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Periodical volume Nr. 216, 14.09.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

sich in der letzten Zeit sehr.gehäuft. Unendlich schwer hält 
es, heute noch zweite Hypotheken zn bekommen. Der 
Handelstag ivird sich mm mit dieser Angelegenheit be 
schäftigen. Die Anregung hierzu ist von der Münchener 
Handelskammer ausgegangen, die eine Eingabe an den 
Handelstag gerichtet hat, in der es heißt: Es ist eine viel 
erörterte und beklagte Tatsache, daß sich im Wirtschaftsleben 
der Gegenwart eine Kreditnot des Grundbesitzes entwickelt 
hat, welche insbesondere in dem Mangel an Leihkapital für 
zweite Hypotheken ihren beredten Ausdruck findet. Nicht 
allein durch die Verhältnisse des Geldmarktes, und die 
politische Lage, sondern namentlich durch eine Reihe von 
'Gesetzesvorschriften wurde das Privatkapital vom.Hypotheken- 
markt verscheucht. Ganz besonders richteten sich die überaus 
schädigenden Wirkungen dieser Gesetzesvorschristen gegen die 
Gläubiger mit. zweiten Hypotheken, die kleinen Reptner, 
Bauhandwerker usw. Es erscheint daher als eine der 
dringlichsten Aufgaben, eine Abänderung bezw. Befestigung 
dieser Gesetzesvorschriften anzustreben, um für den Hypotheken 
gläubiger einen gegenüber dem gegenwärtigen Rechte er 
heblich vermehrten Rechtsschutz herbeizuführen, und es 
dadurch zu ermöglichen, das Privatkapital wieder in. 
erhöhtem, Maße dem Kreditbedürfnisse des Grundbesitzes zu 
zuleiten. Im Hinblick auf diese Erwägung, sowie im 
Anschluß an eine Reihe von Eingaben hielt sich die 
Münchener Kamnier zu einem Vorgehen nach dieser Richtung 
hin einfach verpflichtet. In ihrer letzten Sitzung war daher 
die Frage der Erweiterung des Schutzes der Hypotheken 
gläubiger Gegenstand eingehender Beratung. Die Kammer 
stellte sich hierbei auf den Standpunkt, daß man sich nicht 
damit begnügen dürfe, die eine oder andere als besonders 
nachteilig empfundene Vorschrift abzuändern, sondern daß 
das ganze Gebiet der für den Schutz des Hypotheken 
gläubigers in Betracht kommenden Gesetzesvorschristen nach 
einheitlichen Gesichtspunkten, und zwar vornehmlich unter 
dein Gesichtspunkte der Sicherstellung der an zioeiter Stelle 
eingetragenen Hypotheken, neu geregelt werden müsse. Die 
Kammer will daher beantragen, daß das Biirgerliche Gesetz 
buch in dem § 1124 geändert werde. Es soll dort heißen: 
Mit der Beschlagnahme eines Grundstücks zum Zwecke der 
Zwangsverwaltung sollen künftighin alle Verfügungen über 
den noch nicht fälligen Miet- unh Pachtzins, mit Aus 
nahme der Vorauszahlung und der Aufrechnung, unwirksam 
werden. 
o Die Umänderung des Straftenbahndammes in 
der Nheinstrafte ist auf der östlichen Seite dcr.Rheinstraße 
zwischen der Schöneberger Grenze und der Haltestelle „Kaiser 
eiche" bereits vollendet. Es ist hier ein einfacheres und 
billigeres Verfahren zur Anwendung gekommen, als in 
Steglitz. Dort wurde bekanntlich der Unterbau für die 
Gleise betoniert. Hier hat man einfach Steinschotter ver 
wendet und darüber Erde festgewalzt. Die Schienen selbst 
ruhen auf eisernen Schwellen. Auf den festgewaizten Erd 
boden haben nun unsere Gemeindegärtner Gartenerde auf- 
geschiittet und diese mit Grassamen versehen. Bei dem 
immerhin noch günstigen Wetter dürfte die Gleisbahn auf 
dieser Strecke bald eine grüne Rasenfläche bilden. 
o Altweibersommer. Die schönen Tage im September 
bringen, uns auch wieder jene feinen glänzenden Gespinnste, 
welche die milde Herbluft durchsegeln und welche man im 
Volksmunde mit dem Namen Altweibersommer belegt. Die 
zarten Fäden entstammen einer kleinen Spinne, welche, im 
Herbst in großen Mengen auftritt und auf dem seidenartigen 
Gespinnste durch die Luft fliegt, wohin es der laue Herbst- 
wind treibt. Bald hier, bald da bleibt es hängen, bald 
reißt ein mutwilliger Windstoß das leichte Luftschiff wieder 
los und weiter geht's im goldenen Sonnenschein ^ wieder bis 
zu einer Haltestelle. Gewöhnlich sind es noch sehr schöne 
und klare Tage, an welchen wir jene kleinen Fahrzeuge be 
obachten können, und d.och sind sie. eine dringende Mahnung 
an den rauhen und kalten Herbst, welcher nun bald sein 
Regiment antreten wird. 
o Gegen die Schwindelanzeigen wird mehr und 
mehr Nachteiliges bekannt. Es kommt nämlich nicht nur 
der Darlehnsschwindel in Frage, sondern mit diesem ein 
anderer Schwindel, der damit im Zusammenhang steht und 
gerade die Aermsten trifft, diejenigen, die sich irgend eine 
Beschäftigung suchen, um etwas zu verdienen. „5 bis 
10 Mark täglich" könne man verdienen, evtl, „garantiert", 
heißt es. Es kostet nicht viel: so etwa 1,50. M. gegen 
Nachnahme. Der Arbeitslose denkt sich, es muß doch etwas 
Wahres daran sein, sonst stände es nicht in einem so 
aroßen ausgerechnet so angesehenen Blatte. Schreibt hur. 
Prompt kommt die Nachnahme. 1,50 M. „Na, wird 
bald wieder verdient sein", denkt der Interessent und lost 
die Nachnahme ein. Was hat er erhalten? Ein kleines 
Büchelchen, in dem steht, daß er Adressen von Darlehns 
suchern sammeln soll! Fürs Tausend gibt's 3 bis 4 M. 
Wenn er jeden Tag 2500 Adressen darlehnssuchender Leute 
Zammelt, bat er „garantiert" 10—12 M. verdient! Der wie 
vor den Kopf Geschlagene denkt: Wieder einer von denen, 
die nicht alle werden! Damit meint er sich. Aber was 
wird mit den Adressen? Die muß er dem Agenten ein 
senden, der ihn mit der Nachnahme beglückte. Dieser „hat" 
daran seine Provision, denn er gibt sie an die „Ver 
mittelungszentrale" iveiter. Von da ans werden die 
unglücklichen Darlehnssucher mit Angeboten von „Selbst 
gebern" beglückt, und wer darauf hineinfällt, kommt über 
die „Vorschüsse" oder „Anzahlungskosten', die er einsenden 
muß, nicht hinaus. Man sieht, es handelt sich hier um 
eine vollendete Organisation, um denen, die der Hilfe be 
dürfen. noch das letzte Bargeld aus der Tasche zu ziehen! 
Ein einziger solcher Wohltäter der Menschheit, der sich stolz 
als „Generalvertreter diverser Geldvermittlungs Institute" 
nennt, hat nachgewiesenermaßen in einem Jahre über 4500 
obiger Nachnahmen an ebenso viele arme Teufels in Deutsch 
land ausgesandt; macht allein an die 7000 M., ohne die 
sonstigen Provisionen! Die Organisation ist eine so. vorzüg 
liche, daß sie ganz großartig klappt und nirgends in den 
Maschen des Gesetzes hängen bleibt. Also Vorsicht! 
o Auf dem Büro der Potsdamer Handelskammer, 
Sitz Berlin. Berlin C. 2, Klosterstr. 41. liegen Listen 
zweifelhafter Firmen in Egypten, Belgien, Niederlande, 
Oesterreich-Ungarn und der Schweiz zur Einsichtnahine für 
Interessenten aus. 
o Der Haus- und Grundbesitzer-Verein in Berlin- 
Friedenau hält seine erste Monatsoersammlung nach den 
Fersen am Freitag, dem 10. September 1913, Abends 
8*/ 2 Uhr im Saale des Restaurants „Kaisereiche", Rhein 
straße 54 ab. Die Tagesordnung lautet: Verlesung und 
Genehmigung des Protokolls. Geschäftliche Mitteilungen. 
Aufnahme und Anmeldung neuer Mitglieder. Antrag des 
Garlenbauvereins auf Gewährung der alljährlichen Beihilfe. 
Aussprache über etwaigen Beitritt zum Bund der Haus 
und Grundbesitzer-Vereine Groß-Berlin. Jntcreffenfragen 
und Fragekasten. 
o Der Verein der Nahrungsmittelbranche von 
Friedenau hielt nach den Sommerferien am Mittwoch, 
dem 10. d. M., im Kaiser-Wilhelm-Garten seine Monats 
versammlung ab. Der Vorsitzende, Herr Habermann, 
begrüßte die zahlreich erschienenen Mitglieder und gab die 
reichhaltige Tagesordnung bekannt. Er teilte sodann die ein 
gegangenen Schreiben mit. Das vom Schriftführer Herrn 
Lange zur Verlesung gebrachte Protokoll der Jnni-Sitzung 
wurde ohne Widerspruch angenommen. Neu angemeldet 
hat sich der Nachfolger des Kollegen Winkelmann, Herr 
Behling, über dessen Aufnahme in nächster Sitzung abge 
stimmt werden soll. Der Schriftführer berichtete nun über 
ein Schreiben des Rabatt-Sparbundcs Groß-Berlin. Er 
führte aus, mit welch schwerer Konkurrenz der Handel- und 
Gewerbestand heule zu kämpfen habe, da wären die Beamten- 
und Konsunwereine, die Warenhäuser, der geheime Waren 
handel und die großkapitalistischen Filialbetriebe, die den 
Handel- und Gewerbestand durch Lockartikel und Gewährung 
von Rabatt in sehr empfindlicher Weise schädigen. Darum 
sollen sich die Geschäftsleute, um sich dieser Konkurrenz zu 
erwehren, entschließen, auch Rabattmarken einzuführen und 
ihrer Kundschaft verabfolgen. Zn diesem Zwecke empfahl 
Redner die Rabattmarken des Bundes, dem der Verein ja 
körperlich angeschlossen sei. Bei dem Punkt: „Der 
Markt der Gemeinde in der Rheingaustraße", ent 
spann sich eine sehr lebhafte Aussprache. Hauptsächlich 
wurde gegen den sogen. Privatmarkt der Gemeinde energisch 
protestiert. Dieser Markt sei vollkommen überflüssig, da ja 
zur Genüge Kaufgelegenheit vorhanden sei und täglich 
Märkte in Friedenau sowie den angrenzenden Orten statt 
fänden. Es werde gar keine Rücksicht ans die ansässigen 
Kleinhändler genommen; bedauerlich sei es aber, daß sich 
die Hausbesitzer nicht ins Mittel gelegt haben gegen die 
Abhaltung des Marktes. Der Vorstand habe es sich nicht 
nehmen lassen, mit dem Gemeindevorstand sowohl wie mit 
Herrn Lichtheim wegen des Marktes Rücksprache zu nehmen. 
.Es wurde den Herren vor Augen geführt, wie schwer der 
ansässige Handel- und Gewerbetreibende durch die große 
Zum Wohmulgsltmzug veröffentlicht der Amts 
vorsteher im amtlichen Teile dieser Nummer die Bestimmungen 
über die Räumung der Wohnungen. Darnach müssen zwei 
Zimmerwohnungen am l. Oktober, 3—4 Zimmerwohnnngcn 
bis zum 2. Oktober, mittags 12 Uhr, und größere Woh 
nungen bis zum 3. Oktober mittags 12 Uhr geräumt sein. 
Bei 3 Zimmerwohnungen muß jedoch ein Wohnzimmer, 
bei Wohnungen von 4 und mehr. Zimmern müssen jedoch 
zwei Wohnzimmer dem neu einziehenden Mieter am 
1. Umzugstage vollständig geräumt zur Verfügung gestellt 
werden. 
o Charakterverleihuug. Dein Hauptstr. 84 wohnenden 
praktischen Arzt Dr. A. Samtcr ist der Charakter als 
Sanitätsrat verliehen worden. 
o Beförderung. Der st In 8uito der Armee stehende 
Generalmajor v. Wrochem, Beisitzer beim Reichsmilitär- 
geticht, ist zum Generalleutnant ernannt worden. 
Generalleutnant v. Wrocheni wohnt seit vielen Jahren in 
Friedenau, Kirchstr. 28. 
o Ueber die Gehaltsverhältnisse der.Polizeibeamten 
in den zu Großberlin gehörenden Landgemeinden finden 
gegenwärtig an zuständiger Stelle Erhebungen statt. Unter 
anderem ist festgestellt worden, daß Friedenau den Vorzug 
hat, den geringst dotierten Polizeiwachtmeister von a'l en in 
Betracht kommenden Landgemeinden , zu haben. Der etwa 
ebenso viel Einwohner wie Friedenau zahlende Friedenauer 
Ortsteil von Schöneberg hat in seinepr Revierbüro drei 
Wachtmeister, zur Verfügung, wir nur einen, der noch dazu 
das Gemeindebotenwesen zu leiten und infolge dessen den 
anstrengensten Dienst aller Großberliner Polizeiwachtmeister 
zu machen hat. 
o Die Wandelhalle in Friedenau. In weiteren 
Kreisen, so wird uns geschrieben, trägt man sich hier mit 
der Absicht, in Friedenau eine gedeckte Wandelhalle zu er 
richten, in der sich besonders ältere Leute ergehen und evtl. 
Brunnen, trinken können. Ueber den Ort der Errichtung — 
ob beim Turnplatz am Virkenwäldchen oder wo anders — 
ist noch nichts erörtert worden. Die Idee selbst ist akzeptabel, 
schon mit Rücksicht auf die vielen alten Herrschaften, die hier 
einen ruhigen Lebensabend Juchen. Es ist selbstverständlich, 
daß Dienstboten und Kindern der. Aufenthalt in der im 
Sommer offenen, im Winter durch Glaswände geschlossenen 
und geheizten Halle verboten sein muß. Durch den regei- 
mäßigen Brunnenvertrieb kann die Kostendeckung erfolgen 
und dann hätte Friedenau etwas Neues, was die anderen 
Berliner Vorortgemeinden nicht haben: eine besondere An 
ziehungskraft für besser situierte Leute. In der nächsten 
Sitzung des hiesigen Hans- und Grundbesitzervereins wird 
— wie wir hören — diese Sache zur Sprache kommen und 
cs steht zn hoffen, daß sich die Friedenauer Verwaltung ein 
mal mit einer lobenswerten Energie dazu aufschwingt, etwas 
derartiges, praktisches zu schaffen. Wer lebt, wird sehen! F. 
o Der Wunsch als Vater des Gedankens. Wir 
lesen in der Berliner Presse: 
Eine Regelung der Verkehrsvcrhältnisse im Friedenauer Orts- 
tcil der Wannscebahn steht jetzt endlich bevor. Gs schweben gegen 
wärtig neue Verhandlungen wegen Durchführung von Straßen 
bahnlinien von der Hauptstraße direkt durch die Rubensstraße. 
Schon seit Jahren bemühen sich die Bewohner dieses Ortsteils, 
direkte. Stratzcnbahnvcrbindungen zu erhalten. Bisher wurden 
aber zwar wiederholt Verbesserungen in Aussicht gestellt, aber nie 
ausgeführt. So hieß cs auch im vergangenen Jahre, daß die 
Durchführung von Straßenbahnlinien direkt durch die Rubensstraße 
bevorstünde. 
Wie wir hören, hat die Straßenbahngesellschast das 
Ansinnen, mehrere durch Friedenau, führende Linien durch 
die Rubensstraße gehen zu lassen, abgelehnt, schon aus dein 
Grunde, iveil die Aufsichtsbehörden nicht damit einverstanden 
sein würden. 
o Mode für Alle. Wir bringen hellte wiederum eine 
Seite „Mode für Alle" und bemerken dazu abermals, daß 
sämtliche Schnitte zum Preise von je 50 Pf. durch unsere 
Geschäftsstelle, Rheinstr. 15, zu beziehen sind. 
o Der Bau der katholischen,. St. Marienkirche in 
der Laubacher Straße, im Zuge der Schwalbachcr Straße, 
ist bereits bis zum Kuppelbau gediehen. Das der Schwal- 
bacher Straße zugekehrte Hauptportal läßt schon jetzt 
seine schöne Form erkennen. Während mit dem Aufbau 
des Daches für das Schiss bereits begonnen ist, schreitet 
anch der Turmbau rüstig vorwärts. 
o Grnndstücksverkauf. Das Hausgrundstück Friedenau 
Offenbacherstr. 25 ist in anderen Besitz übergegangen. 
o Gegen die Hypothekennot. Die Klagen, daß das 
Privatkapital sich vom Hypothekenmarkt zurückziehe, haben 
als cr jetzt auf den Fußspitzen dem Schlafzimmer zustrebte, 
dessen Tür er mit der größten Behutsamkeit öffnete, in der 
Hoffnung^ Helga schlafend zu finden, wie er sie ja in der 
letzten Zeit bei seiner Heimkehr noch immer gefunden hatte. 
Dann aber wich der Ingrimm einer Empfindung jäher 
Bestürzung, als er das Bett seiner Frau leer und un 
berührt sah. 
„Sie ist fortl Sie hat mich verlassen!" Das war der 
erste Gedanke, der sein jetzt wieder ganz klar gewordene- 
Hirn durchzuckte. Und so gewaltig, so betäubend war 
die,Wirkung dieser Borstellung, daß er sich auf einen Stuhl 
niederlassen und den wirbelnden Kopf in seine beiden Hände 
stützen mußte. 
Das — nein, beim Himmel — das hatte er nicht ge 
wollt. Und dazu hatte er ihr nach seiner Ueberzeugung 
ja- auch keine Veranlassung gegeben.- Heute wenigstens 
hatte er ihr noch keine Veranlassung dazu gegeben! 
„Auf morgen, mein Freund!" klung es ihm wie ein 
süßes, lockendes Vogelgezwitscher im Ohre wieder. Und er 
gab seinen Gedanlen gewaltsam eine andere Richtung, als 
eine fatale Stimme in seinem Innern fragen wollte: 
„Würde sie auch morgen noch keine Veranlassung ge 
habt haben, dich zu verlassen?" 
„Sie kann doch nicht fortgegangen sein, ohne mir eint 
Zeile zurückzulassen," sagte er bei sich selbst, und stand aus 
um in den anderen Zimmern nach einer Mitteilung dei 
Verschwundenen zu suchen. Er sah den geschlossenen 
Brief auf dem Tische seines Gemaches, und er ließ rstohl 
eine Minute verstreichen, ehe er sich dazu aufraffte, den 
Umschlag zu lösen. 
Dann aber lachte er laut auf und schlug sich mit der 
Hand vor die Stirn, wie einer, der seiner eigenen Narr 
heit spottet. Ein Frcmdenbejuch, der sic für eine Nacht in 
ein anderes Zimmer genötigt hatte — weiter nichts! Und 
cr war närrisch genug gewesen, an den heroischen Schritt 
einer tödlich tn ihrer weiblichen Ehre Getränkten zu 
glauben l 
Wahrhaftig! Sein Gewissen mußte von verdammt 
schwächlicher Konstitution sein, wenn es ihn Gespenster 
sehen ließ, nur weil, sein Benehmen an diesem Abend 
vielleicht nicht ganz das eines musterhaften Ehemannes 
gewesen warl Dem heftigen.Erschrecken folgte eine um 
so stärkere Reaktion. Das Unbehagen, das ihn als unein 
gestandener Selbstvorwurf so lange gequakt hotte, war mit 
einem Male verschwunden, und an seine Stelle war ein 
Gefühl des Aergcrs gegen dieselbe Frau getreten, um deren 
Verlust cr noch eben gezittert hatte.' Jedenfalls würde er 
ihr morgen ernste Vorhaltungen wegen ihres lächerlichen 
Betragens machen. Oder — und alles Blut drängte ihm 
bei dieser Vorstellung wieder heiß zum Herzen — oder er 
würde ihre kleinliche Eifersucht dadurch strafen, daß er gar 
keine Notiz davon nahm, daß er ihren vorzeitigen Auf 
bruch aus dem Künstlerhause wie etwas ganz Selbstver 
ständliches mit Stillschweigen überging, und daß er sich in 
seinem Verkehr mit. der Gräfin auch weiterhin nicht den 
geringsten Zwang auferlegte. 
Als feine Gedanken bis zu diesem Punkt gelangt 
waren, hatte er seine gute Laune vollständig zurückge 
wonnen. Leise vor sich hinträllernd kehrte er in das ein 
same Schlafzimmer zurück, und noch im Entschlummern 
spielte ein zufriedenes, hoffnungsvolles Lächeln um seine 
Lippen. 
12. Kapitel. 
Dreimal hatte das Mädchen an die Tür des Schlaf 
gemaches klopfen müssen, ehe der Maler aus seinem 
tiefen, gesunden Schlafe erwachte. 
Huberts Blick streifte die Taschenuhr auf dem Nachtkäst 
chen, während er- die Aufforderung zum Eintritt ergehen 
ließ, und verdrießlich fuhr er die Dienerin an: 
„Was ist denn geschehen, daß Sic mich in aller 
Herrgottsfrühe stören müssen? Es ist ja kaum sieben 
Uhr vorüber." 
„Ich bitte uni Entschuldigung, Herr Almröder — aber 
es ist ein Herr gekommen, der Sie durchaus gleich sprechen 
möchte. Er hat mir diese Karte für Sie gegeben." 
„Henry Frederiksen", las Hubert, und darunter die mit 
dem Bleistift hingeworfenen Worte: 
„In dringender Angelegenheit, und bitte unter vier 
Augen." 
Die fatale Empfindung, daß ihm da sicherlich etwas 
höchst Unangenebmes bevorstände, zuckte durch Almröders 
Nerven. Unwillkürlich erinnerte er sich der Stunde, da er 
in Hamburg die Bekanntschaft seines Schwagers gemacht, 
und die Vorstellung, daß es sich möglicherweise bei diesem 
unerwartete» Besuch um ähnliche Dinge handeln könne 
wie damals, ließ seine Müdigkeit rasch verschwinden. 
„Führen Sie den Herrn in mein Zimmer und sagen 
Sie ihm, daß ich sogleich kommen würde. — Uebrigens — 
ist meine Frau von seinem Hiersein unterrichtet?" 
„Nein. Der Herr verlangte doch nur, Herrn Almröder 
zu sprechen. Und die gnädige Frau habe» an diesem 
Morgen noch nicht gelli->g. lt." 
„Dann brauchen Sie ihr auch vorläufig nichts davon 
zn sägen, falls Sie etwa zu ihr gerufen werden sollten." 
(Vornetzung ,orgl.»
        
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