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Periodical volume Nr. 1, 01.01.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Kriedrrrauer. 
Anp«ckeiisch< Zeitung für kommunale und bürgerliche 
Angelegenheiten. 
«eragspreis Kefondrre 
Bel Abholung aus der Geschäftsstelle. 
Rheinftr. 15,1.50 Di. vierteljährlich; durch J‘«" D, t w°* 
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Post bezogen 1,92 M. einschl. Bestellgeld. 
f«rnTprtd>«r: Hmt puijborg 2129. Islßsirf) ößCllbö. 
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Zeitung.) 
Krgan für den Krledenauer Krkstcil non Zchöueberg und 
Kezlrksueretn Jüdmest. 
geilagen 
Jecken Sonntag: 
Blätttr für deutsche fraueti. 
Druck und Verlag von Leo Schultz, Friedenau. 
Geschäftsstelle: Rheinstr. 15. 
Kr. 1. 
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werden bis 12 Uhr mittags angenommen. 
Preis der Ogespaltenen Zelle oder deren 
Raum SO Ps. Die Reklamezelle kostet 
75 Pf. Belagnummer 10 Pf. 
fmiTprecber: Hmt Pfaljbnrg 2129. 
Berlin-Friedenau, Mitwoch, den 1. Januar 1S13. 
S0. Iahrg. 
I Um Jahresschluß 
d ist es uns rin Bedürfnis, unseren verehrten 
P Lesern. Inserenten und Mitarbeitern A 
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für die frrnndl. Unterstützung, die sie uns im verfloffenen 
Jahre zuteil werden ließen, verbindlichst zu danken. Im 
Rückblick auf das vergangene Jahr können wir die er 
freuliche Feststellung machen, daß sich der Kreis unserer 
Leser erheblich erweitert und die Zahl unserer Inserenten 
bedeutend vermehrt hat. Unsere Bürgerschaft zeigte für 
die öffentlichen Angelegenheiten unserer Gemeinde mehr 
Interesse als in früheren Jahren, sie beteiligte sich leb- 
haft an den kommunalen Fragen und brachte ihre 
Ansichten in vielfachen Einsendungen an unser Blatt 
zum Ausdruck, wenn mit den veröffentlichten Zuschriften 
auch nicht immer der Geschmack jedes Einzelnen ge 
troffen wurde, so find wir doch davon überzeugt, daß 
jeder Linsender mit seinem Artikel für das allgemeine 
Beste und das Wohl unseres Drtes zu wirken be 
strebt war. 
Indem wir unsere geschätzten Leser, Inse 
renten und INitarbeiter bitten, uns ihr Wohl 
wollen auch ferner gütigst bewahren zu wollen, 
wünschen wir ihnen allen 
rin fröhliches, glückliches und 
-gesundes Äeujahr! 
SWltilmü uni) SeWtMe des 
„Srieöennuer Lolal-Mzemis". 
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Hui Meujayr! 
Habt Ihr den hellen Klang gehört 
Der trauten Kirchenglocken? 
Sie wollen Tuch vom warmen Herd 
Hinan» in» Freie locken. 
Zwar liegt wohl bald in Schnee und Tis 
Ringsum gehüllt die Erde, 
Doch tönt dem, drr'S versteht, schon lest' 
Da» Trostwort heul': CS werde 
Gut Neujahil 
Seht nur, vom blauen Himmelszelt 
Wie leuchtet doch die Sonne 
BerhüßungSvoll schon aus die Welt, 
Angelas Heirat 
Roman von L. G. M o b e r l y. 
52. Nachdruck verboten. 
Bei dem Licht, das durch die Bäume schimmerte, 
wo man hie und da die Zweige etwas gelichtet hatte, 
konnte Angela die Umrisse des Hauses erkennen, abe- der 
schwache Lichtglanz, der aus einem der Fenster kam, liest 
die Dunkelheit ringsumher nur noch tiefer erscheinen, und 
sie tastete sich daher mehr nach der Tür. wo Martin sehen 
geblieben wab, als dag sie ihren Weg dahin hätte ehen 
können. Das Fenster war zu hoch, als dag man von 
austen hätte hineinschauen können, aber wahrend Tartm 
und Angela schweigend an der Tür standen, horte mar von 
drinnen ein leises, wimmerndes Stöhnen, das da: Her; 
der jungen Frau mit Grausen erfüllte, so dag sie niwill- 
kürlich wie hilfesuchend nach dem Aermel ihres Beaeiters 
griff ..Was hat denn der Unglückliche da drinnen? fragte 
sie bebend. „Ist er krank? Leidet er? 2 komme. Sie 
wir wollen hineingehen und ihm helfen. Dies Stoh en ist 
fürchterlich! Ich kann's nicht hörenrief sie, a) das 
schmerzliche Wimmern drinnen von neuem anhob. 
^ Tja das ist's ja auch, was mich Herumgebrack hat, 
versetzte Martin rauh. „Ich bin wirklich nicht weicherzig, 
und ich künunere n.ich im allgemeinen nicht um "derer 
Leute Angelegenheiten, aber mit dem Wimme« und 
Stöhnen hat er mich kleingekriegt, ich konnt s nick mehr 
Dann kommen Sie, wir wollen hineingehe» rief 
Angela ungeduldig, „warum stehen wir hier untätr, wenn 
der Unglückliche so furchtbar leidet I Kommen Sl sofort, 
daß rmr chm h^lfen^ 0e | Qgt sl{g getan. Wir könin nicht 
hinein, der Doktor hat den Schlüssel immer felbfuii öer 
Tasche und gibt ihn niemals her. Es ist gar kein 
daran, daß wir hineinkönnten. Sie brauchen sich llar 
Euch kündend Stick und Wonne! 
Und schlummertauch noch die Natur 
In Gräsern, Bischen, Hecken, 
Mögt doch schn heut' in Wald und Flur 
Mit diesem Rf sie wecken: 
lut Neujahr! 
Wohl kracke Euch da» ülte Jahr 
Biel Kummeiund Beschwerden, 
Doch gleichfas manche Freude dar, 
Wie'S MenfcknloS auf Erden. 
Indes das rue Jahr ist jung, 
Drum laßt iuch's nicht verdrießen, 
Mit Frohsin und Begeisterung 
Recht herzltz eS zu grüßen: 
Gut Neujahr! 
Und wif Ihr, wo ein Hültchen klein, 
Drin Sorx und Elend weilet, 
O tretet stellen Schrittes ein, 
Daß Ihr en Kummer heilet! 
Streut S,rn aus und Freud' und Glück 
RingSumnit vollen Händen, 
Dann wi> Euch selbst sich daS Geschick 
Zum allöesten wenden: 
Gut Neujahr! 
Kehrfroh nach HauS und allzumal 
Im Kr>e Euer Lieben 
Wie Siiee und Eis beim Sonnenstrahl — 
Wird ie» Weh zerstieben.' 
Mischtn der Kirchenglocken Kla»g 
DannelleS Glälerklingen 
Und krmloS brit'ren Freudebsang, 
So üb die Zukunft bringen: 
Gut Neujahr! «diiaid Jilrgrns.n. 
Letzte Nachrichte». 
Bronerg. Auf einer Treibjagd bet Schwarzenau 
im RegiergSbrzirk Bromberg kam gestern Nachmittag der 
polnische ßtergutSbesitzer Graf Witold von Skorzewski, 
der bei fettn Bruder, dem Majoratsbesitzer Graf Wladimir 
Skorzewslauf Schloß Czernirjewo zum Besuch weilte, 
durch ein Unglücksfall umS Leben. AIS der Leibjäger 
dem Grffr daS geladene Gewehr überreichen wollte, blieb 
die Wafan einem Strauche hängen; der Schuß ging lo«, 
und dieanze Ladung drang dem Grafen von der Seite 
in den ücken. Der Tod trat sofort ein. 
Fnkfurt a. M. DaS Befinden des früheren 
Frankfier Oberbürgermeisters AdickeS hat sich in den 
letztenagen verschlechtert. Er leidet an einer gefährlichen 
Augeckrankung. die ihm jede Tätigkeit unmöglich macht. 
Ec d weder lesen noch schreiben. 
nuferst einzubilden. Sie sollren nur sehen, ob es der 
den Sie suchen, aber hinein können Sie nicht." 
/Wozu bin ich dann überhaupt hergekommen?" 
/.Wie ich Ihnen sagte, um zu sehen, ob Sie ihn 
keön. .Sie sollen durch das Loch gucken, wo ich ihm 
d, Essen hineinreiche, dann werden Sie bald merken, ob 
e/3 ist oder nicht." 
, Mit diesen Worten schob Martin einen viereckigen Holz- 
seber zurück, der an der Tür angebracht war, und durch 
I hierdurch freigewordene Oessnung gewann Angela 
.en ganz guten Ueberblick über das Zimmer. Sie beugte 
h sofort vor und schaute begierig hinein, aber nur um 
seich darauf mit einem unterdrückten Schrei des Ent- 
-tzens zurückzufahren, so furchtbar war der Gestank, der 
hr entg'genschlug, und der Anblick, der sich ihren Augen bot. 
Dm Zimmer, in das sie hineinblickte, wenn der winzige, 
kahle ffaum überhaupt diesen Namen verdiente, war ganz 
unbesctreiblich schmutzig, das konnte man selbst bei dein 
elende: Licht der kleinen Petroleuinlampe sehen, die an 
der Band hing. Möbel befanden sich überhaupt nicht 
darin, und die kahlen Dielen starrten vor Schmutz. In 
einerkcke, nicht weit von der Tür, lag ein Haufen Lum 
pen ^ Bettzeug konnte man es mit dem besten Willen 
nicht nennen — und daneben ein Zinnbecher und ein 
Telle aus demselben Material, auf dem sich die Ueberreste 
eine, sehr wenig appetitanregenden Mahlzeit befanden. 
Undauf diesen Lumpen lag ein Mann, der so dünn und 
abwnagert war, daß er mehr einem Skelett als einem 
meichlichen Wesen glich. Sein Gesicht war der Wand 
zuc/ehrt, und von seinen Lippen ging jenes wimmernde 
Stönen aus, das Angela schon vorhin so unbeschreiblich 
ef-rst hatte. „ „ _ 
All' ihren Mut zusammennehmend, brachte sie ihr Ge- 
sick wieder an die Oeffnung und rief leise: „Haben Sie 
Smerzen? Können wir Ihnen helfen?" 
Beim Klang ihrer Stimme ging ein Schauder durch 
d« Körper des Unglücklichen, er kroch noch mehr ,n sich 
M zusammen. als ob er erwarie. einen Schlag zu.er- 
Danzig. In der gestrigen ReichstagSerfotzwahl im 
Wahlkreise Schwetz siegte abermals der ReichSparteiler 
Landrat v. Halem mit 8017 Stimmen über seinen pol- 
nischen Gegenkandidaten von Saß-Jaworskt, der 7853 
Stimmen erhielt. Die Sozialdemokraten errangen 83 
Stimmen, 13 Stimml.-n waren zersplittert. Im ganzen 
stad 15 908 Stimmen abgegeben worden. 
Budapest. General Arthur Görgey, der Obrr- 
kommandierende der ungarischen RevolutionSarmee im 
Jahre 1848, liegt im Sterben. Sein Zustand hat sich in 
den letzten Tagen verschlimmert und seit vierundzwanzig 
Stunden ist der Greis bewußtlos. Der General steht im 
95. Lebensjahre. 
Bukarest. Die Kammer bewilligte in einer Nacht» 
sitzung die Militärkredite in Höhe von 151 Millionen 
Fcarc» einstimmig und unter lebhaftem Beifall. Der 
frühere liberale Minister Costinekcu hatte vorher im Namen 
seiner Partei — der Opposition — erklärt, daß die 
Liberalen die ganze geforderte Summe für die Bedürfnisse 
des HeereL ohne Diskussion bewilligen würden. 
Ariedenauer Meujayrswünsche. 
Man schreibt unS: Ihr gestriger Leitartikel: Friedenauec 
NeujahrSwünsche, hat in weiten Kreisen unserer Bevölkerung 
lebhaftes Interesse erregt. Besonders der Hinweis auf die 
erwünschte Errichtung einer Gemeinde-Eparkasse. Ist doch 
hierdurch zu allererst und auf da« sicherste die Möglichkeit 
gegeben, die sehnsuchtsvollen Wünsche der Friedenauec 
HauS- und Grundbesitzer nach billigeren, leichter zu be 
schaffenden I. Hypotheken zu realisieren. Aber nicht nur 
die Hausbesitzer allein sind hieran beteiligt, söndirn auch 
jeder Mieter, dem an einer preiswerten Wohnung in 
unserem Orte gelegen ist; denn die Wirte werden durch 
daS jetzt herrschende, ungesunde Ausbeutungssystem bei der 
Hypothekenbeschaffung geradezu gezwungen, ihre Wohnung«, 
mieten nach Möglichkeit zu erhöhen. Und wenn auch 
mancher Mieter heute noch lächelnd erwidert: „eS sind ja 
leere Wohnungen übergenug vorhanden," so wird sich 
dieS in nicht allzulanger Zeit ändern, denn Friedenau ist 
fast völlig ausgebaut, der Zuzug aber sctzt nicht auS, er 
wird eher mehr als weniger und bald dürfte die Zelt 
kommen, wo die Wohnungen bei unS knapp werden. 
Darum werden nicht nur die Besitzer der 974 Häuser 
in Friedenau unsere OrtSsparkasse nach Möglichkeit unter» 
stützen, sondern alle, einsichtsvollen Einwohner, welche 
unser schönes Friedenau lieben und darin zu möglichst 
billigen Preisen wohnen wollen. Alle werden, von diesem 
SoltdaritätSgesÜhl ergriffen, ihre Spargelder usw. der 
FriedenauerGemeinde-Sparkasse überweisen, diejamtndestenS 
ebenso sicher ist wie irgend eine der vielen Großbanken, 
die hier ihre Filialen haben, oder wie die Kreis- und 
anderen OctSsparkassen, die unsere Interessen nie unterstützen. 
halten. Und als dieser nicht kam, wandte er langsam sein 
Gesicht der Richtung zu, aus der der Ruf gekommen war. 
Das trübe Licht der Lampe fiel voll auf feine Züge, 
bei deren AnbliI Angela einen halberstickten Schrei des 
Entsetzens und des Schmerzes ausstieß, denn wenn sie 
auch so verändert waren, daß ein Erkennen kaum noch 
möglich schien, so sah Angela doch auf den ersten Blick, daß 
dies Gesicht mit den eingesunkenen Augen mit den hohlen 
Wangen und dem verzerrten Mund, dies Gesicht, das kaum 
noch eine Karikatur jenes stolzen Antlitzes war, dein sie in 
ihrem tiefsten Herzen einen geheiligten Platz eingeräumt 
hatte, daß dies Gesicht doch unverkennbar das ihres ver 
loren geglaubten Gatten Erich Martens war! 
„Hören Sie, mein — verehrter Herr Doktor, lassen Sie 
Ihre Grobheit nur unterwegs, sie nützt Ihnen gar nichts. 
Sie strengen nur Ihre Lunge übermäßig an und ver 
schwenden meine Zeit. Die Dame ist vollständig in ihrem 
Recht. Alle nötigen gesetzlichen Schritte sind bis ins kleinste 
getan worden; meine Leute warten draußen, und ich 
persönlich bin nur zum Schutz der gnädigen Frau mitge 
kommen, um sie keiner Beleidigung auszusetzen." 
„So, und möchten Sie vielleicht die Güte haben, mir 
zu sagen, mit wem ich die Ehre habe? Liegt mir zwar 
verdammt wenig daran, möchte aber doch gern wissen, wer 
schon morgens in aller Frühe die Frechheit hat, in meist 
Haus einzudringen. Mein Haus ist — meine Burg! Ber 
stehen Sie? Niemand hat das — Recht, ohne meine 
Erlaubnis hereinzukommen. Berstanden? Also — wer 
sind Sie?" 
Der Doktor stützte sich schwer auf den Tisch und schaute 
mit einem wütenden Blick aus seinen trüben, blutunter 
laufenen Augen den weißhaarigen Herrn an, der neben 
Angela Martens in dem schäbigen Konsultationszimmer 
des Arztes stand. 
Es war deutlich zu sehen, daß Dr. Waag trotz der 
frühen Stunde schon betrunken, und zwar schwer betrunken 
war. und daß es ihm nur gelang, seine trotzige Haltung zu
        
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