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Periodical volume Nr. 224, 23.09.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Kviedenkuee 
Unparteiische Zeitung für kommunale und bürgerliche 
Angelegenheiten. 
Besondere 
Kezugspreis 
bei Abholung aus d'er Geschäftsstelle. 
Rheinstr. 15, 1,50 M. vierteljährlich: durch 
Bolen ins Haus gebracht l,80 M., durch die 
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Wr. 224^ 
■Jeden Mittwoch: 
CCUtjblatt „Seifenblasen". 
Erscheint täglich aöends. 
Zeitung.) 
Organ für den Kriedenauer Ortsteil non Zchöneberg und 
Oerirksuerein Züdmest. 
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Jeden Sonntag: 
KlLtter für cleulscbe grauen. 
Druck und Verlag von Leo Schultz, Friedenau. 
Geschäftsstelle: NKeinstr. iZ. 
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Aerlin-Ilriedermu, Dienstag, den 23. Septemöer 1913. 
20. Iayrg. 
Oepelcken 
Lelzle !7acbricK1en 
Schroda. In der vergangenenen Nacht überraschte 
der Majoratsbesitzer Otto v. Jouanne auf seiner Besitzung 
Eschwalde im Kreise Schroda zwei Wilddiebe. Da diese 
auf den Jagdbesitzer anlegten, gab v. Jouanne ziM Schüsse 
auf sie ab. Hierbei erhielt der eine Wilddieb, ein Wirts 
sohn aus Witowo, einen lebensgefährlichen Schuß durch Brust 
und Lunge, mährend der nndere an der rechten Hand 
schwer verletzt wurde. Die beiden Wilderer wurden darauf 
verhaftet. 
Genf. Heute Nacht ist vor Amberien ein elegant ge 
kleideter Mann in das Schlafwagenabteil des Pariser 
Erpreßzuges eingedrungen, in dem ein älteres Ehepaar 
schlief. Er versuchte die Frau zu erwürgen. Auf ihr Ge 
schrei eilten Mitreisende herbei, die den Zug durch das 
Notsignal zum Halten brachten. Es gelang, den Angreifer 
zu fesseln; er war, wie sich herausstellte, plötzlich irrsinnig 
geworden. Er wurde sofort den Bahnhofsbehvrden über 
wiesen. Seine Opfer konnten nach längeren Bemühungen 
zum Leben zurückgerufen werden. 
Wien. Nach den Manövern tauchte hier in mehreren 
Blättern die Meldung auf von einem angeblich unmittelbar 
bevorstehenden Rücktritt des Chefs des Generalstabes Frhr. 
Conrad von Hötzendorf. Als Grund wurden Meinungs 
verschiedenheiten zwischen Conrad und dem Erzherzog-Thron 
folger angegeben. An maßgebender Stelle werden diese 
Gerüchte als vollkommen aus der Luft gegriffen bezeichnet. 
Innsbruck. Der Privatbeamte Maurice Hubert aus 
Metz bestieg allein das Totenkiichlein im Kaisergebirge, 
einer der schwierigsten Touren des ganzen Gebietes. Da 
er bis jetzt noch nicht zurückkehrte, nimmt man an, daß er 
abgestürzt ist. 
Weißenbach a. d. Triesting. Der 25jährige Viktor 
Doricka unternahm in Begleitung einer unbekannten Dame 
eine Kletterpartie auf den Peilstein. An einer gefährlichen 
Stelle glitten beide aus und stürzten ab. Während die 
Dame an einem Felsblock hängen blieb, stürzte Doricka in 
die Tiefe und erlitt einen Schädelbruch. 
Marseille. Die Polizei entdeckte gestern in den Keller- 
räumlichkeiten eines italienischen Restaurants eine vollständig 
eingerichtete Falschmünzerwerkstütte. Die Polizei beschlag 
nahmte insgesamt für 38 000 Francs falsches Geld. 
Neuyork. Der Dampfer „Huronio" war auf dem 
Weg von Port Arthur am Oberen See nach dem Ontariosee 
begriffen und geriet vergangenen Sonnabend in einen Sturm. 
Seitdem hat man nichts mehr von ihm gehört, obwohl er 
Apparate für drahtlose Telegraphie an Bord hatte. Es 
befinden sich etwa 200 Passagiere auf dem Dainpfer. 
Lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o In der Zustellung des „Friedenauer sLokal- 
Anzeigers" tritt mit dem 1. Oktober, wie schon berichtet, 
eine Neuerung ein. Unser Blatt wird nicht mehr auf dem 
Umwege des Zeitungsspediieurs bestellt, sondern durch unsere 
eigenen Zeitungsfrauen ins Haus gebracht. Da der 
Spediteur Fleischmann selbst gegen Angebot einer Vergütung 
sich nicht bereit gesunden hat, uns die Abonnentenliste zur 
Verfügung zu stellen, so sind wir darauf angewiesen, die 
Adressen unserer Leser von ihnen selbst zu erfahren. Wir 
haben daher der heutigen^ Nummer eine Postkarte bei 
gelegt, und bitten alle diejenigen, die ihre Adresse noch nicht 
angegeben haben, die Postkarte ausgefüllt in den Brief 
kasten zu werfen oder in den auf der- Karte verzeichneten 
Nebenstellen abzugeben. Der „Friedenauer Lokal-Anzeiger" 
wird auch nach dem 1. Oktober unseren Lesern pünktlich 
zugehen. Die von den Boten der Spedition Fleischmann 
hier und da aufgestellte Behauptung, daß unser Blatt nicht 
mehr erscheinen werde, ist unwahr. 
o Herbst-Anfang! Heute, am 23. Nachmittags 5 Uhr, 
da die Sonne in das Zeichen der Wage tritt, beginnt der 
Herbst seine Herrschaft. Die schöne Zeit ist zwar vorüber, 
allein auch der Herbst hat seine Freuden! Er reift die 
Mengen des Obstes, die nützliche Kartoffel, den süßen Wein. 
Die weiten Ebenen sind belebt von langen Reihen emsiger 
Kartoffelgräber. Die Saaten werden von neuem bestellt. 
Und in den Weinbergen beginnt es sich zu regen, die süßeste 
Frucht zu ernten. Wie der Sommer die Scheunen füllte, 
so der Herbst die Obstkammern. Haufen der rötlich und 
einladend schimmernden Früchte leuchten uns freundlich in 
den Obstgärten entgegen, und emsig sind die Menschen be 
müht, diese vorzügliche Gabe des Herbstes in vollgefüllten 
Körben einzuheimsen. Ist die Getreideernte die wertvollste, 
so ist die Obst-, Kartoffel- und Weinernte die schönste. Der 
Herbst macht zwar ein ernsteres Gesicht und seine Miene ist 
oft scholl etwas sauer, aber seine herrlichen Gaben sind die 
süßesten und besten! 
o Gewerbegerichtswahlen. Gestern Nachmittag fanden 
in der Turnhalle des Gymnasiums die Ergänzungswahlen 
und Ersatzwahlen zum Friedenauer Gewerbegericht statt. Die 
Beteiligung seitens der Arbeitgeber mar eine außerordentlich 
peringe. Es waren von diesen nur 10 Wähler erschienen, 
die ihre Stimmen für die vom Gewerbeverein und dem 
Bund der Handwerker .gemeinsam ausgestellte Kandidaten 
abgaben. Es wurden somit von den Arbeitgebern ge- 
Falsche Behauptungen 
werden durch die Zeitungsspedition Fleischmann verbreitet. Die Botenfrauen dieser Spedition erklären bei unseren Abonnenten, dass 
der „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ vom 1. Oktober nicht mehr erscheine und bieten dafür ein auswärts gedrucktes Blatt mit 
einem Friedenauer Titel an. 
Diese Behauptungen sind unwahr. Der „Friedenauer Lokal-Anzeiger" erscheint nach wie war, 
wird allerdings vom 1. Oktober d. Js. ab nicht mehr durch die Zeitungsspedition Fleischmann, sondern durch unsere 
®^T eigenen Boten -MW 
ins Haus gebracht. 
Verlag des „Friedenauer Lokal-Anzeiger“. 
29. 
Patnzierblut. 
Roman von Pieinholb Ortmann. 
(Nachdruck verboten.) 
„Ich bitte dich, dir darüber keine Sorge zu machen. 
Da ich arbeiten kann, würde ich auch dann nicht betteln 
müsse», wenn nach deinem Tode nichts für mich bliebe. 
„An und für sich scheint die Noriiellung, daß es »nt 
mir ein plötzliches Ende haben könnte, ja nicht gerade 
viel Erschreckendes und Aufregendes für dich zu baden.' 
„Findest du nicht, daß es müßig ist, diese Frage noch 
weiter zu erörtern?" 
„Dl), durchaus nicht. Man kann niemals wissen, was 
gejchiebt. Und es hat schon mancher, der ebenso robust 
schien wie ich, in noch jüngeren Jahren ins Gras beißen 
müsse». Außerdem ließen sich ja auch noch andere Eoeii- 
tualitäien denken. Kurzum, ich will, daß du diese dir 
rechlmäßig zustehende Summe behältst, und ich verweigere 
einer etwa beabsichtigten erneuten Hergäbe an deinen 
Bruder oder an sonst jemanden rundweg meine Zu 
stimmung." , . , 
„0o werde ich eben ohne deine Zustimmung handeln 
müssen. In dieser Sache, bei der es sich vielleicht ui» die 
Ehre meines Bruders handelt, kann ich mir von me- 
mandem Vorschriften machen lassen als von meinem eigenen 
Gewissen." .. . „ 
Und wenn darüber hier alles zusammenbräche, wuroesl 
du die Rücksichten auf mich auch dann deinem Familien- 
dünkel opfern?" . 
Ich weiß nichts von solchem Dünkel. Aber was du 
da von einem Zusammenbruch sagst, kann wohl unmöglich 
ernsthaft gemeint sein." ^ , 
0 ja, verzweifelt ernsthaft sogar. 2 ie Katastrophe 
droht vielleicht nicht kür heute oder morgen, de.... vor- 
läiiiia verschafft mir mein künstlerisches Renommee Kredit 
genug, um mich noch für eine Weile durchzuwursteln. 
Eines Tages, aber, werde ich unfchlvar Mit meinen Hfffs- 
mll>eut zu Ende fein. Hub £;> war doch wooi kein Ber- 
l rechen, wei n ich für diesen Tag me.ne Hoffnungen auf 
dem Vermögen gesetzt halte " 
„Du haltest kein Recht dazu, lind es wäre jedenfalls 
deine Pflicht gewesen, mich früher zu unterrichten." 
Sie hatte es ganz kalt gesagt, wie wenn sie zu einem 
Fremden spräche. Ihm aber siel es wie eine Bergeslast 
von der Brust. 
„Reden wir in solchem Ton miteinander, Helga? — 
Nun wohl — wenn du mich jetzt auf den Knien an 
flehtest, dein Geld anzunehmen, so würde ich dir's voll 
Verachtung vor die Füße werfen. Du sagst, ich hatte kein 
Recht, dein Eigentum auch als das meine an,»liehen. Mit 
anderen Worten: du betrachtest die Gemeinschaft zwischen 
uns als gelöst. Es ist gut, daß ich das weih. Vielleicht 
bin ich durch deine dankenswerte Offenheit vor einer großen 
Narrheit bewahrt geblieben." 
Er hatte es herausgesprudelt, fast ohne zu wissen, was 
er sprach. Denn er war ganz beherrscht von der befreien 
den Empfindung, daß der Bruch nicht von ihm, sondern 
von Helga herbeigeführt worden war, daß sie ihm ohne 
sein Dazutun einen Grund geliefert hatte, seine Fesseln 
abzustreifen. Und er dachte an nichts anderes als daran, 
daß sie unter allen Umständen verhindert werden mußte, 
ihn durch einen Schritt versöhnlichen Entgegenkommens in 
das alte Joch zurückzuzwingen. 
Aber die junge Frau war von einer solchen Absicht 
offenbar sehr.weit entfernt. 
„Es steht bei dir, welche Deutung du meinen Worten 
geben willst," sagte sie ruhig. „Wünschtest du mir sonst 
noch etwas mitzuteilen?" 
„Nicht in diesem Augenblick. — Doch ja: ich wollte 
dich noch fragen, ob du an dem heutigen Feste teilzu 
nehmen gedenkst oder nicht." 
„Eine seltsame Frage! Hast du schon vergessen, daß 
ich in tiefer Trauer bin?" 
„Um eine Großtante? Nun meinetwegen! Ich habe 
sicherlich nicht den Wunsch, dich zu zwingen. Aber du 
verlangst hoffentlich nicht, daß ich deine Trauer teile." 
Sie antwortete nur mit einer Kopfbewegung und 
wandte sich zum Gehen. Als sie fast schon die Tür erreicht 
hatte, hielt ein Zuruf Huberts sie noch einmal zurück. 
„Ich muß ins Künstlerhaus, um die letzten Vor 
bereitungen zu überwachen. Und es kann leicht geschehen, 
daß ich keine Möglichkeit finde, vor dem Beginn des Festes 
noch einmal nach Haufe zu kommen. Du verübelst mir 
das nicht — nicht wahr?" 
„Gewiß nicht I Aber es ist dann wohl zweckmäßig, 
daß wir uns schon jetzt Lebewohl sagen. Vielleicht, ja. 
wahrscheinlich werde ich noch heute abend mit Margarete 
und Eäsar nach Hamburg fahren." 
„Ah I Vor einer Viertelstunde warst du darüber noch 
ganz im ungewissen. Aber auf eine Unbegreiflichkeit mehr 
oder weniger kommt es ja jetzt kaum noch an. Seit dein 
heutigen Morgen ist dein Benehmen für mich nur noch 
eine einzige Kette von Ueberraschungen." 
„Ich glaube mich noch in keinem Augenblick anders 
benommen zu haben, als die Umstände es mir zur Pflicht 
machen." 
Ein lästiges Gefühl der Unsicherheit und Unentschlossen 
heit, das plötzlich wieder über ihn gekommen war, trieb 
ihn, sie zu einer Erklärung zu reizen. 
„Die Umstands? Welche Umstände? Was ist denn 
eigentlich seit dem gestrigen Abend so Ungeheuerliches ge 
schehen. daß du dich verpflichtet glaubst, mich wie einen 
wildfremden Menschen zu behandeln? Sage doch endlich 
rund heraus, daß es die Eifersucht gegen die Gräfin 
Wassilewska ist, die dir dein sonderbares Verhalten vor 
schreibt." 
„Ich habe dir schon einmal erklärt, daß davon keine 
Rede ist. Ich bin nur nicht gewöhnt, mich öffentlich miß 
achten und beleidigen zu lassen. Wenn du mich kanntest 
mußtest du das wissen." 
„Und wodurch habe ich dich öffentlich mißachtet und 
beleidigt? Dadurch vielleicht, daß ich meine Antoiiiusrolle 
gestern so gespielt yabe, wie die Idee der ganzen Veran- 
staltiiiig es forderte?" 
(Fortsetzung folgt.)
        
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