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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 19.1912

Bau sei, hat früher schon so viel geklagt, daß wir uns 
nicht allein halten können. Will er unS denn nun mit 
Gewalt so viel aufladen, damit wir recht schnell 
unsere Selbständigkeit aufgeben müssen? Im 
Projekt 1906 sind alle Räume auf seine Veranlassung 
schon damals erhöht worden. ES wäre ihm interessant, 
zu hören, wie die Sache im Bauausschuß behandelt 
worden ist. Man sagt jetzt, dar Projekt könne nicht mehr 
maßgebend fein, eS war nur ein Vorentwurf, und so 
arbeite man jetzt schon wieder ein andere- Projekt auS. 
Herr Ott habe Recht, viele Zimmer sind auf den Plänen 
erheblich größer als in der Denkschrift angegeben. ES 
wäre daher sehr gut, wenn man dem Antrage deS Herrn 
Kunow folgen würde, dadurch würden alle Zweifel auS 
der Welt kommen. Daß das Projekt am Marktplatz 
frisiert ist, werde man nicht bestreiten. Er stehe heute 
noch auf dem Standpunkt, daß dar Grundstück am 
Wilmersdorfer Platz groß genug ist. Für die Schule 
ist dar Grundstück weniger geignet. Man will wieder 
eine Hallenschul« bauen. Er habe gegen die Hallenschulen 
doch seine Bedenken. DaS erfährt man erst jetzt durch die 
Königin Luise-Schule. Die Heizung ist dort teuer. ES 
muß eine Reinemachefrau mehr angestellt werden, da der 
Staub kaum aus der Halle und den Korridoren zu bringen 
ist. Er hält den Bau am Wilmersdorfer Platz für billiger 
und beffer für die Beamten. G.-V. Richter möcht« seinem 
Erstauen darüber Ausdruck geben, daß nochmals über die 
Sache verhandelt würde. Er habe nichts Neues gehört. 
Für eine nochmalige AuSschußbehandlung könne er nicht 
stimmen. Man würde dann sagen, wir sind TroddelS und 
wären zurückgewichen. Er könne es der Minorität nach 
fühlen, wenn sie mit ihrer Ansicht nicht durchdringt. Das 
ist schmerzlich. Er spüre dieSMteh. da pr.oftmals in der 
Minderheit bleibe. Herr Gerktn hcihe, früh« oft mit Recht 
gesagt, diese oder jene Sache sei nicht genügend vorbereitet. 
In diesem Falle habe man aber eingehend geprüft und 
gut vorbereitet. Waren wir nun einmal so tolerant und 
haben darüber verhandelt, so sollen wir nun aber den 
Antrag deS Bürgermeisters annehmen. Der Haus- und 
Grundbesttzerverein wußte doch längst, waS bevorstand, er 
hätte früher mit seinen Anträgen kommen sollen. Er 
bitte um Uebergang zur Tagesordnung. daS sei man den 
Bürgern schuldig. G.-V. Haustein bemerkt, er habe Herrn 
Baurat Altmann ebenfalls den Borwurf gemacht, 
daß er daS Marktprojekt mit mehr Liebe bearbeitet 
hätte. DaS liege aber in der Natur der Sache. Ein 
Architekt wird sich immer mehr ausdehnen, wenn ihm 
mehr Raum zur Verfügung steht. Hat er weniger Raum, 
so bringt er hier dasselbe zu Wege. Es scheine ihm nach 
den Angaben deS Herrn Kunow doch, daß man im Aus 
schuß etwas schnell über daS Projekt hinweggegangen sei. 
Wo so viele Zweifel auftauchen, wäre eS wohl wünschenS- 
wert, man folge dem Antrage deS Herrn Kunow und be 
rate nochmals in einem Ausschuß. Er habe nur deshalb 
für daS Projekt am Marktplatz gestimmt, weil er der An 
sicht sei, daß eine Gemeinde, die einen Etat von 2 Millionen 
habe, sich auch ein Rathaus bauen könne, das repräsentiert. 
Er wendet sich dann gegen die Zeitungsartikel, die s. A. 
nach dem Ort geschadet hätten, denn auswärts sei er schon 
gefragt worden, ob denn die Gemeinde Friedenau pleite 
wäre. Die Zeitung möge auch sachlich bleiben und nicht 
persönliche Angriffe aufnehmen. — Damit ist die Rednerliste 
erschöpft. Zu einer persönlichen Bemerkung erhält G.-V. 
v. Wrochem daS Wort. Er habe Herrn Kunow gegen 
über keine persönliche Ehrenkränkung aussprechen wollen. 
(G.-V. Kunow: nein, nein; daS nehme ich auch nicht an.) 
Im übrigen aber halte er aufrecht, waS er gesagt habe, 
daß er eS mit seinem parlamentarischen AnftandSgefühl 
nicht vereinbaren könne, einer Kommission anzugehören, 
wenn eine Gegenkommission eingesetzt werde. Gemeinde- 
baurat Altmann, ebenfalls zu einer persönlichen Bemer 
kung: er habe das Wort „verhetzen" nicht auf ein Mitglied 
der Gemeindevertretung angewendet. Er habe damit nur 
die unglückseligen Artikel in der Zeitung gemeint. G.°V. 
Gerken ist von dieser Erklärung befriedigt. Bürgermeister 
Walger führt dann auS: Nachdem Herr Ott gesprochen 
hatte, hätte er einfach abstimmen lassen können, da niemand 
mehr auf der Rednerliste gestanden habe. Aber er habe 
die Debatte zugelassen, um die Sache zum Abschluß zu 
bringen. Es ist im parlamentarischen Leben wohl noch nie 
dagewesen, daß man versucht hat, durch Beschwerden und 
andere ungesetzliche Mittel einen Beschluß wieder umzu- 
stoßen. ES ist auch heute von der Minderheit kein Material 
gegeben worden, eS waren nur Anregungen, auch was 
Herr Ott gesagt habe, war nichts neues. ES ist endlich 
mal Zeit, daß man zum Schluß kommt. Wie er selbst sich 
fügen müsse, so müsse sich jeder andere auch fügen. Daß 
in der Oeffentlichkeit durch Debatten und Zuschriften eine 
Verhetzung eingetreten ist, zeugt für eine KampfeSart, die 
sich selbst richtet. Es liegen nun die Anträge Ott: eine 
nochmalige Prüfung vorzunehmen und Kunow: nochmals 
einen Ausschuß mit der Frage zu betrauen, vor. Sein 
Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung hat sich durch 
die Debatte wohl erledigt. Der Antrag Kunow ist eigent 
lich auch hinfällig, da der Ausschuß ja der Bauausschuß 
war, der den Beschluß einstimmig gefaßt hat. Er möchte 
nur noch auf eins eingehen, die EingemetndungSfrage: 
ES wurde gesagt, wir wären so festgefahren, daß wir 
unS bald eingemeinden lassen müssen. Demgegenüber 
möchte er hervorheben, daß er vom ersten Tage seine« 
Amtsantrittes an, sich über di« finanziellin Verhältnisse 
unserer Gemeinde orientiert habe, und dabei ein so gün 
stiger Bild gewonnen habe, daß wir mit gutem Sinne in 
die Zukunft schauen können. Keine Gemeinde der Kreise« 
Teltow ist so günstig gestellt wie wir, daS wird im Kreis 
tag auch unumwunden zugegeben. Wenn die übrigen Ge 
meinden erst so ausgebaut sein werden wie wir, so wollen 
wir sehen, ob sie dann finanziell ebenso günstig dastehen 
Er kann versichern, daß das seine Ueberzeugung 
ist und daß für unS kein Anlaß vorliegt, unS jemals ein- 
gemeinden zu lassen. (Bravo.) 
G.-V. v. Wrochem (zur Geschäftsordnung). Auf der 
Tagesordnung steht nur der Antrag der Hausbesitzer 
vereins. Hierzu hat der Bürgermeister den Antrag gestellt, 
zur Tagesordnung überzugehen. Ueber diesen Antrag 
müsse zuerst abgestimmt werden. Dann erst könne über 
die Anträge Ott-Kunow verhandelt werden. Er beantrage 
also über den Antrag Uebergang zur Tagesordnung zuerst 
abzustimmen und zwar namentlich. Bürgermeister 
Walger gibt Herrn v. Wrochem recht. Schöffe Bache 
meint, der Herr Bürgermeister habe zwar zuvor den An 
trag gestellt, nachher aber die Debatte zugelassen. Jetzt 
wolle er wieder den Antrag hervorbringen. Das geht nicht 
und daher stehen jetzt nur die Anträge Ott-Kunow zur 
Abstimmung. Bürgermeister Walger erklärt, daß man 
mit der Erörterung selbst einverstanden war. ES wird 
dann über seinen Antrag: Uebergang zur Tagesordnung 
namentlich abgestimmt. ES stimmen dafür: Bürger 
meister Walger, Schöffen Draeger, Lichtheim, Wossidlo, 
Sadöe, G.-V. Huhn, Lehment, vr. Lohmann, Richter, 
SachS, SchölzeS, Uhlenbrock und v. Wrochem; dagegen 
stimmen: Schöffe Bache, G.-V. Franzelius, Gerken, Hau- 
stein, Knaak, Kunow, Matthies, Ott, Schu und Schultz. 
Mithin ist der Antrag mit 13 gegen 10 Stimmen an 
genommen. 
Schöffe Draeger berichtet dann zum letzten Punkt 
der Tagesordnung und empfiehlt die Unterhaltung der 
vom Steinsetzmeister Ritze asphaltierten Straßen versuchs 
weise auf ein Jahr in eigene Regie, zu übernehmen. Man 
würde dabei billiger verfahren, als wenn man die Unter 
haltung irgend einer Gesellschaft übertragen würde. G.-V. 
Knaak gibt zu bedenken, ob man nicht besser tue, wenn 
man neue Geräte und nicht, wie in der Vorlage vorge 
schlagen, alteKlamotten ankaufe. DieG.-V.Huhn undKunow 
halten die alten Geräte für gut. Schösse Draeger bemerkt, 
daß es sich nicht um alte Klamotten, sondern um nur 
wenig gebrauchte Geräte handelt, die mehrere Jahre aus 
reichen müssen. Wenn der Versuch gelingt, wolle man die 
Asphalttierung dauernd für alle Straßen in eigener 
Regie ausführen. Auf die Anfrage des G.-V. Schultz, woher 
man den Asphalt beziehe, antwortet Schösse Draeger, 
daß man ihn direkt aus der Grube bekomme. ES wird 
dann beschlossen, die Unterhaltung der betr. Asphaltstraßen 
vorläufig auf ein Jahr versuchsweise in eigene Regie zu 
übernehmen. Die Mittel, 630 M. für Geräte und 990 M. 
für Materialien, werden bewilligt. 
G.-V. v. Wrochem fragt an, wann die beschlossene 
Verstärkung der elektrischen Straßenbeleuchtung in Angriff 
genommen werde. Bürgermeister Walger antwortet, daß 
die ManneSmannröhren heute eingetroffen sind. 
Nachdem dann daS Protokoll verlesen und genehmigt 
war, wird die öffentliche Sitzung gegen %10 Uhr geschlossen. 
Are öunle Woche. 
Plauderei für den .Friedenauer Lokal-Anzeiger". 
Ta» Drama t« Nachtasyl. — Tie a« Sege sterben — waugel 
an Arbeitskräften. — Die Tietzfchen Strohhüte und Wertbet«, 
scheu Karpfen. — Tie Fastnacht beginnt. — Allerhand „Ueber- 
raschnngeu". — Die anspruchslosen verliuer. 
Berlin, den 5. Januar. 
DaS neue Jahr voller Hoffnungen und drohender Schicksale, die 
Londoner Verstimmung und die kommenden Wahlen: Alles war an 
der Spree in den letzten Tagen fast spurlos vergeffem Wo man ging 
und stand, im Kaffeehaus und in den TheaterfoyerS, auf der Elek 
trischen und im Kreise fröhlicher Menschen, überall stand das ge 
heimnisvolle Drama aus dem Nachtasyl als drohendes Gespenst 
vor den Augen. Noch immer ist die Bevölkerung erregt. Denn noch 
immer ist eS nicht gelungen, eine bündige Antwort auf die bange 
Frage nach der Ursache des Massensterbens zu geben. Die Aerzte und 
Chemiker lassen jetzt wieder die Behauptung fallen, daß die Ver 
giftungen auf den Methyl-Alkohol zurückzuführen seien, und ein 
klares Bild der wirklichen Vorgänge ist noch immer nicht zu erhalten. 
Ich habe die gute Stunde Weges im muffigen Straßenbahnwagen 
nicht gescheut und bin an diese Stütte der vom Leben Gebeutelten 
und Zerschlagenen gefahren. In die Fabrikstadt der Nordostens, die 
ihre schwarzen, unheimlichen Polypenarme bis zum Alcxanderplatz vor. 
streckt. Man kann sich nichts Trostloseres denken, als dieses graue, 
dumpfe Straßenbild da draußen. In keiner anderen Gegend Deutsch 
lands, die der Berliner mit zugekniffener Lippe stolz die Provinz 
nennt, wälzt ein so trüber Strom des Verkehrs durch ein Bett hoher, 
enger Steine... 
Ich mußte an die Arbeiterviertel Londons, an das Juden- 
viertel Neuyorks denken, in denen ich des Lebens größten Jammer 
geschichtet sah. Es legt sich wie eine schwere Last auf die Seele deS 
Schreitenden, der aus freundlichen westlichen Vororten kommt. Da 
hinten, über der Greifswald« Straße, über den gigantischen Kuppeln 
der Gasanstalt, scheint keine Sonne mehr zu stehen. 
An der Gasanstalt klebt daS städtische Obdach. Ein roher, langer 
Backsteinbau mit drei dunklen Portalen. Im Vordergebiude die Ver- 
waltungsräume, über den Hof drüben die Schlafsäle, in denen rund 
4000 Personen jede Nacht ihre wüsten Träume «Lumen. Viertausend 
Kinder der Mutter Erde, die nichts mehr haben. Keine Jugend und 
kein Hoffen mehr. 
Ich habe nirgends die eigentlich doch bedeutsame Tatsache erörtert 
gefunden, daß all diese Menschen, die dort schlafen, noch nickt des 
Lebens Mitte erreicht haben. Habe nirgends nachdenkliche Worte 
darüber gefunden, daß von den 75 Vergifteten 60 im Alter von 25 
bis 38 Jahren standen I 
Man muß bet der Betrachtung dieser Tatsache mit Notwendigkeit 
zu dem Ergebnis gelangen, daß all diese am Wege dahin Gesunkenen 
keine Lücke zurückgelassen haben! Ich sah fie herauskommen auS den 
Portalen: Ein schmutziger Strom arbeitsscheuer, dem Trünke ergebener 
Menschen. Menschen, die immer nur bis zum nächsten Zahltag 
arbeiten, wenn fie Beschäftigung finden. Sie kehren am Sonnabend 
in ihrer Ctammdestille ein, kaufen fich einen Rausch, der gut drei Tage 
vorhält und kommen Dienstags wieder an die Arbeitsstätte zurück. 
Wenn fie dann entlassen werden, schimpfen fie furchtbar auf alle«, 
waS nüchtern ist und so geht cs eine Zeit lang hin und her, auf und ab. 
Selbst wenn man diese Menschen in Bedingungen versetzt, in 
denen eS ihnen leicht gemacht wird, ihrem schwach entwickelten Er- 
wcrbSdrang nachzugehen, selbst in solchen Verhältnissen halten fie nicht 
auS und der dunkle Trieb nach den Tiefm zieht fie nur zu bald wieder 
von der Bahn. 
kommt noch hinzu, daß in Berlin jeder Mensch Beschäftigung 
findet, der arbeiten will. Seit einem halben Jahre ist der Mangel 
an Arbeitskräften hier ganz erheblich. Jeder Stellenvermittler 
wird diese Auskunft geben. 
Daher ist eS ein Unding, die Gesellschaft verantwortlich machen 
zu wollen kür diese an Willen Armen, an Kraft Kranken, denen mau 
gewiß menschliches Mitleid nicht versagen kann. Und man sollte fich 
hüten, fie als Märtyrer und Heroen hinzustellen, so wie eS ein hiesige« 
Montagkblatt tat, daS einen Artikel mit der gefchmackvollen Ueder- 
schrist brachte: ,70 Opfer des ProtzentumS". Der geistige Vater 
dieser Abhandlpng, bemühte fich nachzuweisen, daß lediglich die wohl- 
habenden Bewohner deS Kurfürstendamms Schuld tragen an der be- 
bäuerlichen Tatsache, baß im Asyl Menschen starben an einer unbe- 
kannten Vergiftung, dftman zurückführt auf den Genuß von schlechten 
Bücklingen, Margarine oder Menthyl - SchnapS, den die Wirte jener 
Gegend unter den Namen „Himmelreich", .Selige Lust" und .Sorgen- 
brecher" verkauften. 
Die Zeit eilt und auch dieses Drama der Großstadt wird in Ver- 
geffenheit sinken. Die Zeit rast schneller, als je. Als ich aus dem 
Nordosten zurückkam und an der riesigen Warenkaserue vorbeiging, 
die Tietz am SIexanderplatz für die arme Bevölkerung errichtet hat, 
sah ich ein Fenster nur mit Strohhüten! vollgestcllt. 
Drei Tage nach Neujahr! — Man muß eben flink und geschäftig 
sein im Zeitalter der rücksichtslosesten Konkurrenz. Zwar besteht noch 
keine Aussicht, diese Hüte in den nächsten Wochen ohne fühlbare Er- 
kältungserscheinungen tragen zu können. Aber man zeigt doch wenigstens 
etwas, was die andern noch nicht haben. Wertheim wird fich rcvan- 
chieren. Wird morgen Silvestkarpfen zum Einpökeln anbieten. Fische, 
die fich bequem 360 Tage halten! 
Bei diesem Vorauseilen, bei diesem Ueberrunden deS viel zu 
langsamen Zeigers der großen Weltenuhr, ist eS auch kein Wunder, 
daß wir hier schon mitten im tollsten Fastnachtstreiben find. Die 
Festsäle in der Hasenheide haben den Anfang gemacht. Allabendlich 
spielen 22 Kapellen vor insgesamt 8000 Menschen, die in einem 
einzigen Raume zusammengepfercht find. Aber dafür gibt es 
.Ueberraschungen". Der .größte und der kleinste Reichstags- 
Wähler" werden .prämiiert". Außerdem erhält diejenige Dame 
eine „komplette Schlafzimmereinrichtung" die nach dem Urteil der 
Rftdorfer Bevölkerung am meisten der Mona Lisa ähnlich sieht. 
Wahrlich, eine sinnige Methode, die Kunst inS Volk zu tragen 
und in der Massenpsyche, die man in der Wahlzeit gern die .lautere 
Volksseele" nennt, ein heiliges Feuer zu entzünden für Meister Leonardos 
herrliches Schaffen! 
Oder ist es kein idealer Erfolg, wenn Frau Kuhlicke und Fräulein 
Liddy Lehmann in heißem Bemühen das selige, geheimnisvolle Lächeln 
Mona Lisas auf ihre Züge zu zaubern bemüht find, während beim 
Klange von 22 Kapellen 8000 heftig betrunkene Menschen das hohe 
Amt eines Richters ausüben? 
Weil dieses Fest in der Hasenheidc allabendlich meistens mst 
vielem Geraus und sehr komplizierten Schlägereien endet, nennt eS der 
anscheinend kunstsinnige Wirt .Oberbayrisches GebirgSfest mit Alpen 
glühen." 
Es muß schon etwas Fremdes, etwas außerhalb der preußischen 
Sphäre liegendes sein! 
So erlebten wir ja auch das große spanische Fest, zu dem der 
kühne Vorsitzende des festgebcnden Vereins selbst die spanische Ge- 
sandtschaft geladen hatte. Mau wollte diesen DonS anscheinend ein 
mal zeigen, daß auch wir die Fenster mit Blumen umkränzen können, 
daß auch unsere Frauen die stumme und so beredte Sprache des 
Fächers zu sprechen vermögen. 
Aus Carmen wissen wir, daß Spanien das Land der Tänze ist. 
Auch bei dem .spanischen Fest" tanzten rot und weiß angestrichene 
Damen, die ungeheuer mit den Augen blitzten und uns sehr spmiisch 
vorkamen. 
Eine Seuorita sang ungefähr: 
.Ick habe dunkle Lider 
und Wimpern schwarz und laug, 
jeschmeidig find meine Jlieder 
und königlich mein Jang, 
Ick bin ein wunderbare» 
Jemisch von Jlut und ftohem Sinn. 
:,: Weil ick an Manzanares 
jeboren worden bin." :,: 
Man erträgt hier solchen Kunstgenuß gerne. Und wenn die 
Sängerin dann noch zu den Kavalieren des Volkes hiuunterstcigt, und 
aus deren Gläsern Weißbier als Manzanilla trinkt, dann ist so etwas 
schön und erhebend. 
Aber bei allem steht soviel fest: Innerhalb der schwarz-wciß-rvten 
Grenzpfähle gibt es keinen Menschen, der so begnügsam ist wie der 
Berliner. In Elberfeld und Tilsit, in Bremen und Erfurt, in guten 
deutschen Mittelstädten mit alter Kultur und bodenständiger Be 
völkerung würden derartige Darbietungen schonungslos ausgevfiffen 
werden. Und die Feste, die die ersten Vereine solcher Städte in mthsam 
durchdachter Arbeit herausbringen, erheben sich himmelhoch üb« die 
gleichen Veranstaltungen der Reichshauptstadt. Wenigstens in ihrem 
inneren Werte. Der Glanz und äußere Flitter mag hier bestechlicher 
sein. Aber die schwarzäugigen Andalufierinnen aus der Liniespraße, 
die dort erbarmungslos vom guten Geschmack abgelehnt würd« und 
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