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Periodical volume Nr. 219, 17.09.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Friedenauer 
Unparteiische Zeitung für kommunale und bürgerliche 
Angelegenheiten. 
Lerugspreis Kesondere 
bei Abholung aus der Geschäftsstelle. -* eden ffiittwodi- 
Rhcmstr. Io, l.oOM. vierteljährlich; durch ™. .. ", c .. t . 
BotenmsHaus gebracht 1,80M.. durch die Witzblatt „Seifenblasen". 
Post bezogen 1,92 M. einschl. Bestellgeld. 
sernlprecder: Hmt PfaQburg 3129. 
Erscheint täglich aöends. 
] 1itn n g.) 
Drgün für den Kriedennuer Drtsteil non Zchdueberg und 
Kegrks-erein Ziidtnest. 
Kollagen 
Jecken Sonntag: 
Llätter für cleullkbe grauen. 
Dmck und Verlag von Leo Schultz, Friedenau. 
Geschäftsstelle: libeinstr. 15. 
Hn|etgen 
iverden bis 12 Uhr mittags angenommen. 
Preis der 6gespaltenen Zeile oder deren 
Raum 30 Pf. Die Reklamezeile kostet 
75 Pf. Bclagnummer 10 Pf. 
sernkprecber: Hmt pfalzbvrg 2129. 
Mr. 219. 
ZSerlin-Iriedmau, Mittwoch, den 17. Septemöer 1913. 
20. Iayrg. 
Oepelcken 
Letzte Nacbrlcblen 
Stettin. Die städtischen Hafenarbeiter sind heute in 
den Ausstand getreten, da die städtischen Körperschaften nicht 
alle von ihnen gestellten Forderungen bewilligt haben. Im 
Freibezirk sind von 000 Arbeitern etwa 600 in den Aus 
stand getreten. Die Verwaltung kann augenblicklich nur die 
dringendsten Schisfsabfertigungen vornehmen, hofft aber in 
etwa zwei Tagen den gesamten Bedarf an Arbeitskräften 
gedeckt zu haben. 
Frankfurt a. M. Oberpostassistent Kirchner vom 
Eisenbahnrechnungsbiiro in Frankfurt a. M. wurde ivegen 
Wechselfälschungen in Höhe von 20 000 M. verhaftet. 
Prag. Auf der Strecke Prag—Hostewitz stich ein 
Lastenwaggon mit einem Lastzug zusammeil. Ein Bremser 
wurde getötet, drei Personen verletzt. 
Brüssel. In der Station Courtrai stießen zwei Züge 
zusammen. Ungefähr 20 Personen sollen verletzt worden sein. 
Brüssel. Eine große Feuersbrunst zerstörte das Villen 
viertel von Robaix vollständig. Der Schaden beträgt unge 
fähr 1 200 000 M. 
Paris. Ein blutiges Drama spielte sich, wie aus dem 
eleganten nordspanischen Badeorte San Sebastian berichtet 
wird, im dortigen Kasino ab. Um Mitternacht. als etwa 
1500 Personen den Spielsaal füllten, öffneis sich plötzlich 
die Tür des Direktionszimmers, und in ihrem Nahmen 
erschien ein Mann mit hochcrhobenein Revolver. Der 
Direktor des Kasinos, Bouelle, der sich in seiner Nähe 
befand, stürzte sich sofort ans den Mann. Als er etwa 
einen Meter von ihin entfernt war, gab der Unbekannte 
fünf Schüsse auf ihn ab. Bouelle stürzte schwer verletzt 
zusammen. Es stellte sich heraus, daß der Attentäter ein 
ehemaliger Angestellter des Kasinos war, der sich an dem 
Direktor für seine vor kurzem erfolgte Entlassung rächen wollte. 
Konstantinopel. Der diesjährige Kongreß des jung- 
türkischen Komitees wird morgen eröffnet. Er wird sich 
besonders mit der Reorganisation des Komitees beschäftigen. 
Die einzelnen Klubs iverden aufgelöst und nur das Zentral 
komitee wird sich mit den politischen Fragen befassen. Die 
Deputation der Bevölkerung von Gümüldschina, die sich 
unabhängig erklärt hat, sprach heute bei den Botschaftern 
vor, wurde aber nicht empfangen. 
Reuyork. An der Ecke des Broadway und der 66. 
Straße eröffneten gestern mehrere Personen in zwei Anto- 
mobtlen eine Reoolverschießerei. Wie verlautet, soll eine 
Anzahl Personen verletzt worden sein. 
lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Eine Novelle zum Kommunalabgabengesetz ist, 
wie mir schon mitteilen konnten, vom Ministerium ausge 
arbeitet worden und wird demnächst den Nachgeordneten 
Stellen, den Stadtverwaltungen, dem Preußischen Städtetag k., 
zugehen. Die Novelle bringt eine ganze Reihe für die 
Patnzierblut. 
Noman von Keinhold Ortmann. 
24. (Nachdruck verboten.! 
Noch immer schien Hubert eher belustigt als betrogen 
oder erzürnt. 
„Oyo I — Da möchte ich denn doch nachdrücklich pro 
testieren. Welche Gefahr könnte die Reinheit des Frau- 
lein Margarete Frederiksön bebrohen in einem Hause, dessen 
unumschränkte Herrin ebenfalls eine geborene Freoe- 
riksen ist?" 
„Ich verschmähe es, für die Herrin zu gelten — hier, 
wo Ehebrecherinnen und Dirne» nach Belieben aus- und 
eingehen." 
Sie hatte die Stimme nicht erhoben, und keine Regung 
des Zornes spiegelte sich auf ihrem Gesicht. Dem Maler 
aber schoß das Blut siedend heiß bis in die Sam hinauf. 
„Geht das auf die Gräfin Wassilervska?" 
„Ja. Aber du hast keinen Anlaß, dich darüber auf 
zuregen, daß ich sie beim rechten Namen nenne. Ich 
verlange nicht mehr, daß du bei der Wahl deiner Freunde 
und Freundinnen Rücksichten auf mich nimmst, Und nur 
weil du eine Begründung fordertest, habe ich sie dir ge 
geben." 
„Aber das ist doch heller Unsinn! Das sind die maß 
losen Uebertreibungen einer törichten Eifersucht. Die 
Gräfin —" 
„Verzeih'! — Ich Hobe dich nicht anfzcsachtz im von 
dieser Dame mit dir gU sprechen, ltnd up wurde mich auf 
der Stelle entfernen, wenn dli ihren Namen »och einmal 
erwähntest. Ich tvvllte dich ledigiich davon in Kenntnis 
setzen, daß ich noch heute mit.Margarete abreiten werde." 
An unsere Leser! 
Wir haben uns entschlossen, ab l. Oktober d. 3s. die 
Bestellung des „Friedenauer Lolal-Anzelgers" 
in eigenen Betrieb 
S'i Übernehmen, um dadurch elne srllhzeitigere Zustellung 
unserer Zestung zu ermöglichen. Unsere Leser werden danach 
vom l. OUober ab den „Friedenauer Lokal-Anzelger" durch 
unsere eigenen Boten bereits in der Zell von 4‘/a-6 llhr 
nachmittags erhalten. 
Gleichzeitig Hoden wir einige Annahmestellen ein- 
gerichtet, die Bestellungen aus den „Friedenauer LolalAn- 
zeiger" zur Lieserung ins Haus sowie zum Selbstabholen an- 
nehmen: ebenso find dort Einzelnummern erhältlich. 
Die Annahmestellen sind: 
PaplergeschSit Wilh. Ebers. Rheinstrabe 15 
Papiergeschäft Arthur Zschalig, vdenwaldstrabe 7 
Papiergeschäft Frl. Nordheim. Siegiindestrahe 4 
Zigarrenhandlung Baul 8uhi, Südwelttorso 17 
Wir bitten unsere sämtlichen Leier, uns ihre 
Adressen möglichst sofort mitzuteilen, damit eine 
Unterbrechung in der Zustellung unseres Blattes am 
1. Oktober nicht eintritt. 
Derlag und Geschäftsstelle des 
Friedenauer Lolal-Anzelgers 
Rhelnstrahe 15. 
Selbstverwaltung sehr wichtiger Bestimmungen. Wir er 
mähnten bereits die Regelung der Schullastenfrage durch 
G ündung eines Schulverbandes. Gemeinden, welche in 
Ansehung der Verkehrs- und Geschäftsbeziehnngen ihrer Ein 
wohner ein einheitliches Wirtschaftsgebiet bilden, und 
insofern erhebliche Verschiedenheiten der Leistungsfähigkeit 
ausweisen, als ln einer oder mehreren von ihnen das der 
Gemeindebesteuerung zugrunde gelegte Steuersoll, auf den 
Kopf der Einwohner berechnet, außergewöhnliche Unterschiede 
gegenüber allen oder einem Teil der anderen ergibt, können 
zur gemeinsamen Aufbringung eines Teils der Vvlksschul- 
lasten zu einem Ausgleichsverbande zusammengelegt werden. 
Der Ausgleichsbetrag, der ein Viertel des nach Durchschnitt 
der drei letzten Rechnungsjahre berechneten Gesamtbedarfs 
für die Zwecke des öffentlichen Volksschulwesens in dem 
Ausgleichsverband nicht übersteigen darf, wird im ganzen 
festgesetzt, nach dem Maßstabe des der Gemeindebesteucrung 
zugrunde gelegten Steuersolls von den einzelnen Gemeinden 
eingefordert und zu deren Gunsten nach dem Maßstabe der 
Zahl der Volksschulkinder unterverteilt. Es würde dadurch 
auch unsere Gemeinde höhere Schullasten für den Verband zu 
' Er zwang sich zu einem Lachen. Dcr Anvlirt des Ver 
mögens, das da aus der Platte des Speffetijrhcs ausge- 
b> eilet lag, verlieh ihm eine schier wunoerbare Kraft ver 
Selbstbeherrschung. 
„Ab eisen?l — Ganz wie aus dem Theater I Rur mit 
dem Unterjchied, daß ich keine Lust habe, die Komödie 
mitzumachen. Wohin, wenn ich fragen darf, gedachtest du 
denn deinen Schützling vor der schrecklichen Berüerönis 
dieses Hauses zu retten ?" 
„Ich muß mit Margarete Rücksprache nehmen, ehe ich 
mich für ein bestimmtes Reiseziel entscheide. Aber ich denke, 
daß wir zunächst an irgendeinem stille», tleiuen Ort Aufent 
halt nehmen, bis eine Gewißheit darüber herbeigeführt 
worden ist, ob sie aus längere Zeit bei mir bleibt oder 
nach Hamburg zurückkehrt." 
„Meine Einwilligung spielt, wie es scheint, bei diesen 
sonderbaren Plänen überhaupt keine Rolle." 
»Ich hoffe, du wirst nicht versuchen, mir Schwierigkeiten 
zu machen. Am Ende ist es so doch auch sür dich am 
besten." 
„Du wirst mir schon gestatten müssen, darüber anderer 
Meinung zu sein, meine liebe Helga! Aber wir brauch-n 
uns nicht erst in lange Erörterungen einzulassen. Denn 
die abenteuerliche Idee wird vorderhand schon dadurch 
hinfällig, daß wir noch eine» zweiten unerwarteten Besuch er 
halten haben, vor dem du doch wohl nicht wirst die Flucht 
ergreifen wollen. Da — schau her," — und er deutete 
auf die ausgebreiteten Kassenscheine — „errätst du nicht, 
wer uns heute früh diesen Segen ins Haus gebracht hat?" 
Helga blickte zuerst verständnislos, dann stieg ihr plötz 
lich das Blut in die Wangen. 
„Mein Bruder? I" rief sie in einer Erregung, die 
seltsam mit ihrer bisher bewahrten äußeren Ruhe kon 
tragen haben. Eine weiterewichtigeBestimmung, dievongroßer 
Bedeutung für die Gemeinden Groß-Berlins ist, besagt, daß 
Beschlüsse der Gemeinden über die Erhebung von Zuschlägen 
zur Staatseinkommensteuer nur noch der Genehmigung 
durch die Aufsichtsbehörden bedürfen sollen, wenn mehr 
als 200 v. H. erhoben werden, oder wenn die Zuschläge 
zu einer der staatlich veranschlagten Realsteuern in geringerer 
Höhe als die Zuschläge zur Einkommensteuer bemessen 
werden, oder wenn die staatlich veranlagten Real- 
steuern derart in Abstufungen herangezogen werden, daß die 
eine Steuer im Verhältnis zu der anderen mehr als doppelt 
so stark belastet wird, oder wenn das bestehende Steuersoll 
ohne entsprechende Ermäßigung des Einkommensteuersolls 
herabgesetzt werden soll. Die festen Bestimmungen über 
die Verteilung des Steuerbedarfs ans die verschiedenen 
Steuerartcn, Einkommen- und Realsteuern, werden aufge 
hoben. Die Gemeinden sollen befugt sein, an Stelle der 
Naturaldienste eine deren Wert entsprechende Geldablösung 
von den Steuerpflichtigen einzuziehen. Die Sätze dieser Ab 
lösung können nach der Leistungsfähigkeit der Pflichtigen ab 
gestuft werden. Die Einspruchsfrist gegen die Heranziehung 
zu Steuern, Gebühren usw. wird von vier auf zwei Wochen 
herabgesetzt. Die Verbindlichkeit zur Nachzahlung der 
Steuer verjährt in zehn Jahren und geht auf die Erben 
iiber, jedoch nur bis zur Höhe ihres Erbanteils und mit 
einer Verjährungsfrist von fünf Jahren. Bezüglich des 
Realbesteuerungsrechtes sollen in Zukunft die dem Staate, 
den Provinzen, den Kreisen, Gemeinden und sonstigen 
Kommunalverbänden gehörigen Gebäude sowie die dein 
Staate gehörigen Grundstücke, falls diese Gebäude oder 
Grundstücke zum öffentlichen Dienst bestimmt sind, der 
Realsteuer nicht unterstehen. Ferner sind den Gemeinden 
größere Rechte eingeräumt betr. den Erlaß von Steuer 
ordnungen. Es sollen darnach Steuerordmmgen nicht 
mehr der Genehmigung der Aufsichtsbehörde unterliegen, 
wenn es sich um die Besteuerung von Lustbarkeiten, 
von Bier, der Konzessionserteilung für Gast- und 
Schankwirtschaften, sowie des Haltens von Hunden handelt. 
Die Gemeinden sollen auch die Befugnis erhalten, in 
größerem Umfange als bisher für bestimmte Handlungen 
ihrer Beamten, die auf Antrag einzelner erledigt werden, 
wie Beglaubigungen, Bescheinigungen usw., Gebühren zu 
erheben. Ausgenommen sind stempelpflichtige Bescheinigungen 
sowie solche zur Reichsversicherungsordnung und Angestellten 
versicherung. Es soll auch eine Ausdehnung der Gemeinde 
einkommensteuer auf die Gesellschaften mit beschränkter 
Haftung und auf den Staatsfiskus hinsichtlich seines Ein 
kommens aus den zu Ansiedlungszwecken angekauften Be 
sitzungen erfolgen. Bei Kleinhandelsbetrieben, die mehr-als 
fünf Zweigniederlassungen in verschiedenen Gemeinden unter 
halten, soll für die Verteillmg des steuerpflichtigen Ein 
kommens der Umsatz zugrunde gelegt werden. Gegenwärtig 
bleibt bei der Veranlagung zur Einkommensteuer der Teil 
des Gesamteinkommens, welcher in anderen preuß. Ge 
meinden aus Grundvermögen, Handel, Gewerbe usw. ge 
wonnen wird, außer Berechnung. Rur wenn das steuer 
pflichtige Einkommen weniger als ein Viertel des Gesamt- 
einkommens beträgt, ist die Wohnsitzgemeinde berechtigt, ein 
trastierte. „Nein, es ist unmöglich! Sage mir, Hubert, 
daß es nicht niein Bruder gewesen ist, von dem du dies 
Geld erhalten hast!" 
„Natürlich ist er's gewesen. Findest du das so un 
geheuerlich? Nachdem du gegen unsere Abrede an ihn 
geschrieben hast, kann es dich doch gar nicht wundernehmen."' 
Die junge Frau war an den Tisch getreten und starrte 
mit einem langen Blick ratlosen Entsetzens auf den hier 
gehäuften Reichtum nieder. Dann aber wandte sie sich mit 
einer fast ungestümen Bewegung gegen ihren Gatten. 
„Wo ist Henry? Warum hat man mich nicht sofort 
von seinem Hiersein benachrichtigt? Und warum hält er 
sich jetzt vor mir verborgen?" 
„Er kam so früh, daß es eine Grausamkeit gewesen 
wäre, dich um der Begrüßung willen aus dem süßesten 
Morgenschlummer zu wecken. Auch äußerte er ausdrück 
lich den Wunsch, zuerst mich zu sprechen. Aber er kommt 
im Laufe des Bormittags wieder, und du wirst dann noch 
Zeit genug haben, das ganze Füllhorn deiner schwester 
lichen Liebe über ihn auszugießen." 
In einem Aufatmen der Erleichterung hob sich Helgas 
Brust. 
„Ist es eine große Summe, die er mir da bringen 
wollte?" fragte sie mit wiedergewonnener Fassung. 
„Es ist genau der Betrag, den du ihm damals in 
Hamburg als Darlehen gegeben hast. Ich habe ihm 
natürlich angeboten, einen Teil davon vorläufig noch zu 
behalten, aber er hat auf der Rückgabe bestanden mit der 
bestimmten Versicherung, daß er das Geld nicht mehr 
brauche. Und ich mußte mich ausdrücklich und feierlich da 
für verbürgen, daß auch du die Annahme nicht verweigern 
würdest." 
„Wie konntest du eine.solche Bürgschaft übernehmen,
        
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