Path:
Periodical volume Nr. 11, 14.01.1912

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 19.1912

(Friederrauer 
Anparitiische Zeitung für kommunale und bürgerliche 
Angelegenheiten. 
»«ragspreis Besondere 
tUt 
8H Abholung auS der Geschäftsstelle, 
Siheinftr. 16, 1,50 M. vierteljährlich; durch 
Voten inS HauS gebracht oder durch die 
Post bezogen 1,80 M., monatlich 60 Pf. 
Jecken Qlittwodti 
ditjblatt „Seifenblasen". 
feniTpr*«b«r: Hrnt Bin.-{QL Üt9. 
Krscheint täglich aöends. 
Zeitung.) 
Organ für den Kriedenauer Ortsteil von Zchdneberg und 
Kerirksvereitt Jüdmest. 
Beilage« 
Jecken Sonntngr 
Llätter kür ckeutlcke grauen. 
Druck und Verlag von Leo Schultz, Friedenau. 
6e7cbLflssleU«r Rbeinftr. 15. 
Hnjetgen 
werden bis 1 Uhr mittags angenommen. 
Preis der ögespaltenen Zeile oder der» 
Raum 30 Pf. Die Reklamezeile kost« 
75 Pf. Belagnummer 10 Pf. 
f*rntpr*d»«r: Hrnt Bln.-ttU. 21X9. 
Kr. 11 
Friedenau, Sonntag, den 14. Januar 1912. 
19. Iahrg. 
wem 
Iepefchm. I 
Luchts Atnchrichte«. > 
Paris. Die Pariser Presse nimmt die Erfolge der 
Sozialdemokraten bei den gestrigen ReichStagSwahIen zum I 
Anlaß, die deutsche Regierungspolitik eine.r sehr unfreund 
lichen Kritik zu unterziehen. Di« Unzufriedenheit deS 
deutschen BolkeS fei in letzter Zeit besonder- groß gewesen. 
Biel zu dieser Unzufriedenheit habe wohl daS Marokko 
abkommen beigetragen. Einige Blätter verknüpfen ihre 
Betrachtungen über die Reichstag-wahlen mit dem gestern 
aufgetauchten Gerücht einer Kabinettsbildung durch 
Delcass4. Jndeffen hätten die Konservativen keine agita 
torischen Geschäfte gemacht. 
London. Zu dem Ausfall der deutschen ReichStagS- 
wahlen äußert sich die konservative Pall Mall Gazette: 
.Deutschland wird trotz deS Sieget der Sozialdemokratie 
seine Rüstungen zu Wafler und zu Lande fortsetzen. 
Jedenfalls ist an den Wahlen bemerkenswert, daß im 
deutschen Volke tiefer Mißmut gegen die Regierung herrscht. 
Der Kampf, den die Sozialdemokratie gegen die Regierung 
aufgenommen hat, wird zu schweren Verwicklungen im 
Deutschen Reiche Anlaß geben " 
Paris. Die deutsche Regierung hat bei der franzö 
sischen Regierung angefragt, ob der Dampfer „Patricia" 
von der Hamburg'Amnrlka-Linie, der mit einem AblösungS- 
IranSport von 1200 Mann nach Ostasien unterwegs ist, 
den Hafen aon Algier anlaufen und ob die Mannschaft 
dort an Land gehen könne. Die französiche Regie 
rung war damit einverstanden. Wie die französischen 
Blätter betonen, ist «S feit 1870 daS erst« Mal, daß deutsche 
Truppen in einem französischen Hafen gesehen worden seien. 
Rom. Die Pariser Nachrichtenagentur .Information* 
hatte gestern die auch in die AvSlandSprefle übergegangene 
Nachricht verbreitet, daß zwischen Italien und der Türkei 
ein Waffenstillstand abgeschlossen worden sei. Die italienische 
Regierung stellt jedoch ausdrücklich fest, daß die Meldung 
auf freie Erfindung beruhe, da die Türkei nicht an Italien 
mit dem Ersuchen um einen Waffenstillstand herangetreten ist. 
New Aork. In Lawrence und MaffachusetS sowie 
in Boston, Chikago und New Pork find ernsthafte Arbeiter- 
unruhen auSgebrochen. In Lawrence ist die Lage be 
sonders schwierig. 25 000 Textilarbeiter stehen im AuS- 
ftand. Gestern fanden bedenkliche Ausschreitungen statt. 
Das Aufruhrgesetz wurde verlesen. Die Arbeiter schlugen 
sich mit der Polizei stundenlang herum. Eie drohten in 
Washington und in Wood, Spinnereien mit Dynamit in 
die Luft zu sprengen, drangen in die Fabriken ein, durch- 
schnitten die Treibriemen, hemmten die Arbeiter und ihre 
vorgesetzten Beamen. Eine Arbeiterin wurde erstochen, 
mehrere andere schwer verletzt. 
Lokales. 
(Nachdruck unserer o-Vttgincilarttkel nur mit Quellenangabe gestatte'.! 
o Nach den ReichStagSwahIen. Die Haupt- 
' Die „Königin der Dacht“. 
ßeeroma» von H. Hill. 
4. (Nachdruck verboten.) 
" Das ist keine Liebesgeschichte — es handelt sich hier um 
ernstere Tinge — und selbst wenn ich den Willen hätte, so 
hätte ich doch nicht den Platz, um zu erzählen, in welcher 
Weise und mit welchen Worten wir uns verlobten. Ich kann 
nur soviel sagen, daß sich die Sache, obwohl ich dreißig Jahre 
alt geworden war, ohne einem Mädchen den Hof zu machen, 
ganz natürlich erledigte, und als wir das schützende Steuerrad 
verließen, hatten wir uns aüe möglichen Versprechungen ge 
geben, einander treu zu bleiben und asien Hindernissen und 
Wlderwärligkeiten au trotzen. Da die Zeit, die wir noch zu 
sammen bleiben sollten, recht kurz war, so beschlossen wir unser 
Geheimnis bis zu meiner Rückkehr von der Reise nicht bekannt 
lvcrden zu lassen; dann sollte ich versuchen, Sir Simons Ein 
willigung zu einer formellen Verlobung zu erlangen. Aline 
wurde erst in einem Jahre mündig, und in der Zwischenzeit 
durfte sie nach dem Testament ihres Vaters keinen Schritt 
ohne die Einwilligung ihres Vorinnndes tun. In unserm 
augenblicklichen Glück legten wir auch auf einen Widerstand 
von dieser Seite keinen großen Wert. Im schlimmsten Falle 
mußten wir vom Zeitpunkte meiner Rückkehr an noch neun 
Monate warten, bis sie freie Versügting über ihre Zukunft 
bekam. 
So schieden wir denn also, voller Hoffnung und gegen 
seitigem Vertrauen, im heileren Sonnenschein des Golfs 
von Neapel, und nun befaild ich mich einen Tag nach der 
Rückkehr der .Dahlia" hier und wartete, um wegen der 
.schweren Pflichtverletzung", die Aline dem Leben zurück 
gegeben hatte, abgeurteilt werden. Gerade, als ich mit meiner 
Träumerei zu Ende war, ertönte eine Klingel, und ein . 
Schreiber forderte mich auf, in den Konferenzsaal zu treten, I 
wo rin Blick aus die Gesichter meiner Richter mir verriet, | 
Wahlschlacht ist vorüber. Es gab diesmal allüberall einen 
harten Kampf, doch hat die von den linksstehenden 
Parteien ausgegebene Parole gegen den schwarz-blauen 
Block den Blockparteien wenig Schaden zugefügt. Sie 
werden in derselben Stärke wie bisher in den Reichstag 
einziehen. Einen großen Sieg haben die Sozialdemokraten 
zu verzeichnen, die verschiedene Wahlkreise glatt im ersten 
Wahlgange eroberten. Verluste sind dagegen den LinkS- 
bürgerlichen zuteil geworden. Nach den bis z. Zt. vor 
liegenden Ergebnissen wurden gewählt: Konservative 27 
(in Stichwahl 41), Deutsche Reichspartei 5 (16), ^Deutsche 
Reformpartei 0 (3), Wirtschaft!. Vereinigung 2 (13), 
Zentrum 81 (31), Polen 14 (10), Nationalliberale 4 (68), 
Fortschrittliche Volkspartei 0 (64), Sozialdemokraten 64 
(122), Wilde 4 (22).— In unserem Wahlkreise Teltow» 
BeeSkow - Storkow-Charlottenburg ist trotz aller 
großen Anstrengungen der bürgerlichen Parteien dem 
Sozialdemokraten Zubeil wieder ein glatter Sieg zuteil ge 
worden. Er erhielt nach dem unS vorliegenden Ergebnis 
146 853 (1903: 102 000) Stimmen. Der konservative 
Kandidat March erhielt 20 552 (36 705). der Fortschrittliche 
Prof. Spiegel 64 103 (11 711, Ntl. 7624), der Demokrat 
Schubert 9278 Stimmen. Zersplittert (Zentrum, Polen usw.) 
sind ungefähr 3200 Stimmen, sodaß insgesamt etwa 
244 000 (1903: 185 000) Stimmen abgegeben worden find. 
— In Friedenau ist diesmal ebenfalls sehr stark ge 
wählt worden, indem von 9990 eingeschriebenen Wählern 
8292 (od. 82 Proz.) ihr Wahlrecht ausübten. Im Jahre 
1907 wählten von 4800 Wahlberechtigten 4053. ES er 
hielten in Friedenau: March (Kons) 926 (1907: 1338), 
Prof. Spiegel (Fortschr. Vpt.) 3532 (1322), Zubeil (Soz.) 
3281 (1383), Schubert (Demokr.) 367, BehrenS (christl. foz.) 
25, v. Oppersdorf (Ztr.) 91, ChozizewSki (Pole) 7, Stürmer 
(Magistratsbeamter) 22, Zersplittert 40 Stimmen. Die 
liberalen und sozialdemokratischen Stimmen haben also 
hier eine starke Zunahme zu verzeichnen, während die 
konservativen Stimmen erheblich abgenommen haben. 
Ebenso ist im Kreise eine Abnahme der konservativen 
Stimmen festzustellen. DaS Ergebnis der ReichStagSwahl 
in Friedenau hatten wir gestern bereis durch Extrablatt 
unfern Mitbürgern bekannt gegeben. ES ist auch im 
aus der nachfolgenden Tabelle ersichtlich: 
Bezirk 
March 
(Ions) 
Prof. 
Spiegel 
Fschr D) 
Zubeil 
(Soz.) 
Schubert 
(Dem.) 
Behrens 
(chr.-soz.) 
v. Oppers 
dorf 
(Zmtr.) 
A. 
Stürmer 
(Hb.) 
Choci- 
zewski 
(Pole) 
Ungültig 
-od. zer- 
splittett 
Stimmen 
zahl 
insgesamt 
1 
78 
312 
202 
23 
2 
5 
2 
— 
4 
628 
2 
91 
263 
194 
21 
3 
9 
— 
— 
3 
584 
3 
85 
264 
390 
21 
4 
15 
— 
— 
10 
789 
4 
71 
224 
210 
23 
1 
3 
1 
1 
1 
536 
5 
58 
276 
234 
16 
1 
- 6 
2 
— 
4 
597 
6 
72 
299 
177 
24 
— 
4 
— 
— 
2 
578 
7 
70 
327 
201 
24 
1 
3 
1 
1 
3 
631 
« 
80 
444 
381 
44 
1 
7 
5 
1 
3 
966 
9 
110 
400 
364 
49 
4 
7 
3 
3 
k 
946 
10 
46 
198 
272 
37 
— 
3 
1 
— 
3 
560 
11 
74 
273 
423 
55 
3 
18 
6 
— 
1 
853 
12 
91 
252 
233 
30 
5 
11 
1 
1 
— 
624 
Eumma: 
926 
3532 
3281 
367 
25 
91 
22 
7 
40 
8292 
Wir erhalten zu dem Ergebnis der ReichStagSwahIen 
noch folgende Zuschrift: Noch liegen nicht autentische Nach- 
Nachrichten auS allen Wahlkreisen vor, aber soviel kann 
alS sicher hingestellt werden: Die linksstehenden staats- 
treuen Parteien haben viele Stimmen an die Sozial- 
demokratie verloren. Das ist eine Tatsache, die jeder ein 
sichtsvolle Mensch, ohne Hellseher zu sein, voraussagen 
konnte. Die Maßnahmen der Vertreter deS blau-schwarzen 
Blockes, eine grundverkehrte Finanzwirtschaft mit ihrem 
Gefolge der Verteuerung der notwendigsten Lebensmittel, 
Verfügungen, die den Stempel der Gehässigkeit gegen die 
Bewohner großer Städte — welche lediglich als 
.prinzipielle" Gegner des blau-schwarzen RingeS und feiner 
Maßnahmen betrachtet werden — und manches andere 
konnten nicht ander« wirken, wie geschehen. Ob man in 
maßgebenden Kreisen einsehen wird, daß da« ReichStagS- 
wahlergebniS zum großen Teil daS Produkt tiefgehender 
Unzufriedenheit mit dem herrschenden System ist, muß 
nach den bisherigen Erfahrungen bezweifelt werden. — 
Von einem ^unserer Leser, welcher gestern als Beisitzer 
im Wahlvorstande eines Friedenaurr Wahllokals fungierte, 
werden unS nachstehende Wahlerlebnisse mitgeteilt. Zu- 
daß mein Schickiul benegelt ivar. Ter Clmuutii, ein alter 
Herr mit unruhig flackernden Augen iiuö einem dichten 
Backenbart, der sich um daS ganze Gesicht zog, erhob sich 
sofort, — etwas zu schwill, — gerade, als wenn ihm die 
Cache großen Spaß machte. 
.Wir haben über Ihren Fall eingehend beraten, Mr. 
Forrester," sagte er; „wir erkennen die Ehrenhaftigkeit Ihrer 
Handlungsweise durchaus an, dürfen aber die Verletzung der 
Regeln unserer Gesellschaft nickn stillschweigend übergehen, 
denn diese verbieten einem Offizier, die Schiffsbrücke zu ver 
lassen, bevor nicht ein ariderer seine Stelle eingenommcil 
hat. Als Seemann müssen Sie misse», daß das Schiff — 
und — hm — das Leben der Passagiere durch eine solche 
Unregelmäßigkeit in Gefahr gebracht werden kann. Es tut 
uns aus vielen Gründen sehr leid, aber Ihre Stellung bei 
der Gesellschaft muß mit dieser Reise beendet sein." 
Alles in allem gelang es mir, meine Aufregung zu 
verbergen, doch ich sagte ein paar höfliche Worte über ihr 
Reglement, bei denen der alte Herr ein sehr nachdenkliches 
Gesicht machte, dann verneigte ich mich, ging hinaus und trat 
wie ein fortgejagter Diener ans die Straße. Nlcine erste 
Absicht war, eine Droschke herbeizurufen und nach der 
Adresse in Grosvcnor-Sguare zu fahren, wo ich Aline finden 
mußte, dann aber fiel es mir plötzlich ein, daß die Situation 
sich doch bedcutcitd verändert halte. Für den Augenblick 
war ich niedergebrochen. Und obwohl ich durchaus nicht 
zivciselte, ich ivürde bald neue Stellung finden, so hielt mich 
doch ein gewisser Stolz von einem Besuche bei Sir Simon 
zurück, bis ich dieses Ziel erreicht hatte. Ich wußte damals 
noch nicht, daß meine Braut eine reiche Erbin ivar. und 
daß die Bewerbung eines Schissoossiziers um ihre Hand säst 
ebenso unverschämt aussah, wie die eines armseligen Hunger 
leiders. 
Ich kannte ein Restaurant in der Nähe der Fenchurch- 
Street-Station, das viel von Seeleuten besucht wurde. In 
diesenl Lokal lagen die Schiffsnachrichten bringenden Zei 
tungen auS, und hierher lenkte ich meine Schritte, um in 
sehen, ob sich im Annoncenteil nicht etwas für mich Ge 
eignetes vorfand. Ich setzte mich an einen der Tische, be 
stellte mir irgend ein Getränk und fing an, di« Reihe der 
Vakanzen systematisch durchzugehen, ohne jedoch den 
Schimmer einer für mich passenden Stellung zu finden. 
Schließlich warf ich die Papiere ärgerlich beiseite und stand 
auf, um das Lokal zu verlassen, als meine Augen auf 
eine an der Wand hängende geschriebene Notiz fielen, die 
folgendermaßen lautete: 
„Die Eigentümer des Schraubendampfers .Königin der 
Nacht", sieben Tausend Tonnen Gehalt, die gewöhnlich als 
Vergnügungskreuzer oder Ozeanjacht benutzt wird, suchen 
einen Kapitän, der im Besitz der erforderlichen Zeugnisse ist. 
Abgesehen von den üblichen seemännischen Kenntnissen muß 
derselbe gesellschaftliche Formen besitzen und imstande sein, den 
Passagieren den Aufenthalt auf der Jacht angenehm zu machen. 
Bewerbungen sind zu richten an Nathan und Co. 315 Harp 
Alley, Fenchurch Street." 
Als ich ausgelesen, legte sich, als ich die Worte gewisser 
maßen kaum verdaut halte, eine dünne Hand auf meine 
Schulter, während eine süßliche Stimme zu meinen Ohren 
drang: 
.Tie Stelle gefällt Ihnen hoffentlich, mein junger Kapitän.* 
Ich drehte mich schnell auf den'Hacken um und sah, daß 
der Mann, der mich angesprochen hatte, ein kleiner ver 
schrumpelter, alter Jude ivar, — oder richtiger gesagt, die 
Quintessenz von fünfzig Juden zusammengegossen, — so deutlich 
trat die Nationalcharakteristika hervor: die fleischigen Lippen, 
die Hakennase und die glänzenden hervorstehenden Augen, die 
mich' mit verschmitztem Funkeln anblickten. 
2. Kapitel. 
Eine neue Stellung. 
Da mir die aufdringliche Vertraulichkeit des Mannes 
unangenehm war, so schüttelte ich seine Hand schnell ab. 
.Die Stellung gefällt mir schon," begann ich, .aber ich 
sehe nicht recht rin. was *
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.