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Periodical volume Nr. 5, 07.01.1912

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 19.1912

saal bei Rathauses. Am 21. Januar feiert die Freie Hoch 
schule Berlin ihr zehnjährig,« Bestehen durch eine Fest 
versammlung im Lehrer-BereinShause. Den Festvortrag 
wird Wilhelm Bölsche halten. Alles Nähere in den Pro 
grammen der Freien Hochschule Berlin. 
o Der Ruderverein deS Helurholtz»Real» 
gymuafiumS veranstaltet am heutigen Sonnabend im 
»Albrechtshof" sein dritte« Winterfest. 
o Eine öffentliche Wählerversammlung ver 
anstaltet der Wahlausschuß der vereinigten liberalen Parteien 
von Friedenau und die Ortsgruppe Friedenau de« Hanfa- 
bundeS am Dienstag, dem 9. Januar, Abend« 8^ Uhr, 
im .Kaiser-Wilhelm-Garten", Rheinstraße 65. Herr 
Reichstagskandidat UniversttätSprofeflor Dr. L. Spiegel 
spricht über: «Der 12. Januar". GS wird jedem Liberalen 
zur Pflicht gemacht, in dieser Versammlung zu erscheinen. 
o DaS Konzert zum Besten der Bestrebungen deS 
«Vereins zur Bekämpfung der Tuberkulose" findet nun 
bestimmt am Sonnabend, dem 3. Februar, im Frstsaal 
de« Realgymnasiums (Homuthstraße) statt. Wie wir hören, 
hat die Violinistin Fräulein Edith von Boigtlaender, die 
bei dem Konzert im Vorjahre mit so großem, jubelndem 
Beifall bedacht wurde, wieder ihre Mitwirkung gütigst 
zugesagt. 
o Der neue Aufäugerkursus im EinigungSsystem 
Etolze.Schrey für Damen und Herren beginnt am Diens 
tag, dem 1 Januar 1912 im Schulgebäude Albestraße 
(Zimmer 20). Unterrichtshonorar (einschließlich Lehrmittel) 
8 M. Anmeldungen sowie nähere Auskunft bei Lehrer 
Lüdtke, WieSbadenerstr. 11. 
o Hoheuzollerutheater. Wie wir bereits berichtet 
haben, setzt die Neue Deutsche Bühne am DienStag, dem 
9. Januar, 8^ Uhr Abends ihre Vorstellungen mit dem 
lustigen Schwank «Der Raub der Sabinerinnen" von 
Franz und Paul von Schönthan fort. Wer einmal 
herzlich lachen will, dem sei der Besuch dieser Vorstellung 
nur auf das wärmste zu empfehlen. — Dienstag, dem 
16. Januar, gelangt „Der Hüttenbefitzer" von Georges 
Ohnet zur Aufführung. An diesem Abend wird unser 
theaterliebendes Friedenauer Publikum ein Kind ihrer 
Gemeinde in einer ihrer Glanzrollen bewundern können. 
Die Direktion bereitet auch für diesen Monat eine 
Klasfikervorstellung vor, und zwar gelangt zu ermäßigten 
volkstümlichen Preisen Nachmittags für Schüler Friedrich 
von Schillers «Räuber" in erstklassiger Besetzung mit 
Künstlern erster Berliner Bühnen in den Hauptrollen zur 
Aufführung; aller in allem ist die Direktion bemüht, dem 
Geschmacke deS liebenswürdigen Friedenauer Publikums in 
jeder Hinsicht zu entsprechen. 
o Giugare, spannendes Detektivdrama in 3 Akten, 
gelangt an den Tagen vom 6.—9. Januar zum ersten 
Male in Groß-Berlin in den «Thorwaldsen Licht 
spielen", Thorwaldsenstraße 26, zur Vorführung. Außer 
diesem Film werden hochintereffante Naturbilder und dezente 
humoristische Schlager gezeigt. Wir bitten, die Anzeige in 
dieser Nummer gefl. zu beachten. 
o I« Lebensgefahr schwebte diese Nacht ein 
Dienstmädchen in dem Hause Sieglindestraße ,Ecke Brünn 
hildestraße. DaS Mädchen hatte ein« Kerze angesteckt und 
sich dann zu Bett begeben, um die Zeitung zu lesen. 
Darüber war eS eingeschlafen. Durch die auflockernde 
Flamme der zu Ende brennenden Lichtes geriet nun die 
Tischdecke in Brand und die Flammen griffen auch auf die 
Bettdecke über. Zu seinem Glücke wurde daS Mädchen 
jetzt wach und schlug sofort Lärm. Die eiligst alarmierte 
Feuerwehr war schnell zur Stelle und löschte den Brand 
mit der Ztmmerspritze. 
o Eine wackere Tat vollführten vorgestern Nach 
mittag in der Kaiserallee zwei WilmerSdorfer Schutz 
leute. Die beiden Pferde eines vor dem Hause Kaiser 
allee 47 haltenden Wagens scheuten durch ein vorüber- 
sausendeS Automobil und rannten in wilder Jagd mitsamt 
dem Wagen die Kaiserallee herunter nach dem belebten 
Katserplatz. Hier warfen sich den heranstürmenden Pferden 
die beiden patrouillierenden Schutzmänner VenSler und 
Lange unter Hintansetzung deS eigenen Lebens entgegen 
Vergcoens kämpfte der Gras in diesem Augenblick gegen 
den Sturm, der in ihm aufbrauste, der sein Blut in den Adern 
jagte, der sein Herz so wild klopfen machte, als müßie es 
zerspringen. Vergebens erwies sich plötzlich der heimliche, jahre 
lange Kampf. Ehe Hildegard einen Gedanken fassen konnte, 
hatte der Graf sie stürmisch in seine Arme, an sein Herz ge 
nommen und küßte ihre Lippen heiß und innig. Hoch auf 
atmend gab er sie frei. Mit inniger Bitte ruhien seine Blicke 
für Sekunden auf ihr. 
„Verzeihung, Baroneßchen," sagte erleise. Er verließ den 
Saal, ehe Hildegard ein Wort sagen konnte. Er verließ das 
Schloß, unbemerkt von der Dienerschaft. Er ging zu den 
Ställen, seinen Kutscher bei den Pferden suchend. Er wußte, 
daß er nie von ihnen wich. „Schnell. Fran^" sagte er, 
„schnell, spanne an. Ich hatte vergessen, d»r zu sagen, daß 
ich bald wieder fort wollte." 
Wie im Umsehen war der Schlitten bespannt. Der Graf 
J ein, ergriff die Zügel. Franz legte sorgfältig die Bärendecke 
Iber die Füße des Grafen, obgleich dieser lachend wehrte. Ein 
Blick galt noch den erleuchteten Fenstern des Schlosses; ein 
Gruß drang dorthin. „Heim!" rief der Graf, und fort sauste 
da- Gefährte, in die Winternacht hinein. 
Still war cs, tmenstill, schneeweiß und eisig kalt, eine 
herrliche Weihnachtsnacht mit sternbesätem Himmel. Durch den 
Wald hin glitt der Schlitten. Die Pferde schienen zu fliegen, 
als ob sie ihres Herrn Stinimung fühlten. Wie das glitzerte an 
den Bäumen, wie das alles so weiß und so kalt war, und in 
dem Herzen des Mannes, der durch die Winterlandschaft fuhr, 
brannte ein Feuer, das nicht mehr zu dämmen, nicht mehr zu 
loschen war. 
Dort, zwischen hohe» Bäumen lag des Grafen Schloß. Er 
schien es nicht zu merken, daß sein Heim winkte, er lenkte die 
Pferde auf der großen Straße weiter, immer weiter, als müsse 
er fort, nur fort. Franz schüttelte auf seinem Sitz hinter dem 
Grafen den Kopf, aber er schwieg. 
Zwanzig Minuten waren sie weiter gefahren. Da sagte 
ranz endlich: „Herr Graf, wohin fahren wir heute nacht 
ch?" 
Der Graf zuckte zusammen. Dann wandte er sich um und 
'e: „Spazieren fahren wir, Franz. E» soll gut tun, 
hnachtsnacht spazieren zu fahre«. Ist dir kalt?" 
und griffen den Pferden in die Zügel. Der Anprall war 
aber so heftig, daß sie beide bei dem schlüpfrigen Pflaster 
zu Fall kamen und eine Strecke von 50 Metern mitge 
schleift wurden. Dem einen Schutzmann gelang eS dabei, 
einen Laternenständern zu erfaffen. so daß die Pferde zur 
Seite gezogen wurden und auf dem Bürgersteig endlich 
zum Stillstand gebracht werden konnten. Der Schutzmann 
Lange ist anscheinend mit geringen Verletzungen davon 
gekommen, während der Schutzmann VenSler sich eine sehr 
schmerzhafte Fußverstauchung zugezogen hat. 
o Kellerbraud. Am Donnerstag Vormittag */,8 Uhr 
gerieten im Keller Stierstraße 6 Papier, Gerümpel usw. 
in Brand. Unsere Feuerwehr wurde zur Hilfeleistung 
herbeigerufen und löschte das Feuer in kurzer Zeit mit 
der Zimmerspritze. 
o EiuWeihuachtsbaumbraud entstand am Donners- 
tag Abend gegen 8 Uhr in einer im 2. Stock gelegenen 
Wohnung des Hauses Barzinerstr. 5. Unsere Feuerwehr 
löschte den Brand mit der Zimmerspritze. 
Aereins-Hlachrichten. 
Im Berliner Berlin für Luftschiffahrt wird Herr Professor Dr. 
Ahlborn aus Hamburg am Montag dem 8. Januar um 7'/, Uhr 
Abends im Künstlerhause Berlin W. 9, Bellevuestr. 8, über seine 
interessanten Meffungen an Flugflächen und Luftschiffen sprechen. 
o Manner-Turnverein Friedenau. Es turnen: I. Männer-Abteilung 
(über 18 Jahre) Montag und Donnerstag 8'/,—10'/, Uhr, Gymna 
sialturnhalle. — 2. Männer- (Alters-) Abteilung (über 30 Jahre) 
Dienstag und Freitag 8'/,—10'/, Uhr, Gymnasialrurnhalle. — Jüng 
lings-Abteilung Mittwoch und Sonnabend 8—10 Uhr, Turnhalle 
Albeftraße. — I. Knaben-Abteilung Montag und Donnerstag 6'/,—8 
Uhr, Turnhalle Albestraße. — 2. Knaben-Abteilung Mittwoch und 
Sonnabend 5—7 Uhr, Tumhalle Albestraße. — Damen-Abteilung (über 
15 Jahre) Dienstag und Freitag 7'/,—9'/, Uhr, Tumhalle Goßlerstraße. 
— 1. Mädchen-Abteilung Dienstag und Freitag 6'/,—7'/, Uhr, Tum 
halle Goßlerstraße. — 2. Mädchen-Abteilung Dienstag und Freitag 
5'/.—6'/« Uhr, Tumhalle Goßlerstraße. — 3. Mädchen-(Heiltum)-Ab- 
teilung (Leiter Dr. Grulich) Dienstag und Freitag 6'/,—7'/, Uhr, 
Tumhalle Goßlerstraße. — Anmeldungen ersolgen in den Tumhallen. 
AuSkuusts» und Fürsorgestelle (Kaiserallee 66), 
für T«terk«löse: Aerztliche Sprechstunden für Männer jeden Dienstag 
von 12—1, für Frauen und Kinder jeden Mittwoch von 12—1 Uhr; 
für Alkoholkravke: Aerztl. Sprechstunde jeden Freitag von 12—1 Uhr. 
Schöneo^rg- 
—o Zu der Amtsniederlegung der 7 Stadträte hat 
die Liberale Fraktion der Schöneberger Stadtverordneten- 
Versammlung folgende Anfrage eingebracht: Ist der 
Magistrat bereit, der Stadtverordnetenversammlung Aus 
kunft zu erteilen über die Gründe, die 7 Stadträte zur 
Niederlegung ihrer Aemter veranlaßt haben? 
—o Der Magistrat bringt jetzt der Stadtverordneten 
versammlung amtlich zur Kenntnis, daß 7 Mitglieder des 
Magistrats, die Herren Stadträte Kloß, Etauß, Nordhausen, 
Eckelberg, Dr. Wagner, Kaufmann und Dr. Berwin, ihre 
Aemter niedergelegt haben und bittet um Vornahme der 
Ersatzwahlen. 
— Ordensverleihung. Den Kaiserlich-Rusfischen St. 
Annenorden 3. Klaffe hat der hier wohnende Hauptmann 
der Reserve v. BomLdorf erhalten. 
—o DaS Bruttoergebnis des Margaretentages in 
Schöneberg im Mai v. I. betrug 20 536,21 M. Von 
diesem Betrage wurde der Vereinbarung gemäß die Hälfte 
mit 10 268,10 M. der städt. Deputation für Wohlfahrts 
pflege überwiesen. Infolge MagistratLbeschluffeS ist mit 
diesem Betrage ein Fonds für Errichtung eines Säuglings-, 
Schwängern- und Wöchnerinnenheimes in Schöneberg ge 
bildet worden. 
—o Im Wege der Zwangsvollstreckung soll das 
Barbaroffastr. 54/55, belegene, auf den Namen 1. deS 
Rechtskandidaten Paul Großpietsch zu Berlin, Eenefelder- 
straße 13, 2. der Frau Charlotte MauS, geb. Großpietsch, 
zu Schöneberg, Paffauerstr. 17, eingetragene Grundstück 
am 28. Februar 1912, Vorm. II 1 /* llhr. versteigert werden. 
DaS Grundstück ist mit 720 M. JahreSbetrag zur Ge 
bäudesteuer bei einem jährlichen Nutzungswerte von 18 000 
Mark veranlagt. 
„So ein wenig, Herr Graf. Ich denke, cs ist auch ganz 
gut, wenn man in der Weihnachtszeit im Bell liegt." 
„Du hast recht, Franz. Wir wollen umdrehen." 
Der Graj ließ oie Pferde wenden, fuhr zum Schloß 
zurück, gab Franz die Zügel und sagte: „So, aller Knabe. 
Nun grolle nicht gar zu sehr, daß ich dich in der Wcihnachts- 
nacht spazieren fuhr." 
»Der Herr Graf können mit mir fahren bis an das Ende 
der Welt. Mir soll es recht sein.' 
Der Diener empfing den Grasen und wollte ihn in daS 
Schlafzimmer begleiten. _ «Ich brauche dich heute nickt, 
Friedrich," sagte der Graf. «Ich habe noch zu schreiben, werde 
wohl lange ausbleiben. Gehe rnhig frfjlafen. Ich werde schon 
allein mit mir fertig werden." Ter Diener ging. 
Schnell und unruhig wanderte er auf und ab. Da störte 
es ihn, daß er sich in dem großen Spiegel wandern sah. Einen 
Augenblick blieb er vor dem Spiegel stehen. Er sah sein mit 
Grau gemischtes Haar und legte die Hand an die Stirn. »Tor, 
der ich bin," murmelte er, »Tor, der ich bin!' 
Er setzte sich in einen Seffel vor dem Schreibtisch. Schwer 
ruhten seine Hände aus den Armen des Sessels. Seil säst 
zehn Jahren liebte er Baroneß Hildegard, halle zuerst nicht 
zugestehen wollen, daß das Gefühl, was er für sie empfand. 
Liebe war, und hatte es schließlich doch nicht vor sich verbergen 
können, daß es so war. Wie er auch versucht hatte, dieses 
Gefühl in ein ruhigeres Gleis zu bringen, wie er sich auch oft 
genug selber verspottet hatte, so halte er doch erkennen müssen, 
daß jeder Kampf gegen seine Liebe nur ein Wachsen derselben zur 
Folge hatte. 
Ein ganzes Menschenalter älter als sie! Das hielt er sich 
immer und^ immer vor. Er sah ihre Freundschaft für ihn und 
sagte sich täglich: »Wie mit einem Vater geht sie mit mir um. 
Sie würde mich auslachen, wenn sie wüßte, waS in mir lebt." 
So hatte er geschwiegen und immer geschwiegen, gekämpft und 
immer wieder gekämpft. 
Ihre Verlobung war wie ein lähmender Schlag über ihn 
gekommen. Wie mit Riesenkräften hatte er dann gegen sich 
selber gekämpft. Als er glaubte, dem Ueberwinde« nahe z« 
I - sein, wurde Hildegard frei. Von neuem beganu der Kampf; 
von neuem wuchs die Liebe des Mannes. DaS war kein Auf 
flammen,, wie es der Jugend eigen tft: da« war fern Gefühl. 
Berlin und Fororte. 
tzo Das Verschwinden lebender Personen in der kreis- 
runden Manege eines Zirkus vor den Augen einer auf- 
merksam beobachtenden Publikums dürfte das Seltsamste 
sein, was zurzeit in BergnügungS-EtabliffementS gezeigt 
wird. Mr. Taft führt daS an daS Wunderbare gren 
zende Experiment jetzt täglich im Zirkus Busch vor. Keine 
Bühne mit Hinterwänden und Möglichkeiten der Täuschung, 
keine Versenkungen, kein Ausschalten deS Lichtes kommt 
in Betracht. ES ist ein Geisterspuk. wie er bisher in 
dieser Form noch niemals im ZirkuS gezeigt wurde und 
niemand vermag da» Rätsel zu lösen. DaS Engagement 
der Nummer gestaltete sich überaus schwierig, da die 
Direktion deS Zirkus Busch eS für unmöglich hielt, ein 
derartiges Verschwinden von Menschen, direkt vor den 
Augen des Publikum» bei heller Beleuchtung zu bewirken. 
Erst nach einer Probe im ZirkuS selbst wurde der Vertrag 
perfekt, und die Vorführung dürfte daS Sensationellste 
werden, waS man seit langem in dem gewiß verwöhnten 
Berlin gesehen hat. 
JufchriM/L. 
(Für diese Rubrik übernehmen »ir fctne »erant»ortnug.) 
In der letzten Verhandlung der Gemeindevertretung über den 
Antrag des Hansbesitzcrvereins beir. Raihausbau bat der Gemcinde- 
verordnete Herr t>. Wrochcm (nach dem Fried. Lokalanz.) gesagt, 
er könne cs in Zukunft mir seinem parlamentarischen Anstands- 
efühl nicht vereinbaren, einem 'Ausschuß anzugehören, zu dem in 
er gleichen Sache ein Gcgenansschuß gewählt ivürde. 'Also nist 
anderen Worten, er lehne einen Bccinflussungsversuch zum Umsallen 
bezw. zur Mcinungsändenuig künftighin ohne weiteres ab. Nun, 
wie nur scheint, hat der Herr nach seiner parlamentarischen Ver 
gangenheit wvhl am wenigsten Grund, sich aufs hohe Pferd zu 
fegen. Tenn gerade er ist doch, ivie allgemein bekannt und nirgends 
bestritten, zum „Umfallen" direkt trainiert und in dieser Hinsicht ohne 
Zweifel das „strebsamste" Mitglied des Gcmeindcparlamcnts. Man 
weiß wirklich nicht mehr, worüber man sich mehr wundern soll, ob 
über die Uitgenierlheit, mit der Herr v. Wrochcm in jener denkwürdigen 
Sitzung vonr 16. Novbr. seinen Umfall motivierte (Mangel eines 
geeigneten Schulgrundstücks!) oder die Langmut des Vereins der 
Hausbesitzer, der einen solchen Vorsitzenden nach länger erträgt. — 
Was fernerhin die vom Bürgermeister in der Tonnerstagsllyung 
verlesene Eingabe von „74 Damen und Herren" (darunter die 
Hälfte Anlieger des Lautcrplatzes) zu Gunsten des Rathausbaues 
am Marktplatz anlangt, so ist chics doch weiter nichts als bestellte 
Arbeit, folglich ohne jeden Wert. Diesen „sanften Bogen,, der 
NiedsrraßenumfUhrung, pardon diese Liebesmüh, hätten sich die 
Getreuen des Herrn Altmann wahrhaftig sparen können. Lder 
glaubten sie in der Tal, daß es die Mehrzahl der Gemeinde- 
vertreter (Herrn v. Wrochcm ausgenommen) mit ihrem hochent 
wickelten „parlamentarischen Anstandsgesübl" hätte vereinbaren 
können, nun wieder nach so kurzer Frist in der Richtung zum 
Wilmersdorser Platz umzufallen? 8. 
Gerichtliches, 
ReichSgerichtSeutscheidu«,. 
,k. Leipzig, 5. Januar. (Nachdr. Verb.) Die Bäckermeister, 
ehefrou D. in Schöneberz hatte im Dezember 1909 die Bäckerei deS 
Bäckermeisters K. in Friedenau gekauft und wartn den Mietvertrag 
desselben eingetreien. In dem Kauftvertrage hatte der Veikäufer ver 
sichert, die zur Bäckerei eingerichteten Räumlichkeiten säen den Polizei- 
lichen Vorschriften entsprechend'. Die Käuferin hatt- auch selbst den 
Mietvettrag mit dem Hauseigentümer aus weitere Jahre verlängert. 
Nachträglich erfuhr sie aber, d:ß bereits im Juli 1908 der Betrieb der 
Bäckerei polizeilich beanstandel worden war, weil der Fußboden der 
Backstube zn tief lag. Allerdings war auf Ansuchen die Deiterbe- 
Nutzung der Bäckerei unter gewiffen Bedingungen gestaltet worden, daß 
nämlich die Fenster verlegt, die Fußböden mit festem Belage ausge- 
stattet und Aenderungen der Waschraumcs vorgenommen würden. Die 
Käuferin behauptete aber, sich auf diese Aenderungen gar nicht erst 
einlassen zu brauchen, der von ihr gekauften Bäckerei fehlte eine vom 
Verkäufer zugesicherte Eigenschaft, weshalb sie zur Wandlung berech 
tigt sei. Der Beklagte machte demgegenüber geltend, die Käuferin 
habe ihren «andlungsanspruch verwirkt, weil sie schuldhafer Weise 
den Aenderungen, unter denen die Weilerbenutzung gestattet worden 
wäre, wiedersprochen habe. Damit habe sie eine wesentliche Ber- 
schlechteruug der Bäckerei herbeigeführt, die nach 467, 851 B.-B.-v. 
einen Rücktritt unmöglich mache. Alle drei Instanzen haben aber den 
WandlungSansprnch der Klägerin für berechtigt erklärt, und insbesondere 
auch den Einwand deS Beklagten zurückgewiesen, die Klägerin müffe 
Rechnung darüber legen, was sie durch den Betrieb der Bäckerei ver- 
dient habe und müsse sich diesen Betrug evt. anrechnen laffen. DaS 
Kammergericht hatte in tatsächlicher Beziehung festgestellt, daß die 
Empfehlungen des Beklagten, die Bäckereiräume entsprechen den 
poltzeillchen Anfcrderungcn, nicht richtig gewesen seien. Deshalb wäre 
Vas da kommt und geht; das war eine Macht und Gewalt 
der Empsindung. die nur im Tod vergehen kann, die jedem 
Nerv sich miirellt, in jedem Blutstropfen lebt. Es war eine 
mächtige Flamme, heiß und rein, wie Flammen, in denen 
Edelsteine geläutert werden. 
»Baroneßchen!" flüsterte er vor sich hin. Was würd« sie 
jetzt von ihm denken! Ach! daß sie so schön aussah, daß es 
ihm unmöglich gewesen war, sich zu beherrschen. Wenn er sie 
jetzt wieder sah. so würde er nicht anders können, als sie 
wieder in seine Arme nehmen. Das war ihm klar. Und 
vielleicht, vielleicht würde sie dann Mitleid mit ihm haben, 
wenn er von seiner Liebe sprach. Vielleicht würde sie sich ihm 
zuneigen, würde einwilligen, sein zu werden, auS Mit 
leid mit dem alten Freund des Hauses. 
Ter Graf sprang auf, als dieser Gedanke ihn erfaßte. 
Nein, das nicht! Das um keinen Preis! Ob er auch fünfzig 
Jahre zählte, so wollte er ^»noch lieber noch ein halbes 
Jahrhundert allein wandern, allein kämpfen, als eine Frau an 
seiner Seite haben, die aus Mitleid mit seiner Lieb« sich ihm 
gegeben hatte. Für eine tiefe, gewaltige Liebe Mitleid einzm 
tauschen, daS wollte er Schwächlingen überlaffen. 
Er sah Hildegard vor sich stehen, sah ihr Lächeln, hört« 
sie sagen: »Es hat mir gefehlt, Graf, daß ich Ihnen den 
Brief nicht gleich zeigen konnre." Wieder sah er den wunder 
baren Ausdruck in ihren Augen. »Du Einzige, die ich j« 
geliebt habe," flüsterte er. 
Er legte die Hand über die Augen, als müffe er einen 
Entschluß soffen. Schnell schien er entschlossen. Er schrieb 
einige Zeilen, faltete den Bogen zusammen, steckte ihn in ein 
Kuvert und adressierte an Hildegard. Dann schrieb er auf 
einen Zettel Bestellungen für seinen Beamten. Er mußte fort 
für einige Zeit, obgleich er erst vor Stunden von einer Reise 
heimgekommen war. Es mußte sein. Wenn er dann Hildegard 
wiedersah, war ihr Zeit geblieben sich zu sammeln und seine 
augenblickliche Uebereilung zu vergessen. 
Er ging nicht schlasen. Früh vier Uhr klingelt« er dem 
Diener. Als dieser kam, wies er ihn an, einzupacken, was zu 
einer kleinen Reise erforderlich war. Dem Kutscher ließ er 
sagen, sich um sechs Uhr zur Fahrt zum Bahnhof bereit zu 
halten. 
(iortfetzrmg folgt.)
        
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