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Periodical volume Nr. 222, 21.09.1913 2. Beilage zu Nr. 222

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

2. 
p Nr. 222 kl „Krtebenamr Lokal-Anzeiger". 
Sonntag, den 21. September 1913. 
Oie bunte Mocbe 
Plauderei für den „Friedenauer Lokal-Anzeiger". 
Berlin, den 19. September 1913. 
.yochvayn. OrobcrUnsug. — Bert,nerDchildbürqer.—Revolution 
ui Llchtenrade. 
bas zur Rüste gehende Jahr die lebten Sonnen- 
aruße über die ^Nrdt. Aber dennoch hat die Saison eingesetzt 
«N,t Pauken und Trompeten, mit Cymbeln und Revolverschü sen 
ohne die ein ^ag in Berlin undenkbar scheint. ^ ' 
x- C fl nC y e Schwächlichkeit kaum spürende Publikum 
schlurft bchaglich die starke Kost die uns die Weltstadt dieses viel- 
koptzge. unersättliche Tier, blitz'schnell plötzlich darlüeÄ ' 
Gerhard Hauptmann als Regisseur Schillerschcr Kraft- im 
fm Zn' ffilhf™' nltc Parademarsch praller Barrisons in neuen 
Bildern; cm übernervöser Maler, der einen robusten 
Theaterkabalen und ein Sumpf voller 
h » ffi f b -i T königlichen Hofbühnen zu ersticken 
drohi, das Geheimnis zweier alter Schwestern, die in Wilmersdorf 
in ihrer Wohnung tot aufgefunden wurden, lieber und über mit 
herbftprangeuden Blumen wie zur Hochzeit geschmückt. Die Nachbarn 
raunen datz des Lebens bittere Not sie in den Tod getrieben habe. 
Die Polizei findet ein Vermögen von 800 600 M. bei den 60= und 
.-Schwestern. Und überall Lavendelduft und alte ver° 
Is.e Priese. Viel Briefe. Vielleicht das große Ende eines alten, 
alten Romans, der vor zwei Generationen schon mit lyrischer Süße 
irgendwo draußen, m einer kleinen, mondbeschieneneen Stadt begann 
schb letzt in einer protzenhaften Stuck-Kaserne des Westens mir 
schlichter Gebärde zu Ende kam. 
Wir aber haben keine Zeit, auf das Läuten dünner Sterbe 
glocken zu Horen, ^.as Leben stimmt uns auf einen andern Ton, 
und die Gestorbenen werden in Berlin nur allzuschnell begraben. 
■ ~ n 00U erschoficucn KamNIerberrn von Westerhagen denkt 
"iu stremder mehr. Reue Ereignisse haben den Schuß im Landivehr- 
osfizier-Kaiino übertönt. lind doch könnte niancher heilsanie Lehren 
°u» der Gräßlichkeit dieser Revolver-Affäre ziehen Gewiß wird sich 
die Nickelmnse der Angelegenheit bemächtigen und ihre blutigen 
Schatten über die Hintertreppe schleifen. Aber es ist doch 
eigentlich eine Geschichte ohne jede Romantik. Ein hünen- 
hafter L fsizier ohrfeigt einen kleinen, schwächlichen, übernervösen 
Künstler. Der Maler, gewarnt vor der brutalen Natur des An- 
lst^strs' schießt sofort und trifft leider nur allzu gut. Nicht einmal 
Mitleid kaun man mit den Opfern dieses Treppendramas haben: 
Ter -rote, der selbst nicht in der klärenden Sphäre eines Ehren 
gerichtes seiner Sinne Herr ist; der lleberlebende, dessen innerstem 
Fühlen zeitlebens der grause Widerhall des tödlichen Schusses 
unchzitterii muß; — sie sind beide keine Helden. 
Man kann Ohrfeigen auch anders rächen. In seinen „Apho- 
nsmcn zur Lebensweisheit" erzählt Schopenhauer: 
„Krates, der berühmte Kyniker, hatte vom Musiker Nikrodomos 
eine so starke Ohrfeige erhallen, daß ihm das Gesicht angeschwollen 
und blnlrünstig geivorden war; darauf befestigte er an seiner 
Stirn ein Brettchen mit der Inschrift: „Das hat Nikrodomos 
getan!" wodurch große Schande auf den Flötenspieler fiel, der 
gegen einen Mann, den ganz Athen wie einen Hausgott verehrte, 
eine solche Brutalilüt ausgeübt hatte." 
Auch Krates war klein und schwächlich und Nvkrodomos war 
groß und stark. Um so größer war die Verachtung, der er anheim 
fiel. Aber Berlin, das von freundlichen Optimisten manchmal 
Spree-Athen genannt wird, hat mit der Stadt des Krates wenig 
gemein, und außerdem würde heute die Befestigung solchen Brettchens 
an der Stirne dem Träger ein Strafmandat wegen groben UnfügS 
rinbringtii. Es komnit noch hinzu, daß gar viele Menschen heute 
ohne Absicht ein Brett vor der Stirne tragen. Da fällt der stolze 
Sin» des kleinen, philosophisch getragenen Brettchen nicht auf. Ja, 
cs kommt vor, daß ganze Gtsellschnften mit diesem Brett durch das 
Lebe» gehen; und die Direktion der Berliner Hochbahn- 
gesellschaft möge es mir nachsehen, wenn ich ihr das besagte 
Brett, — bitte nur bildlich, — unterstelle oder an die Frackschöße 
hänge, wie flinke Rechtsanwälte in Moabit gern zu sagen pflegen. 
Aber es ist nicht nur ein Brett; es ist mehr: Es in ein ganzes 
Holzlager; ja, noch mehr: ist ein lirivald unglaublichster Ber- 
ivirruug. Mitschuldig ist der Berliner Magistrat, der an 
scheinend, (wieder bildlich), die Nägel der Zustimmung in den Kopf 
der Hochbahndirektion eingeschlagen hat, — ivas wiederum ein 
Moabiter Rechtssuchcr gesagt haben könnte. 
Aber ich will ohne Groll und Leidenschaft die Gräuel schildern, 
die dein Westen Berlins nicht erspart blieben. 
Was für die innere Stadt die Leipziger Straße bedeutet, war 
für de» Westen die Kleiststraße mit ihrer Verlängerung, der 
Tnucntzienstraße. Hier klangen die Töne ziveier Welten zu 
sammen: die verfeinerte Kiiltnr Charlottenbnrgs und das sieghaft 
schnelle Geschäftstreiben Berlins. Allabendlich fand ein Bummel 
statt, der allerdings etwas anrüchig wurde, als die malenden, 
dichtenden und musizierenden Kulturhottentotten des Westens 
sich daran beteiligten, und als die unverstandenen Frauen der 
Berliner Geldaristokratie und deren geschminkten Töchter das traurige 
Kapitel von der Berdirnung der Frau liefern zu müssen glaubten. 
Es war eine Prachtstrage mit schönen Baumreihen. Ja, es 
war mehr: Das Symbol einer neuen Zeit; der Mittelpunkt Faller 
Interessen. Wenn man vom Nollcndorfplatz kam, bot sich ein freier 
Blick auf die reinen romanischen Formen der Kaiser-Wilhelm- 
Gedächtniskirche, vielfach das „Taufhaus des Westens" 
genannt. Das Kaufhaus des Westens aber streckte sich mit seiner 
künstlerisch gegliederten Fassade leuchtend und schillernd an der 
linken Seite hin. . 
Jetzt hat die Hochbahngesellschaft einen Untergrnndbahnhos 
gebaut, der sich in erdrückender Fülle in diese Straße zwängt. Sie 
hat einen Hochbau errichtet, der nicht nur die ganze Breite der 
Straße einnimmt, sondern auch noch die Fußsteige beengt. Das 
Gebäude, das durch seine ungerechtfertigte Höhe jede Aussicht ver 
sperrt, muß in seiner ganzen Anlage und Koinposition als grober 
lliifug bezeichnet werden. . 
Man denke sich diese Angelegenheit in eine andere Stadt über 
tragen, und es ergibt sich folgender Tatbestände Eine Privatgesell- 
schnst baut mitten in die Hauptstraße einen geschlossenen Kasten von 
etwa 20 Meter Höhe, der bis an beide Fußsteige heranreicht. 
Damit aber nun Wagen fahren können, werden die Fahrbahnen 
und die Trottoirs in sanft geschwungenen Linien um das Gebäude 
herumgeführt, jedoch derart eng herumgeführt, daß die Gleise der 
Straßenbahn bis auf 60 Zentimeter an das Haus herangelegt 
werden mußten. , , s , 
Es kommt dann noch hinzu, daß man die ganze Anlage sehr 
gut unter der Erde hätte gestalten können. Genau wie viele andere 
llutergrundbahnhöfe Berlins schon lange angelegt sind. 
So etwas ist in Berlin im Jahre des Heils 1913 möglich. 
In jeder anderen Stadt würde der verantwortliche Ban 
rat. der doch schließlich die Genehmigung geben mußte, aus dem 
Amt gejagt. Hier, bei den tausend „amtlichen Stellen > *® C, B 
man anscheinend nicht, wer der Schuldige ist, und jetzt, nachdem 
das Kalb der Geschmacklosigkeit in den Brunnen der Unglaublichkeit 
gefallen ist, kommen die liberalen und „allen" Fraktionen der 
Berliner Stadtvertretung, fassen heftige Resolutionen und 
legen dem hochwohllöblichen Magistrat von Spree-Athen die nach 
stehenden Fragen vor: ob 
1. die Anlage des Bahnhofes auf dem Wittenbergplntz den 
zwischen der Hochbahngesellschaft und dein Mu^ijlrat ver 
einbarten Bedingungen entspricht; , 
2. falls diese Frage bejaht wird, noch die Möglichkeit gegeben 
ist der durch die Hochführung des Bahnhofsgebauoes be- 
ivirkten Verunstaltung des Wittcnbergplatzes und seiner Um 
gebung entgegenzutreten. 
Man muß fast denken, man sei im Gemeindeparlament 
von Lichtenrade. Ich weiß nicht, ob es Sterbliche giebt, die 
nicht ahnen, wo Lichtenrade liegt. 8ür diese im Geiste Armen mag 
kurz gesagt sein, daß Lichtenrade im Süden Berlins dicht neben 
den Berliner Rieselfeldern ein beschauliches Dasein als ent 
fernter Vorort der Riesenstadt fristet. Selbstverständlich übt die 
Nähe der Rieselfelder keinerlei Einfluß ans auf die geistige und 
kulturelle Entwicklung der genannten Stadt. Wenn man jedoch 
hört und liest, wie sich die Herren Gemeindevertreter in den 
Versammlungen dort benehmen, und anpöbeln, so möchte man 
fast glauben, — nein, — man möchte nichts glauben. 
Jedenfalls spielen sich in den „Gemeindevertretersitznngen" 
(dieses Wort genügt schon, um eine Situation zu schildern, bei' der 
in unglaublich kurzer Zeit unendlicher Blödsinn gesprochen wird) 
Szenen ab, die wert sind, über die Grenzen Deutschlands hinaus 
bekannt zu werden. 
In der letzten Sitzung redete der Herr Schöffe Schalldach 
auf den Herrn Gemeindevorsteher Dr. Räth ein. Der Schöffe 
kreuzte dabei die Arme und legte auch die Knie etwas herausfordernd 
übereinander. Es kann auch sein, daß er die Beine gekreuzt und 
die Arme übereinander gelegt hat. Er wollte jedenfalls eine 
grausame Diktator-Pose annehmen. Sofort nahm auch der Ober 
hirte der Gemeinde diese Stellung ein und nun redeten und schimpften 
die Beiden aufeinander los; begleitet von dem Johlen der Zuhörer, 
denen es einen unbeschreiblichen Jubel bereitete, daß die beiden 
Hanptvcrtreter ihres Ortes die „Sitzung" benutzten, um sich gegen 
seitig Fratzen zu schneiden und einander nachzuäffen. 
Dabei begleiteten andere Zuhörer und Beigeordnete dieses 
Satyrspiel mit den herzlich gemeinten Zurufen: „Schmeißt ihn 
raus!" 
Im zweiten Akte der Verhandlung gerieten die Kampfhähne 
wieder an einander. Dieses Mal beschwerte sich der genannte 
Schöffe, daß der Gemeindevorstand ihn milden Füßen gestoßen habe! 
Der Gemeindevorstand solle in diesen engen Bänken seine Beine 
doch nicht nach der Seite seines Feindes, sondern nach der anderen 
neutralen Seite ausstrecken. Ich kenne die Beine des Herrn 
Dr. Räth nicht; aber sie müssen für den streitbaren Mister Schalldach 
doch wohl Steine und Beine des Anstoßes sein; 
Die Sorgen, die die Herren haben! 
Es heißt ja allgemein, daß die Politik den Charakter verderbe. 
In Lichtenrade scheint die Kommunalpolitik einen verwerflichen 
Einfluß auf die parlamentarischen Sitten und Gebräuche auszuüben. 
Oder ob am Ende die Großberliner Rieselfelder doch wohl.... 
Hcinr. Biiider. 
Oalentsckau 
rtbüro Johannes Koch, T 
mitgeteilt vom Patentbüro Johannes Koch, Berlin NO. 18, Große 
Fr.mkfurterstr. 59. Abschriften billigst. Auskünfte kostenlos. 
Erna Marquardt, Berlin-Friedenau, Schwalbacherstr. 2: Locken- 
haarnadel. (GM.) 
Otto Schmitz, Berlin-Friedenau, Sponholzstr. 44: Doppelnadcl 
zum Befestigen der Damenhüte. (GM.) 
Julia Stark, geb. Salemke, Berlin-Friedenau, Taunusstr. 10: 
Hosenprcsse. (GM.) 
Margarete Spellcrberg, geb. Biermann, Berlin-Friedenau, 
Nicdstr. 22: Behälter für Haarnadeln und dcrgl. (GM.) 
Viktor Melcher, Berlin-Friedenau, Kaiserallce 129: Förderband 
für Teleskoprohre. (Ert. Pat.) 
Leo Rosbander, Berlin-Friedenau, Odcnwaldstr. 1: Vorrichtung 
zur selbsttätigen Herstellung von Lösniigcn in regelbarer Menge 
und regelbarer Zusammensetzung. (Ert. Pat.) 
Gerickllickes 
P. Eine tieftraurige Handlung wurde in der gestrigen Sitzung 
des Schöffengerichts Berlin Schöneberg zu befriedigender Lösung 
gebracht durch Freisprechung. Noch in tiefster Trauer über den 
Tod ziveier Kinder, die dem Würge-Engcl Diphtherie zum Opfer 
gefallen waren, stand ein Ehepaar, der in Friedenau, Südwestkorso 8, 
wohntzafte Portier Ernst Mietzner und dessen Ehefrau Margarethe 
geb. Jschdunat, vor den Schranken. Beide waren beschuldigt, nach 
dem im Februar d. I. erfolgten Todesfall gegen das im Jahre 
1905 sanktionierte Gesetz betr. die Bekämpfung übertragbarer Krank 
heiten gefehlt zu haben, dadurch, daß sie die polizeilich angeordnete 
Desinfektion von Gebrauchsgegcnständcn im Sterbezimmer unter 
lassen, obgleich die betr. Gegenstände: Bettzeug, Matratzen, während 
der Diphtherie-Erkrankung benutzt worden ivarcn. Der von der 
Polizeibehörde mit der Desinfektion de» gesetzlichen Bestimmungen 
gemäß beauftragte Desinfektor Präger hatte ermittelt, daß das an 
geschuldigte Ehepaar bevor er kam, um seines Amtes im Sterbe- 
zimmer zn walten, alle jene Gegenstände, die während der 
Krankhcitsdauer benutzt worden waren und als Krankheitsüberträger 
gelten, schon anderweitig in Benutzung genommen hatte. Dem 
vom Kummer und Gram gebeugten Ehepaar — dem Buchstaben 
des Gesetzes mußte Genüge geschehen — blieb nun auch obendrein 
ein Strafverfahren nicht erspart. Die Angeklagien erhoben den Ein 
wand, daß sie selbst ohne den polizeilichen Desinfektor die betr. 
Gegenstände insgesamt mit sicher wirkenden Desinfektionsmitteln 
behandelt und einer gründlichen, jede Ansteckungsgefahr aus 
schließenden Reinigung unterzogen hatten. Durch Zeugen wurde 
der Einivand bewiesen. Das Schöffengericht hielt dafür, daß sonach 
beide Angeklagte für nichtschuldig zu erachten seien und erkannte 
aus Freisprechung. 
<:) Zum Begriffe des Betriebsunfalles hat das Reichsgericht, 
lll. Zivilsenat, in seinem Urteil vom 23. Oktober 1912 folgendes 
ausgeführt: Gemäß § 1 des preußischen Gesetzes, betreffend die 
Fürsorge für Beamte infolge von Betriebsunfällen, vom 2. Juni 
1902, erhalten unmittelbare Staatsbeamte, welche in reichsgesetzlich 
der Unfallversicherung unterliegenden Betrieben beschäftigt sind, die 
dort geregelte Pension, wenn sic infolge eines im Dienste erlittenen 
Betriebsunfalles dauernd dienstunfähig werden. Ferner sind im 
tz 2 desselben Gesetzes den Hinterbliebenen solche Beamten, die 
infolge eines im Dienste erlittenen Betriebsunfalles gestorben find, 
die im Gesetze näher bestimmten Bezüge gewährt. Voraussetzung 
des Anspruchs der Kläger ist hiernach, daß, — worüber zwischen 
den Parteien Streit herrscht, — der Ehemann beziehungsweise 
Vater in einem rcichsgesetzlich der Unfallversicherung unterliegenden 
Betriebe beschäftigt war. Die Frage war im Gegensatz zn der 
Auffassung der Vorinstanzen zn bejahen. Rach § 1 Absatz 1 
Ziffer 3 des Gewerbeunsallvcrficherungsgesetzes in der durch das 
Reichsgesetz vom 30. Juni 1900 gegebenen Fassung (Reichs- 
Gesctzbl. S. 585) unterliegt der Unfallversicherung der gesamte 
Betrieb der Post-, Telegraphen- und Eisenbahnverwaltungen. Wie 
der erkennende Senat bereits in der vom Berufungsgericht ange 
führten Entscheidung vom 31. März 1905 (Entscheidungen des 
Reichsgerichts in Zivilsachen Band 63 Seite 124) ausgesprochen 
hat, handelt es sich bei dem gesamten Betriebe der Eisenbahn- 
verwaltung im Sinne des Gewerbe-Unfallversicherungsgesetzes nicht 
bloß um den eigentlichen Bahnbetrieb, sondern um alle Betriebe 
und technischen Vorrichtungen, die mit dem Eisenbahndicnst im Zu 
sammenhange stehen und zu diesem Betriebe gehören, und es umfaßt 
der Betrieb im Sinne des in Frage stehenden Gesetzes nicht nur 
die Summe aller der Tätigkeiten, die den Zwecken des Betriebes 
unnlittelbar dienen, sondern auch die Tätigkeiten, die die Zwecke 
des Betriebes mittelbar fördern. Nach dieser zutreffenden Aus- 
fassung, die mit der des Reichsversicherungsamtes übereinstimmt 
(Handbuch der Unfallversicherung 3. Auflage Band I S. 67 ff.) ist 
aber auch die Beschäftigung eines Bürodieners der Betricbs- 
inspektion der Unfallversicherung zu unterstellen. Daß die 
Betriebsinspektion dem technischen Ressort der Eisenbahn- 
verwaltung zuzurechnen ist, ergibt sich ohne weiteres aus deren 
Aufgabe und Stellung. Als Diener einer solchen gehörte auch G. 
demselben Ressort an. Nach dem Umfang seiner Dienstobliegen 
heiten hatte er zwar bei der Besorgung des eigentlichen Bahn 
dienstes nicht mitzuwirken. Dadurch aber, daß er mit der Instand 
haltung des Büros der Betriebsinspektion und mit sonstigen 
Arbeiten für dieselbe betraut war, war auch seine Beschäftigung 
geeignet, jedenfalls mittelbar den technischen Zwecken des Eisen 
bahnbetriebs zu dienen und sie zu fördern. Die Anwendung des 
Unfallversicherungsgesetzes auf solche Fälle rechtfertigt sich umso 
mehr, als im Gesetze bei dem Post-, Telegraphen- und Eisenbahn 
betrieb — im Gegensatze zu den anderen im § 1 Abs. 1 aufge 
führten Betrieben — ausdrücklich der gesamte Betrieb der Ber- 
waltungen unterstellt ist und als schon bei der Begründung der 
Novelle des Gesetzes vom ,28. Mai 1885 zum Ausdruck gebracht 
worden ist, daß der Begriff des Eisenbahnbetriebs im weitesten 
Sinne aufzufassen sei (zu vergleichen Nr. 77 der Drucksachen des 
Reichstags, Stenographische Berichte VI. Legislaturperiode 1. Session 
1884-85, Band V S. 249 ff.). Daß die Tätigkeit des G. den 
Zwecken des technischen Betriebes nur in untergeordneter Weise 
diente, kommt für die hier zu entscheidende Frage nicht in Betracht, 
auch das Reichsversicherungsamt hat in ähnlich gelagerten Fällen die 
Bersicherungspflichtigkeit der Beschäftigung anerkannt (Handbuch der 
Unfallversicherung 3. Auflage Band I Seite 145; Amtliche Nach 
richten des Reichsversichcrungsamtes 1897 Seite 576). Aber auch 
der Umstand, daß die Beschäftigung des G. wesentlich eine büro 
mäßige war, schließt im Sinne des Gesetzes den Zusammenhang mit 
dem technischen Betrieb und die Bersicherungspflicht nicht aus. 
Zwar ist in der oben erwähnten Begründung der Gesetzesnovelle 
28. Mai 1885 ein grundsätzlicher Gegensatz des Eisenbahnbetriebs 
einerseits und der gefahrlosen Beschäftigung, beim Reinigen usw., 
andererseits aufgestellt und auch bei der Beratung des Gesetzes 
von seiten der verbündeten Regierungen aufrecht erhalten worden; 
allein dieser Auffassung ist bei der Beratung widersprochen, 
und es ist keine Uebereinstimmung über den Sinn und die Trag 
weite des Gesetzes herbeigeführt worden. (Zu vergl. Nr. 238 der 
Drucksachen a. a. O., Stenographische Berichte Band IV S. 2456 ff.) 
Das Gesetz, in dessen Wortlaut jener Gegensatz keinen Ausdruck 
gesunden hat, ist daher aus sich selbst auszulegen. Daß aber nach 
den für die Anwendung des Gesetzes maßgebenden Grundsätzen für 
den vorliegenden Fall die Zugehörigkeit der Beschäftigung des G. 
zu dem Eisenbahnbetriebe zu bejahen ist, wurde schon oben dar 
gelegt. Kein Zweifel aber besteht darin, daß der Unfall des G. 
sich als ein im Dienste erlittener Betriebsunfall darstellt. Der 
Begriff desselben ist (zu vergl. Entscheidungen in Zivilsachen Band 
Nr. 75 S. 14) in gleich weitem Sinne zu verstehen, wie der Be 
griff der beim Betriebe sich ereignenden Unfälle in den Unfallver- 
ficherungsgesctzen. Es tritt deshalb die Unfallfürsorge nicht nur 
bei Gefahren ein, die dem Betrieb nach seiner Betriebsart eigen- 
tümlich sind, sondern bei jeder konkreten Unfallgefahr, der der 
Beamte bei seiner Beschäftigung ausgesetzt ist. Die Grenze bilden, 
wie in der angeführten Entscheidung zutreffend ausgeführt ist, die 
Fälle, die in äußerem Zusammenhange mit dem Betriebe stehen, 
den Beamten jedoch außerhalb seines Dienstes treffen. Unerheblich 
ist es daher, ob das Herabfallen des Pausapparates, das den Tod 
des G. verurscht hat, auf die Erschütterung des Gebäudes durch 
die Eisenbahnzügc herbeigeführt worden ist. Hiernach sind die An 
sprüche der Kläger als begründet anzuerkennen. Die Klage, deren 
Antrag »ach seinem Wortlaut auf die Verurteilung des Beklagten 
zur Festsetzung der Hintcrbliebeucnbezüge gerichtet ist, muß sach 
gemäß als Fcststellungsklage aufgefaßt werden, deren Boraus- 
setzung im Sinne des § 266 der Zivilprozeßordnung nicht be 
anstandet ist. (Amtliche Nachrichten des Neichsvcrsichcrungs- 
amtcs 1913.) 
Oer Herbst nabt. 
Eine hygienische Plauderei von Waldemar Grohn. 
Noch blühen die letzten Astern in den Gärten, auf die 
schon vergilbte Blätter von kühlen Winden herabgemirbelt 
werden; die Strahlen der Sonne fallen schräger und 
schräger und die reifenden Aepfel und Trauben verkünden 
des Sommers Ende: der Herbst naht. lind mit ihm nahen 
den Menschen eine große Anzahl unangenehmer Feinde, das 
Heer der Herbst- und Erkältungskrankheiten koinmt gezogen, 
und es heißt jetzt verständig und vorsichtig sich auf die 
kommende kühlere Zeit mit ihren Stürmen und Negen- 
schauern vorzubereiten. . Die meisten Menschen haben sich 
leider einfach daran gewöhnt, in diesen Monaten sich zu 
erkälten, und man pflegt ganz gemütlich zu erzählen, daß 
jetzt „mein Katarrh, mein Husten oder mein Jnfluenzaanfall" 
kommen wird. Und doch gibt es eine große Menge ein 
facher und meist kostenloser Mittel, sich gegen diese Er 
kältungszustände und ihre Folgen mit gutem Erfolg zu 
wehren, aber meist meint man, daß „so etwas" viel zu viel 
Arbeit mache und dazu keine Zeit vorhanden sei. Es ist 
aber Zeit, nachher im Bett zu liegen und sich langsam aus 
kurieren zu lassen. Und dabei hat man doch nur nötig, der 
Allmutter Natur etwas aufs Handwerks zu passen. Bor 
allem gilt es, sich mit der Kleidung den Witterungsver 
hältnissen der Uebergangszeit anzupassen. Niemand braucht 
sich z. B. über Erkältungen zu wundern, iveun er, wie es 
wohl vorzukommen pflegt, bei 15 bis 16 Grad R. Wärme 
einen Ueberzieher trägt oder bei 8 Grad Wärme und 8 Grad 
Kälte dieselben Kleidungsstücke gebraucht. Biele meinen, 
sie müßten sich möglichst warm einwickeln und Heizen ihre 
Schlafzimmer gar zu einer Zeit, wo draußen noch 12 Grad 
Wärme sind. Aber sie werden ebenso wenig erreichen, wie 
die, die mit Gewalt durch kalte Bäder und Waschungen 
ihren Körper gegen jeden Kältereiz abzustumpfen ver 
suchen. Die Mittelstraße ist auch hier die beste. Bekanntlich 
regelt die Natur selbst den Ausgleich der Körperwärme 
dadurch, daß sie bei starken, plötzlichen Abkühlungen eine 
größere Menge von Blut zur Körperhaut hinschickt und 
damit die Temperatur dort erhöht. Zu große Wärme be 
seitigt sie bekantlich durch die Schweißbildung; die Ver 
dunstung des Schweißes bewirkt dann die Abkühlung. 
Es gilt also, stets dafür zu sorgen, daß diese Fähig 
keit der Hautnerven, die Durchblutung zu regeln, vorhanden 
ist; das läßt sich am besten durch ein regelmäßiges kühles 
Bad oder eine Ganzwaschung bewirken. Jedes Kind sollte 
frühzeitig über den Wert eines kühlen Morgenbades belehrt 
und ihm gezeigt werden, wie es zu nehmen ist: Man wäscht 
sich am besten mit einem nassen Schwamm oder Handtuch 
nacheinander Gesicht, Nacken und die Brust, dann die Arme 
und den übrigen Oberkörper, schließlich frottiert man mit 
Handrücken ordentlich die gewaschenen Teile und bedeckt sie 
dann, ebenso verfährt man mit dem Unterkörper, trocknet 
schließlich den ganzen Körper mit einem weichen Handtuch 
nach und frottiert zuletzt die Haut tüchtig mit einer Bürste 
oder einen, recht groben Tuche. Ein vorzügliches Mittel ist 
uns aber in dem Licht-Luftbade gegeben; täglich turne man 
morgens und abends bei geöffnetem Fenster entkleidet eine 
viertel- bis halbe Stunde und mache dabei in den Pausen 
recht tiefe und gleichmäßige Atemübungen.
        
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