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Periodical volume Nr. 6, 08.01.1912

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 19.1912

Vorschrift ist jedoch dispofiliver Natur und durch den Ber- 
trag der Parteien abgeändert worden. Der Bertrag ist 
nach Treu und Glauben auszulegen. Danach war der 
Zweck des Nießbrauchs, daß der Beklagte sich wegen seiner 
Wechselforderung schadlos halten sollte. Hätte der Be- 
klagte jedoch die Zinsen der Hypotheken bezahlt, dann 
hätte der Vertrag diesem Zwecke nicht entsprochen, und die 
Absicht kann nicht als dem Willen der Parteien beim Ab 
schluß des Vertrages entsprechend angesehen werden. Dem 
hat daS Reichsgericht zugestimmt (V. 301. 11) und die 
Sache nur deshalb an das Oberlandesgericht zurückver 
wiesen, weil eS eine nochmalige Prüfung der weiteren 
Behauptung des Klägers, daß der Beklagte bei der Ver 
steigerung durch die Angabe, sämtliche Hypotheken seien 
fällig, Bieter vom Mitbieten bezw. vom Kauf abge 
halten habe. 
o Friedenauer Vortragsabende für Kunst nud 
Wissenschaft. Der nächste Vortragsabend findet am 
Donnerstag, dem 11. Januar, im Festsaal deS Reform- 
RealgymnasiumS (Homuthstraße) statt. Herr Professor 
Dr. Rathgen hält einen Lichtbilder-Vortrag über: „Die 
Chemie im Dienste der Altertumskunde*. Ferner wird 
daS Brüffeler Streichquartett Kammermusik bieten. 
o Die Nachricht, daß zu Ostern die Osterklafse in 
der höheren Mädchenschule — Fontane-Schule — im 
Friedenauer OrtSteil von Schöneberg wegen zu geringen 
Besuchs eingezogen werden soll, hat unter die Bürgerschaft 
große Beunruhigung gebracht. Da diese Frage zweifellos 
weitere Kreise interessiert, so wird diese Angelegenheit in 
der MonatSoersammlung deS Kommunalvereins Schöne 
berg, Friedenauer OrtSteil, am Dienstag, dem 9. d. MtS., 
Abends 31/4 Uhr im Restaurant Burghof. Hauptstr. 86, 
besprochen werden. 
0 In das Handelsregister wurde eingetragen: 
Bei Nr. 383: Westliche Berliner Vorortbahn mit dem 
Sitze zu Berlin: Ernannt sind der Rechtsanwalt Dr. Fritz 
Wuflow, jetzt in Klein-Glienicke, und der Regierungsrat 
Dr. Walther Micke, jetzt in Charlottenburg, je bisher stell- 
vertretendes Vorstandsmitglied, zum ordentlichen und der 
Oberingenieur Carl Otto in Schöneberg-Berlin zum stell- 
vertretenden Vorstandsmitglied. 
0 Bürger heraus! Unter dieser Stichmarke ver 
öffentlicht der Hauptvorstand des OrtSverbandes Groß- 
Berlin deS HanfabundeS eine Entschließung, in der er be 
sonders die Angehörigen deS deutschen Gewerbestandes 
auffordert, ihrer Wahl—.Pflicht" zu genügen. „Alle, die 
am Blühen und Gedeihen des deutschen Gewerbestandes 
beteiligt sind, Männer sowohl wie Frauen, haben dafür zu 
sorgen, daß in ihren Kreisen der Grundsatz: „Wahlrecht 
ist Wahlpflicht" ausnahmslos durchgeführt wird." 
0 Evangelischer Arbeiterverein für Friedenau 
nnd Umgegend. Dienstag Abend von 6—10 Uhr sehr 
wichtige Versammlung mit Verteilung von Flugschriften usw. 
im oberen Saal deS Kaiser Wilhelmgarten, Rheinstr. 65. 
0 Treptow * Sternwarte. Zwei Sonderoorträge 
über „Die Anschauung vom Monde und seinen Phasen in 
Mythos und Kunst der Völker" wird Herr Dr. Wolgang 
Schultz aus Wien unter Vorführung von 150 Lichtbildern 
im großen Hörsaal der Treptow-Sternwarte halten. Der 
Vortragende, hat die Sagen und Mythen der Völker, die 
alten prähistorischen Denkmäler nach Spuren unmittelbarer 
Anschauung vom Monde und seinen Phasen durchforscht. 
Der 1. Vortrag, welcher am Dienstag, dem 9. Januar, 
Abends 8 Uhr stattfindet, führt in die Grundzüge des 
ältesten Kalenderwesens ein und erklärt das unserem 
modernen Empfinden so befremdliche Vorherrschen des 
MondeS im Vorstellungsleben jener Urzeiten. Der zweite 
Vortrag am Freitag, dem 12. Januar, Abends 8 Uhr be 
handelt insbesondere die moderne Anschauung über Astral 
mythologie an der Hand babylonischer Ausgrabungen wie 
auch alter arischer Sagenüberlieferungen. 
0 Nach einem Bettelschwindler, der sich Baron 
von Korff nennt, fahndet die Kriminalpolizei. Der 
Gauner gibt an, Osftzier und auch Rittergutsbesitzer in 
Schlesien gewesen zu sein, sucht seit etwa sechs Wochen 
hochgestellte Persönlichkeiten auf und bittet sie zunächst um 
Empfehlungen und um Besorgung einer Stellung als 
Wirtschaftsinspektor. Kurz vor seinem Weggange klagt er 
derart über seine und seiner Familie schlechte Lage, daß eS 
ihm stets gelingt, «inen größeren Geldbetrag zu erhalten. 
W————— 
— sie wußte selber nicht warum, die Lichte anzuzünden. Es 
war ein geheimer Drang, der ihr Tun bestimmte, nun nach 
außen jenen Augenblick der Wonne, den sie durchlebt hatte, 
noch einmal in ähnliche Gestaltung zu bringen. 
Nachdem sie mehrere Lichic angezündet hatte, hielt sie inne 
und legte die Streichhölzer beiseite. Sie war sehr bleich. Eine 
schmerzliche Sehnsucht sprach aus ihren Augen. Draußen 
herrschte Stille. Plötzlich wurde sie unterbrochen durch Schellen 
geläut. 
Die Baroneß horchte ans und preßte unwillkürlich ihre 
Hände gegen das Herz. Wer kam? — Mit den Nachbarn 
stand sie jetzt gar nicht ans Verkehrssuß. Die wiederholte 
Trauer und die viele Unruhe hatten den Verkehr sehr ein 
geschränkt. 
Unbeweglich verharrte sie, den Atem fast anhaltend, um 
uur jedes Geräusch zu vernehmen. Ein schneller Schritt erklang 
im Korridor. Die Tür zum ^aaal wurde geöffnet. »GrafI 
Sie!" rang es sich über Hildegards Lippen, als Graf Erbach 
plötzlich vor ihr stand. 
Der Graf legte die Hand über die Augen. — Hatte er 
denn geträumt, daß er fast vier Tage fort gewesen war? Das 
sah ja gerade ans wie Weihnachtsabend. Genau so wie neulich 
erschien ihm die Baroneß. 
Er stand vor ihr. Er neigte sich über ihre Hand 
»Baroneßchen," sagte er schnell und leise, „es geht nicht. Der 
alte Freund hat Ihnen und sich selber entfliehen wollen, aber 
er vermag es eben nicht." 
Totenblaß war Hildegard. „Graf!" sagte sie leise und 
langsam, „warum gingen Sie?" 
„Baroneßchen! Hildegard!" kam es über des Grasen 
Lippen. Und wieder, wie neulich im Sturm der Gefühle, 
schlang er den Arm um sie und küßte sie heiß und innig. 
Dock heut gab er sie nicht frei. „Kannst du cs denn ver. 
gessen, Hildegard," flüsterte er, „daß ich ein alter Mann bin, 
im Vergleich zu dir? Kannst du mich denn wirklich lieben — 
lieben, Hildegard? Denn Liebe will ich haben, nicht Mitleid." 
Ein seliges Lächeln spielte um. Hildegards Lippen! 
Die in Aussicht gestellte schriftliche Schilderung seiner Der- 
hältnifle bleibt natürlich au« und Erkundigungen in der 
von dem bedauernswerten Greise angegebenen Wohnung, 
welche bald in Friedenau, bald in Zehlendorf sein soll, 
erweisen stets die Unwahrheit. Der angebliche v. K., 
arbeitete vor zwei Jahren bereits mit gleichem Trick. Er 
ist etwa 60 Jahre alt, mittelgroß und kräftig, hat volles, 
graues Haar, weißgrauen kurzen Vollbart und spricht 
schlesischen Dialekt. 
| Gedenket der darbende» Vögel. 
Eine weiße Schneedecke liegt über das Land und gibt 
dem Bilde ein winterliches Aussehen. Schlittenfahrten und 
allerlei Wintersport erfreuen des Menschen Herz, aber für 
die gefiederten Sänger beginnt die Zeit der Entbehrung, 
der Not und des Hungers. Sie kommen in Scharen zu 
den Heimstätten der Menschen um Hilfe bittend. Deshalb 
möge jedermann sich der armen Geschöpfe erbarmen und 
ihnen einige Abfälle seines Tische« spenden. Viel wenig 
machen ein Viel. Hunger und Durst tuen weh, darum 
gedenket der darbenden Vögel. 
0 Feuer in den „Rheknschloß-Lichtspieleu". 
Durch einen Filmbrand im Vorführerraum der Rheinschloß- 
Lichtspiele entstand dort gestern Abend gegen 7 Uhr eine 
Panik. DaS Theater war sehr stark besucht und eS 
gelangte gerade ein lustiger Film: „Fritzchen ist nicht aus 
Dummsdorf", zur Vorführung. Dadurch, daß die Schrift 
an der Leinwand umgekehrt erschien, bemerkte der Vor- 
sührer, daß er den Film falsch eingestellt hatte. A>8 er 
den Fehler beheben wollte, entzündete sich das leicht 
brennbare Material und in wenigen Augenblicken stand 
der Vorführerraum in Hellen Flammen. Die Flammen 
schlugen auch auS der Oeffnung nach dem Saal und 
spiegelten sich auf der Leinwand wieder. Ein Herr ließ 
jetzt den unvorsichtigen Ruf: „Feuer! rette sich, wer kann!" 
ertönen. Darauf bemächtigte sich der Besucher, namentlich 
der anwesenden Damen, eine Panik und alles stürmte dem 
Ausgange zu. Es bedurfte der ganzen UeberredungSkunst 
einiger besonnener Herren, um eine Katastrophe wie in 
Lichtenberg zu vermeiden. Die nach dem Garten führenden 
Nottüren waren schnell geöffnet, sodaß sich hierdurch daS 
Theater in wenigen Minuten entleerte. Trotz der vielen 
Nottüren in dem geräumigen Saal stürmte zuerst das 
Publikum Hals über Kopf dem einen Eingänge zu. 
Das Feuer selbst, das sich nicht über den Vorführerraum 
ausdehnte, wurde von unserer Feuerwehr, die schnell zur 
Stelle war, bald gelöscht. Zu verurteilen ist das Ver 
halten deS einen Herrn, der den Alarmruf „Feuer" auS» 
stieß. Nur dadurch trat erst die Erregung im Publikum 
ein. Dieser Herr war eS auch, der als erster durch die 
Nottüren inS Freie zu gelangen versuchte und dabei durch 
die Nachstürmenden vor der Tür zu Fall kam. — Die 
Sicherheitsvorrichtungen in den „Rheinschloß Lichtspielen" 
haben sich vollkommen bewährt, und es ist nur zu 
wünschen, daß das Publikum bei ähnlichen Vorfällen mehr 
Ruhe bewahrt. Das einzige, waS zu bemängeln wäre, ist 
das Fehlen eines Mittelganges, wodurch der Saal sich 
noch schneller räumen ließe. 
0 Strafienbahnunfaü. Vor einem Kaufhaus in 
der Königstraße in Berlin wurde daS Kaiserallee 205 
wohnhafte 23 jährige Fräulein Rosa Rosettenstein beim 
Betreten der Schienen von einem Straßenbahnwagen der 
Linie 62 8 umgestoßen. Die Verunglückte erlitt «ine 
schwere Verletzung an der linken Schläfe, die ihre Ueber- 
führnng nach dem Krankenhause am Fciedrichsheim not- 
wendig machte. 
0 Eine Verkehrsstörung entstand am heutigen 
Montag morgen gegen * 1 / 2 8 Uhr in der Rheinstraße. Der 
Straßenbahnwagen 3031 der der Linie 60 geriet zwischen der 
j Kaisereiche und Lauterplatz infolge eines Kabeldefektes in 
* Brand. Der Wagen mußte aus dem Betrieb gezogen 
\ werden. Der Betriebsunfall hatte auf dieser Linie eine 
i 25 Minuten andauernde Störung zur Folge. 
Vereins-AachrichLen. 
Der Brandenburgische Prorinzialverein für Frauenstimmrecht 
(Südwestliche Vorortsgruppe Berlin) hält am Montag, dem 15. d. M., 
Abends 8'/, Uhr im Restaurant ..Kaisereiche", Rheinstr. 54, eine 
öffentliche Versammlung ab. strau C- Scelcr spricht über: „DaS Er- 
„Mitleid mit dir," flüsterte sie — „Mitleid mit dir! Nein, 
ich liebe dich, liebte dich vielleicht schon lange, ehe ich es 
wußte." 
Jetzt strömte es vor ihr aus, was in seinem Herzen 
gewohnt hatte seit langen, langen Jahren, all seine heige 
Liebe, all seine heißen Kämpfe, all sein Glück und all sein Leid. 
„Wenn du es wüßtest," sagte er. „was es mich gekostet 
hat, vor dir, neben dir zu stehen, mit dem geheimen Wunsch 
im Herzen, mit der Sehnsucht, dich in meine Arme zu nehmen 
und zu küssen. Ach! und da immer fern bleiben müffen, wie 
einer, der nie ein Recht haben wird, das zu tun, wonach ihn 
doch dürstet, wie einen Verschmachtenden nach einem Trunk 
Wasser." 
Wie sie lauschte, wie sie jedes Wort, das er sagte, in sich 
aufnahm, und wie jedes seiner Worte die Glückseligkeil erhöhte, 
die sie empfand! Sie hatte bis jetzt nicht gewußt, was cs 
heißt, geliebt zu werden und zu lieben. — Vergessen tvar 
jegliches Leid, das hinter ihr lag. Wie ein Rauschen von 
Seligkeit war es um sie her. „Mein Gott!" flüsterte sie, 
„darf man denn auf Erden ungestraft so glücklich sein? 
Fürchtest du dich nicht?" fragte sie leise, „eine Mellinghausen 
an dich zu sieben ? Ach, du ivcißt es ja nicht, daß den 
Wellinghanscn kein Glück anhängt." 
Ter Graf lachte. Er strich mit der Hand über ihr schönes 
Haar, legte dann die Hand über ihre Augen: „Ich muß sie 
zudecken," sagte er. „Es geht ein Strahl von ihnen aus, 
der mich blendet." 
I „Du meine Einzige, die ich je geliebt habe/' begann er 
> wieder, „du blühender Frühling in meinem Herbst!" 
I Als er das sagte, zitterte Hildegard. „Frühling und 
Herbst!" flüsterte sie. „Frühling und Herbst!" wiederholte 
sie, als werde ihr irgend etwas klar. 
„Was ist dir, mein Lieb?" fragte der Graf. „Beunruhigt 
dich etwas?" 
( „Nein, nein, nichts beunruhigt mich. Es ist nur etwas so 
wunderbar, so sehr wunderbar." 
In fliegender Eile erzählte sie ihm, daß, der alten Chronik 
gebniS der ReichStagSwahlen"; ferner berichtet Fräulein Elf« SüderS 
über: „WaS lehrt uu» der Streik im KonfekttonSarbeitergewerbe." 
Auskunft-» «ud Fürsorgestelle (Kaiserallee 66). 
für Tuberkulöse: Aerzüiche Sprechstunden für Männer jeden Dienstag 
von 12—1, für Frauen und Kinder jeden Mittwoch von 12—1 Uhr; 
für Alkoholkranke: Acrztl. Sprechstunde jeden Freitag von 12—1 Uhr. 
Schöneöcrgo 
—0 Dem Berwaitungsdirektor und Geschäftsführer der 
Nordöstlichen Baugewerksberufs. Genoffenschaft August 
Schaffheim von hier wurde der Kronenorden 3. Klaffe 
verliehen. 
—0 Die Unzufriedenheit der Gemeindearbeiter hatte 
gestern zu einer Protestversammlung Anlaß gegeben. Eine 
Massenversammlung der städtischen Arbeiter und Hand 
werker SchönebrrgS, einberufen vom Verband der Ge 
meinde- und StaatSarbeiter, tagte gestern im GesellfchaftS» 
hauS deS Westens, um gegen die letzte Lohnregelung zu 
protestieren. Nach langer Diskussion wurde schließlich eine 
Resolution angenommen, in der die festgelegten Lohnsätze 
als vollständig ungenügend erklärt werden und energischer 
Protest dagegen erhoben wird, daß ein beträchtlicher Teil 
der Arbeiter bei der Neuregelung unberücksichtigt ge 
blieben ist. 
Merlin und Uororte. 
§o Ende gut. alles gut. Der Berliner Magistrat hat 
sich in den letzten Wochen deS alten JahreS noch zu einer 
„Tat" aufgerafft, für die ihm die Bürgerschaft der Reichs» 
Hauptstadt aufrichtigen Dank wiffen wird. ES handelt sich 
um die Pläne der Nord-Südbahn. Wie seinerzeit ge 
meldet. hatte das Polizeipräsidium dem Magistrat unter 
dem 20. Dezember v. Js. die Ausstellungen und Ab 
änderungsvorschläge mitgeteilt, welche Minister v. Breiten- 
bach den Aufsichtsbehörden an die Hand gegeben hatte. 
Es erregte nun berechtigtes Aufsehen, als schon am 30. De 
zember, also nach 10 Tagen („Dezendium'). im Polizei- 
Präsidium die Nachricht einging, daß der Magistrat sich mit 
den gewünschten Aenderungen einverstanden erklärt habe 
und die abgeänderten Zeichnungen gleichzeitig zurückreichte. 
Diese anerkennenswerte Beschleunigung deS Geschäftsganges 
dürfte zweifellos zur Folge haben, daß der Wunsch deS 
Magistrats, die Nord-Südbahn noch vor Inkrafttreten bei 
BerkehrSzweckoerbandeS unter Dach und Fach zu bringen, 
in Erfüllung gehen wird. Freilich müffen die abge 
änderten Pläne noch vom Polizeipräsidium und der Kgl. 
Eisenbahndirektion Berlin einer Prüfung unterzogen werden. 
Ist den Wünschen deS Ministers aber in allen Punkten 
Rechnung getragen, so dürfte daS weitere Verfahren sich 
sehr einfach gestalten. Nach erfolgter Prüfung der betriebs 
sicheren Beschaffenheit der Bahn usw. erhält die Stadt 
Berlin zunächst die sog. „Genehmigungsverfügung*. Da 
dem Z 39 des Kleinbahngesetzes, nach welchem es zur 
Anlegung von Bahnen in den Straßen Berlins der Kgl. 
Genehmigung bedarf, bereits Genüge geschehen ist, würd« 
sich daran das PlanfeststellungSversahren anschließen. Für 
dieS schreibt § 17 deS KleinbahngesetzeS vor, daß die 
Pläne im Gemeindebezirk 14 Tage lang „zu Jedermanns 
Einsicht offenzulegen * sind. Da kaum zu erwarten steht, 
daß seitens der Jntereffenten erhebliche Einwendungen 
gegen die Pläne erhoben werden und danach weitere Ver 
handlungen sich erübrigen dürften, so würde der Erteilung 
der „Genehmigungsurkunde" und der Bauerlaubnis nichts 
mehr im Wege stehen. 
Herichttiches, 
P. Inhaber von Wettbüros standen vorgestern wegen gewerbs- 
mäßigen Glücksspiels angeklagt vor der 3. Strafkammer des Land- 
gerichtS I. Der Gastwirt Paul Schöpfer hrerfelbst und besten Ehefrau 
Emma Sch. sowie der Gastwirt Karl Mesierfchmidt in der Genthiner 
Straße zu Berlin waren beschuldigt, in den Jahren 1910 und 1911 
gemeinschaftlich be;w. unter Beihilfe gewerbsmäßig Oetten für Pferde- 
rennen auf in- und ausländischen Rennplätzen adgeschloffen oder ver 
mittelt zu haben. Die Kriminalpolizei hatte von einem mit seinen 
Erfolgen beim Rennwettspiel unzufriedenen Rennwettmann die zum 
Einschreiten erforderlichen Winke empfangen und dann aus deu im 
Wettbüro des Angeklagten Schöpfer beschlagnahmten GeschiftSpapiercn 
das zur Erhebung der Anklage notwendige Belastungsmaterial be 
schafft, sodaß auch die Eheftau des Sch. und besten Mitschuldiger, der 
Angeklagte Meffcrschmidt wegen Beihilfe zur Verantwortung gezogen 
werden mußten. Schöpfer handelte als Unter-Agent eines seit der 
Einleitung deS Strafverfahrens verfchwundencn Groß - Buchmachers 
Namens Neumann, dessen Gewerbe darin bestand, viele kleine Wett- 
zufolge, ein'Fluch auf den Mellinghausen lag, und daß sich 
ein Spruch in ihr verzeichnet gefunden hatte, der sich ihr ein- 
geprägt hatte für immer. 
Sie sagte: 
»Wenn der Spruch im Leben sich bewährt. 
Wenn das alte Wort die Flamm' verzehrt. 
Wenn der Herbst dem Frühling sich gesellt. 
Der alte Fluch in sich zerfällt." 
»Das alte Wort ist von den Flammen verzehrt," fuhr sie 
fort. „Das andere konnte ich nie verstehen. 
Du hast durch dein Wort blitzartig eine Erklärung gegeben, 
die mich wunderbar berührt hat." 
„Wenn der Frühling sich dem Herbst gesellt/ wiederholte 
der Graf und fuhr fort: .Mein Liebling, hätte ich eure 
Faniilienchromk gekannt, so würde mich dennoch der Fluch 
nicht erschreckt haben. Ich selber stehe solchen Dingen gleich 
gültiger gegenüber, als vielleicht nötig ist. Doch es ist ein 
wunderliches Zu ammentreflcu, daß jener Spruch sich an uns 
zu erfüllen scheint. Laß die Stimmen der alten Zeit ruhen, 
mein Liebling. Die Vergangenheit »oll uns nicht ängstigen. 
Die Gegenwart gehört uns. Sie wie die Zukunft liegen in 
Gottes Händen und sind dort gnt aufgehoben." 
„Ist cs denn wirklich Winter draußen?" fragte die 
Baroneß. »Ich meine, cs muß blühen und duften draußen, 
muß klingen von Frühlingsseligkeit. — Nur unter Herzblulen/ 
fügte sie hinzu, »erlangen die Wellinghanseu Liebesglück. So 
bat Papa gesagt. Vielleicht, Horst, ahnte er, was mir bevor 
stand." 
.Vielleicht, meine Hildegard, du Eine, die zu mir gehört, 
die ich durch ein langes Leben hindurch gesucht und erst ge 
funden und errungen habe, als schon die Vorboten des Winters 
aus meinem Haupt sich gezeigt hatten. Es gehört Mut dazu, 
viel Mut, mein Liebling, daß du »vagen nullst, mit mir zu- 
sammen zu wandern, daß du dich aufgibst, um mir zu ge 
hören." 
(Schluß folgt.)
        
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