fullscreen : Friedenauer Lokal-Anzeiger (Public Domain) Ausgabe 17.1910 (Public Domain)

Beilage  zu  Nr.  366  des  „Friedenauer  Lokal-Anzeiger".
Freitag,  den  80.  Dezember  1910

Lokales.
o  Draußen  iu  der  Natur  macht  sich  ber  Winter
allen,halben  fühlbar.  Frost  und  Schnee  stellen  sich  ein
und  erschweren  dem  Wild,  sowie  den  bei  uns  über»
winternden  Vögeln,  ihre  Nahrung  zu  finden.  Manche»
HäSlein  treibt  der  Hunger  de»  Nacht»  bi»  in  die  Gärten,
und  wenn  die  Bäuerin  eine»  schönen  Morgen«  ihren
Kohl  hereinholen  will  —  der  ja  bekanntlich  einen  Frost
bekommen  muß  —  ist  er  einfach  oerschwvnden.  Statt
dessen  aber  künden  die  unverkennbaren  Hasenspuren  de»
Rätsel»  Lösung.  Im  Walde  erfreuen  fich  die  vom  Förster
gefüllten  Wildkrippen  eine«  zahlreichen  Zttspruche».  Die
Vögel  umflattern  in  Scharen  die  reiflgüberdachten  Füllnstellen.
  Selbst  da»  scheue  Leflügelosild  naht  Futter
suchend  den  menschlichen  Wohnung«.  Die  Not  de»
Winter»,  die  Sorge  um«  .tägliche  verfolgt  auch  die
Tierwelt.  Doch  wie  e»  unter  den  Menschen  vom  Schicksal
Begünstigte  gibt.  die  im  Hafen  einer  gefichertrn  Existenz
schlechte  Zeiten  ruhig  an  fich  vorübergleiten  lassen,  so
haben  auch  die  oterfüßtgen  Bewohner  de»  Walde»  einige
Vertreter  der  Vornehmheit,  »-  B.  den  Dach»  und  den
Hamster,  die  sich  während  der  kalten  Johre-zeit  wohlgenährt
  und  mit  Vorrat  versehen  in  die  sichere  Klause
ihre»  unterirdischen  Baue«  zurückziehen,  um  denselben  erst
im  holden  Lenz  wieder  zu  verlassen.  Aehnltch  tut  e»  auch
da«  Eichhörnchen,  nur  daß  e»  sein  Winterquartier  in  den
höheren  Region«  eine»  Baumstamme»  aufschlägt.  —  So
gibt  r»  auch  in  der  Tierwelt  reich  und  arm.
o  Zeotrilverbarrd  pensionierter  Deutscher
Reich«»,  Stoat«.  und  Gemeindebeamten,  sowie
Lehrer.  Die  hier  am  14.  Oktober  d.  I«.  gebildete  Ort»,
gruppe  de«  gen.  Verbände«  hat  sich  trotz  ihre»  kurzen  Bestehen»
  bereit»  in  erfreulicher  Weise  entwickelt.  Bei  ihrer
Gründung  gehörten  ihr  nur  40  schon  früher  dem  Zentralverbande
  beigetretene  Mitglieder  an.  Seitdem  ist  aber  die
Zahl  der  Mitglieder  ganz  bedeutend  gestiegen.  Der
Gnippenoorstand  teilte  nämlich  Friedenau  in  4  und
Steglitz  in  7  Bezirke  ein  und  übergab  fie  Vertrauens«
männern  behuf»  Werbung  neuer  Mitglieder.  Der  angestrengten
  Tätigkeit  der  Vertrauensmänner  ist  e»  zu  verdanken. ­
  daß  immer  mehr  Pensionäre  der  Ortsgruppe  beitraten. ­
  Bei  Schluß  der  letzten  MonatSoersammlung  vom
Dezember  zählte  die  Ortsgruppe  bereit«  109  Mitglieder,
inzwischen  ist  die  Mitgliederzahl  auf  mehr  al«  130  gestiegen. ­
  Die  Dezember  -  Monat»versammlung  war  recht
zahlreich  besucht.  Sie  wurde  durch  den  1.  Vorsitzenden,
Herrn  Prof.  Dr.  Köster,  nach  Bewillkommnung  der  Erschienenen, ­
  mit  einer  Ansprache  eröffnet,  in  welcher  er  die
Ziele  und  Bestrebungen  de»  Zentraloerbande»  im  allgemeinen
  und  besonderen  darlegte  und  dir  Notlage  der  Altpenstonäre
  und  deren  Witwen  und  Waisen  schilderte.
Sodemn  »Thi.tr  da»  Ghrenrnttglled  de»  Iknrinlvrrbemd  k»
und  Ortsgruppen  -  Vorstandsmitglied,  Herr  OberlandeSgerichtSrat
  a.  D.  Petrtch  da»  Wort.  Dieser  hob  hervor,  daß
die  bisherigen  Erfolge  de»  Zentraloerbande»  hauptsächlich
der  unermüdlichen,  mühevollen  Tätigkeit'  de»  Verband»«
syndiku»,  Herrn  Goerlich,  zu  verdanken  seien.  Er  äußerte
ferner,  daß  die  auf  die  von  ihm  in  der  Verband-zeitung
an  die  Altpenstonäre  gestellten  Fragen  eingegangenen
Antworten,  die  zurzeit  von  dem  Zrntralvorstande  einer
Durchsicht  unterworfen  werden,^  rin  sehr  wertvolle»
Material  für  die  Begründung  der  einzureichenden  Denkschrift ­
  enthalten  und  in»besondere  geeignet  seien,  den  ganz
bedrutenden  Unterschied  zwischen  den  Bezügen  der  Altund
  Neupenfionäre  nachzuweisen,  sowie  die  Notlage  der
ersteren  und  die  Unzulänglichkeit  ihrer  Bezüge  bei  den
jetzt  herrschenden  Teuerung»-  und  WirtschaftSverhältniffen
darzulegen  und  glaubhaft  zu  machen.  —  Die  nächste
MonatSoersammlung  findet  Freitag,  dem  fl.  Januar  1911,
Nachmittag«  5  Uhr  im  Restaurant  .Kaiserliche"  zu  Friedenau
  statt.  Alt-  und  Neupensionäre  au«  Steglitz  und
Friedenau,  die  dem  Verbände  noch  nicht  angehören  und
ihm  beitreten  wollen,  sind  willkommen  und  werden  gebeten, ­
  recht  zahlreich  zu  erscheinen.  Schriftliche  Beitritt»-erklärungen
  sind  dem  Ort»gruppenvorstand  (Wohnungen:
Professor  Tr.  Köster,  Friedenau,  Wilhelm»höherstraße  8,
GerichtSsekretär  a.  D.  JablonSki,  Sieglitz,  Albrechtstraße  8)
«inzureichen,  welcher  auch  mündliche  Anmeldungen  entgegennimmt. ­


Gerichtliches.
P.  3m  Mai  d.  I».  wurde  in  Friedrichshagen  der  lanaesuchte
Anführer  einer  Diebesbande,  die  Wäschewagen  auS  Köpenick,
Weißensee  usw.  beraubte,  d«  Schlosser  Edwin  Dombusch  verhaftet.

fne-eus,  JKoselstr.  1-2
an  der  Kaiser-Hohe.
Inhaber;  Waldemar  Reuter.  Tel.Wi  1972.

Aach  und  nach  gelang  eS  auch,  die  Genossen  des  D.,  sowie  die  Hehler
&  ermitteln.  Vor  der  t.  Sttafkammer  des  Landgerichts  II  hatten
gestem  10  Personen  teils  wegen  schweren  Diebstahl»,  teils  wegen
gewerbsmäßiger  Hehlerei  zu  verantworten.  Wie  die  Verhandlung
ergab,  wurde  Wäsche  im  Werte  von  insgesamt  50  000  M.  gestohlen.
Unter  den  geraubten  Wäschestücken  befanden  fich  auch  viele  aus
ßriedenauer  Haushaltungen.  —  DaS  Urteil  des  Gerichtshofes
lautete  auf  Freisprechung  der  Angeklagten  Roß,  Niethe  und  Grünberg,
gegen  Heißer  wegen  Hehlerei  auf  2  Monate  Gefängnis  (durch  Untersuchungshaft ­
  verbüßt),  gegen  Niendorf  aus  S  Monate  Gefängnis  (verbüßt),
  gegen  Lenkest  2  Monate  Gefängnis  und  gegen  Br;czewski  auf
4  Wochen  Gefängnis,  gegen  Baatzke  auf  I  Monat  Gefängnis,  gegen
Frau  Schettler  auf  9  Monate  Gefängnis  (6  Monate  Untcrsuchungshaft
  angerechnet)  und  gegen  Dornbusch  auf  2  Jahre  6  Monate  Gefängnis
  unter  Anrechnung  von  6  Monaten  Untersuchungshaft.

vermischtes,
»o  Daß  eine  moderne  Zeit  allem  Tun  und  Treiben  ihre  Signatur
gibt,  sieht  man  auch  darin,  wie  das  Befesttgen,  Schmücken  und  Beleuchten
  deS  Weihnacht-baums  ausgeführt  wird.  Vor  Jahrzehnten
wurde  jeder  Christbaum  in  ein  sehr  einfaches  und  nicht  einmal  immer
mit  Farbe  angestrichenes  Kreuz  geschlagen,  um  den  Saum  im  Zimmer
aufstellen  zu  können.  Heute  bevorzugt  man  in  mehr  oder  weniger
zahlungsfähigen  Kreisen  einen  eisernen  Christbaumständer,  in  dessen
Ring  das  Stammende  eingeschraubt  wird.  Zuweilen  gibt  ein  solcher
Ständer  sogar  Musik  von  sich;  während  der  Christbaum  in  drehende
Bewegung  versetzt  wird,  spielt  eine  Spieldose  oder  Drehorgel:  .Stille
Nacht,  heilige  Nacht".  Und  wie  sehr  hat  sich  der  Schmuck  des  Weih.
nachtsbaume»  verändett!  Während  früher  Ketten,  Netze  und  Steme
auS  farbigem  Glanzpapier  vorherrschten,  sieht  man  jetzt  neben  den
üblichen  Aepfeln  und  Nüssen  in  der  Hauptsache  nur  noch  schmackhaften
Konfekt  oder  buntglitzernden  Glasschmuck.  Thüringen  liefert  alljährlich
für  über  20  Mllionen  Mark  Spielwaren,  wovon  ein  großer  Teil  auf
gläsernen  Christbaumschmuck  kommt,  der  nach  allen  möglichen  Ländern
verschickt  wird.  Die  Spitze  des  Baumes,  früher  alleiniges  Besitztum
des  papiernen  Weihnachtsengels,  schmückt  da  und  dort  ein  silberglitzerndes ­
  Glockenspiel,  das  fich  infolge  der  von  den  Kerzen  aufsteigenden ­
  Wärme  selbsttätig  bewegt  und  mit  zartem  Kling-klang  dar
Zimmer  erfüllt.  Aber  auch  die  Beleuchtung  ist  eine  andere  geworden.
Wachsstöcke  und  Wachslichter  haben  bei  Erscheinen  schöner  bunter
Christbaumlichte  auS  Stearin,  Cerefin  oder  Parafin  den  Rückzug  ansteten
  müssen.  Ja,  selbst  diesen  BeleuchtungSobjekten  droht  Konkurrenz. ­
  Nämlich  die  der  elektrischen  Glühlämpchen,  welche  wie
Sternlein,  ins  dunkle  Grün  gefallen,  so  ruhig  strahlen.  Dazwischen
sprühen  Magnefiumzapfen  gleich  einem  Zauberspuck  ihr  Blitzlichtfunken!

Geburtstagsgeschenke.
Humoreske  von  Rudolf  Hirschberg-Jura
liatiini  verböte».
UR.  Am  Borabend  seines  fünszigste»  Geburtstages^war
der  Versicherungsagent  Mar  Gernleiu  besonders  guter  Stimmung. ­
  Zu  seinem  zwanzigsten  Geburtstag  hatte  ihm  seine  gute
Mutter  Großvaters  goldene  Uhr  geschenkt,  die  schon  damals
nicht  mehr  neu  gewesen  war  und  seitdem  jährlich  etwa  zehn
bis  fünfzehn  Mark  Reparaturkoste»  verschlungen  hatte;  endlich
war  nun  der  rechnende  Bevstand  bei  ihm  stärker  geworden,  als
die  Pietät,  und  heute  hatte  er,  ohne  seiner  lieben  Gattin
Minna  zunächst  etwas  davon  zu  sagen,  das  alte  goldene  Tina
gegen  eine  gute,  neue  silberne  tlhr  eingetauscht  und  »och
dreißig  Mark  dabei  herausbetoinnien..  Dafür  gedachte  er  morgen
seiner  guten  Minna  und  sich  einen  vergnügten  Tag  zu  bereiten,
wie  er  ihn  von  seinen  schmalen  Provisionen  nicht  hätte  bezahlen
tönn««.  Heute  aber  genoß  er  Pie  beenden  des  Kegelabends,  der
ihn  allwöchentlich  mit  einer  Anzahl  gut  situierter  und  säst
durchweg  betitelter  und  beamteter  Herren  vereinigte.
Max  Gernlei»  war  der  geringste  unter  diesen  Leuten,
deren  Verkehr  ihn  stolz  machte.  Ihn  hatte  vor  einigen  Jahren
sein  eleganter  College  Hohmann  in  diesen  Kreis  eingeführt,  natürlich ­
  erst  nachdem  er  vorher  jedes  einzelne  Mitglied  bis  über
die  Ohren  versichert  hatte,  so  daß  dem  bescheidene»  Gcrnlein  die
neuen  Bekanntschaften  bisher  nur  zur  Freude  und  nicht  zum
Vorteil  gereicht  hatten.  Heute  aber  änderte  sich  das.
Unter  dem  liebenswürdigen  Einflüsse  Hohmanns  dehnte
sich  die  Kegclei  diesmal  bis  Mitternacht  aus,  als  Hohmann
plötzlich  unterbrach  und  zu  GernlcinS  freudiger  Beschämung
eine  Rede  aus  dessen  soeben  beginnenden  (Geburtstag  hielt.
Dann  holte  er  einen  Füllfederhalter  aus  der  Tasche  und  überreichte ­
  ihn  dem  Geburtstagskinde  im  Rainen  der  gratulierenden
Kegelbrüder.  Gernlein  wär  tief  gerührt.  Bisl>er  hatte  er  alle
seine  fleißigen,  vielen  kleinen  Abschlüsse  mit  einem  Tintenstift
gemacht.  Bon  nun  an  würde  er  genau  wie  der  e.'cgante  Hohmann. ­
  der  allmonatlich  nur  etwa  drei  bis  fünf  große  Sack-en
machte,  ebenfalls  mit  einem  Füllfederhalter  arbeiten.
In  seiner  Freude  bestellte  er  für  die  ganze  Runde  sofort
eine  Maibowle;  und  während  der  Füllfederhalter  nur  0,50  Mart
gekostet  hatte,  kostete  die  Maibowle  volle  15  Mark.  Es  blieb
also  von  dem  Uebcrschuß  des  Uhrengeschäfts  nur  noch  die
Hälfte  übrig.  Aber  das  reichte  ja  für  einen  vergnügten  Nachmittag
  mit  seiner  Minna  auch  »och  aus.  Wagenfahrt.  Kaffeetrinken
  im  Parkrestaurant  und  Abends  Besuch  der  Sommer-Operette!
  Gcrnlein  war  stolz  aus  die  Ausmerkjainkeit  seiner  licbenswürdigen
  Kegelbrüder,  stolz  daraus,  daß  sie  seine  Bowle  tranken,
und  ging  so  selig  nach  Hause,  daß  er  gar  nicht  merkte,  daß
er  den  Füllfederhalter  verkehrt  in  die  Tasche  gesteckt  hatte.
Am  anderen  Morgen  merkte  cs  aber  die  gute  Minna  au
dem  Rockfutter,  der  Waschiveste  und  dem  Hemde  ihres  Gatten.
Aber  sie  war  so  gut,  daß  sie  nicht  schalt,  sondern  sich  nur
vornahm,  für  zehn  Pfennige  Bitterklcesalz  zu  kaufen.  Taun
gab  sie  ihrem  Mar  drei  Gcburtstagsküsse,  und  tveil  er  die  im
vorigen  Jahre  gestickten  Hausschuhe  noch  nicht  abgetragen  hatte,
so  hatte  sie  ihm  eine  Schlummerrolle  gearbeitet  und  eine
dicke  goldene  Uhrkette  darumgewickelt.
„Nun  hast  du  dock)  endlich  eine  passende  Kette  zu  deiner
goldenen  Uhr,"  sagte  sie  sreundluü-Pfannkuchen


mit  verschiedenen  Füüungen  empfiehlt  zum
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Der  Verstand.  Georg  Hnrtaer.  Haensehke.  Kogge.

Max  aber  beschloß,  ihr  den  llhrenhandel  nicht  so  bald  einzugestehen, ­
  um  ihr  die  Freude  nicht  zu  verderben,  und  hakte
die  neue  Uhrkette  an,  ohne  die  Uhr  aus  der  Tasche  zu  ziehen.
,  Tief  gerührt  war  er  natürlich  und  vermochte  sich  nicht  zu
erkläre»,  wie  die  gute  Minna  so  viel  vom  Wirtschaftsgeld  erübrigen
  konnte;  denn  er  sonnte  sich  nicht  erinnern,  daß  in
letzter  Zeit  die  Beefsteaks  erheblich  kleiner  oder  die  Butterbrote
merklich  magerer  gewesen  wären.
Als  er  nun  »ach  vielen  Dankeszärtlichkeiten  ihre  Sparsamkeit ­
  lobte,  gestand  sie  ihm  freilich,  daß  sic  nur  zehn  Mark
gespart  und  deshalb  auch  nur  eine  Anzahlung  in  dieser  Höhe
geleistet  habe.  Max  freute  sich  deshalb  im  Stillen,  daß  er
noch  nichts  von  dem  geplanten  vergnügten  Rachniittag  gesagt
hatte,  und  beschloß  die  15  Mark  lieber  zur  Tilgung  der  Uhrkettenschuld
  zu  verwenden.  Er  war  aber  ein  guter  Mann  und
schalt  nicht  mit  seiner  Minna,  sondern  versuchte  sich  nach
Kräften  über"  die  dicke  goldene  Uhrkette  weiter  zu  freuen.
So  sahen  sie  in  friedlicher  Elemeinschast  dem  Ansturm  der
Gratulanten  entgegen,  der  schon  in  den  zeitigsten  Vormittagsstunden ­
  seinen  Anfang  nahm.  Tenn  Gernleins  unterhielte»
mit  ihrer  zahlreichen  Verwandtschaft  enge  Beziehungen.  Erstens
gab  der  freundliche  Gernlcin  die  Hoffnung  nie  auf,  den  oder
lenen  Schwager  oder  Better  neu  oder  höher  zu  versick)crn,  und
zweitens,  da  er  selbst  keine  Kinder  hatte,  ivar  er  allgemein  als
guter  Onkel  beliebt,  der  sich  gelegentlich  auch  mit  50  Pfennigen
bis  3  Mark  aupumpcu  ließ.
Tie  Folge  davon  war,  daß  viele  Vettern,  Basen,  Neffen
und  Nichten  dem  guten  Onkel  heute  auch  einnial  eine  Freude
machen  wollten,  und  als  sich  Max  Gcrnlein  nach  all  den  Glückwünschen ­
  endlich  wieder  mit  seiner  Minna  allein  bcsaud,  sah
er  seinen  Besitz  uni  5  Sofakissen,  2  Paar  Hausschuhe,  3  Paar
Pulswärmer,  2  Fnßsäcke,  6  Schlnminerrvllc»,  3  Rückenkratzer,
2  Hauskäppchen,  27  Paar  wollene  Strümpfe  und  8  gestickte
Tabaksbeutel  vermehrt.
Sein  Gesicht  war  von  all  dem  vielen  dankbaren  Lächeln
überanstrengt  und  zitterte  vor  müder  Freundlichkeit,  seine  Auge»
irrten  ängstlich  zwischen  all  den  Schätzen  umher.  Aber  Minna
ivar  eine  gute  Frau;  sie  tröstete  ihn  mit  der  Versicherung,  sie
ivcrde  schon  alles  gut  „einmotten",  so  daß  nichts  zu  Schaden
käme.
Infolgedessen  beruhigte  er  sich  und  ließ  sich  de»  Gcburtstagsbraten
  vortrefflich  schmecken.  Sein  Nachmittagsschläschen
unterstützte  er  mit  Vernachlässigung  all  der  anderen  neuen
Schlumincrgcrätschasten  einzig  und  allein  mit  der  von  Minna
gestickten  Schlummerrolle,  wurde  aber  davon  vor  der  Zeit  durch
einen  zweiten  Ausmarsch  von  Gratulanten  und  Geschenibringern
unterbrochen.  Es  kam  abermals  eine  Fülle  von  ivollenen  Handarbeiten, ­
  und  da  er  infolge  der  Unterbrechung  seines  Mittagsschlafs ­
  nervös  geworden  ivar,  so  besaß  er  nicht  mehr,  wie  am
Vormittag,  die  Kraft,  all  diese  beweise  warmer  Nichtciiliebe
zu  zählen  und  die  Schlummerrollen  ordentlich  von  den  Pulsivärniern,
  die  Hausschuhe  von  den  Sofakisscn  zu  trennen.  Willenlos ­
  ließ  er  cs  geschehen,  daß  sich  all  diese  wollene  Freude  uni
ihu.cmportürmte,  bis  ihm  zu  Mute  war,  als  säße  er  inmitten
einer  gewaltigen  Schutzvorrichtung  gegen  entgleiste  Luftschiffe.
Als  aber  die  Flut  aller  dieser  ivarmen,  weichen  Handarbeiten
endlich  ihren  höchsten  Stand  erreicht  und  die  vielen  Nichten
sich  verlaufen  hatten,  da  kamen  auch  noch  Tante  Marga  und
Onkel  Eduard  und  mit  ihnen  einige  Gärtncrgehilsen,  die  einen
blühenden  Rhododendron  und  einen  blühenden  Oleanderbaum
heraujchlcpptcn.
„Weil  Ihr  Blumen  so  gern  habt,"  sagten  sie  freundlich.
Wenn  cs  gelang,  die  beiden  großen  Kübel  iu  dem  engen
Zimmer  unterzubringen,  ohne  nennenswerte  Beschädigungen
an  den  trotzig  aus  ihren  Prioritätsrechten  stehenden  übrigen
Möbel»  anzurichten,  so  war  das  nur  de»  zahlreichen  Handarbeiten ­
  zu  danken,  die  sich  überall  mildernd  dazwischen  schoben.
Aber  das  sreudige  Lächeln  war  ganz  und  gar  von  Gernleing
Gesicht  abgefallen,  und  als  Onkel  und  Tante  nach  vollbrachte«-Beschenkung
  wieder  fortgegangen  waren,  wand  er  sich  zwisch
seinen  Geschenken  bis  zu  der  jenseits  des  Rhododendron  un.er
Strümpfen  und  Tabaksbeuteln  vergrabenen  Gattin  durch  und
sagte:
„Meine  gute,  liebe  Minna,  in  fünf  Monaten  ist  unsere
silberne  Hochzeit."
„Ach'  ja!"
„Tas  wird  »och  schlimmer  werden,  als  heute.  Habe  ich
heute  einen  Füllfederhalter  bekommen,  so  wird  es  dann  ein
»euer  Schreibtisch  sein,  und  ich  habe  doch  das  alte  Pult  von
meinem  Vater  so  lieb.  Statt  des  Oleanders  und  des  Rhododendron ­
  wird  es  eine  ganze  Orangerie  gebe».  Dann  haben  wir
überhaupt  keinen  Platz  mehr  in  unserer  Wohnung  und  müssen
auf  der  Treppe  wohnen."
„Es  wird  grauenvoll."
„Wir  können  es  vermeiden."
„Wodurch?"
„Indem  wir  die  silberne  Hochzeit  ausfallen  lassen."
„Aber  wie?"
„Wir  lassen  uns  scheiden!"
..?  ?  ?"
„Wenn  die  Gefahr  vorüber  ist,  können  wir  uns  ja  wieder
heiraten!"
„Ja,  aber  während  dev  Scheidungszeit  müssen  wir  doch
getrennt  wohnen.  Wer  nimmt  denn  dann  all  diese  Geschenke
mit  sich?"
„Das  ist  doch  ganz  selbstverständlich,  meine  gute  Minna.
Ich  habe  sie  zu  meinem  Geburtstag  bekommen.  Ich  bin  also
der  schuldige  Teil.  Also  werden  sie  bei  der  Scheidung  dir  als
dem  unschuldigen  Teile  zugesprochen."  \
Da  fiel  Minna  hinter  dem  Rhododendron  ihrem  Max
um  den  Hals  und  sagte,  sie  habe  ihn  viel  zu  lieb,  um  sich
jemals  von  ihm  scheiden  zu  lassen.
Daraus  kletterten  sie  aus  dem  Zimmer  mit  den  Gcburtstagssreuden
  heraus  und  beschlossen,  sich  für  den  Rest  ihres
Lebens  mit  dem  anderen  Zimmer  zu  begnügen,  in  dem  noch
Platz  genug  zum  Leben  war.
Alle  Leser  werden  nun  gebeten,  diese  Leutchen  zur  silberne»
Hochzeit  freundlichst  zu  verschonen.
            
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