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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 19.1912

Beilage zu Nr. 11 -es „Friedenauer Lokal-Anzeiger". 
d.M 44, Jayuar 19X2. 
Lokales. 
o Dir voicn Nasen treten wieder langsam in Er 
scheinung. Bo« zartesten Rosa eines BackstschstvmpfnäSchen 
bis zum Karmosin. Dunkelrot, Blaurot und Violett der 
Trinkernase fängt der «rker unsere« Gesicht« an z« leuchten 
— allerdings in einer Art von Röntgenstrahlen, die man 
mit bloßem Auge nicht wahrnimmt. ES ist jedoch eine 
sehr falsche Annahme, wenn NasenrSte einfach als eine 
Nachwirkung des Alkoholgenusses aufgefaßt wird; auch die 
„angrschwemmteste* blaurote Rase kann doS Zeichen einer 
ganz anderen »Krankheit* sein. Ungemein zahlreich-find 
die roten Nasen, die auf mangelhafte Verdauung und 
schlechte Blutzirkulation zurückgeführt werden müssen. Hier 
hilft kein äußerlich anzuwendende« Mittel, sondern einzig 
eine bessere Funktion der Unterleib-organe und ein 
Blutumlauf. Häufig wird Nase«röte schon durch zu große 
Vlutfülle hervorgerufen, besonder«, wenn die Nasenhaut zu 
fein und dünn ist. In solchem Falle meide man den 
Genuß vieler Getränke und Speisen, die Blutwallungen 
und Blutandrang nach dem Kopfe, herbeizuführen imstande 
find. Zu diesen gehören Tee, Kaffee gewürzte Speisen, 
fette Speisen» Bier, alkoholische Getränke überhaupt. 
Schon zu vieles Trinken, und wenn es nur das Trinken 
von Wasser wäre, kann Nasenröte hervorrufen. Niemal« 
trinke ein mit diesem Leiden behafteter Mensch heiße Ge- 
. tränke, z. B. Grog und Punsch. Ebensowenig nehme er 
die Speisen besonder« warm zu sich. Rasche Uebergänge 
von der Kälte zur^ Hitze, oder umgekehrt (z. B. Betreten 
eines mit heißer, trockener Luft gefüllten Zimmers nach 
längerem Aufenthalte im Freien) find ebenso zu vermeiden, 
wie daS Tragen eine« Schleier«, öftere« Berühren und 
Abseifen (Abwaschen) der Nase. Wer an Nasenröte leidet, 
nehme im Winter nur laue« Waschwasser, benetze die Nase 
möglichst wenig damit und tupfe ste nur behutsam ab, statt 
sie etwa mit dem Handtuche zu frottteren. Zu vieles Ab 
reiben macht die Nasenhaut zu dünn. überfüllt fie mit Blut 
und macht ste womöglich glänzend, wodurch daS Uebel 
nur verschlimmert wird. Auch wird die Nasenhaut durch 
den ihr eigentümlichen Fettstoff vor Erkältung geschützt, 
der nicht gänzlich durch Seifenwasser abgewaschen werden 
darf. Bet einer sogenannten »Fettnase' wäre das über- 
flüssige Fett durch warme« Löschpapier abzudrücken. Im 
übrigen beweist eine rote Nase manchmal Blutfülle und die 
ist in unserem blutarmen Zeitalter nicht hoch genug zu 
veranschlagen. 
o Kino. Man hat «8 das Theater der Armen ge 
nannt. Mit nur teilweise« Recht! Denn längst pilgern 
Leute aller Kreise zu der Stätte, die der Berliner mit dem 
äußerst häßlichen Namen »Kientopp* zu bezeichnen pflegt. 
Längst auch find unsere besten Schauspielerinnen, 
Tänzerinnen, Sängerinnen damit beschäftigt, einem pp. 
Publikum neue Filmreize darzubieten. Gagen von 1000 
Mark für «ine Original-Kinoaufnahme sind nichts seltenes 
mehr und der Kinoschund, der den Kinemmographen 
beinahe in Verruf gebracht hatte, wird — Gott sei 
Dank! — immer seltener. Einer Kino-Vorführung beizu 
wohnen, ist oft eine Freude und ein Genuß, selbst für den 
anspruchsvollen, auf hoher Bildungsstufe stehenden Zu 
schauer. Besonder« an langweiligen, regnerischen Winter- 
abenden ist da« Kino eine beliebte Zufluchtsstätte für jeden 
Menschen, der sich für wenig Geld zu amüsieren wünscht. 
Ist da« Programm schön und ebenso die Darstellung der 
Bilder, so ladet man gern an der Kino-Kaffe ein paar 
Nickel ab. um dafür ein paar neue Eindrücke einzutauschen. 
o Achtung! Füße abstreichen! Wie oft liest 
man diese Aufforderung und — wie wenig wird ihr nach- 
gekommen. Besonder« Kinder lassen hierin zu wünschen 
übrig. Kaum ist der Flur, kaum sind die Treppen ge 
reinigt und mit Läufern neu belegt, da kommt die kleine 
Gesellschaft mit schlammtriefenden Schuhen und Stiefeln 
in« Hau« gejagt, ohne im geringsten daran zu denken, da« 
Schuhwerk abzustreichen und sich vorzustellen, wie schmutzig 
nun bald wieder der Hausflur aussehen wird! Darum 
immer und immer wieder: Füße abstreichen! Jede 
Mutter sollte fich für verflichtet fühlen, ihren Kindern 
diese« Gebot einzuschärfen, doppelt und dreifach bei einem 
solchen Wetter wie dem jetzigen. 
o Ballonwettfahrt. Auf dem Gelände der Berliner 
Gasanstalt im benachbarten Schmargendorf findet am 
Sonntag, 14. Januar, früh eine Ballonwettfahrt statt. 
Der Berliner Verein für Luftschiffahrt besitzt dort eine 
Ballonhülle, von wo aus Morgen« von 8^/z bis 9 Uhr 
der erste der gemeldeten 8 Ballonen steigt, von denen 
7 dem genannten Verein gehören. Der Eingang befindet 
fich in der Forkenbeckstraße, der Eintritt ist frei, doch darf 
auf dem Füllplatz nicht geraucht werden. DaS schöne 
Winterwetter wird vielleicht manchen Friedenauer hinau«- 
locken, um dem Start dieser Zielfahrt beizuwohnen und 
eine Rodelpmtie nach dem Grunewald anzuschließen. 
o Warnre Kleider nnd Stiefel werden jetzt von 
Obdachlosen im Verein Dienst an Arbeitlosen, Ackerstr. 52, 
täglich begehrt, aber seine Vorräte sind erschöpft, so daß 
er kaum die Insassen des Männe» und Jugendheims ver 
sorgen kann. geschweige denn die Leute, die fich al« Land- 
arbetter verschicken lassen wollen. Täglich Melden sich 80 
bi« 100 Männer und Jünglinge. Abgelegte Gegenstände 
dieser Art liegen vielleicht bet Freunden der Armen unbe- 
nutzt, während ste gerade in diesen kalten Wintertagen 
ttcht gut verwendet werden könnten. Der Verein bittet 
dürum herzlich, ihm Noch durch eine Karte anzuzeigen, wo 
Änh wann. er Kleidungsstücke abholen lassen kann. Vr hat 
zwei Schneidet und zwei Schuhmacher sitzen, die die 
Sachen ausbessern; verschafft ihnen Arbeit! Auch wolle 
.MK sein«* Brockenfamnünng Ackerstraße 58, freundlichst 
geöevlro; damit tmch dadurch daS Elend der Arbeit- und 
Obdachlosen gemildert werde. DaS große Sterben unter 
diesen Armen ist nun glücklich vorüber, aber die Not ist 
aeblirvem 
o Eintragung in« Handelsregister. Bei Nr. 
18 660. Firma E. Roßbach in Berlin): Inhaber jetzt: 
Georg Dietrich, Juwelier. Friedenau. 
Me öunle Woche. 
Plauderei für den .Friedenauer Lokal-Anzekger'. 
«in Wahltag in «eftanftralie». — «evolver im «ahlkamps. — 
Der WahUa, in de« Redaktionen. — Ertuurrunzen aus der 
letzte» Reichstag-wahl. — Alwine Lider. 
Berlin, den 12. Januar. 
Wahltag! ... 
An einem trüben Oktobernachmittag des Jahres 1898 kam ich 
mit dem ReichSpostdampfer .Gera" des Norddeutschen Lloyd in dem 
westaustralischen Städtchen Fremantle an. Von Sidney und Melbourne 
her hatte ein schwerer Orkan das starke Schiff tagelang erbeben 
gemacht, und wir waren froh, noch einmal das Land grüßen zu können. 
In Sremantle war Wahltag. Electing-day. Ich weiß 
heute nicht mehr, wer eigentlich gewählt wurde, »der e« war eine 
Wahl, gegen die unsere ReichStagswahlen harmlose Spielereien ruhiger, 
friedliebender Freunde und Brüder find. 
Fremantle war damal» eine im Entstehen begriffene Stadt. Ein 
Sammelpunkt für die westaustralischen Goldgräber, die nach Coolgarlte 
und Calgoorlte hinaufzogen. Ein Haufe roher Bauten ohne jede 
Charakteristik; die HLuser vielfach aus Holz gezimmert; in der ersten 
Etage de» sogenannten Rat hause« «in Tingeltangel; in Len 
Straßen verwegene Gesellen, Goldgräber, Trapper, EtrauSjäger. 
Bleiche, abgemagerte Glücksritter aus allen Zonen. Phantastische 
Gestalten. . . Neben dem gestrauchelten Deutschen, der auS Heidelberger 
Tage» die Quarten mit herüber gebracht hatte, der amerikanische 
Cowboy, der in Camp so viel gehört hatte von dem gleißenden Gold. 
Burschen, die lachend dem Tod ins Auge sahen und auf der Sucht 
nach Abenteuern, nach Glück und Freiheit ohne Schranken dem Schicksal 
Trotz boten. 
Durch diese zusammengewürfelte, heterogene Waffe pulste an 
jenem Tage ein einziger PulSschlag; strömte ein einziger Gedanke: 
Die Wahl! 
Biele waren aus den Goldfeldern herabgekommen, um zu wählen. 
Das äußerte fich dariu, daß andauernd geschossen und geschrieen, 
>elärmt und gejohlt wurde. Aber auch die Natur brachte zum Wahl- 
ag eine große Ueberraschung: ES schneite in Fremantle an 
enem Tage. DaS wäre an fich nicht bemerkenswert, aber eS hatte 
seit etlichen zwanzig Jahren in Westaustralien nicht mehr 
;eschneit. Und da waren die Menschen wie Kinder. Eie tanzten, 
chrien, balgten fich im Schnee und schossen, schoffen, schaffen. Man 
mußte fich staunend stagen, woher die llnmaffe Munition ge- 
nommen wurde. 
Aber noch durch ein weiteres Ereignis wurden die Wahlwogen 
höher getrieben: Die .Gera' war der erste Dampfer, der an der 
ueuerbauten Pier anlegtet So zittette ein Jubel ohne gleichen durch 
diesen merkwürdigen Ort. Es war ein wüstes Chaos natürlicher, 
kindlicher Freude und äußerster, künstlich erregter Spannung. 
Aus all dem Tumult wurde aber doch klar, daß man mit einem 
der Kandidaten garnicht sympathifierte. Denn sobald ein Gaul oder 
ein Mann erschien mrt Plakaten behängen, auf denen der betreffende 
Kandidat gepriesen wurde, fiel alles über diese Opfer her. Zwei 
Reklamegäule wurden erschossen, und daß es den menschlichen 
Plakatträgem nicht genau so erging, war sicher nur ein Spiel deö 
Zufalls. 
Gegen 8 Uhr abend» wurde das Resultat bekannt gegeben. 
Reiter, rn wilder Ledertracht, sprengten durch die matt erleuchteten, 
holprigen Gaffen. Schrieen den Namen des Gewählten und 
schoffen in die Luft, auf den Boden, nach rechts und. links, so daß wir 
erschreckten Mittelemopäer schnell daS sichere Obdach de» bunten 
Tingeltangels suchten. 
O, wir Unerfahrenen! Hier wurde wenig gesungen und viel ge 
schossen. Und alS gar ein Komiker auf der Bühne erschien, und einen 
SpottverS meckerte auf den unterlegenen Kandidaten, da hätte man 
diesen guten Man um ein Haar heruntergeknallt. Aus Begeisterung. 
' Erfreulicherweise wurden wir, sobald man unS als Deutsche er 
kannt, auS dieser immerhin lebensgefährlichen Sphäre unter wüstem 
Tumult hinausgeworfen. Ich weiß nicht, was uns bet den 
englischen Kolonisten gerade damals derart in Mißkredit gebracht 
hatte. Wohl weiß ich aber, daß eS höchste Zeit war, das schützende 
Deck der .Gera' aufzusuchen, und daß unser junger Schiffsarzt, «in 
prächtiger Schwabe, im eiligen Schritt immer ausrief: ,Ei, so 'ue 
Schießerei isch mer doch mei Lebtag noch uit begegnet' .... Wirr 
im Kopf von der Fülle der Gesichte und von dem furchtbaren Getös« 
fanden wir endlich »schirmenden Schutz auf schützendem Schiff' .... 
Ich mußte jetzt während unserer Wahlen immer «n jenen »Pracht- 
vollen electing-day' in Fremantle denken. Erfreulicherweise sorgen die 
wohlmeinenden Paragraphen de« Strafgesetzbuches in Deutschland für 
eine vermindette Handhabung dieser niederträchtigen Schußwaffen, so 
daß wenigstens dieses australische Moment aus dem Wahlkampf aus- 
schied. Dafür gab eS aber an manchen Orten als vollwertigen Ersatz 
gute deutsche Hiebe, wobei man in den einzelnen Wahlkreisen je nach 
Temperament und Gewohnheit seinen Gefühlen mtt Knüppeln, Fäusten 
oder Bierseideln Ausdruck lieh. 
Der Kampf ist vorbei und nur noch die heißen Sttchwahltage 
stehen aus. 
Ob die vielen Leser, die vom «armen Lehnstuhl aus durch ihre 
Zeitung in den Wahlkampf geführt wurden, wohl einmal der Arbeit 
gedachten, die an solchen Tagen von der Presse geleistet werden 
muß? Ob fie an das nervenzeneißende Getriebe solcher Stunden 
denken, in denen mit Sekunden gerechnet wird? In denen der ge- 
asmte Apparat in flutender Bewegung ist? In denen iausend« von 
Zahlen telephonisch, telegraphisch, mündlich,^schriftlich aus dem eigenen 
Kreise unds aus allen Teilen Deutschland» zusammenlaufen; berechnet, 
verglichen, nachgeprüft und in wenigen Sekunden als ordnuugs- 
richtiges Refulat der fieberhaft gespannten Oeffentlichkeit übergeben 
werden sollen! Jene heißen, aufreibenden und verantwortungsreichen 
Minuten in der Redaktion, in die dann ahnungslos ein Mensch 
hereinplatzt Mit dem Bemerken, die »andere Zeitung' habe daS 
Resultat bereit» vor 5 Minuten veröffentticht! 
O, Du ahnungsloser Schurke, wie habe ich Dich 1907 gehaßt. 
In jeder Stunde kam damals irgend ein »Leser' in das Sprech- 
zimmer der hastig arbeitenden Redaktion mtt den böswilligen Worten 
schlechtester Niedertracht: .Die andern haben bereits das Resultat von 
Leipzig-Land, von Pillkallen, von Vegesack und Hundshagen heraus!' 
Schweißtrtefend hörten unsere armen .Politischen' diese nieder- 
schmetternde Nachricht. Sie rasten von der Redaktion in die Setzerei, 
von der Expedition in den Mafchincnsaal, treppauf, tteppab, wie ge- 
S ie Edelhirsche. Nur zu spät erfuhren wir, daß all diese Unglück- 
gm Mahner Abgesandte und Freunde unsere» findigen Der- 
jegerS warm, der durch solche anrnzenden, fingierten Nachrichten die 
Arbeitswut feiner Redakteure zur Weißglut erhitzen wollte! 
Ich grüße Dich, aller Verleger Blüte? In schmelzender Sehnsucht 
denke ich heute noch an da» reichliche Wetnfrühstück, das um 2 Uhr 
Nacht» aus Deinem Gnadmborn in die immer durstige Redaktion 
floß. Und hmte will ich Dir auch verratm, daß die 12 Flaschen 
Chateau Lafitte, die außerdem in der Dahlnacht nach getaner Riesen- 
arbeit unsere Schreibtische zierten, auch an» Deinem reichen Keller 
stammte« Ader wie wir sie bekommen haben, werd« ich erst nach der 
nichstm Wahl berichten, zumal diese Tat nach § 67 de» Strafgesetz 
buches erst nach 10 Jahren verjähtt! 
Mitten (n den Wahlkampf hinein haltm die Schüsse und Klage» 
einer Tragödie, wie fie Nür aus dem Boden der Großstadt aufwuchem 
kann. I Ztzer» die alltägliche,Porgejchtcht«: - . . i! 
Eine atme hübsche Putzmacherin, wird von ihrem bisherigen Lieb- 
haberlversafftn. Dieser Maiüi,'V«'fchwer ttiche DireNor Rodkinsohn,' 
Mktzerrilq, «veiter noch für seine zwei Kinder zu sorgen. Die Er 
füllung inner PM wird ihm lästig. Er hat la tzzwilchen schon 
lange geheiratet, iwoynl In einem Protzenpalast des Westens und fährt 
sotnoS, im elektrisch geheiztm Auto, durch die flimmernd« Frühe de» 
kalten WinterwotgevS. Alle Versuche des MädchmS, den Vater ihrer 
Kinder zu sprechen, «erden abgewiesen von rohen Dienern un. 
grinsenden Chauffeuren. Die Entrüstung ter zertretmm Mutte* 
wächst zu verhänguiSvoller Tat: Eie findet unter falschem Ramm 
Zuitttt zu dem Mauve, der ihr da» Martyrium der unehelichen 
Mutterschaft auferlegt hat und schießt ihn nieder. Dann jagt fie fich 
eine Kugel in die eigene Brust. Beide werdm, schwer verletzt, in 
da» KrankmhauS gebracht. Aber die Hoffnung besteht, ste am Leben 
zu halten .... 
Man sieht: Eine alltägliche Geschichte. Abe» jetzt setzt eine 
Tragödie ein, die wahrlich kein Heldenstück ist, und die eine miß 
handelte Mutter der völligen Ehrlosigkeit übergibt. Am nächsten Tag 
läßt die Frau de» Herrn Rodkinsohn, der man in ihrer bedauernS- 
werten Lage Mitgefühl nicht versagen konnte, durch einen, flinken An 
walt in der berliner Presse ein paar Zeilen veröffentlichm . . . . 
.Herr Direktor R. kannte die Putzmacherin Alwine Eider 
überhaupt nicht. Sie versuchte nur immer, Geld von ihm zu 
eipreffen und ging in ihrer Gemeingefährltchkett so weit, den 
Herrn Direktor auf seinen Reisen zu verfolgen.' 
So etwa hieß e» in den ebenso ungeschickten wie häßlichen Er- 
guß. So etwas wird.über ein armes Geschöpf veröffentlicht, da» ge 
wiß keine Heilige ist. Das aber mit zerschossener Lunge im Hospital 
liegt und dem vor allem die Mittel zur Verteidigung fehlen! Aber 
erfreulicher Weise hat fich der Rechtsanwalt Fritz Weinett. — sein Name 
sei hier dankbar genannt, — aus dem warmen Gefühl verstehender 
Menschlichkett heraus, des Mädchen» angenommen. Auf Grund des 
vorhandene» Beweismaterial» konnte er heute in den Blättern die Ent- 
gegnung veröffentlichen, daß die Motive zu der Tat kefnesweg» er- 
prefferifcher Natm waren. Direktor R., der Vater der beiden Kinder 
des Fräulein Crder, hatte fich geweigert, in letzter Zeit die Alimente 
für die Kinder zu zahlen, obwohl er die Vaterschaft früher anermnnt 
hatte. Dadurch ist daS Mädchen in die bttterste Not geraten und zu 
der zwar nicht entschuldbaren, aber doch erklärlichen Verzweiflungstat 
ge'rieben worden. 
Man braucht die Tat des Mädchens wahrlich nicht zu beschönigen. 
Aber unter dem Schutz, des Gesetzes und unter dem beifälligen 
Lächeln des gemeinen Haufens kann ein Mann unter Umständen er- 
hobeuen Hauptes die lästigen Folgen einer Liebschaft auf da» Weib 
abschütteln. Einer unserer ganz Großen hat einmal gesagt: ^Wie 
da» Tier fich wehrt, wenn Du ihm seine Jungm nimmst oder bedrohst, 
so auch das edelste Tier, der Mensch; und zwar um so eher, je edler 
er ist. Denn die gemeine Natur läßt fich treten, aber die starke Raffe 
reagiert.' 
Möchte ein Hauch solcher Gesinnung in Denen leben, die über 
das Mädchen, falls e» wieder gesund wird, zu urteilen haben. Unsere 
Gerechtigkeit hat fich höher und lebensvoller entwickelt. Sie unter- 
scheidet zwischen persönlicher Schuld und Dem, waS wesentlich die 
Mangelhaftigkeit deS sozialen Körpers gesündigt hat. 
Und die schwere, ungeheure Beleidigung, eine zur Verzweiflung 
getriebene Mutter als gemeine Erprefferin an den Pranger zu stillen, 
ist ein gut Teil Sühne der unhetlrollen Tat. Heinr. Binder. 
(Für diese Rubrik übernehmen «!r keine V-rautwortung.) 
Aus dem Friedenauer Lokal-Anzeiger (Bericht über die letzte Ge- 
meindevertreter-Sitzung) hab« ich ersehen, daß die Herren Baurat 
Altmann und Bürgermeister Walger sehr für den Bau des Rathauses 
für Fiiedenau am Lautertzlatz eingenommen find. Wenn auch der 
Platz von der Gemeinde für teures Geld erworben worden ist und 
unserer Nachbarstadt Echöneberg für die Schenkung eines kleinen 
Grundstücks die Anerkennung für »diese edle Tat' nicht versagt werden 
soll, so möchte ich denn doch noch meinerseits mir ein Wort, und ich 
glaube im Interesse und Sinne sämtlicher Friedenauer Ortsangehöriger, 
erlauben: Hausbesitzer, Bürger Friedenaus! Wollen wir unser neue» 
Rathaus am Eingang unsere» schönen, jhoffentlich nicht mehr langen 
Dörfchens, zur Zierde Schinebergs erbauen? Denn biefeS nur hat 
meiner Anficht nach Schöneberg wohl in der Hauptsache bestimmt, un» 
ein kleines Grundstück freiwillig abzutreten. Ich denke, das Rathau 
soll den Friedcnauem gehören,h.wir wollen nns einen kleinen Pracht 
bau in unserer .Mitie' enichten. Ein geeigneterer Platz könnte ge- 
funden werden. Wie wäre eS denn, wenn anstatt deS Planes», am 
WtlmerSdorfer Platz eine Volksschule zu erbauen, der erwogen würde, 
da» Rathaus dorthin zu bauen? Wenn auch der Gedanke, Friedenau 
um eine Volksschule zu bereichern, nicht so ohne Weiteres von der 
Hand zu weisen ist, so meine ich doch, daß hier doch wohl auf die 
Entwickelung Friedenaus resp. der beir. OttSteile Friedenaus Rück 
sicht genommen werden kann. Gibt es hierorts nicht noch ander» 
Gegenden, wo vielleicht noch eine Schule erttchtet werden könnte? Auch 
diese Frage stell« ich den Gemeindevettretern zur freundlichen Eo 
» anheim. Die- meine Anficht und Meinung über den Bau 
idenauer Rathauses. Vielleicht geben meine Zeilen Anlaß zu 
einem weiteren Meinungsaustausch und e» laffen noch einige der 
wetten Leser ihren Motten freien Lauf. 
Ein früherer Gemeindevertreter Friedenaus. ; 
(:) Ein für Gewerbetreibende wichtiger Rechtsstreit wurde kürzlich 
vom OberverwaltungSgettcht entschieden. ES handelt fich hierbei um 
di« Frage, ob «ine Frau ebenfalls gefchäfilich unzuverlässig ist, wenn 
der Mann al» unzuverlässig erklärt ist. Dem H. war vor einigen 
Jahren der Viehhandel rechtskräftig untersagt worden. AkS er aber 
in der Presse auf das betreffende Geschäft hinwies, wurde die Polizei- 
behörde auf daS Geschäft wieder aufmerksam und erfuhr, daß Frau 
H. das Geschäft' betreibe. Die Polizeibehörde erhob darauf auch 
gegen Frau H. die Klage auf Untersagung des Vlehhandels, weil fie 
unzuverlässig sei, indem fie ihren unzuverläsfigen Mann irr ihrem Ge- 
schüft in selbständiger Weise beschäftige. Der Bezirksausschuß er- 
kannte auch nach dem Klageantrag« auf Untersagung deS Ge- 
werbebetttebes, weil der unzuverlässige sEhemann al» Inhaber deS 
Geschäft» in Ankündigungen in der Presse auftrete, die Ehefrau sei 
nur vorgeschoben und könne fich dem Einfluß des Ehemann» nicht ent 
ziehen. Diese Entscheidung focht Frau H. durch Berufung bttm Ober- 
verwaltungSgrttcht an, welche» Beweis erhob und u. a. feststellte, baß 
Frau H. in dem Geschäft gut Bescheid wisse, Geschäfte selbständig ab- 
schließe und Zahlungen in Empfang nehme. Das Oderverwaltungs» 
aericht hob darauf^die Vorentscheidung aus und wie» die Klage gegen 
Frau H. ab. 
Litterarisches. 
«nnd ein Jahrhundert Gasverbrauch und GaSkonsum liegen 
mit dem Jahre 1912 vor. Zur Würdigung dieser Tatsache ist soeben 
auf Veranlassung und mit Unterstützung der Zentrale für GaSver- 
wertung ein Kalender, betitelt ,Jm Jahrhundert de» GaseS', er- 
schienen, der allm Gasverbrauchern, und wer ist daS nicht, Neues und 
WiffeuSwetteS bttngt. Hat fich doch daS GaS in seinen ersten hundett 
Jahren licht-, wärme- und krastspendender Tätigkeit ebenso die Hütte 
de» kleinen Manne» erobett, wie den Palast deS Milliopär», und ist 
doch ohne die geniale Erfindung de» Steinkohlengases unsere Volks- 
wirsschaft nicht mehr denkbar. Da heute Leuchtgas fast von jedermann 
gebraucht wird, sollte man meinen, daß überall auch die wüuschenS- 
werten Kenntnisse über dessen zweckmäßige Berwettung und Behandlung 
vorhanden find. Wie jedoch die Praxis lehtt, herrschen, im Publikum 
noch immer große Unklarheiten. Die Herausgabe ttneS praktischen 
RachschlagebucheS in Form einer Agenda wird daher sicherlich jedem 
Gasverbraucher willkommen sein. Auf den überaus reichen Inhalt deS 
Kalenders hier einzugehen, würd« zu wett führen; nur soviel, * '~ 
Gebiet der Gasverwendung unberücksichiigt geblieben ist." " 
DreSdenerstr. 48, erscheint, kostet nur 50 Pf. pro Stücke
        
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