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Volume Nr. 166, 17.07.1912

Full text : Friedenauer Lokal-Anzeiger (Public Domain) Ausgabe 19.1912 (Public Domain)

volkstümliches  Wetturnen,  bestehend  auS  Dreisprung  ohne
Brett,  Schleuderball.  Weitwerfen  und  100  Meter-Lauf,
sowie  ein  Eilbotenlauf  über  1500  Meter  stattfanden.  Trotz
dec  großen  Hitze  und  den  vorausgegangenen  Anstrengungen
des  Bormittags  wurde  wacker  gekämpft.  An  dem  Wettturnen
  beteiligten  sich  68  Turner.  Unsere  Jünglings-Abteilung
  stellte  11  Wetturner.  Nach  2^  stündiger
turnerischer  Tätigkeit  nahm  der  2.  BezirkSturnwart.  Turnlchrer
  Krause,  das  Wort  zur  Verkündigung  der  Sieger,
gleichzeitig  die  Jünglinge  ermahnend,  stets  fest  und  treu
zur  Turnsache  zu  halten.  Aus  dem  Wetturnen  gingen
folgende  11  Jünglinge  als  Sieger  hervor:  1.  Merseburger-Wilmersdorf
  50  Punkte,  2.  Korn-Schönrberg  49  Punkte,
3.  Gerstel-Schöneberg  46  Punkte.  4.  Lindig-Schöneberg
45  Punkte,  5.  Leistng-Teltow  45  Punkte,  6.  Mannke-Friedenau
  45  Punkte.  7.  MartinS-Friedenau  43  Punkte,
8.  Ruhnke  Friedenau  42  Punkte.  9.  Bombach  Friedenau
42  Punkte,  10,  Perling-WilmerSdorf  41  Punke.  11.  MichaliS-Drewitz
  40  Punkte.  Mit  einem  „Gut  Heil"  auf  die  erfolgreichen
  Turner  und  dem  Gesänge  deS  Lieber  .Lieder
stimmt  an"  fand  die  wohlgelungene  Beranstaltung  ihr
Ende.  Die  Friedenauer  Turner  verließen  mit  Gesang  in
Marschkolonne,  voran  die  4  Sieger,  den  Turnplatz  und
wanderten  frohen  Mutes  nach  Friedenau,  in  dem  Bewußtsein,
  wieder  einmal  einen  Sonntag  in  echt  turnerischer
Weise  genußreich  verlebt  zu  haben  und  trennten  sich  mit
der  Parole  „Auf  zu  neuem  Kampf  für  das  BezirkStutnfeft
in  Lichterfelde".
o  Jur  Viofoutheater  in  der  Rheinstratze  14,
daS  sich  trotz  der  hohen  Sommertemperatur  eine-  guten
Besuches  erfreut,  kommen  von  heute  bis  Freitag  Abend
folgende  Bilder  zur  Vorführung;  „Tirza,  die  Sängerin",
eia  dreiaktigeS  Drama  aus  dem  Leben.  Eifersucht  zwischen
Freundinnen,  das  Milieu  eines  Variötö  TheaterS,  die  Vergeltung
  und  zum  Schluß  Vergebung  zeigt  dieser  intereflante
  Film.  „MirkaS  Haß"  ist  ein  „fürchterliches"  Drama,
daS  wegen  seines  unwahrscheinlichen  Inhalts  wie  ein
tragikomisches  Märchen  wirkt.  Die  Studie  über  die
geometrische  Deformation  der  unter  starkem  Druck  befindlichen ­
  Metalle  ist  sehr  interefiant  als  Experiment.  „Mädchenart" ­
  ist  ein  hübsches  Drama,  aus  dem  heiratslustige
Damen  viel  lernen  können.  Wie  immer  wirken  daS
Path6  Journal  und  das  Tonbild  sehr  abwechslungsreich
und  die  HauSkapelle  illustriert  die  Bilder  in  musikalischer
Beziehung  recht  gut.  Lotti'S  Ebenbild,  Willy  als  Seefahrer ­
  wirken  als  komische  Gaben  erheiternd.  ES  sei
darauf  hingewiesen,  daß  die  Garderobe  kostenlos  aufbewahrt ­
  wird.  ES  ist  für  stete  Ventilation  Sorge  getragen,
so  daß  die  Temperatur  im  Saale  immer  erträglich  ist.
o  WaS  alles  schamverletzend  ist.  Unter  dieser
Spitzmarke  schreibt  der  .Stegl.  Anz.":  Eine  schwierige
Rechtsfrage  ist  in  der  Herrfurthstraße  in  Steglitz  entstanden. ­
  Dort  befindet  sich  ein  größeres  Gartenland,  das
angesehene  Mitbürger  sehr  schmuck  in  eine  Laubenkolonie
verwandelt  haben.  Natürlich  tummeln  sich  namentlich  die
kleinen  Kinder  der  betr.  Familien  zwischen  Obstbäumen,
Spinat,  Spargel  und  sonstigen  Gartenerzeugntffen.  Zwei
„enfantS  terribleS",  die  alle  Pächter  in  ihr  Herz  gefchlofien
haben,  weil  sie  urdrollig  find,  haben  nun  den  oben  erwähnten ­
  Rechtsstreit  hervorgerufen.  Die  fünf-  bezw.  dreijährigen ­
  Kinder  spielen  da'  neulich  harmlos,  allerdings  im
Adamskostüm,  woran  ein  älterer  Herr,  der  die  Straße  passierte,

Anstoß  nahm  und  —  Anzeige  erstattete!  Man  höre  und
staune,  ein  Erwachsener  fühlt  sich  durch  zarte  Kinder  in
seinem  Schamgefühl  verletzt.  Besagter  Herr  zitierte  also
einen  Hüter  deS  Gesetze«  herbei,  der  mit  ernster  Miene
die  notwendigen  „Feststellungen"  traf.  Wie  die  Sache
weiter  verlaufen  ist,  wissen  wir  nicht,  ob  es  zu  einem  hochnotpeinlichen ­
  Verfahren  kommt.  Dem  Anschein  nach  nicht.
Vielleicht  nimmt  aber  mal  einer  unserer  Juristen  das  Wort
zu  dem  strittigen  Problem,  ob  ein  Kind  auf  einen  „Großen"
fchamverletzend  wirken  kann.  Zur  Beruhigung  der  Gemüter ­
  wird  unS  übrigens  versichert,  daß  die  kleinen
Schwerenöter  seit  der  aufregenden  Affaire  bekleidet,  mindestens ­
  im  Badeanzüge  umhertollen.  Daran  kann  natürlich ­
  selbst  der  findigste  Jurist  keinen  Anstoß  nehmen.  Es
ist  das  aber  eigentlich  schade,  denn  so  kommen  unsere
höheren  und  höchsten  Gerichte  nicht  in  die  Lage,  eine  Entscheidung ­
  in  dieser  nicht  nur  für  die  Steglitzer  Herrfurthstraße
  wichtigen  Sache  zu  fällen.
o  Flüchtig  geworden  nach  Entwendung  von  600  M.
ist  der  27  Jahre  alte  Maler  Anton  Cerwencka  auS  der
Neuen  Winterfel  )str.  8  zu  Schöneberg.
o  Verbrüht.  Durch  siedenden  Honig  verbrühten  sich
gestern  Mittag  ein  Konditorgeselle  und  der  Hausdiener  der
Bäckerei  und  Konditorei  Lindenberg,  Rheinstraße  61,  an
den  Armen.  Den  Verunglückten  wurden  die  schweren  und
schmerzhaften  Wunden  zunächst  auf  der  hiesigen  Sanitätswache ­
  behandelt.
o  Vom  fahrenden  Eiseubahnzng  abgestürzt.
Auf  der  Strecke  Potsdam—Zehlendorf  wurde  heute  Nacht
der  Hilfsschaffner  Thörner  auS  Magdeburg  schwer  verletzt
auf  den  Schienen  aufgefunden  und  nach  dem  KreiSkranken-Hause
  in  Ltchterfelde  gebracht.  Thörner  ist  anscheinend  von
einem  fahrenden  Zug  abgestürzt.
o  Gin  Preßkohlenbrand  entstand  vorige  Nacht  in
einem  Kohlengeschäft  in  der  Hertelstraße  vermutlich  durch
Selbstentzündung.  Unsere  Wehr,  die  schnell  zur  Stelle
war,  löschte  daS  Feuer,  ehe  ,S  größere  Ausdehnung  erlangt
  hatte.

—o  In  daS  Handelsregister  wurde  eingetragen:  Bei  Nr.
19  984.  I.  Klein,  Berlin:  Die  Niederlaffung  ist  jetzt
Berltn-Schöneberg.

Istür  diese  Rubrik  übernehmen  «tr  ketur  W«rant»ortung.l

Dem  Einsender  (mit  0.  unterzeichnet)  über  den  kreischenden
Papagei  kann  ich  nachfühlen,  denn  bet  mir  ist  dasselbe  der  stall.  Ich
kann  Ihnen  nur  den  Ra«  geben,  machen  Sie  eine  Anzeige  an  den
hiesigen  Gemeindevorstand  und  lasten  Sie  diese  von  mehreren  Anwohnern ­
  unterzeichnen.  Dann  ist  der  Amtsvorsteher  resp.  besten  Stellvertreter ­
  verpflichtet,  Abhülfe  zu  schaffen.  Er  erläßt  dann  eine  Verfügung,
daß  der  Papagei  bei  einer  Strafe  von  ?  M.  nicht  am  offnen  Fenster
stehen  darf.  —  Gleichzeitig  möchte  ich  Herrn  Architekten  und  Schöffen
Draeger  meinen  Dank  aussprechen  für  die  Abhilfe  des  einen  „Mist"-standes
  auf  dem  Platze  am  Feuerwehrgebäude.  Trotzdem  die  Abhilfe
nicht  vorschriftsmäßig  ist,  ist  es  doch  jetzt  wenigstens  beffer,  als  wies ­
  vorher  war.  A.

Rücksichtslose  Rachvar».  Ich  trete  vollständig  der  Ansicht  deS
Einsenders  deS  unter  vorstehender  Ueberschrift  in  Ihrem  geschätzten
Blatte  von  vorgestern  gebrachten  Artikels  bei,  daß  es  von  absoluter
Rücksichtslosigkeit  zeugt,  wenn  jemand  auf  einen  Balkon  einen  Papagei
stellt,  der  den  ganzen  Tag  kreischt  und  schreit  und  dadurch  den  in  der
Nähe  wohnenden  Mitmenschen  den  Aufenthalt  auf  ihren  Balkönen  und
am  offenen  stenster  unmöglich  macht.  Ich  glaubte,  daß  dieser  Hinweis

genügen  würde,  um  die  Besitzer  von  Papageien  zu  veraulasten,  mehr
Rücksicht  auf  ihre  Mitmenschen  durch  Hereinnähme  der  Tiere  in  die
Zimmer  zu  nehmen.  Ich  habe  mich  indessen  darin  geirrt,  denn  in  der
Kaiserallee  und  den  angrenzenden  Straßen  zwischen  der  Barztnerstraße
und  dem  striedrich-Wilhelmplatz  schreien  und  kreischen  verschiedene
Papageien  fast  ununterbrochen  von  Morgens  bis  Abends  unentwegt
weiter,  fodaß  einem  daS  Wohnen  in  der  bezeichneten  Gegend  durch
daS  andauernde  Gekrächz  fast  verleidet  werden  kann.  ES  läge  deshalb
schon  im  Jntereffe  der  Hausbesitzer  dieses  Teiles  ter^Kaiferallee,  bei
der  Polizei  dahin  vorstellig  zu  werden,  daß  den  Besitzern  von
Papageien  aufgegeben  würde,  das  Aufstellen  der  Tiere  auf  den
Balkönen  und  am  offenen  stenster  zu  verbieten,  wenn  nicht  die  Polizei
von  selbst  Veranlaffung  nimmt,  diesem  groben  Unfug  Einhalt  zu  tun.
Ein  Anwohner  derjsKaiserallee.
AermWMKo
"o  In  die  Serien!  Nun  kommt  die  liebe  Ferienzeü,  —  da  rüstet
man  sich  wett  und  breit  —  und  macht  sich  schleunigst  auf  die  Sohlen,
—  sich  einmal  gründlich  zu  erholen.  —  Der  kleine  Mann  im  Werklagsrock
  —  greift  fröhlich  nach  dem  Knotenstock  —  und  zieht,  sein
Söhnchen  an  der  Hand,  —  mit  Kind  und  Kegel  übers  Land.  —  An
ganz  besonders  frohen  Tagen  —  schiebt  er  vielleicht  den  Kinderwagen
—  und  legt  mit  innerem  Frohlocken,  —  „wenn  niemand  kommt",  sei«
Baby  trocken.  —  Vielleicht  auch  nicht!  Es  find  hienieden  —  die
Menschen  gar  zu  sehr  verschieden  —  und  daß  ers  Kindermädchen
mache,  —  ist  schwerlich  jedes  Vater  Sache.  —  Nicht  selten  gehts  bei
solchem  Wandern  —  von  einem  Restaurant  zum  andern,  —  doch
schöner  ist  eS  ohne  Frage,  —  man  hält  im  Walde  ein  Gelage  —  bei
Kaffee,  Semmeln,  Gänsewein.  —  Jft's  auch  frugal,  so  schmcckS  doch
fein!  —  Ein  wenig  weiter  treibt  es  den,  —  der  hinterm  Laden  mußte
stehn  —  und  der  am  Schreibtisch  viele  Stunden  —  tagtäglich  saß,
wie  festgebunden.  —  Ganz  nach  der  Zahl  der  „goldnen  Lieben,"  —
die  ihm  im  Portemonnaie  verblieben  —  plant  er  sich  möglichst  klug
und  weise  —  'ne  amüsante  Serienreife.  —  So  nimmt  er  denn  daS
Kursbuch  vor  —  legt  Mittags  sich  bequem  aufs  Ohr  —  und  malt
sich  auf  dem  Kanapee  —  'ne  Sommerretfe  aus  „in  spss"  —  »Sag,
mein  Weib",  spricht  er  nach  Tische:  —  »willst  du  in  die  Sommerfrische? ­
  —  Wochenlang  im  Gras  zu  liegen  —  und  umsummt  von
Käfern,  Fliegen,  —  rings  umweht  von  Wonnedüften,  —  eine  Lerche
in  den  Lüften,  —  die  inS  Blaue  steigt  empor:  —  das  stell'  ich  mir
himmlisch  vor!  —  Unter  grünen  WaldeSbiumen,  —  wo  man  stundenlang ­
  kann  träumen,  —  auS  der  Quelle  Nektar  schlürfen,  —  jodeln
—  sogar  schrei'»  zu  dürfen,  —  das,  du  liebes,  holdes  Weib,  —  wäp
mein  liebster  Zeitvertreib!"  —  Auf  solche  Rede  folgt  gewöhnlich,  —
daß  die  stamilie  sich  persönlich  —  vgn  diesen  Reizen  überzeugt  —
und  sich  den  Landbewohnern  zeigt.  —  Schrei'n  Ochs  und  Kuh  auch
ein  Duett,  —  kräht  auch  ein  Hahn  am  Fensterbrett,  —  grunzt  auch
ein  fettes  Schwein  im  Stall  —  entzückend  tsts  auf  jeden  Fall,  —  und
urgesund  noch  obendrein,  —  daran  kann  wohl  kein  Zweifel  sein!
Ganz  anders  wieder  treibts  der  Mann,  —  der  sich  schon  etwas  bieten
kann.  —  Sein  Geldsack  ist  ja  viel  zu  schwer,  —  als  daß  er  dadurch
würde  leer.  —  Und  wo  verbringt  er  feine  Ferien?  —  Vielleicht  nicht
grade  in  Algerien,  —  doch  allenfalls  in  Vlisfingen,  —  Ostende  oder
Kisfingen,  —  Sylt,  Karlsbad,  Baden,  Norderney,  —  nur,  daß  es
etwas  „teures"  sei  —  und  etwa»,  wo'S  dann  heißt:  „Ach  ja!  —
Dort  war'n  wir  auch.  Wir  Habens  ja!"  —  Vielleicht  geht'S  auch
inS  Alpenland,  —  zu  klettern  an  der  Gletscherwand,  —  denn  nobel
ist'S,  davon  zu  sprechen  —  man  hoffte  sich  kein  Bein  zu  brechen  —
und  dann  zu  sagen  nach  acht  Wochen,  —  man  habe  bald  den  Hals
gebrochen!  —  Vielleicht  gehts  nach  Berlin,  Paris  —  (des  Weltmanns
stolzes  Paradies):  —  nach  Bergen,  Tromjö,  Hammerfest,  —  Neapel,
London,  Budapest,  —  zur  schönen  Donau,  an  den  Rhein,  —  zur  Isar,
Elbe,  an  den  Main,  —  zur  Spree,  zur  Mosel  Oder,  Warra,  —
vielleicht  gar  an  die  Riviera!  —  Nun,  wo  daS  Ziel  auch  liegen  möge,
—  wir  wünschen  gute  Reisewege,  —  und  .  .  .  und  jeder  Mutter,  der'S
dran  liegt  —  'nen  Schwiegersohn!  Hans  Stillvergnügt.
"o  Französischer  Witz.  Ein  notwendiges  Organ:  „Sie  sagen  also,
Herr  Doktor,  daß  der  Blinddarm  im  Grunde  ganz  überflüssig  ist,  und
daß  man  ohne  ihn  leben  kann?"  „Hm,  die  Patienten  vielleicht,  aber
die  Chirurgen  sicher  nicht."

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