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Periodical volume Nr. 217, 15.09.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Kriedenarree 
An-ltMsche Zeitung für kommunale und bürgerliche 
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fr. 217. 
N 'rtin-Jriedenau, Wonlag, den 15. Septemöer 1913. 
20. Jayrg. 
Oepefeben 
Letzte Nachrichten 
Berlin. Heute Vormittag wurde in dem Hause 
Palisadensir. 69 im ersten Stock des ersten Quergebändes 
eine alle Frau leblos aufgefunden. Es handelt sich um 
eine Frau Fuder, deren Mann vor einigen Tagen Selbst 
mord verüben wollte und wieder aus der Spree gezogen 
wurde. Man brachte ihn in eine Irrenanstalt. Bei den 
Recherchen nach den Angehörigen wurde die Frau vermißt. 
Als man heute früh die Wohnung öffnete, fand man die 
Frau tot am Boden liegend vor. Ein Tuch war über den 
Kopf gebreitet. Die Frau ist anscheinend durch Beilhiebe 
getötet worden. 
Koburg. In der heutigen Nacht ist hier ein mehr 
stöckiges Wohnhaus eingestürzt. Ueber 20 Personen wurden 
unter den Trümmern begraben. Bis heute Morgen sind 
vier Tote und sechs Verwundete geborgen morden, man 
fürchtet, daß die anderen zehn Verschütteten tot sind. Die 
Ursache des furchtbaren Unglücks war eine Gasexplosion, die 
die Bewohner im Schlaf überraschte. 
Osnabrück. Der Flieger Lübbe, der sich auf dem 
Fluge von Berlin nach Paris befindet, war in Rheine 
wieder aufgestiegen, um seinen dort gestern unterbrochenen 
Flug fortzusetzen. Bei Hoestel mußte er wieder im Gleitflug 
landen. Dabei geriet seine Rumplertaube in eine Eichen 
waldung und der Apparat wurde vollständig zertrümmert. 
Lübbe war zunächst bewußtlos, erholte sich aber bald. 
Budapest. Professor Hermann Vamböry, einer der 
bedeutendsten Orientalisten und Forschungsreisenden der 
Gegenwart, ist heute früh im Aller von 81 Jahren in 
Budapest gestorben. 
Rom. Eine der großen Papierfabriken von Tivoli 
— die Stadt ist ein Brennpunkt der Grobpapierindustrie — 
steht in Flammen. Die untere Stadt ist ernstlich bedroht. 
Bon Rom aus ist ein Löschzug abgegangen. 
Posen. Bei der Vorführung von Reklame-Lichtbildern 
wurden die polnischen Firmen von den zahlreich erschienenen 
Polen mit brausenden Beifallskundgebungen begrüßt. Als 
aber später Bilder der kaiserlichen Familie sowie Bismarcks 
und Moltkes vorgeführt wurden, die von den deutschen Be 
suchern des Zirkus bejubelt wurden, demonstrierte eine 
große Anzahl Polen durch lautes Pfeifen. Da die Vor 
führung im verdunkelten Zirkus stattfand, konnten die 
Demonstranten nicht festgestellt werden. 
' t Mannheim. Gestern Abend entlud sich über Mann 
heim ein schweres Gewitter, das von einem Hagelschlag be 
gleitet war, wie man ihn seit Menschengedenken nicht mehr 
gesehen hat. Die Straßen waren mit Schlossen besät. Das 
Gewitter hatte außerdem einen Regenguß mit sich gebracht, 
der mehrere Stadtteile unter Wasser setzte. Allem Anschein 
nach hat das Unwetter auch in der Umgegend großen 
Schaden angerichtet. 
Krakau. In der Stadt Cahabowka stieß gestern der 
nach Krakau fahrende Personenzug mit einer Vorschub- 
lokomotive zusammen, wobei die beiden Lokomotiven und 
mehrere Personenwagen zertrümmert wurden. 13 Passagiere 
und zwei Bahnbedienstete wurden mehr oder weniger 
verletzt. Der Verkehr wird durch Umsteigen aufrecht erhalten. 
Florenz. Hier ist die aus dem 13. Jahrhundert 
stammende bekannte St. Lorenz-Kapelle niedergebrannt. 
Rom. Im Theater Verdi wurde ein Stück gegebenen 
dem sich zum Schluß die Heldin mit einem Rasiermesser 
die Kehle durchschneidet. Die Schauspielerin Sainati erhielt 
durch ein Versehen des Bühnenmeisters ein wirkliches Rasier 
messer und verletzte sich damit lebensgefährlich. 
Paris. Ein Reserveapparat der Flugabteilung der 
Armee des Generals Chomer, der gestern Nachmittag in 
Earassone aufsteigen sollte, hatte mit Schwierigkeiten zu 
kämpfen, und es wurde der Maschine schwer, den Boden 
zu verlassen. Nach mehreren f Sprüngen drehte sich der 
Apparat plötzlich nach links und fuhr in das Publikum 
hmein. Vier Personen wurden durch den rotierenden Pro 
peller mehr oder weniger schwer verletzt, die Maschine 
schlug um und wurde zertrümmert, doch blieb der Pilot 
unbeschädigt. 
Madrid. Während eines Stiergefechts, das in Miguel- 
turra in der Provinz Ciudad Real abgehalten wurde, ging 
plötzlich ein starker Regen nieder. Das Publikum .flüchtete 
in die Logen. Diese waren aber aus Holz konstruiert und 
für eine so große Belastung nicht geeignet. Infolge der 
Ueberlastung brach die Veranda, auf der die Logen standen, 
zusammen. 50 Personen, meist Frauen und Kinder, stürzten 
aus einer Höhe von 20 Metern in die Tiefe und erlitten 
mehr oder minder schwere Verletzungen. 
lokales 
(Nachdruck unserer o-Orlginalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Vom Urlaub zurück. Der Standesbeamte Herr 
Hauptmann a. D. Bettermann hat seinen Urlanb beendet 
und seine Amtstätigkeit wieder aufgenommen. 
o Der Rathausbauausschust ist am Sonnabend Abend 
von seiner Reise nach Leipzig zurückgekehrt. An: Donners 
tag früh wurde die Fahrt angetreten. An ihr nahmen elf 
Herren teil. Unter Führung der Herren Baurat Altmann 
und Architekt Duntz besichtigte man Vormittags die öffent 
lichen Gebäude von Leipzig. Nachmittags die Baugewerks 
ausstellung. In der Ausstellung lernten die Herren vieles 
kennen, was für den inneren Ausbau und die Ausstattung 
unseres Rathauses inbetracht konimen kann. Auf den Be 
sichtigungsfahrten wurdem u. a. das neue Leipziger Rathaus, 
das Krematorium nebst Urnenhalle und der Friedhof be 
sichtigt. Das Leipziger Krematorium ist das größte von 
Deutschland. Die sich an das Thüringer Dorf in der Aus 
stellung anschließenden Friedhofsanlagen ähneln denen des 
Waldfriedhofs in München. Auch Leipzig-Rosenthal und 
das Völkerschlachtdenkmal wurden in Augenschein genommen. 
Aus dem reichhaltigen Programm ersieht man schon, daß 
die Leipziger Tage für die Herren recht anstrengende waren. 
Aber es waren lehrreiche Tage, an denen wichtige Kenntnisse 
zu Nutz und Frommen unserer Gemeinde gesammelt 
worden sind. 
o Der Maulkorbztvang für Hunde in Friedenau 
wiedereingeführt! Der Regierungspräsident'zu Potsdam 
hat sich dem Vorgehen des Berliner Polizeipräsidenten an 
geschlossen und die Hundesperre für einen großen Teil der 
Berliner Vororte erneut angeordnet und bis zum 15. No 
vember d. Js. ausgedehnt. Es ist das jedoch die mildere 
Form der Hundesperre, wonach der Leinenzwang nicht in 
Anwendung kommt. Die Hunde können unter gewissen 
hafte Ueberwachung, jedoch mit einem sicheren Maulkorb 
versehen, frei umherlaufen. Wir verweisen auf die amtliche 
Bekanntmachung in dieser Nummer. Von den Ortschaften 
iin Kreise Teltow kommen außer Berlin-Friedenau noch 
folgende inbetracht: Steglitz, Lichterfelde, Schmargendorf, 
Dahlem, Lankwitz, Südende, Marienfelde, Mariendorf, 
Grunemald, Grunewald-Forst, Zehlendorf, Wannsee, Nikolas 
see, Schlachtensee, Schönow, Düppel, Tempelhof, Britz, 
Treptow, Niederschöneweide und Johannisthal. Ferner 
fallen in den Bezirk der Hundesperre einige Vororte aus 
den Kreisen Niederbarnim und Osthavelland, sowie der 
Stadtkreis Spandau. — Wie uns hierzu noch gemeldet 
wird, ist die Tollmutepidemie jetzt auch in den 
Priegnitzer Kreis eingeschleppt worden. Sie wurde in der 
Ortschaft Vehlgast amtlich festgestellt. Ueber einen größeren 
Bezirk der Priegnitz ist daher die Hunde- und Katzensperre 
verhängt worden. Wahrscheinlich ist die Epidemie aus dem 
Kreise Westhavelland eingeschleppt morden. 
o Stelleuauzeiger für die Arbeiterversicherung. Der 
Minister für Handel und Gewerbe hat das Oberversicherungs 
amt Groß-Berlin in Charlottenburg (Berliner-Straße Nr. 1) 
mit der Herausgabe eines Stellenanzeigers für die Arbeiter 
versicherung beauftragt, der nach Bedarf erscheinen soll. In 
dem Anzeiger sollen alle Stellengesuche und Stellenangebote 
veröffentlicht werden, die sich auf die Beschäftigung im Ge 
schäftsbetriebe der Krankenkassen, Berufsgenossenschaften und 
Versicherungsämter beziehen, soweit es sich nicht um Stellen 
handelt, deren Besetzung durch Beamte erfolgt. Der Ver 
öffentlichungspreis beträgt für Stellenangebote die 48 mm 
breite Zeile 25 Pfg., für Stellengesuche 10 Pfennig. Alle 
Gesuche um Aufnahme von Anzeigen sind ausschließlich an 
das Oberversicherungsamt Groß-Berlin, alle Geldsendungen 
an die Firnia Carl Heymanns Verlag (Berlin W 8) zu 
richten, die die Drucklegung des Anzeigers besorgt. Einzelne 
Nummern werden gegen Einsendung von 10 Pfg. postfrei 
zugesandt. Der Stellenanzeiger erscheint vorläufig als Bei 
lage des Ministerialblatts der Handels- und Gewerbever 
waltung. 
o Zur Ausbildung hauptamtlicher Lehrer an ge 
werblichen Fortbildungsschulen beabsichtigt der Minister 
für Handel und Gewerbe von Ostern n. Js. ab wiederum 
einen Seminarkursus von einjähriger Dauer zu veranstalten. 
Der Kursus wird in Berlin uüter Leitung des Landes 
gewerbeamts stattfinden und durch eine Prüfung abgeschlossen 
werden. Der Unterricht wird sich auf Pädagogik unter be 
sonderer Berücksichtigung der Orgarnisation der Fortbildungs 
schulen, der Methoden ihrer Unterrichtsfächer und der 
Jugendpflege erstrecken und außerdem Geschäftskunde, 
Bürgerkunde und Einführung in das gewerbliche Zeichnen 
Patnztcrblut. 
Roman von Zieknhold Ortmann. 
22. (Nachdruck verboten.1 
Das Mädchen ging. Hubert fuhr mit dem Kopf in die 
Waschschüssel, um die legten Nachwirkung n der durch 
schwärmten Nacht zu verscheuchen, und kleidete sich hastig 
an. Als er nach Verlauf von kaum fünf Minuten seinen, 
Schwager gegenübertrat, fühlte er sich so klar und nüchtern 
wie je, und er musterte den Besucher mit einem schnellen, 
scharfen Blick, wie um sich aus seinem Aussehen darüber 
zu unterrichten, welche Haltung er von vornherein ihm 
gegenüber einzunehmen habe. 
Und er war mit dem Ergebnis der kurzen, stummen 
Prüfung sehr wenig zufrieden. Henry Frederiks.n hatte 
sich eit ihrer letzten Begegnung nicht zu feinem Vorteil 
verändert. Sein schmales, feines Gesicht war erschreckend 
hager geworden, und es war wohl nicht einzig aus 
Rechnung der dämmerigen Morgenbeleuchtung zu setzen, 
daß seine Wangen beinahe aschfahl erschienen. In seiner 
Haltung freilich verriet sich nichts von ungewöhnlicher Er 
regung und wenn die ruhige Unbefangenheit, mit der er 
dem Maler die Hand entgegenstreckte, eine eryeuchelte 
war, so besaß er jedenfalls eine bewllnderungswürdige 
Herrschaft über seine Nerven. 
Guten Morgen, Hubert! Ich habe um Entschuldigung 
zu bitten, daß ich dich schon so früh aus den Federn 
tagte Aber ich kann mich nicht lange in München -.In 
halten, und ich hatte triftige Gründe für den Wunjcy 
unsere Angelegenheit so bald als möglich zu erledigen. 
Da- klang b.fremdlich,.aber doch nicht gerade wie die 
Einleitung zu eine», p.iulnyen wtglunvms, unu j;uum 
sah darum keine» Anlaß, dem Bruder feiner Frau den 
freundschafilichen Händedruck kordialer Begrüßung zu ver 
sagen. 
„Dein Besuch ist mir selbstverständlich zu jeder Stunde 
des Tages und der Nacht gleuh angenehm," sagte er, 
nun ebenfalls nach Kräften bemüht, seine unruhige Spannung 
zu verberge». „Aber das mit dem kurzen Aufenthalt ist 
doch wohl nicht ganz buchstäblich zu nehmen. Da wir 
dich einmal glücklich hier haben, werden wir dich selbst 
verständlich auch nicht so bald wieder loslassen. Du 
kommst gerade recht, um unser großes Künstlersest mit 
zufeiern." ^ ^ 
Mit einerGeste derUngeduldschüttelteHenry Fredenksen 
den Kopf. v . m . 
„Von Vergnügungen kann für mich nicht die Rede 
sein, Hubert! Die Veranlassung zu meiner Reise nach 
München ist eine rein geschäftliche. Ich habe vor einigen 
Tagen einen Brief von Helga erhalten, dessen Inhalt dir 
vermutlich bekannt ist." 
Al»,rüder wurde plötzlich ernst und zurückhaltend. 
„Ah, sie hat also doch an dich geschrieben, obwohl 
ich sie ausdrücklich ersuchte, es nicht zu tun! Ich kann 
mir ja ungefähr denken, weshalb es geschehen ist; aber 
von dem Inhalt des hinter meinem Rücken geschriebenen 
Briefes weiß'ich nichts." 
„Nun, am Ende ist das ja auch gleichgültig. Denn 
Holgas Brief hat jetzt keine weitere Bedeutung mehr, als 
daß er für mich Veranlaffung geworden ist, mir Klarheit 
über gewisse Verhältnisse zu schaßen, bei deren Beurteilung 
ich bis dahin das Opfer einer argen Täuschung gewesen 
tüal ' w ,21ti l Das soll doch nicht etwa heißen, daß die 
Warnung deines Vetters eine berechtigte war — oder am 
Ende gar, daß sie bereils zu spät gekommen ist?" 
„Ob sie zu spät gekommen ist oder nicht, für dich 
und Helga ist das ohne Belang. Denn es ist selbstver 
ständlich, daß ihr durch mich keinen Schaden an eurem 
Vermögen erleiden dürft. Ich habe den Betrag, den ich 
Helga schulde, flüssig gemacht, und ich bin gekommen, 
um euch das Geld persönlich zu übergeben." 
Wie die süßeste Musik waren diese Worte dem Maler 
an das Ohr geklungen, und er machte gar keinen Versuch, 
die heiße Freude zu verhehlen, die mit einem Male von 
seinem ganzen Wesen Besitz ergriffen hatte. 
„Das nenne ich ehrenhaft gehandelt, Henry I Aber du 
kannst versichert sein, daß hier bei uns niemals der geringste 
Zweifel an deiner Honorigkeit bestanden hat. Ich sagte 
dir doch schon, daß ich Helga ausdrücklich verboten hatte, 
dir zu schreiben, weil ich fürchtete, du könntest darin ein 
Zeichen des Mißtrauens erblicken." 
Henry Fredenksen, der jetzt müde und schlaff in einem 
der Lehnstühle saß, erhob mit einem schmerzlichen Zucken 
der Mundwinkel die Hand. 
„Es war sehr freundlich von dir; aber lassen mir 
meine Honorigkeit aus dem Spiel. Ich habe dich unter 
vier Augen sprechen wollen, weil ich das Kapital lieber in 
deine Hände legen wollte als in die meiner Schwester. Und 
du mußt mir versprechen, Hubert, deinen ganzen Einfluß 
auf Helga dahin geltend zu machen, daß .sie nicht etwa 
die Annahme verweigert." 
„Nun, wenn es weiter nichts ist," lachte der Maler, „das 
Versprechen gebe ich dir herzlich gern. Uebrigens, warum 
sollte sie denn auch die Entgegennahme ihres rechtmäßigen 
Eigentums verweigern? Wenn du es nicht entbehren 
könntest, würdest du ja mit der Erstattung vermutlich noch
        
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