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Periodical volume Nr. 221, 19.09.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Kriedenarrer 
Unparteiische Zeitung für kommunale und bürgerliche 
Angelegenheiten. 
Kezugspreis 
bei Abholung aus der Geschäftsstelle. 
Rheinstr. 15. 1,50 M. vierteljährlich; durch 
Boten insHaus gebracht 1,80M., durch die 
Post bezogen 1,92 M. einschl. Bestellgeld. 
Besondere 
Jedtn sßittwoch; 
Mitzblatt „Seifenblasen". 
fernTprtcher: Hrnt ptaljburg 3139. 
Erscheint täglich aöends. 
Deltrrng.) 
Organ für den Kriedenaner Ortsteil non Zchdneberg und 
Kerirksnerein Züdmest. 
Beilagen Anzeigen 
Jecken Sonntag: werden bis 12 Uhr mittags angenommen. 
^ Preis der 6gespaltenen Zeile oder deren 
ölatter für deutsche grauen. Raum 30 Pf. Die Neklamczeile kostet 
75 Pf. Velagnummer 10 Pf. 
Drrick und Verlag von Leo Schultz, Friedenau. 
Geschäftsstelle Rheinstr. ,Z.Fernsprecher: Hmt pfalzborg 212S. 
Mr. 22 l 
Nerlin-Iriedenau, Kreitag, den 19. Septemöer 1913. 
20. Iayrg. 
Oepelcken 
Letzte Nachrichten 
Straßburg i. E. Der Dichter Christian Schmitt hat 
sichj heute früh in einem Schwermutsanfall eine Kugel in 
den Kopf geschossen. Er ist schwer verletzt. 
Konstantinopel. Die gestrige Sitzung der türkischen 
und bulgarischen Delegierten dauerte von drei bis sieben 
Uhr. Die Delegierten unterzeichneten das Protokoll über 
die Festsetzung der endgültigen Grenze und erledigten die 
Nationalitäten-, Gemeinde- und verschiedene gesetzliche 
Fragen, die mit diesen in Zusammenhang stehen. Eine 
Sonderkoinmission wird sich mit den Fragen zweiten Ranges 
beschäftigen. Die nächste Sitzung findet Montag statt, die 
letzte Sitzung ist fiir Dienstag vorgesehen. 
Paris. In der Nähe des Dorfes Vretoi im Depar- 
tement Oise, suchten vier Feldarbeiterinnen, die ivährend 
ihrer Arbeit von einem Gewitter überrascht wurden, unter 
einem Regenschirm Schutz, der eine Stahlspitze strug. 
Die Spitze des Schirmes wurde von einem starken Blitz 
schlag getroffen. Einer Arbeiterin wurden die Kleider vom 
Körper gerissen und sie erlitt so schwere Verletzungen, dass 
sie in wenigen Minuten starb. Die anderen drei Arbeiterinnen 
wurden ebenfalls schwer verletzt. 
London. Der Dampfer der Hamburg-Amerika-Linie 
„Preußen" ist gestern im Hafen von Malta eingelaufen. 
Auf der Fahrt war in einer Vorratskammer Feuer aus- 
oebrochen. Das Schiff wurde in den Quarantänehafen 
gebracht. Hier gelang es den Maunschastcn, das Feuer zu 
löschen, das über 36 Stunden gebrannt hatte. 
Belgrad. Hier gehen seltsame Gerüchte über die Lage 
in Sofia um. Es heißt, daß alle Gesandten und Konsuln 
fremder Mächte beschlossen haben, das Land zu verlassen. 
Die hiesige Zeitung Prawda verzeichnet dieses Gerücht 
ebenfalls, ohne irgend einen Grund änzuführen, der ein so 
ganz außergewöhnliches Verhalten der Diplomaten erklären 
würde. Der französische Gesandte in Sofia hat gestern 
abend Belgrad passiert, ivie es heißt, auf einer Urlaubsreise. 
Sitzung cler Gemeindevertretung 
vom Donnerstag, dem 18. September 1913. 
Die gestrige öffentliche Sitzung der Gemeindevertretung war 
schnell erledigt. Der Hauptpunkt der Tagesordnung, betr. Errichtung 
eines Hi)pothekenamtes, zeitigte nicht die Aussprache, die 
vielleicht mancher erwartet hatte. Nach einer kurzen Anfrage des 
G.-3. Lehinent wurde der Antrag des Geineindcvorstandes gegen 
eine Stimmenthaltung (G. - V. Kalkbrcnner) genehmigt. Die 
Gemeindevertretung stimmte darnach der Errichtung eines 
Hyvothekenamtes für unseren Ort grundsätzlich zu. Der Bürger 
meister erklärte, daß der Ausschuß nun weiter arbeiten und die 
Satzungen ausstellen ,verde. — Die Polizeiverordnung über das 
Rollschuhlaufen wurde in 2. Lesung genehmigt, jedoch auf Antrag 
des G.-V. Kalkbrenner der Satz gestrichen, der'das Erlernen des 
Rollschuhlaufens auf den Straßen und Plätzen verbietet. Die 
"Trigen Punkte nahm die Vertretung ohne Erörterungen an. Vom 
Bürgermeister Walger wurde noch Mitteilung gemacht über die 
neue Linie L, sowie iiber eine Besichtigung des Friedhofs in 
Gütergotz am25. d.M. — Wir bringen nun den Vcrhandlungsbericht: 
Eigene Boten 
werden den „Frledenauer Lowl-Anzeiger" vom 1. Oktbr. d. 8. 
ab ins tzaus bringen. Wir bitten daher unfere sämtlichen 
Lefer, uns ihre Adressen möglichst sofort (evtl. auch 
durch Fernruft mitzuteilen, da uns die bisherige spe- 
dition die Abonnenlenllfte nicht zur Verfügung stellt. Anher 
der SauptgefchSstsstelle des „Friedenauer Lokal-Anzeigers", 
Rheinstr. iS, nehmen noch lolgende Cefchäste Anmeldungen 
entgegen: 
Papiergeschäft Wild. Ebers, Rheinstratze 15 
Papiergeschäft Arthur Zschalig, vdenmaldstratze 7 
Papiergeschäft Frl. Nordheim. Sieglindefttabe 4 
Zigarrenhandlung Paul Suhl. Siidwesttorso 17 
Zigarrenhandlung E. Sahn, Rembrandtstr. 14. Dürerpl. 
Abbestellungen ** Bf* nicht 
ersord erlich. 
Rom 1. Oktober ab kommt die Zeitung von 4'/,-8 Uhr 
zur Ausgabe. 
Verlag und Eefchästsftelle des 
Frledenauer Lokal-Anzeigers 
Rheinstr. 15. Fernspr. Psalzburg 2129. 
Es fehlen die Schöffen Boche, Draeger, Lichtheim und 
Sadöe, die G.-V. Berger, Haustein, Richter, Sachs. 
Schönknecht, Dr. Tänzler, Uhlenbrock und Wermke, die teils 
krank, teils verhindert oder noch beurlaubt sind. Bürgermeister 
Walger entschuldigt die Fehlenden. Das Protokoll führt 
Gemeindesekretär Neumann. 
Bürgermeister Walger teilt dann mit: 
Eine neue Straßenbahnlinie I* wird sofort einge 
richtet. Sie geht vom Stettiner Bahnhof aus, führt über 
Moabit, großen Stern, Spichernstraße, Kaiserallee nach 
Lichterfclde Händelplatz. Durch diese neue Linie wird im 
Wechsel mit den Linien F und J von Lichterfelde bis 
Spichernstraße ein 5 Minutenbetrieb, statt des bisherigen 
71/2 Minutenbetriebes, geschaffen. 
Der Krieger- und Landwehrverein lädt zu seinem 
36. Stiftungsfest am Sonnabend, dem 20. d. M. nach dem 
Gesellschaftshans des Westens ein. 
Die 3. Gemeindeschule veranstaltet am 25. September, 
Abends 8V4 Uhr, ihren ersten Unterhaltungsabend in der 
Aula des Refvrmrealgymnasiums. Der Bürgermeister bittet 
die Gemeindevertreter, sich an diesem Abend zu beteiligen. 
Der Garten- und Friedhofs-Ausschuß hat beschlossen, 
die Gemeindevertretung zu einer Besichtigung des Friedhofs- 
geläudes in Gütergotz einzuladen. Die Baulichkeiten und die 
Umzäunung sind fertiggestellt und ■ es haben auch große 
Erdbewegungen stattgefunden. Der Bau der Kapelle hat 
begonnen. Es dürfte jedenfalls an der Zeit sein, noch vor 
Eintritt schlechter Witterung den Friedhof zu besichtigen. 
Diese Besichtigung soll stattfinden am Donnerstag, dem 
25. September. Abfahrt vom Wannseebahnhof 2.39 Nach 
mittags. In Wannsee werden Kremser zur Weiterfahrt 
bereit stehen. Den Gemeindeverordneten gehen noch be 
sondere Einladungen zu. 
Vor Eintritt in die Tagesordnung beantragt G.-V. 
Kalkbrenner, zugleich im Namen der G.-V. Heise und Huhn, 
den Punkt 11 der geheimen Sitzung in der öffentlichen 
Sitzung zu verhandeln. 
Ueber diesen Antrag wird in geheimer Sitzung ver 
handelt, die Oeffentlichkeit also fiir kurze Zeit ausgeschlossen. 
Beschlossen wird, diesen Punkt in der geheimen Sitzung zu 
belassen. 
Nachdem die Oeffentlichkeit wieder hergestellt ist, 
berichtet Bürgermeister Walger über den Erlaß einer 
Polizeiverordnung betr. das Rollschuhlaufen. Er könne sich 
kurz fassen, da hierüber bereits in 1. Lesung Beschluß gefaßt 
worden sei und bitte, die Vorlage auch in 2. Lesung zu 
genehmigen. G.-V. Kalkbrenner führt aus, daß die erste 
Lesung so schnell vor sich ging, daß man garnicht erst zu 
Worte kam. Er beantrage, den Absatz zu streichen, der den 
Kindern das Erlernen des Rollschuhlaufens auf den öffent 
lichen Straßen und Plätzen verbietet. Wenn den Kindern 
nicht das Erlernen des Rollschuhlaufens auf der Straße 
gestattet werde, so frage er, wo sollen die Kinder das Roll 
schuhlaufen erlernen? Diese Bestimmung sei eine Härte, 
die einem gänzlichen Verbote des Rollschuhlaufens gleich 
komme. G.-V. Kunow erklärt, daß er sich der Ansicht des 
Vorredners anschließe. Bürgermeister Walger erwidert, 
daß die Polizeiverordnung zum Schutze der Kinder 'erlaffen 
werde und gerade deswegen, weil die Erfahrung gelehrt 
habe, daß Kutscher und Chauffeure auf die rollschuhlaufenden 
Kinder keine Rücksicht nehmen. Die Kinder werden oftmals 
verwirrt, wenn die Hupe ertönt, daher wäre es doch gut, wenn die 
Kinder, die die Straße benutzen, schon Rollschuh laufen können, 
G.-V. Kalkbrenner: Die kleinen Kinder sind doch schon 
geschützt dadurch, daß sie in verkehrsreichen Straßen nicht 
laufen dürfen. Wenn die Bestimnmng bestehen bleibt, gibt 
es für sie keine Möglichkeit, das Laufen zu erlernen. 
Bürgermeister Walger: Es gibt doch Höfe, wo sie das 
Laufen erlernen können. (Heiterkeit, Zurufe.) Man muß 
dann mit den Hauswirten vereinbaren, daß das Erlernen 
des Rollschuhlaufens auf dem Hofe gestattet wird. (Zurufe: 
Es gibt ja gar keine Höfe.) Schöffe v. Wr och ein stimmt 
dem G.-B. Kalkbrenner zu. Die Kinder würden sonst auf 
die Höfe verwiesen, was aber sicher mehr Lärm verursacht 
und die Mieter im Hause mehr stört, als wenn die Be 
nutzung der Straße gestattet ist. Oder — was auch schon 
da gewesen ist — die Kinder erlernen das Rollschuhlaufen 
in der Wohnung. Er sei auch für Streichung des betr. 
Satzes. Bürgermeister Walger: Das Rollschuhlaufen ist 
im allgemeinen ziemlich leicht zu erlernen, es würde also 
nicht lange dauern, bis die Kinder laufen können und so 
würde es auch nicht viel Spektakel machen, wenn sie das 
Rollschuhlaufen auf dem Hofe erlernen würden. Aber gerade, 
weil es nicht viel Spektakel mache, sei er auch für Streichung 
s)a1ri2ierdlut. 
Roman von Kelnhold Ortmann. 
26. Machdruck verboten.) 
(5r mär auf Helga zugetreten und neigte sich über sie 
herab, um ihre Stirn zu küssen. Sie ließ die Liebkosung 
mit der starren Regungslosigkeit einer schonen Statue über 
sich ergehen, und ihr Blick folgte ihm nicht, als er raschen 
Schiittes das Gemach verließ. 
Sobald sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, kam 
jedoch wieder Leben und Bewegung in ihre Gestalt. Sic 
neigte sich vor und umfaßte niit beiden Händen Cäsar 
Frederitsens Rechte. 
„Du darfst mir jetzt nichts mehr verheiiulichcn — nichts 
— nichts I Auch wenn es das Allerschrecklichfte ist, was 
du mir zu sagen hast. Ich bin ja in einer so grauenhaften 
Angst um Henry. In meinem Herzen ist eine Ahnung, 
daß er überhaupt nicht wiederkommen wird — daß er 
— 0 mein Himmel, mein Himmel, warum bin ich nicht 
schon gleich nach dem Empfang deines Brieses der Stiinme 
gefolgt, die mich trieb, zu ihm zu eilen!" 
Sanft strich der Konsul mit der freigebliebenen Linken 
über ihre zuckenden Finger. . . 
„Beruhige dich, Helga!. Wenn dein Bruder gesagt 
hat, daß er noch einmal hierher zurückkehren werde, so 
wird er auch seine Zusage halten, lind es ist ja möglich, 
daß er seine Situation hoffnungsvoller anficu-t, r..s uienne 
Gewährsleute sie ansehen konnten. Rur das unt diesem 
Gelde da — das will allerdings auch mir sehr wenig ge- 
salleii. Er muß außerordentliche Mittel aufgewendet haben, 
um es zu beschaffen. Denn sein Kredit reicht schon lanail 
nicht mehr aus, um solche Suinnien flüssig zu machen. 
Ich will dir nicht verhehlen, daß ich nur seinetwegen „ach 
Berlin gesahien war, und daß es die unerfreulichsten Dinge 
waren, die ich bei meinen vorsichtig eingezogenen Er 
kundigungen erfuhr." 
„So ist wirklich alles in Erfüllung gegangen, was du 
danials voraussagtest. Die Hilfe, die ich ihm gewährt, 
ist ihm zum Verderben geworden?" 
„Wenn es so ist, hast du jedenfalls keinen Anlaß, dich 
jetzt mit Vorwürfen zu peinigen. Deine großmütige Ab 
sicht rechtfertigt alles, was du getan." 
»Nein I Ich hätte dir Gehör schenken, hätte dir folgen 
sollen — du hattest mich ja eindringlich genug gewarnt." 
.Und doch habe vielleicht auch ich damals geirrt. An 
mit wäre es gewesen, ihm einen anderen Weg zu zeigen 
.ls den, der mir als der richtige erschien. Denn nicht 
sträfliche Leichtfertigkeit ist es, die Henry in feine gegen 
wärtige verzweifelte Lage gebracht hat, sondern die nichts- 
würdige Gewissenlosigkeit der Menschen, die sein Ver 
trauen zu gewinnen verstanden. Ich weiß, daß er in 
diesen anderthalb Jahren rechtschaffen und unermüdlich ge 
arbeitet hat, daß er bescheidener und anspruchsloser gelebt 
hat als der ärmste Kommis, und daß er heute ein wohl 
habender Mann fein müßte, wenn ihm nicht die beiden 
wichtigsten Erfordernisse des Kaufmannes fehlten: Menschen 
kenntnis und sicheres Urteil in der Würdigung der Erfolg 
möglichkeiten." 
„Als er damals vor mich hintrat, glaubte ich, ihm weine 
Achtung versagen zu müssen — heute würde ich ihn vielleicht 
anders beurteilen, wenn — nun, wenn eben nicht jenes 
Geld dort wäre, das mich wieder an allem irre werden 
läßt." 
Helga hatte seinen Worten gelauscht, wie wenn sle 
sänftigenden Trost und neue Hgffnung aus ihnen schöpfen 
wollte, nun aber ließ sie wieder den Kopf sinken. 
„Ich bitte dich von Herzen, Cäsar, ihn nicht zu verur 
teilen, ehe wir nicht seine Rechtfertigung gehört haben. Ich 
kann ja nicht daran glauben, daß er fähig sein sollte, 
eine Schlechtigkeit oder eine Ehrlosigkeit zu begehen." 
Der Konsul zog seine Uhr. 
„Wenn es zu deiner Beruhigung beiträgt, daß ich 
mich nach Henry umsehe, so will ich gern versuchen, 
seinen Aufenthalt ausfindig zu machen. Ich weiß, daß er 
hier einen Gefchäftsfreund hat, zu dem er in ziemlich leb 
haften Beziehungen steht. Vielleicht kann ich bei ihm 
Näheres erfahren." 
„Ich danke dir von ganzem Herzen für dies freundliche 
Anerbieten, Cäsar! Ich werde in der Tat erst dann 
wieder aufatmen können, wenn ich ihn lebend und ge 
sund vor mir sehe. Daß wir von diesem Gelde nicht einen 
Pfennig annehmen werden, brauche ich dir wohl nicht erst 
zu versichern." 
„Darüber und über einiges andere werden wir später 
reden, Helga! Und ich denke, wir werden uns verstehen, 
wie wir uns noch immer verstanden haben — mit einer 
einzigen Ausnahme, bei der die Folge mir hoffentlich 
unrecht gegeben hat." 
Sie verstand, worauf er anspielte, und sie wandte das 
Gesicht zur Seite, ohne ihm zu antworten. Und als be 
reute er, was er gesprochen, ging er mit herzlichem, aber 
raschem Abschied davon. 
1b. Kapitel. 
,Fn einer Auiomobildroschke, deren Lenker er zur 
größten .Eile angelrieben. hatte Hubert Almröder, den
        
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