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Periodical volume Nr. 223, 22.09.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Liepnitz- und Obersee entlang nach der netten Berliner 
Besitzung Lanke. Hier wird im Restaurant ,,zuin Schloß 
park" längere Mittagspause gehalten. Nachmittags führt 
der Weg durch den Lustgarten am Hcllsce entlang nach der 
Station Rüdnitz, von wo die Rückfahrt erfolgt. Die zurück 
zulegende Wegstrecke beträgt insgesamt etwa 25 Kilometer, 
eilte für die Jahreszeit angemessene Marschleistung, die 
selbst den älteren Turnern und Mitgliedern keine allzu große 
Schwierigkeit bereiten wird, da nach den einzelnen Märschen 
genügende Ruhepausen vorgesehen sind. Es kann daher 
auch den passiven Mitgliedern und Turnfreunden diese 
Turnfahrt nur warm empfohlen werden; denn nichts ist 
geeigneter, den Körper und Geist von des Tages Last und 
Mühen zu erheben und zu stärken, als solch Herz und 
Lungen erfrischender Marsch durch Flur und Wald in fröh 
licher Gesellschaft. Anmeldungen'sind möglichst bis Dienstag 
Abend auf dein Turnsaal oder auf der nachfolgeitden Kneipe 
erbeten. Am kommenden Freitag fällt- das Turnen der 
Alters-Abteilung ausnahmsweise aus. Dafür findet tags 
zuvor, ain Donnerstag Abend, zur gewöhnlichen Zeit von 
j / 2 9 Uhr ab gemeinsames Turnen mit den beiden Männer- 
Abteilungen in der Ghinnasial-Turnhalle statt. Nach dem 
Turnen wird im Restaurant „zur Kaisereiche" Festkneipe zu 
Ehren der diesjährigen Sieger des Vereins bei der Stadion- 
Einweihung, beim Deutschen Turnfest in Leipzig und beim 
Gauturnfest in Velten, sowie zu Ehren der in diesem Jahre 
zur Fahne einberufenen Rekruten abgehalten. Allgemeines 
Erscheinen sämtlicher Mitglieder des Turnvereins ist dringend 
erwünscht, da an dem Abend gleichzeitig Beschluß gefaßt 
werden soll über die Ehrung eines älteren Mitgliedes. 
o Krieger- und Landwehrverein. Den Bericht über 
die Feier des 36. Stiftungsfestes am vergangenen Sonn 
abend bringen wir wegen Platzmangels erst in nächster 
Nummer. 
o Der Mäimer-Gesangverein „Rütli" feiert am 
Sonnabend, dem 27. September, im „Kaiser-Wilhelm- 
Garten" sein 20. Stiftungsfest, bestehend in Konzert, 
Theater und Ball unter Mitwirkung der Schützenkapelle des 
Herrn Musikdirektors Müller-Zehlendorf. Programme, die 
zum Eintritt berechtigen, sind durch die Vereinsmilglieder 
oder im Kaiser-Wilhelm-Garten zum Preise von 50 Pfg. 
(einschließlich Tanz) zu haben. 
o Friedenaner Parvchialverein. Wir machen hiermit 
nochmals auf den morgen (Dienstag) Abends 8 Uhr 
pünktlich in der Aula des Reformrealgymnasiums, Homuth- 
straße, stattfindenden ersten Vortragsabend aufmerksam. Im 
musikalischen Teil werden Frau Dr. Aßmann (Gesang), 
Diplom. Musiklehrerin Frl. Seek (Konzertflügel und Be 
gleitung) und Herr Referendar Dr. Krug (Violine) erfreuen, 
während den Vortrag Herr Pastor Pricbe (Grunewald) hält 
über „Das Christusbild in der Kunst", erläutert an etwa 
40 Lichtbildern. Der Eintritt ist frei. Programme sind an 
der Kasse für 10 Pfg. erhältlich. 
v Einen neuen Besitzer hat das Restaurant „Burg 
hof", Hauptstr. 85, zwischen Wieland- und Fregestraße, 
erhalten. Herr Restaurateur Adolf Nickel, der das elegante 
Familien-Nestaurant von Herrn H. Noack käuflich erworben 
hat, besitzt reiche. fachliche..Erfahrungen und wird bemüht 
sein, seine Gäste in jeder Beziehung zufriedenstellend zn be 
dienen. Günz' Üesvnderes Augenmerk wird Herr Nickel auf■ 
eine gute Küche legen. Außerdem hat er mit seinem Lokal 
eine Weinhandlung verbunden und wird auch in dieser Be 
ziehung das beste bieten. Wir wünschen dem neuen In 
haber, daß seine Erwartungen und Hoffnungen für sein 
neues Unternehmen sich voll erfüllen mögen und empfehlen 
unseren Lesern den Besuch im „Burghof". 
v Die „Hohenzollern-Lichtspiele", Handjerystr. 64, 
bringen von morgen ab wieder ein von keiner Konkurrenz 
übertroffenes Programm. „Radium" betitelt sich ein inter 
essantes Erlebnis aus dem Leben des Multimillionärs 
Linkoln, in 2 Akten. Als Hauptdarsteller tritt hierin Herr 
Oskar Fuchs vom Residenztheater in Berlin' auf. „Die 
Spinne" ist ein großes Drama in 3, Akten und zeigt die 
Geschichte eines modernen Abendteurers. Lebhafte Heiter 
keit erweckt die große Komödie in 3 Akten „Der Mann mit 
den drei Frauen". Wegen der Länge des Programms ge 
langt dieser Film nur einmal zur Vorführung. 
o Wüste Sachbeschädigungen wurden in der Nacht 
vom Sonnabend zum Sonntag in der Wilhelmstraße verübt. 
Elende Burschen, die leider nicht gefaßt worden sind, haben 
an dem eisernen Gartengitter des Eckhauses Wilhelmstr. 17 
sagte er mit erzwungenem Gleichmut. „Aber mail weis; 
heute ja wirklich nicht, wo man in bicfcni Hanse mitein 
ander reden kann, ohne eine Störung von seiten deiner 
Verwandtschaft befürchten zu müssen." 
„Es tut mir leid, daß du dich durch das Erscheinen 
meiner Angehörigen belästigt fühlst; aber du kannst ver 
sichert sein, daß diese Belästigung sich nicht wiederholt." 
Das wäre allerdings zu wünschen. Die Hanibur- 
gischen Herrschaften und ich, wir passen nun mal nicht 
zueinander — namentlich, soweit der Herr Konsul Frede- 
riksen in Frage kommt. Er hat sich bereits verabschiedet, 
Helga?" 
„Er ist gegangen, um den Münchener Aufenthalt 
meines Bruders ausfindig zu machen." 
„So? Ist die Liebe mit einem Male so groß? Vor 
anderthalb Jahren war davon nicht eben viel zu merken." 
„Cäsars Teilnahme für Henry war darnals vielleicht 
nicht minder warm und lebhaft als heute. Auch an jenem 
Tage hat er sicherlich so gehandelt, wie es ihm für meinen 
Bruder am besten schien." 
Huberts Mundwinkel verzogen sich zu einem spötti 
schen Lächeln. 
„Dein Wohlwollen für den Herrn Konsul ist wirklich 
unerschöpflich. Ich glaube, er könnte überhaupt nichts 
tun, was dir nicht im Lichte einer großartigen, über jedes 
Lob erhabenen Handlung erschiene." 
»Hast du mich rufen lassen, nur um deiner Abneigung 
gegen meine Verwandtschaft Luft zu machen?" 
„Nein. Aber ich werde doch wohl noch ein Recht 
haben, meine Meinung zu äußern. Was ich mit dir be 
sprechen wollte, ist etwas anderes. Du äußertest an diesem 
Morgen die Absicht, auf einige Zeit zu verreisen. Wie ich 
vermute, bist du darüber inzwischen anderer Ansicht ge 
worden." 
Eschenstr. 1 mit roher Gewalt eine ganze Anzahl von 
Spitzen abgebrochen und verbogen uitd so nicht nur dem 
Eigentümer einen beträchtlichen Schaden zugefügt, sondern 
dadurch auch den Zaun des stets schön gepflegten Gartens 
arg entstellt. Ueberhaupt wird von Bewohnem der 
Wilhelmstraße viel über nächtlichen groben Unfug, Johlen 
und Schreien geklagt; der große eiserne Straßenmüllkasten 
wird sehr häufig mit Donnergepolter mitten in der Nacht 
zum Entsetzen der Schläfer umgestürzt. Es ist dringend 
erwünscht, daß unsere Polizei solchem wüsten Treiben mit 
größter Energie entgegentritt und die Missetäter der ver 
dienten Strafe zuführt. Vor Fehlgriffen muß sie sich 
natürlich hüten. Kürzlich passierte es einem älteren, ange 
sehenen und lang angesessenen Friedenauer Bürger, der 
auf dem nächtlichen Heimwege harmlos zwischen den Zähnen 
ein Liedchen vor sich hinträllerte und -pfiff, daß er von 
einem übereifrigen, jung eingestellten Polizisten angehalten 
und zur Bestrafung gebracht wurde. Bester wäre es schon, 
erfolgreichen Eifer zu bezeigen, wenn — wie in den oben 
geschilderten Fällen — wirklich grober Unfug vetübt wird. 
o Mit dem plötzlichen Verschwinden eines Schülers 
beschäftigt sich gegenwärtig die Schöneberger Kriminalpolizei. 
Am 17. September hat der 10 Jahre alte Rudolf Oppen 
die elterliche Wohnung in der Paulsbornerstr. 91 zu Wil 
mersdorf verlassen um seinen Onkel in Spandau zu be 
suchen. Dort ist er auch gewesen und hat nachweislich am 
Abend eine Karte zur Rückfahrt nach Wilmersdorf gelöst. 
Seitdem fehlt jede Spur von dem Knaben. Jedenfalls ist 
der hübsche Junge zu unlauteren Zwecken entführt morden, 
irgend ein Grund für ihn, die elterliche Wohnung zu meiden, 
liegt nicht vor, vielmehr ist anzunehmen, daß der Knabe 
unter Versprechungen verschleppt wurde. Die betrübten 
Eltern bitten, ihnen zweckliche Mitteilungen sofort zukommen 
zu lassen. 
o Zwei Rowdys belästigten am Sonntag morgens 
6 Uhr die vom Wanseebahnhof Friedenau kommenden 
Passanten am Dürerplatz. Der eine der beiden Mentscheu, 
der in der Sponholzstraße wohnt und den „besseren" 
Ständen anzugehören schien, ging schließlich weiter und ver 
suchte gegen zwei junge Leute tätlich zu werden. Die An 
gelegenheit dürfte noch ein gerichtliches Nachspiel haben. 
o Ein lebensmüder Prediger. Der seit mehreren 
Jahren in Steglitz im Ruhestand lebende 72 jährige Pastor 
Johann K. war seit einiger Zeit leidend und verfiel trotz 
sorgsamer Pflege in tiefe Schwermut, aus der er sich nicht 
aufzuraffen vermochte. Als nun am Sonntag morgen An 
gehörige an die Schlafzimmertür des alten Herrn klopften, 
fanden sie diese verschlossen. Da aus dem Raum starker 
Gasgeruch hervordrang, öffneten sie das Zimmer gewaltsam 
und fanden den Prediger bewußtlos auf seinem Bette liegen. 
Wiederbelebungsversuche wurden sofort angestellt, die schließlich 
von Erfolg gekrönt waren. Da das Befinden des Geist 
lichen nicht unbedenklich war, wurde Prediger K. in eine 
Klinik gebracht. 
o Ein durchgehendes Gespann des Händlers Schicke- 
danz, Odenwaldstr., rannte heute Vormittag an der Kreuz- 
nacherstraße gegen einen Bauin. Das Pferd stürzte und 
auch der Wagen kippte um. Zum Glück geschah kein größeres 
Unheil. Der Wagen wurde nur gering beschädigt und auch 
das Pferd bli^b unverletzt. 
o Einbrecher drangen in der Nacht zum Sonnabend 
in die Geschäftsräume der Dekorationsmaler Ryser u. 
Brodkorb; Ortrudstr. 7, ein. Mit Nachschlüsseln öffneten 
sie die Türen zu den Räumen und bewältigten mit vieler 
Mühe den Geldschrank, 400 M. bares Geld und vier 
Zinsscheine der Ragnitzer Zellstofffabrik über je 1000 M., 
Jahrgang 1911, waren ihre Beute. 
o Ein Mord in der Nähe des Wannseebahnhofs 
in Berlin sollte am Sonnabend in später Stunde verübt 
worden sein. Das Gerücht davon wurde nach hier 
kolportiert. Wir erfahren dazu folgendes: Unweit der 
Station hatte ein Bewohner des Hauses Großgörschenstr. 32 
in einer Ecke des Hofes des gen. Grundstücks die Leiche 
eines Mannes entdeckt, die dort in einer großen Blutlache 
lag. Man benachrichtigte einen Schutzmann, der feststellte, 
daß der Tod infolge eines tiefen Schnittes in die linke Hals 
seite eingetreten war. Da kein Messer oder sonstiges In 
strument neben der Leiche gefunden wurde, hatte es den 
Anschein, als ob der Tote einem Verbrechen zum Opfer ge 
fallen sei; infolgedessen wurde die Mordkommission alarmiert, 
die in kurzer Zeit mit allen Beamten an Ort und Stelle 
„Nur insofern, als der Tod meiner Großtante selbst 
verständlich meine Anwesenheit in Hamburg fordert." 
„So? Ist das so selbstverständlich? Aber ich enthalte 
mich gern jeder Einmischung in Angelegenheiten der Pietät. 
Wann gedachtest du zu fahren?" 
„Ich weiß es nicht. Es wird davon abhängen, wie 
sich meine Aussprache mit Henry gestaltet." 
„Was für eine Aussprache?" 
„Es ist notwendig, daß ich volle Klarheit über seine 
geschäftliche Lage erhalte und über seine nächsten Absichten 
beruhigt bin." 
„Das verstehe ich nicht. Die geschäftliche Lage deines 
Bruders scheint doch viel günstiger zu sein, als es dem 
Herrn Konsul beliebte, sie darzustellen. Und nachdem er 
das erhaltene Darlehen zurückgezah't hat, dürftest du 
überdies kaum noch ein Recht haben, dich in seine An 
gelegenheiten einzumischen." 
„Von einer Annahme dieser Rückzahlung kann nicht 
einen Augenblick die Rede sein. Seine brüderliche Liebe 
hat Henry da offenbar zu einem Schritt getrieben, den 
er nach Cäsars Ueberzeugung vor seinem kaufmännischen 
Gewissen nicht verantworten könnte." 
Seinen Vorsatz unerschütterlicher Selbstbeherrschung 
schon wieder vergessend, fuhr Almröder heftig auf: 
„Cäsar— Cäsar — und immer wieder Cäsar! Der 
verehrte Herr möge sich gefälligst um seine eigenen Ge 
schäfte kümmern, nicht um die von Leuten, für die er 
nicht einen Finger gerührt hat, als ihnen das Messer an 
der Kehle saß. Dein Bruder ist doch kein neugeborenes 
Knäblein. Er wird schließlich selber am besten wissen, 
was er vor seinem Gewissen verantworten kann. Und wie 
auch immer es um ihn bestellt sein mag, das Geld, das 
er mir heute übergeben hat, wirst du jedenfalls behalten. 
Da du es doch wahrscheinlich vorhin an dich genommen 
erschien. Bald ergab sich jedoch, daß der Fremde sich selbst 
den Hals durchschnitten hatte. Unter der Leiche wurde denn 
auch das zur Tat benutzte Messer, ein Rasiermesser, ge 
funden. Durch Papiere, die sich in den Taschen des Toten 
vorfanden, wurde festgestellt, daß es sich um den arn 
18. März 1879 in Hohenleuthen (Kreis Gera) geborenen 
Konditor Gustav Sippold chandelt, der hier in der Jn- 
validenstr. 129 wohnte. S. hatte sich kurz vor der Aus 
führung der Tat in einem Friseurgeschäft des Nebeuhauses 
rasieren lassen und sich hierbei unbemerkt ein Rasiermesser 
angeeignet, dessen Fehlen noch vor Auffindung der Leiche 
bemerkt wurde. Ueber das Motiv zu dem Selbstmorde 
fehlt noch jeder Anhaltspunkt; Angehörige hat Sippold 
hier nicht. 
Vereins-Dackrickten 
Morgen Dienstag tagen: 
Stenographenverein „Stolze-Schrey". V,9 Uhr in der Gemeinde- 
Mädchenschule, Goßlcrstratze. Diktatschreiben in verschiedenen Ab 
teilungen. 
Charlottenburger Touristen-Club „Märkische Föhre." Tie 
Lehrlingsabtcilung deS Clubs unternimmt am Sonntag, dem 
28. September 1913 ihre 48. Wanderfahrt nach Zeuthen, Rauch 
fangswerder, Schmöckwitz, Gosencr Berge, Gosen, FH. Fahlenberg, 
Rahnsdorf, Friedrichshagen. Versammlung 7 Uhr, Charlotten 
burger Bahnhof, Hauptportal. Teilnehmerkarte 1,35 M. Junge 
Leute von 14—18 Jahren sind zu allen Veranstaltungen gern ge 
sehene Gäste. 
Berlin und Vororte 
§o Zwei größere Vermächtnisse, gingen der Stadt Berlin 
im Laufe des August zu, von dem Rentner Wilhelm Müller 
und seiner Ehefrau Auguste, geb. Elias, 159,350 M., 
damit eine Stiftung „Vermächtnis der Wilhelm Müllerschen 
Eheleute" zur Unterhaltung von Wärmehallen errichtet werde, 
von dem Großuhrmacher Heinrich Ernst 10000 M. für eine 
„Heinrich-Ernst-Stiftung". 
tzo Der neue Weg über das Gleisdreieck ist gestern 
dem Verkehr übergeben worden. Gestern fand die behörd 
liche Abnahme des verlegten Stadtgleises durch dieRegierungs- 
und Bauräte Vögler und Hobrecht statt, und in der Nacht 
zum heutigen Sonntag wurde der Anschluß zwischen beiden 
Schienensträngen hergestellt. Die am meisten in das Auge 
fallende Folge der Gleisverlegung wird die sein, daß die 
unschöne Eisenbrücke zwischen ' Lückenwalder Straße und 
Schöneberger Ufer nun bald verschwinden wird. In nächster 
Zeit muß abermals eine Gleisverlegung stattfinden, weil 
ein Teil der über den Bahnkörper der Anhalter Bahn 
führenden Brücke jenseits des Gleisdreiecks verstärkt werden soll. 
o Berlin-Grunewald. Anstelle des verstorbenen 
Amts- und Gemeindevorstehers Wieck wird die Gemeinde 
vertretung von Grunewald am 3. Oktober eine Neuwahl 
vornehmen. Der Verstorbene war bekanntlich ehrenamtlich 
tätig. Obwohl die großen Kommunalvereine in der west 
lichen Villenkolonie sich für ein besoldetes Ortsoberhaupt 
ausgesprochen haben, will die Mehrheit doch wieder einen 
unbesoldeten, Gemeindevorsteher wählen. Ihr Kandidat ist 
der Regierungsrat a. D. Stackmann in Grunewald. 
Zuschriften 
(Für diese Rubrik übernehmen wir keine Verantwortung.) 
Von der Gcschästslcitung des Verbandes zur Abwehr des 
Tabaktrustes wird uns geschrieben: Wie der Hansabund der Ocffcnt- 
lichkeit mitgeteilt hat, ist er bei dem Staatssekretär des Inneren 
vorstellig geworden, um eine staatliche Erhebung über die Be 
ziehungen des amerikanischen Tabak-Trustes zur Deutschen Zigarettcn- 
Jndustric, und diese amtliche Erhebung dürfte denn auch demnächst 
in die Wege geleitet werden. Gerade deshalb ist es aber wohl 
notwendig, zu der Eingabe des Hansabundes anzumerken, daß die 
Fragestellung insoweit nicht richtig formuliert ist, als Feststellungen 
darüber, ob ein Tabaktrust besteht, unserer Ueberzeugung nach nicht 
mehr erforderlich sind. Freilich kann allerdings im strengen Wort- 
sinne vom „amerikanischen" Tabaktrust nicht mehr gesprochen 
werden, da dieser ja formell aufgelöst ist, seine andere Erscheinungs 
form jedoch stellt die British-Amerian-Tobacco-Company dar, in 
die sich der amerikanische Tabaktrust bei der Vertreibung aus seiner 
Heimat geschickt verwandelt hat. Für deren Bestehen und Wirk 
samkeit liegen aber'wiederum unseres Erachtens so viel Beweise 
vor, daß neue kaum noch vorgebracht werden können, es ihrer auch 
nicht bedarf. Rach allen Ermittelungen steht fest, daß die British- 
American-Tobacco-Company —also der anglisierte Tabaktrust —s.Zt. 
die Mehrheit des Stammkapitals und' der Stimmen in der Georg 
A. Jasmatzi A.-G. erworben hat und noch besitzt und daß ebenso 
die Zigarettenfirmen: Josetti, Sulima, Delta und Batschari mehr 
oder weniger enge Beziehungen zu denselben Trust-Unternehmungen 
hast, ersuche ich dich, es mir auszuhändigen, damit ich es 
noch in dieser Stunde auf der Bank deponieren kann." 
„Ja, ich habe es an mich genonnnen; aber du ge 
stattest wohl, daß ich damit nach meinem Ermessen ver 
fahre." 
„Nein, das gestatte ich nicht. Als dein Mann bin ich 
dafür verantwortlich, daß du keine Torheiten begehst. Bist 
du vielleicht so reich, um ein Vermögen einfach zum 
Fenster hinauswerfen zu können?" 
„Es wäre mir lieb, wenn du eine Antwort darauf 
erst verlangtest, nachdem ich mit Henry gesprochen habe." 
„Und nachdem du vielleicht etwas getan hast, das 
nicht mehr ungeschehen zu machen ist. Nein, meine liebe 
Helga: diesmal muß ich mich denn doch in deinem 
eigenen Intei-effe der Rechte bedienen, die mir das Gesetz 
über dich gibt. Du weißt.' daß ich nichts besitze — daß 
ich im Gegenteil recht 'erhebliche Schulden kontrahieren 
mußte, mii uns eine Lebensführung zu ermöglichen wie 
sie deiner Erziehung und deinen Gewohnheiten entsprach — 
nein, unterbrickp Mich gefälligst nicht! Ich kenne die schönen, 
hochtrabenden Redensarten ja nun zur Genüge, mit denen 
du dich aller Verantwortlichkeit für unsere Läge zu ent 
ziehen glaubst. Und wenn ich dir daintt einen Gefallen 
tue, will ich dich sogar mit Freuden ausdrücklich von solcher 
Verantwortung fieispreck ei,. Aber die Tatsachen selbst 
werden dadurch leider nicht ans der Welt geschafft. Und 
sie sind nicht von der Art, daß ihnen gegenüber eine 
Vogel-Strauß-Politik am Platze wäre. Ich kann heute 
oder morgen sterben. Und ich möchte dies irdische 
Jammertal nicht gern mit dem Bewußtsein verlaffen daß 
du als Bettlerin darin zurückbleibst." 
(Fortsetzung folgt.)
        
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