererbten Geiste kleinbürgerlicher Ehrbarkeit in ihm, als 
daß er sich ohne nachdrücklichsten Gewissenswiderstand zu 
einem Schritt hätte entschließen können, dessen Konsequenzen 
ihm als unabsehbar erscheinen mußten. Die Herrennatur 
und das Uebermenschentum, die er halb spielerisch oft genug 
herausgekehrt hatte, steckten ihm nicht im Blute. Und 
die Fesseln, deren er so oft gespottet hatte, hielten ihn in 
Wahrheit nicht weniger gefangen als irgendeinen ehr- 
pusseligen Spießbürger, im Vergleich zu denen er sich bis 
her so beneidenswert frei und unabhängig gefühlt hatte. 
Er wurde sich dessen vielleicht nicht mit voller Klar 
heit bewußt, und er war jedenfalls weit davon entfernt, 
es sich einzugestehen, aber je mehr sich der Weg zu dem 
großen, befreienden Entschlüsse vor ihm zu ebnen schien, 
je günstiger sich ihm die zufällige Fügung der Umstände 
erwies, desto geflissentlicher hatte er nach Hindernissen ge 
sucht, deren Unüberwindlichkeit ein Zurückweichen vor seinem 
Selbstgefühl allenfalls hätte rechtfertigen können. Er hatte 
es im ersten Moment mit innerlichem Jubel begrüßt, daß 
Helga selbst zur Herbeiführung eines Bruches entschlossen 
schien: aber der Jubel war nur von kurzer Dauer ge 
wesen. Die neu erwachenden Bedenklichkeiten hatten ihn 
rasch gedämpft, und es war etwas wie Sehnsucht in ihm 
erwacht, zum Verharren auf dem rechten Wege gezwungen 
zu werden. Er liebte die Gräfin — gewiß! — er liebte sie
        
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