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Periodical volume Nr. 10, 12.01.1912

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 19.1912

Jetzt hat dar ReichSpostamt die Postanstalten angewiesen, 
bet allen Postanweisungen, die ohne Angabe de» Ab- 
senderS eingeliefert werden, auf diesen Mangel aufmerk 
sam zu machen. Natürlich ist der Absender nach wie vor 
nicht verpflichtet, seinen Namen anzugeben. Vorbildlich 
war hier der Postscheckoerkehr. Bei diesem besteht schon 
dieselbe Bestimmung für Zahlkarlen 
o Die Leichensammelstelle irr Halerrsee, die von 
der Berliner Stadtsynode für die Leichen der Zentralkirch- 
hofeS zu Stahnsdorf auf dem Gelände der Ringbahn, 
zwischen den Bahnhöfen Halensee und Hohenzollerndamm 
an der PaulSborner Brücke erbaut wurde, ist nun nach 
1% langer Bauzeit fertig und wird demnächst in Be 
nutzung genommen werden. DaS dicht an der Böschung 
innerhalb der Eisenbahn, an der Tcke der Friedrichsruher 
Straße und PaulSborner Brücke erbaut« dreistöckige Gebäude, 
von dem jedoch nur daS obere Stockwerk über die Brücke 
hervorragt, gleicht mit seinen spitzen Dächern und Vor 
bauten einer modernen Villa. Von dem ganzen Betriebe 
wird man von der Straße aus nur dar bekanntlich 
während der Abend- und Nachtstunden erfolgende Ein- und 
Ausfahren der Leichenwagen beobachten können, da die 
Särge innerhalb der Einfahrtshalle abgeladen werden. 
Zu der Halle gelangt man.am besten von den Bahnhöfen 
„Halensee" oder „Hohenzollerndamm" auS oder mit der 
Staßenbahn bis Halensee-Brücke und dann die Ringbahn- 
straße entlang. 
o Gesamiprokura ist dem hier wohnhaften Kauf 
mann Gustav Palm bei der offenen Handelsgesellschaft 
Jul. Mart. Friedländer erteilt. 
o Die Zweigstätte Friedenau der Humboldt- 
Akademie tritt zum zweiten Male mit einem sehr reich 
haltigen und vorzüglich zusammengestellten Programm vor 
die Oeffentlichkeit. ES werden philosophische Vorträge von 
Dr. M. Klein, Lichtbilderoorträge auS dem Gebiete der 
bildenden Kunst von Prof. Dr. Herrlich, musikalische 
Vorträge von Herrn Gustav Ernst gehalten. Aus dem 
Gebiete der Literatur heben wir hervor die Vorlesung von 
Dr. O. Gramzow über Henrik Ibsen, von Herrn Oberst 
leutnant Prof. vr. h o. P. Pochhammer über Dante und 
von Herrn Friedr. v. Oppeln-BronikowSki über die neueren 
französischen und belgischen Dichter, namentlich Verlaine 
und Maeterlinck. Herr Amtsrichter Dr. Brandts hält eine 
Vorlesung über Staatsbürgerkunde, die namentlich für 
Beamte und für die Lehrerschaft von Interesse ist. Ein 
ExperimentalkursuS über Optik wird von einer Friedenauer 
Lehrkraft, Herrn Oberlehrer Schlegel veranstaltet. Außer 
dem hält Herr Sacerdote auf vielfaches Verlangen einen 
italienischen Kursus für Anfänger. Sämtliche Vorlesungen 
beginnen in der dritten Januarwoche und finden in den 
Nachmittags- und Abendstunden statt. Die erste Vorlesung 
jeder Reihe ist dem Publikum frei zugänglich. Lehrstätten 
find die Königin Luise-Schule, Goßlerstr. 14, und daS 
Realgymnasium. Homuth- Ecke der Schwalbacherstraße. 
Die Programme und Hörerkarten sind in der Wohlthatschen 
Buchhandlung, Rheinstraße 11, und bei Wertheim. 
Schmargendorferstraße 36 (Theaterkasse) zu haben. Im 
Interesse dieser vom Friedenauer Ausschuß für künstlerische 
und wissenschaftliche Vortragsabende (Vorsitzender Bürger 
meister Walger) tatkräftig unterstützten Einrichtung ist eine 
lebhafte Beteiligung der Friedenauer Bürger aller Schichten 
aufs dringendste zu wünschen. 
o Friedenauer Vortragsabende für Kunst und 
Wissenschaft. Der gestrige Vortragsabend im Festsaal 
deS Reformrealgymnasiums hatte unter der z. Zt. vor 
herrschenden Kälte zu leiden. ES war wenig gemütlich im 
Saal und viele entfernten sich daher schon vor Schluß deS 
Vortrages des Herrn Prof. Dr. Rathgen. Durch daS 
wiederholte Oeffnen der Türen wurde eS natürlich für die 
Zurückbleibenden, namentlich für die den Türen zunächst 
Sitzenden, nicht angenehmer, sodaß einige Herren laut 
gegen daS wiederholte Orffnen der,Türen protestierten. 
ES war bedauerlich, daß der Vortragsabend unter dieser 
Ungunst zu leiden hatte, eröffnete doch Herr Professor Dr. 
Rathgen mit seinem Lichtbilderoortrag: „Die Chemie im 
Dienste der Altertumskunde" seinen Hörern ein interessantes 
Gebiet. In den ersten Bildern wurde uns die zerstörende 
Eigenschaft der verschiedenen Salze und der GipseS vor 
Augen geführt, hiernach erfolgten die Erläuterungen, wie 
der Chemiker bei Sand-, Kalkstein sowie Tontafeln und 
Tongefäßen diese Salze entfernt, um dadurch wertvolle 
antike Funde zu erhalten. Nach den Vorführungen der 
Wiedergewinnung wichtiger Ton- und Steintafeln usw. 
folgten Darstellungen der Entfernung deS RosteS vom 
Eisen und deS UeberzugeS von Bronzen. Silber. Blei usw. 
Während zur Entfernung der Salze Wasser- oder Salz- 
säurelösungS-Bäder angewendet werden, geschieht die Ent 
fernung der Metallüberzüge zumeist auf elektrisch- 
galvanischem Wege. Reicher Beifall dankte dem Vor 
tragenden für seine sehr belehrenden Ausführungen. Ein 
geleitet wurde der gestrige Vortragsabend durch daS 
Brüsseler Streichquartett, das mit Beethoven. op. 18 Nc. 6 
in L-änr und Dvorak, op. 80 in F-änr eine glänzende 
Technik bewies. Die vier Instrumente vereinigten sich zu 
wunderbarer Harmonie, so jeden Satz der herrlichen Werke 
voll zur Wirkung bringend. Begeisterter, immer wieder 
aufbrausender Beifall wurde den Künstlern zuteil. 
o Zur Bekämpfung der Mückenplage ist eine 
Ausräucherung der Keller. Stallungen usw. im Winter, 
zur Ablötung der überwinternden Mückenweibchen not 
wendig. ES wird hierfür folgendes Räucherpuloer 
empfohlen: Pnlv- Frnet. Capsici 100,° P. FJor. Chrysanth, 
cinerariae fol. occl Dalm. 50,° P. radi Valerianae off. 
50,o j£ a ji nitricum p. 50,° M. f. p exactissime (ohne 
Berechnung der Mischung nach Handoerkaufrprelsen) — 
Das Pulver, von dem auf je 50 edm etwa 3 Eßlöffel zu 
verwenden sind, wird in flache, etwas erhöht gestellte, 
möglichst gleich'verteilte Schalen geschüttet und abgebrannt. 
Nach 2—3 Stunden wird der Raum geöffnet, die Mücken 
am Boden zusammengekehrt und verbrannt. 
o Wohnungsbefichtigung. Der Schaden, den die 
Hauswirte durch die den MietSlustigen erwachsenen Er 
schwerungen der Besichtigung erleiden, bedarf keiner be 
sonderen Betonung; dazu liegt «r allzu klar zutage. Ist 
ein solcher Schaden aber im Einzelsalle nachweisbar — 
und die Beweisführung wird nach dieser Richtung sogar 
oft eine recht einfache sein —, dann ist der Mieter, der 
rechtswidrig eine Wohnungsbesichtigung verhindert, schaden 
ersatzpflichtig. Selbstverständlich besteht eine Pflicht zur 
Duldung der Besichtigung der Mieträume. Häufig ist der 
Umfang dieser Duldungsfrist freilich im Mietvertrags, 
formulare ausdrücklich festgelegt. Natürlich gilt dann. waS 
die Parteien als ihren BertragSwillen hier unterzeichnet 
haben. So lautet in den meisten Mietverträgen der ein 
schlägige PassuS: „Mieter verpflichtet sich, nach erfolgter 
Kündigung die Mieträume durch Mietlustige mit oder 
ohne Begleitung des Vermieters oder eines Beauftragten 
derselben in der Zeit von besichtigen zu lassen. 
Ist der Mieter abwesend, so hat derselbe Vorkehrungen 
zu treffen, daß der Vermieter die Mieträume jederzeit 
untersuchen oder vorzeigen kann, widrigenfalls Vermieter 
berechtigt ist, die Mieträume öffnen zu lassend Die hier 
wiedergegebenen Bestimmungen dürfen zur Nachahmung 
wärmfteus empfohlen werden. Sie enthalten, ausgefüllt 
mit präzisen Angaben der Bestchtigungsstunden. alles, was 
menschlicher Voraussicht nach überhaupt geeignet ist. 
Klärung über strittige Punkte herbeizuführen. Insonderheit 
ist auch die von dem Mieter gebilligte Be'ugnis zum 
Oeffnen der Räume durch den Hausbesitzer offenbar eine 
Frucht reiflicher Ueberlegung und guter Gründe. Denn 
die SpruchpioxiS oberer Gerichte hat schon mehrfach 
Gelegenheit zu der Feststellung gehabt, daß sich im allge 
meinen auch der Hausbesitzer eines Hausfriedensbruchs 
schuldig gemacht hat, wenn er gegen den Dillen seines 
Mieters die Mietwohnung betritt. Ist ihm diese Be- 
tretungSbefugniS aber vertraglich extra verbrieft, dann ent 
fällt für den, der von dem ihm vertragsmäßig zustebenden 
Rechte Gebrauch macht, felbstverständlicherweise jede Straf 
barkeit. In welcher Lage befindet sich nun ein Haus. 
besitzer, der über ein BesichtigungSrecht nach der Kündigung 
mit seinem Mieter nichts vereinbart hat? Führt hier der 
Mangel einer Abrede dazu, daS Recht zu leugnen, den 
! Mietlustigen die Mietwohnung zu zeigen? Nein! DaS 
Kammergericht sagt vielmehr mit voller Berechtigung, ein 
Satz deS Sinnes, daß nach erfolgter Kündigung die Be 
sichtigung zu allen Tagesstunden freizustehen habe, fei nach 
Treu und Glauben so auszulegen, daß der Mieter in den 
jenigen Tagesstunden, in denen cs ohne ungebührliche Be- 
ssrnmaam > mm ms mm i mm * ppk» 
lästigung für ihn tunlich ist, die Wohnung auf Verlangen 
de« Vermieters vorzuzeigen habe. Und eine solche These 
gilt sicher ganz allgemein, ohne daß sie ein Mietvertrag 
ausdrücklich auSspricht. — Hierbei sei gleichzeitig an den 
mit dem „Friedenauer Lokal - Anzeiger" verbundenen 
„Friedenauer WohnungS-Bnzeiger" erinnert, der allen Ber- 
; Mietern von Wohnungen, Läden, Garagen, Ateliers, leeren 
oder möbl. Zimmern usw., als wirksamstes und billiges 
JnfertionSorgan bestens empfohlen fei. Für nur 40 Pfg. 
die Zeile erscheinen WohnungSanzeigen eine volle Woche 
hindurch im „Friedenauer Lokal-Anzeiger" und in den 
Anschlägen an den Wannsee- und Ringbahnhöfen in 
Friedenau und Berlin (Potsdamer Bahnhof). Die Anzeigen 
müssen jedesmal bis zum Sonnabend Mittag 1 Uhr im 
'Besitz der Geschäftsstelle Rheinstr. 15 sein. 
o Die Ortsgruppe Friedenau drS Deutschen 
FlotteuvereiuS veranstaltet ihren nächsten UnterhaltungS- 
abend am Montag, dem 15 Januar im Festsaal, Homuth- 
straße. Herr Oberleutnant Dr. Weiß, Begleiter deS 
Herzogs Adolf Friedrich zu Mecklenburg auf dessen Zentral- 
Afrika-Expedition, spricht über „Die Kultur der Kultur 
losen in Afrika" mit Lichtbildern. Beginn 8 1 /* Uhr. 
Freunde und Gäste willkommen. 
o Hoheuzollerutheater. Am 16. Januar 1912 
wird unserem theaterliebenden Friedenauer Publikum im 
i Hohenzollerntheater Gelegenheit geboten werden, ein Kind 
unseres OrtrS, daS vor nunmehr acht Jahren unter allge 
meiner Teilnahme den ersten Schritt aus die weltbe 
deutenden Bretter wagte, in einer seiner Glanzrollen be 
wundern zu können. Wie viele mögen sich noch erinnern, 
als damals Gertrud Garreiß in der Theaterschule von 
Frau Ulig auch in dem selben Saale, der von der Polizei 
wegen Ueberfüllung bald abgesperrt werden mußte, 
als Christine in Schnitzlers „Liebelei" von den auf ihren 
Erfolg stolzen Mitbürgern gefeiert und in der Presse sogar 
in Versen verherrlicht wurde. — Nun ist sie eine reife, 
fertige Künstlerin geworden, die an ersten Theatern wie 
Kgl. Theater in Cassel und Kgl. Hostheater in Stuttgart 
sich bewährt und in naiven und sentimentalen Rollen die 
größten Erfolge erzielt. Gertrud Garreiß gibt nur ein 
einmaliges Gastspiel im Hohenzollerntheater und zwar 
eine ihrer Glanzrollen als „Claire" in „Der Hütten- 
befitzcr" von GeorgrS Ohnet. Wir sind überzeugt, daß 
sie sich zu ihren alten Bewunderern im Fluge neue er 
obern, cin volles HauS finden wird und den alten Satz 
zu schänden macht: „Ein Prophet gilt nicht» im Vater- 
lande". Der Vorverkauf hat bereits begonnen. 
o Verein der Gast» und Schankwirte von Frie- 
drnau und Umgegend. Die nächste Mitgliederversammlung 
findet am Montag, dem 15. Januar, Nachmittag» 5 Uhr, 
beim Kollegen Schönherr. Friedenau. Südwestkorso 19. 
statt. Tagesordnung: Verlesen deS Protokolls der letzten 
Sitzung. Verlesen eingegangener Schreiben. Aufnahme 
und Anmeldung neuer Mitglieder. Abrechnung von der 
WeihnachtSbescherung. Kassenreviston. Innere Vereins 
angelegenheiten. — Warenmarkt - Pause. — Geschäftliches. 
| Fragekasten. Um pünktliches und vollzähliges Erscheinen 
! aller Mitglieder wird gebeten. 
| o Die erste Klasfiker-Schülervorstellnug zu er 
mäßigten Preisen findet am Sonntag, dem 21. Januar 
1912 im Hohenzollerntheater um 2 Uhr Nachmittags statt. 
Zur Aufführung Friedrich von Schillers Jugendwerk „Die 
Räuber", kommt in glänzender Ausstattung und erst 
klassiger Besetzung; auch für dies« Vorstellung hat der 
Vorverkauf bereit» begonnen. 
o Eine« erheblichen Verlust erlitt eine hiesige Dame 
i im Straßenbahnwagen. DaS Königl. Polizeipräsidium 
teilt darüber folgendes mit: Einen schweren Verlust erlitt 
eine Dame am 23. Dezember. Vormittags gegen 11% Uhr 
in einem Wagen der Straßenbahnlinie F auf der Fahrt 
vom Zoologischen Garten nach Friedenau. Sie stieg an 
der Roennebergstraße autz und ließ eine gelblederne, vier- 
cckige Handtasche, enthaltend ein Sparkassenbuch der Kreis- 
sparkasse zu Arnswalde über 400g M. auf den Namen 
Auguste Scheel, geb. Hell, 465 M. bares Geld und Fleisch 
waren versehentlich stehen. Auf die Frage der Schaffners 
bezeichnete ein junger Mann die Tasche als fein Eigentum 
und nahm sie beim Verlassen der Straßenbahnwagens in 
, Steglitz in der Nähe der Zimmermannstiaße mit. Der 
! ^»M«??MNWWMWWSSWWS8S?SiSVSW8SSSSSS8W>M.'' 
doch am Rachmiltag plauderte ich, da im keine» Tienst mehr 
hatte, mit einigen unserer eigenen Pa--agiere auf T eck, als 
Kapitän Beatson im Gespräch mit Sir Simon vorüberging. 
Der letztere war von einem Passagier mit trockenen .Kleibern 
versehen worden und schielt sich nach dem kalreu Bade ganz 
behaglich zu fühlen. Ich kann nicht sagen, daß mir der 
Mann besonders gefiel. Ich sah an dein scheuen Blick den 
er Utir zuwarf, daß er in ich erkannt hatte, und jeder hätte 
wohl gedacht, das; er unter den obtvaltende» Umständen ein 
paar höfliche Worte sagen würde. Doch sie ginge»-mehr 
mals auf ihrem Wege vorüber; und Sir Simon fand in 
diesem Auge». lick stets auf der anderen Seite des Tecks einen 
Gegenstand,' der sein Interesse erregte, und Kapitän Bearson 
war viel zu sehr in seine Unterhaltung verliest, um ans seine 
Hingebung zu achten. Ungesähr beim fünften Bla! sielen die 
Augen des Kapitäns doch auf mich, und er veranlaßte 
seinen Ge- fährten, still zu stehen, worauf er mich als den 
Offizier vorstellte, der Miß Challenor in das Boot gebracht. 
Obwohl ich nun selbst von einer sehr guten Familie ab- 
stamme, — mein Pater ist Geistlicher gewesen und der Enkel 
eines Peer — ging ich doch so frühzeitig zur See, daß inein 
Verkehr mit der Aristokratie stets beschränkt gewesen ist. 
Ich war deshalb nicht gaitz sicher, ob SirSinion Crawsheay 
Verhalten mir gegenüber in seinem blatte» Blut oder in 
seinem schivarzen Herzen seinen Grund hatte, aber selbst ivemt 
er als Baronett auch unter feiner Würde hielt, seine Dank 
barkeit aus einen geivöhnlichett Offizier in der Handelsmarine 
auszudehnen, kam es mir doch merkwürdig vor, daß er für die 
Rettung seiner Mündel eine so große Gleichgültigkeit zeigte. 
In der Tat, sehr interessant; überhaupt — solche Rettung 
ist sehr interessant!" 
So lautete der merkwürdige Empfang, den er mir zu 
teil werden ließ, und fügte dann mit gczivnngenem Lächeln, 
bei welchem ich sein falsches Gebiß bewundernkonnte, hinzu: 
„Haben Sie das Wasser kalt gefunden?" 
Darauf legte er, ohne eine Antwort abzuwarten, seine 
S and auf den Arm des Kapitäns und veranlaßte ihn, den 
paziergayg fortzusetzen. . 
„Gr ist eine Bc,,ie, Forrester, eine regelrechte Bestie," sag 
te der Kapitän zu mir, als wir an diesen: auf der 
Schiffsbrücke allein waren. „Tie Behandlung, die er Itnen 
zuteil werden ließ, entsprach vollständig der lUikiv. 
die er mit mir führte. Er legt weit größeren Wert ia;i den 
Verlust seiner GjfcUcu aus der Jacht, als ans die Rettung 
seiner Schwester und seiner Mü: delch 
Erst am nach neu Morgen erstbien Aline Cbass.'nor auf 
Deck, und ich machte die B.chtiut-ür.u, die so mc-.üwürdige 
Ereignisse für mich im Gefolge hab<n sollte. Ich sehe sie noch 
jetzt vor mir, wie sie mit ausgestreckten Handen ans mich 
zukam, ein reizendes hübsches Mädchen mit klarem, frischen 
Teint und schönen biauenArigen, die treu und aufrichtig 
blickten, ohne deshalb leck zu erscheinen. Ihr einfaches blaries 
Sergekleid war getrocknet und wieder für sie in Ordnung ge 
bracht, und nie hätte ich in der hübschen kleinen Gestalt das 
arme, blasse, schon halb ertrunkene Geschöpf erkannt, das ich 
am vorigen Tage in nieinen Armen gehalten. Als sie mir 
in welligen Worten für meine Hilfe dankte, glaubte ich, nie 
vorher ein so reizendes Wesen gesehen zu haben, und — da 
die ganze Geschickite davon abhängt, lind ich ja kein Hehl 
daraus zu mache,: brauche, so ,vill ich nur gleich gestehen, daß 
ich mich bis über beide Ohren in sie verliebte. 
„Ich freue mich sehr, daß ich Ihnen einen kleinen Dienst 
erweisen durfte, sagte ich und bemühte inich, meine Bewnnde- 
rung nicht allzu deutlich zu zeigen. Aber es ist wirklich kein 
Grund vorhanden, warum Sie besoilders mir danken sollten. 
Ich bin sozusagen blindlings in's Wasser hinein gesprungen 
und hätte genau so jemand anders retten können, ivie ich 
Sie gerettet habe. Trotzdem freue ich mich, daß das nicht der 
Fall war." 
„Sie werden sich meiner Dankbarkeit nicht entziehen." 
versetzte sie. „Alls jeden Fall ist es den andern nicht passiert, 
sondern gerade mir, und — das werde ich Ihnen nie ver 
gessen." 
Von dieser Unterredung an entwickelte sich unsere Freund 
schaft sehr schnell, wie es nur auf einem Schiffe möglich ist, 
und zu der Zeit, da der Bug der „Dahlia" sich ostwärts 
; durch die Meerenge wand, war diese Freundsthast in die 
i Phase der laugen Pansen getreten, die in den'Gesprächen oft 
I eintreten, — nicht, weil man sich zu wenig, sondern, weil man 
> sich zuviel zu sagen hat. Sir Simons Benehmen gegen mich 
blieb kurz und schroff, — das seiner Schwester Mrs. Be- 
auchanlp ebenfalls, — doch er konnte seinem Mündel nicht 
gut verbieten, mit dem Manne zu sprechen, der ihr das Leben 
gerettet hatte, und obivohl er ullsere irnmer größer werdende 
Intimität mit offenbarem Mißfallen beobachtete, so rechnete 
er doch wahrscheinlich auf die bevorstehende Treilnung i» 
Neapel, inn der Sache ein Ende zn machen. 
Wenn das seine Absicht geivescn war. so machte er un» 
gcsähr dreißig Stunden später leine Rechnung ohne den Wirt. 
Wir waren solange ungefähr seit der Abfahrt unterivegs, und 
ich erinnere mich, als wäre cs gestern, was es für ein schöner 
Abend auf dem Mittelländischen Meere war, als Aline uild 
ich die Rulipcnsihalcn der Freundschaft abwarfen und dafür 
den goldenen Schmetterling der Liebe einsingen. Ich fand 
sie zu der von allen seefahrenden Liebcslcuten äußerst ge 
schätzten Stunde — hinter dem Steuerrad. Mehrere Minuten 
beobachteten ,vir die weißen Wasserstrcisen, die die Schraub« 
- hervorbrachte, ohne ein Wort ju sprechen, dann sagte ich 
plötzlich: 
„Aline. tut es Ihnen leid, daß Ihre Reise auf der 
„Dahlia" sobald zn Ende geht?" 
Es war das erste Mal. daß ich sie bei ihrem Vornamen 
nannt«. — eine Tatsache, deren Bedeutung alle die zu schätze» 
wissen werden, die es selbst einmal durchgemacht haben. 
Ihre Antwort klang ein bißchen ängstlich, aber doch recht 
deutlich, als sic zu n»ir sagte: 
„Das wissen Sie doch!" 
Dann fügte sie nach einer Pause scheu das Wort „Cyrill" 
bin»,. 
Worts«-«»-
        
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