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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Unparteiische 
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Hlr. 218. 
Jerlin-Iriedenau, Dienstag, dm 16. Keptemöer 1913. 
20. Iaßrg. 
Oepelcken 
letzte Hachrichten 
Berlin. Gestern abend SV 2 Uhr hat der Kunstmaler 
Professor Heinrich Maß, Brückenallee 6. während einer 
Sitzung des Ehrenrats im Landivehroffizierskassino den 
Kammerherrn und Rittuteister der Reserve Lothar von 
Westernhagen, Kurfürstendainm 106, erschossen. Wie es 
heißt, handelt es sich um einen Akt der Notwehr gegenüber 
einem tätlichen Angriff. Professor Maaß befindet sich 
in Haft. 
Bochum. In dem unterirdischen Grubenbetrieb der 
Zeche Bruchstraße in Langendreer wurde durch eine Explosion 
schlagender Wetter der Steiger Witthüser getötet, zwei Berg 
leute erlitten lebensgefährliche Brandwunden. 
Wien. Gestern Abend ist der 54 Jahre alte Oberst 
a. D. E. Schlägel aus dem vierten Stockwerk seiner 
Wohnung in den Hof hinabgesprungen. Er war sofort tot. 
Ueber das Motiv der Tat ist noch nichts bekannt. 
Paris. Wie heute offiziell bekanntgegeben wird, wird 
König Konstantin von Griechenland am Sonnabend, den 
20. September in Paris eintreffen. Der König reist 
inkognito, und sein Besuch wird daher zu keiner offiziellen 
Kundgebung Veranlassung geben. Es steht jedoch fest, daß 
der König im Elys^e vom Präsidenten Poincarö empfangen 
werden und wahrscheinlich am Sonntag Abend an einem 
ihm zu Ehren gegebenen Galadiner teilnehmen wird. Der 
König und der Präsident werden bei diesem Anlasse Trink- 
sp.üche austauschen, die, wie man hier hofft, dem durch 
die Berliner Rede des Königs Konstantin hervorgerufenen 
Unmut ein Ende machen werdeu. 
Konstantinopel. Die gestrigen Besprechungen der 
türkisch-bulgarischen Delegierten dauerten von 3—6'/, Uhr 
Nachmittags. Ein endgültiges Ergebnis ist zwar noch nicht 
erzielt worden, aber es wird erwartet, daß bis zur 
Mittwochssitzung die Regelung der Grenzfragen zustande ge 
kommen ist. Einer von den Blättern veröffentlichten 
inspirierten Mitteilung zufolge dürften die Verhandlungen 
noch vor Enke der Woche, vielleicht schon morgen, ihren 
Abschluß finden. Als feststehend kann gelten, daß die 
Vulgaren nicht länger auf den Besitz von Dimotika bestehen. 
Anlerllülzung lungenkranker 
Personen uncl Familien. 
Die s. Zt. vom Verein zur Bekämpfung der Tuber 
kulose in Berlin-Friedenau gegründete „Auskunfts- und 
Fürsorgestelle für Tuberkulöse" wird bekanntlich seit dem 
1. April d. Js. von unserer Gemeinde verwaltet. Zu den 
Obliegenheiten dieser Fürsorgestelle gehört cs auch, mit der 
Armenverwaltung Hand in Hand zu gehen und unter 
stützungsbedürftigen Familien Tuberkulosekranker Stärkungs 
mittel usw. zu verschaffen. 
Bei der Wichtigkeit der Frage der Tuberkulose-Be 
kämpfung dürfte unsere Leser auch der folgende Bericht aus 
Straßburg i. E. interessieren: 
Der Straßburger Armenrat hat anläßlich eines Einzel 
falles die Frage der Unterstützung lungenkranker Familien 
einer Besprechung unterzogen. Es handelt sich darum, ob 
bei solchen Personen, bei denen Lungentuberkulose ärztlich 
festgestellt ist, die Höhe und die Art der Unterstützung von 
der allgemeinen Regel abweichen soll. 
Vorauszuschicken ist, daß es sich bei der besonderen 
Unterstützung nur um solche Personen handeln kann, die in 
ärztlicher Behandlung stehen und bei denen der Zustand 
ihrer Erkrankung eine Heilung als aussichtsreich oder 
wenigstens möglich erscheinen läßt. Weiterhin um solche 
Lungenkranke, deren Leiden durch bestehende ärztliche Beauf 
sichtigung zum Stillstand gebracht, bei denen insbesondere 
die Weiterverbreitung der Krankheit durch Ansteckung An 
gehöriger oder mit ihnen zusammenlebender Personen ver 
mieden werden kann. 
Die Stadt Straßburg hat vor einigen Jahren zur Be 
kämpfung der Lungentuberkulose in Verbindung mit der 
Armenverwaltung und anderen sozialpolitischen Behörden 
und Vereinen eine Fürsorgestelle für Lungenkranke errichtet. 
Diese Fürsorgestelle ist dem Stadtarzt, Herrn vr. Belin, 
unterstellt und arbeitet mit Hülfe einiger Krankenschwestern 
in j segensreicher Weise gegen die Weiterverbreitung der 
Lungentuberkulose. Die Fürsorgestelle geht im wesentlichen 
durch eine Trennung der ihr mitgeteilten Fälle lungen 
kranker Personen vor, indem sie diejenigen ausscheidet, bei 
denen eine Heilbehandlung durch Einweisung in ein Sana 
torium oder die Walderholungsstätte Erfolg verspricht. Bei 
den übrigen lungenkranken Personen werden die Woh 
nungsverhältnisse einer eingehenden Prüfung unterzogen, 
die Ernährungs- und Arbeitsverhältnisse untersucht, und es 
wird der Versuch gemacht, einer Weiterverbreitung des 
Leidens bei diesen Personen vorzubeugen. 
Die erstgenannte Gruppe von Lungenkranken kommt, 
wie die Blätter für das Straßburger Armenwesen betonen, 
für die öffentliche Armenpflege nur dann für die Frage einer 
Unterstützung in Betracht, wenn die Uebernahme der Kosten 
einer Pflege in einer Anstalt oder in der Walderholungs 
stätte nicht durch Angehörige oder eine Einrichtung der 
Arbeiterversicherung ermöglicht ist. (Krankenkasse, Landes 
versicherungsanstalt u. a.) 
Für die öffentliche Armenpflege kommen im wesent 
lichen diejenigen Personen in Betracht, bei denen die Ver 
hinderung weiterer Ansteckung von der Fürsorgestelle für 
Lungenkranke erstrebt wird. Diese Personen werden von 
der Fürsorgestelle unterstützt durch Hergäbe von Betten, 
Bettzeug, Nähr- und Kräfttgungsmitteln, ferner durch Ueber 
nahme von Mietgarantien in solchen Fällen, in denen die 
Anmietung einer gesünderen Wohnung nur auf diese Weise 
möglich ist. Weitere Unterstützungen, insbesondere Bar 
unterstützungen, gewährt sie niemals. Die Fürsorgestelle ist 
vielmehr darauf angewiesen, daß sich bei seitens der Armen 
verwaltung unterstützten lungenkranken Personen die Armen 
pflege derart unterstützt, daß die Verhältnisse für eine Be 
kämpfung des Lungenleidens günstig sind. 
Günstige Verhältnisse sind aber geschaffen, wenn die 
Emährungs- und Wohnungsverhältnisse bei einer lungen 
kranken Person oder Familie gute sind. Um solche Vor 
bedingungen zu erreichen, muß naturgemäß die wirtschaft 
liche Lage der betreffenden Person eine gute sein, d. h. ein 
ausreichendes Einkommen vorliegen. 
Die Bedarfssätze der Armenverwaltung können nur die 
Mittel dem Armen gewähren, die zur Fristung des Lebens, 
zu dem sogenannten „notdürftigsten Lebensunterhalt" er 
forderlich sind. Sie bilden nach dem Straßburger System 
der. offenen Armenpflege jedoch keineswegs Ausschlußsätze, 
über die hinaus eine Unterstützung nicht gegeben werden 
darf. Das wäre eine mißverstandene Auffassung der Richt 
linien, die die Bedarfssätze darstellen wollen und sollen! 
Die Vedarfssätze sollen einen Anhalt geben für das. was 
an Einkommen für die arbeitsfähige und gesunde Person 
notwendig ist. Sie können nicht den Fall treffen, in dem 
durch Krankheit oder sonstige besondere Umstände die Auf 
stellung von Normalsätzen unmöglich gemacht ist. Es muß 
vielmehr bei solchen besonderen Fällen der oberste Grundsatz 
jeder guten Armenpflege, in jedem einzelnen Falle indi 
vidualisierend vorzugehen, ganz besonders beachtet und be- 
rücksichtigt werden. 
Diese Individualisierung trifft sowohl die Höhe wie 
auch die Art der Unterstützung, muß in jeder Richtung dem 
durch die Erkrankung vorhandenen Bedürfnisse Rechnung 
tragen. Insbesondere muß bei der Behandlung der Fälle 
lungenkranker Personen beachtet werden, daß eben die Für 
sorgestelle für Lungenkranke, wie erwähnt, nur dann mit 
Erfolg arbeiten kann, wenn Emährungs- und Einkommens- 
Verhältnisse günstige sind. Besteht das Einkommen ganz 
oder zum größten Teil aus Armenunterstützungen, so muß 
sich die Höhe und Art derselben diesem Erfordernis anpassen. 
Was die Höhe der Unterstützung anbetrifft, • so kann bei 
derselben unbedenklich über den Bedarfssatz hinausgegangen 
werden, denn die Bedarfssätze der Armenverwaltung sind 
aufgestellt worden unter Zugrundelegung des Bedarfs für 
arbeitsfähige und gesunde Personen. Für erkrankte Personen 
sind sie niemals als obere Grenze anzusehen. 
Die Art der Unterstützung muß sich ebenfalls in weit 
gehendster Weise individualisierend den Bedürfnissen des 
Fürsorgefalles anpassen. Diese Bedürfnisse erstrecken sich im 
wesentlichen auf gesundes Wohnen, ausreichendes Mobiliar 
(insbesondere Betten), gute, kräftige Ernährung (insbesondere 
Abgabe von Milch). Da lungenkranke Personen in der 
Regel Schwierigkeiten haben bei der Erlangung einer festen 
Arbeitsstelle, neigen dieselben außerdem leicht zum Müßig 
gang und zur Gelegenheitstrinkerei. Die Art der Unter 
stützungen wird sich daher zu richten haben auf: Miet 
garantien zu Händen des Vermieters, Hergäbe von Bett 
wäsche und Decken, Abgabe von Kohlen, Suppe, Brot, 
Gutscheinen für Lebensmittel und ähnliches. 
Es ist selbstverständlich, daß bei dieser spezialisierten 
und im allgemeinen wenigstens erhöhten Unterstützung lungen 
kranker Personen und Familien nicht die Grenze über 
schritten werden darf, die der öffentlichen Armenpflege durch 
Gesetz und Recht gezogen ist. Sie muß den unentbehrlichen 
Patnzkrblut. 
Roman von Aetnh old Ortmann. 
23. (Nachdruck verboten.^ 
yuverlAUnrooer war nachdenklich geworden. Der Be 
such des Schwagers wurde ihm mit einem Male äußerst 
unbequem. Wenn Henry Frederiksen nachher mit einer 
ähnlichen Frage an Helga herantrat, so war tausend gegen 
eins zu wetten, daß sie ihm ihr Herz ausschütten würde, 
und dann konnte es zu Auseinandersetzungen kommen, die 
ihm gerade in diesem Augenblick höchst unerwünscht waren. 
Daruin war es vielleicht besser, wenn er durch eine gewisse 
Offenheit vorbeugte. 
„Hätten nicht von Anfang an so herzliche Bezie 
hungen zwischen uns beiden bestanden, lieber Henry," hub 
er an, „so würde ich dir wahrscheinlich antworten, daß ich 
eigentlich nicht der Mann bin, irgendwelche Einmischung 
in meine ehelichen Angelegenheiten zu dulden. Aber 
zwischen dir und mir liegen die Dinge natürlich anders. Und 
da will ich dir ganz freimütig eingestehen, daß es in der 
Tat augenblicklich so etwas wie eine kleine Verstimmung 
bei uns gibt. Beileibe nichts Ernstliches. Eine törichte 
kleine Eifersüchtelei meiner Frau — nichts weiter. In 
einigen Tagen oder Wochen wird Helga selbst sie als eine 
Kinderei belächeln." 
„Du hast ihr also kernen berechtigten Anlaß gegeben, 
eifersüchtig zu sein?" 
„Rein. — Daß ich mir als Künstler wie als Mensch 
eine gewisse Freiheit wahren muß, wüst du u.s Mann doch 
wohl einsehen. Gegen den Versuch, mich in die Zwangs 
jacke eurer Hamburgischen Moralbegriffe einzuschnüren, 
muß ich mich allerdings energisch oeryiahx.en." 
„Das verstehe ich nicht. Für die Moral in der rrye 
gelten meines Wissens in Hamburg keine anderen Gesetze 
als sonstwo in der Welt." 
„Pardon! Ich habe dir meine offenherzige Mitteilung 
nicht gemacht, weil ich etwa geneigt wäre, mich einem 
Verhör unterwerfen zu lassen oder mein Verhalten irgend 
wie zu rechtfertigen. Ich hoffe, es wird dir genügen, von 
mir zu hören, daß ich vor meinem eigenen Gewissen ohne 
Vorwurf dastehe. Und ich rechne zuversichtlich darauf, daß 
du die Beseitigung des kleinen Mißverständnisses zwischen 
Helga und mir nicht durch eine Einmischung erschwerst." 
Er hatte zuletzt einen ziemlich herrischen Ton an 
geschlagen ; denn der Einwurs seines Schwagers hatte ihn 
gewaltig geärgert. Und es schien ihm nun doch an der 
Zeit, seine Entschlossenheit zur Wahrung seinereheherrlichen 
Rechte angemessen zu betonen. Es wäre ihm ganz recht 
gewesen, wenn Henry Frederiksen daraufhin etwas wie 
einen Streit provoziert hätte, da sich auf solche Art eine 
Aussprache zwischen den Geschwistern vielleicht am besten 
hätte verhindern lassen. Aber der junge Kaufmann war 
offenbar nicht zum Streiten aufgelegt. Er hatte den Kopf 
in die Hand gestützt, wie wenn er über irgend etwas mit 
sich zu Rate ginge, und nach einer geraumen Weile erst 
sagte er ohne alle Gereiztheit: 
„Du kannst in der Tat mit Sicherheit darauf rechnen, 
Hubert, daß ich nicht den Störenfried machen werde. Wenn 
es dir genehm ist, spreche ich im Laufe des Vormittags 
noch einmal vor, um mich von Helga zu verabschieden. — 
Du versprichst mir also, dafür zu sorgen, daß meine 
.Schwester das Geld annimmt und daß sie es unter allen 
Umständen behält?" 
„Ich verspreche es dir nochmals auf das feierlichste. 
Wegen dieses Umstandes brauchst du dich wahrhaftig nicht 
im mindesten zu beunruhigen.. Ucbrigens sollst du ,ür die 
unerwartete Freude, die du mir — und wayricyeinnry uutg 
Helga — durch diese Regelung unserer Geldangelegen 
heiten bereitet hast, nicht ganz unbelohnt bleiben. Ich 
verspreche dir eine großartige Ueberraschung." 
Er halte sich erst jetzt wieder an Helgas Mitteilung 
von der Ankunft ihrer Cousine erinnert, und es war ihm 
gleichzeitig eingefallen, daß früher einmal so etwas wie ein 
Liebesverhälmis zwischen Henry und Margarete bestanden 
hatte. Da hielt er es für ganz selbstverständlich, daß die 
beiden eine gewaltige Freude daran haben müßten, sich 
so unvermutet wiederzusehen, und in seiner burschikosen 
Vorliebe für lustige Ueberrumpelungen dachte er sogleich 
daran, irgendeinen netten, kleinen Lustspielauftritt zu in 
szenieren, an dessen Ende sich alles in eitel Fröhlichkeit 
und Gemütlichkeit auflösen würde. 
Die verständnislos fragende Miene feines Schwagers 
konnte ihn in diesem Vorhaben nur bestärken. 
„Eine Ueberraschung? Hier in München?" 
„Jawohl. Du sollst sie erleben, wenn du nachher 
wiederkommst. Vor der Hand aber wird noch nichts ver- 
raten. Es steht dir also frei, dich auf ganz Außerordent- 
liches gefaßt zu machen." 
Der flüchtige Ausdruck von Erstaunen und Spannung 
war schon wieder aus Henry Frederiksens Zügen gewichen. 
Er sah müde und abgespannt aus wie zuvor, und es ge 
schah wohl nur aus Höflichkeit, daß er erwiderte: 
„Ich bin sehr neugierig. Aber nun will ich dich wirk- 
lich nicht länger aufhalten. Du hast wohl die Freund- 
Ilchkeit, die Richtigkeit der Summe zu prüfen, bis ick 
zurückkehre." ^ 
Hubert geleitete den Fortgehenden artig bis zur Tür. 
um sich da mit derbem Handschütteln von ihm zu ver 
abschieden. Es gefiel ihm nicht, daß die Finger des 
Schwagers nervös und fieberheiß in den seinen zuckten.
        
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