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(Friedenauer
Anparteiische Zeitung für kommunale und bürgerliche
Angelegenheiten.
Besondere
lecken lvittvockn
Aitzbiatt „Seifenblasen".
Bezugspreis
Abholung aus der Seschc «stelle,
SEHeinstr. 15,1,50 M. vierteljährlia durch
Toten inS Haus gebracht oder du ) die
Host bezogen 1,80 M., monatlich i Ps.
Erscheint tägkich avends.
Zeitung.)
Organ für den Friedenauer Ortsteil von Ichdneberg un-Gtzirksuerein
Züdmest.
Keilagrn Anzeigen
Jecten Sonntogr
Blätter für ckeattcke grauen.
Druck und Verlag von Leo Schultz, Friedenau.
Geschäftsstelle: KKeinltr. iZ.
werden bis 1 Uhr mittags angenommen
Preis der 6 gespaltenen Zeile oder bewü
Raum 30 Pf. Die Reklamezeile koste!
75 Pf. Belagnummer 10 Pf.
Ar. 1.
Friedenau, Sonnabend, den 1. Januar 1910.
17. Iahrg.
Bei der Jahreswende
betrachten wir es als unsere Pflicht, aller zu gedenken, die
uns im verflossenen Jahre in so reichem Matze unterstützten.
Mit Freude können wir feststellen, datz unser Leserkreis
sich auch in diesem Jahre bedeutend erweitert hat;
ebenso ist die Zahl unserer Anzeigenkunden erheblich gestiegen.
In unserem Bestreben, vieles, jedem aber etwas
zu bieten, standen uns wieder liebe Mitarbeiter freundlichst
zur Seite.
Wir danken darum allen geschätzten Lesern, Mitarbeitern
und Anzeigenkunden für die unS gewährte Unterstützung
herzlich und wünschen ihnen ein
fröhliches, gesundes, glückliches neues Jahr!
Schriftleitung und Geschäftsstelle
des „Friedenauer Lokal-Anzeigers".
Mlujahr.
Hört daS jubelnde Frohlocken
Auf den Straßen weit und breit —:
Neujahrsglocken. Neujahr-glocken,
Segnet diese neue Zeiti
Tilgt, wa- unS vom Jahresende
Noch an Schlacken übrig blieb;
Schafft uns neue Freudenbrände!
Macht unS unser Leben lieb!
Neue- Jahr, in deinem Schoße
Liegt so viel an Glück und Pein;
Latz unS manche holde Rose
DornenloS beschieden sein.
Iepefcherr.
Letzte Nachrichten.
Berlin. Der neue Mtlitärballou »Groß III" stieg
heute vormittag um 10 Uhr zu seiner ersten Probefahrt
auf, die über die nächste Umgebung d»S Tegeler Schießplatze-
nach Moabit und Eharlottenburg führte. Nach
,inständiger Fahrt kehrte der Ballon mit glatter Landung
zur Halle zurück.
Wien. Die neue kretenstsche Regierung hat gestern,
wie auS Kanea gemeldet wird, dem König von Griechenland
Treue geschworen. Die kretische Kammer hat beschloffen,
daß am 20. März die Wahlen zur National-Versammlung
vorzunehmen seien, welche die Aufgabe haben
wird, endgtltige politische Zustände auf der Insel zu schaffen.
Hannover. Der Chemiker Dr. Kühn, der aus Köln
zugereist war, erschoß flch gestern in einer Droschke. Ueber
da- Motiv ist nichts bekannt.
Nizza. Auf der Promenade DeS AnglaiS promenierte
gestern der Gouverneur von Madagaskar Augagneur
mit feiner Gemahlin. Unterwegs drängte sich ein junger
Kraft.
Roman von C. Dresse!.
dQ fltachtrack »erröten.)
Deshalb wollte sie auch keineswegs die früheren Zukunftspläne
fahren lassen, sondern gleich nach der Heimkehr
sich eifrig nach Schülerinnen umsehen.
Zu lange schon hatte sie hier geweill und sich doch
nicht ungern halten lassen von dem Bruder, der in seiner
auf Hochdruck gespannten Künstlerehe in Extremen zu
leben schien und gern ihre ruhige Schwesterseele als sanfte
Vermittlerin dieser Gegensätze suchte, und auch von der
schönen Jsarstadt lelber, deren dreifacher Zauber von Kunst,
Natur und volkstümlicher Gemütlichkeit es ihr mächtig angetan
und ihr Genüsse geboten, die unvergeßlich blieben.
Nun trat wieder die nüchterne Pflicht in ihr Leben
und es war gut jo. , In Schönheit sich ausleben, wie
wenigen ist das vergönnt.
Doch auch ihre ernste Heimat hatte ihre Reize, ihre
Segnungen, die sollten die Münchener Freunde schon erfahren,
und nun gar ihr liebes Vaterhaus mit seiner
^traulichen Schlichtheit und doch so warmen Gastlichkeit!
Uzn, muhte es nicht gefallen?"
'iiiIhr wurde lelber warm und weit ums Herz, und so
fuhr sie wohlgemut gen Norden.
In der Billa Jutta herrschte nun wieder jene gedämpfte
SMe, die kinderlosen Häusern eigen ist, und die
Beziehungen des jungen Ehepaares zueinander schienen aus
jenen kühlen Grad zurückzufallen, den sie vor Ankunft der
Gäste behauptet.' Ihr Fehlen wurde von beiden als Lücke
empfunden, aber sie taten nichts, sie durch engeres Aneinanderfchließen
weniger fühlbar zu machen.
Sie lebten ihren jederfestigen Kunstintereffen. zwischen
denen sie keine Anknüpfungspunkte fanden, weil ste diese
nicht suchten.
Bursche an sie heran und wollte der Dame ihre wertvolle
goldene Börse entreißen. Als er jedoch bemerkt wurde,
entfloh er, und der Gouverneur setzte ihm nach. ES gelang
ihm, den Räuber zu verhaften und in daS Gefängnis
einzuliefern.
Paris. Nach Depeschen auS Neufundland find dort
infolge deS letzten Sturmes nicht weniger als 12 Schiffe
gescheitert. Mehrere von ihnen wurden vollständig zerstört.
60 Matrosen sind ertrunken.
Saloniki. Der Dragoman deS griechischen Konsulats,
Papasoglu, wurde auf offener Straße ermordet.
Es scheint sich um einen politischen Mord zu handeln.
Lokales.
(Nachdruck unserer ockdriginalartikel nur mit Quellenangabe gestartet.)
o Silvesterbräuche Wenn des Jahres letzte Stunde
ertönt und der Grog und Punsch die Gemüter erhitzt, ist
auch der Zeitpunkt da, wo sich der Schleier, der um unsere
Zukunft gelegt ist, ein wenig lüftet. Wir brauchen nur
Blei zu gießen, um ganz genau zu wissen, wie eS um
unser Wohl und Wehe im neuen Jahre bestellt sein wird!
Hat daS gegossene Blei die Form eines RingeS oder
Kranzes, so wird derjenige, der die Form schuf, im nächsten
Jahre eine Hochzeit oder Kindlaufe zu gewärtigen haben
— im Falle er dazu nicht zu jung oder schon zu alt ist.
Hat daS Gegossene die Gestalt eineS Hufeisen- oder einer
Krone, so ist dies eine Prophezeiung von großem Glück;
dagegen gelten ein Kreuz oder ein Menschenschädel als
recht bedenkliche Anzeichen. Lange Spieße sind unbeliebt,
lange Fäden dagegen deuten auf ein langes Leben. Hat
daS gegoffene Blei die Form eines NestchenS, so ist nach
der einen Deutung Glück irgend welcher Art, nach der
andern Deutung ein freudige- Ereignis zu erwarten.
Erinnert daS Metall an MovS, so steht Geld in Aussicht,
jedenfalls guter Gewinn. Blanke Blasen bedeuten viele
schöne Vergnügen; tierische Gebilde zeigen an, daß eS sich
im neuen Jahre »schon machen wird'. Geweihe lassen auf
Glück und Unglück zugleich schließen. Vieles kleines Zeug
deutet auf Plackereien. Doch genug hiervon! — Sehr
beliebt ist am Silvesterabend bet heiratsfähigen Töchtern
das Schuhwerfen nnd Werfen mit Apfelschalen. Ein
Mädchen, daS in der 12. Stunde ihren linken Schuh auszieht
und übern Kopf wirft, weiß, ob ste im folgenden
Jahre noch im Hause der Eltern bleibt oder ob ste ihr
eigenes Heim gründen wird. DaS erstere ist der Fall,
wenn die Spitze des Schuhes (beim Herumdrehen nach
dem Wurfe) dem HauSlöchterchen zugewendet ist, während
die abgewendete Echuhspitze ein „AuS-dem-Hause-gehen"
andeutet. Gin anderes Orakel, das nur ein wenig
komplizierter ist, betrifft daS Schalenwerfen: ein Apfel
wird ringsum, ohne daß das Schalenband beim Abschälen
in Stücke geht, geschält, worauf die Schale ebenfalls über
den Kopf geworfen wird. AuS den Kringeln und Schleifen
der am Boden liegenden Schale wird der Anfangsbuchstabe
ssssssssssssss-sssssssssssssssssss»
Jutta lorgte sich zudem um den Bruder, der nur spärliche
und keineswegs erfreuliche Nachrichten aus England
gab, wohin ihn Alarmsignale gerufen, nachdem er die Berliner
Gefahr bei den Hörnern gepackt und schließlich bezwungen,
was freilich ohne derbe Schrammen nicht abgegangen
war. „Gezapft haben sie mich gehörig," schrieb
er damals der Schwester, „aber das Leben hats nicht gekostet,
wie du siehst. Bedenklicher ist jetzt das Schwanken
englsicher Häuser, mit denen ich liiert bin. Plag' mich
nicht um Briese. Falle ich mit, erfährst du's früh genug."
Lorenz begriff ihre Angst, entschuldigte ihre reizbare
Stimmung und fand sich nur gekränkt, daß sie. anstatt sich
gegen ihn auszusprechen, sich förmlich in ihrem Atelier verschanzte,
um dann ermattet, verhärmt und sprachunlustig
zu Tisch zu kommen. Und wie willig hätte er die Sorge
mit ihr getragen!
Wie heftig verlangte es ihn, sein bekümmertes Weib
an s Herz zu nehmen, und wagte es nicht angesichts dieser
zurückschreckenden kalten Schweigsamkeit.
Dann kam ihm wohl Traute in den Sinn, bei der das
geringsie Zeichen von Teilnahme auf dankbaren Boden fiel.
Lieber Gott, und er persönlich hatte dem armen
Wesen doch nur wenig Gutes erweisen können, denn
Christine hatte ihn völlig in den Hintergrund geschoben,
seit sie selber sich so freundschaftlich der Schäffers angenommen.
Nur wenige Male hatte er Traute auf den
Spaziergängen mit der Schwester gesprochen und zufällig
nur, denn er hatte sich lediglich dem Hans Jörg angeschlossen,
der eine Vorliebe für den Englischen Park mit
leinen rauschenden Wassern und wehenden Birkenschleiern
hatte und bei dielen Wanderungen eine merkwürdig seine
Spürnase für Christinens Fährte entwickelte.
Trautes schwache Füßchen konnten dann schlecht mit
Hans Jörgens langen ungeduldigen Beinen Schritt halten,
und es hatte sich ganz von selbst gemacht, daß er mit ihr
hinter den anderen zstrückblieb, nach, ihrem Ergehen
fragte und freundlich anhörte, was sie von den Leiden und
Freuden ihres eingeengten kleinen Lebens erzählte. Aber
vom zukünftigen „Schaß" herausgelesen. — Für die Kinder
dagegen ist daS Schwimmenlassen von Lichtschiffchen ein
beliebtes Silvesteroergnügen. Ein Waschbecken wird mit
Wasser gefüllt. Nun bekommt jedes Kind 3 Zentimeter
lange Stückchen eines Wachsstockes. Jedes solches Stückchen
wird in einer halbierten Nußschale befestigt und diese dann
als „Luftschiffchen' auf den „Teich" gelegt. Nun werden
sämtliche Lichtchen im gleichen Augenblick angezündet.
Wessen Lichter am längsten brennen, der wird im nächsten
Jahre die größte Freude erfahren!
o 80 «00 M. spart der Kreis Teltow durch
einen Beschluß, der in der außerordentlichen Sitzung deS
Kreistages gefaßt wurde. Wegen der Straßenbahn Groß-Lichterfelde—Steglitz—Lankwitz—Südende
hat die Firma
Siemens und HalSke noch eine Jahresrente bis 31. Juli
1944 von insgesamt 515 000 M. zu beanspruchen. Für
die Ablösung dieser Verpflichtung forderte die genannte
Firma 231 715 M. Bei Verzinsung und Amortisation
dieser Summe würde der Kreis ev. 80 000 M. sparen.
Der Kreistag wurde nun ermächtigt, die nötige Summe
zu leihen — wahrscheinlich auS der Sparkasse — um die
Schuld auf einmal zu tilgen.
o Für die Tilvefternacht hat die große Berliner
Straßenbahn wieder umfassende Vorkehrurgen getroffen.
Ununterbrochenen Nachtbetrüb erhallen die Linien 1, 11,
34, 74 und 78. Die Wagen verkehren im allgemeinen
in Abständen von 15 Minuten. Verlängerten Nachtbetrieb
erhalten außerdem die Friedenauer Linien v, 8, F, 60,
87, V, sowie die Linien 3, 6, 7, 12 E, 14, 23, 25, 29,
32, 33. 36. 37, 38. 40, III, 45, 47, 48, 51, 53. 54. 57,
58, 61. 62, 68. 69. 71. 76. 81, 82. 83. 91, 95. 96. 98.
A, B, N, 0, Q. Der Nachtbetrieb geht bei einer großen
Zahl von Linien bis nach 5 Uhr. so bei 6. 12E. 36, 37,
38, 48, 53, 54, N; bei zahlreichen anderen Linien wird
der Betrieb bis nach 4 Uhr austechterhalten. — Die Holzbahn
hat ununterbrochenen Nachtbetrieb.
o Im Wege de» Zwangsvollstreckung soll das
Hauptstraße 76, Ecke Stierstraße 1, belegene, im Grundbuche
von Schöneberg, Band 98, Blatt Nr. 3234, zur
Zeit der Eintragung deS BersteigerungSvermerkeS auf den
Namen deS BaugeschäflSinhaberS (Rentiers) Paul Mkyer
in Wilmersdorf, Augustastraße 24, eingetragene Grundstück
am 3. März 1910, Vormittags 10 Uhr, durch daS Gericht
— an der GerichtSstelle Schöneberg, Grunewaldstr. 66/67,
Zimmer Nr. 74, II Treppen, versteigert werden. DüS
Grundstück ist 14 ar 70 qm groß und mit 18 600 M.
jährlichen NutzungSwert zur Gebäudesteuer veranlagt.
o „Wie teile ich mein Einkommen ein?"
Diese zur Zeit der Jahreswende besonders aktuelle Frage
lösen die vom Verein „Erda" (Frauenerwerb) E. V. herausgegebenen
„Normal-WirtschaftSpläne", welche in neuem
Gewände gerade zur rechten Zeit erschienen sind, um alS
passendes Neujahrsgeschenk zu dienen. Vielfachen Wünschen
entgegenkommend, ist daS Werk, daS in allen Krcisen die
immer wieder rührte ihn das tragische Geschick des holden
Kindes, und ihre dankbare Zutraulichkeit, die doch nie die
Grenze mädchenhafter Zurückhaltung überschritt, tat ihm
wohl, er konnte es nicht leugnen.
Seit längerem hatte er nun nichts mehr von ihr gesehen.
noch gehört, da Christine, die schon ein paar Wochen
zu Haus war. in ihren Briefen die kleine Freundin, mit
der sie doch sicher eifrig korrespondierte, merkwürdiger Wei>
gar nicht erwähnte, Jutta aber sich überhaupt nicht mehr
um die Schäffers kümmerte und ein Gespäch über sie, die
doch seiner urteilsfähigen Schwester so lieb geworden
waren, schroff ablehnte.
Seine Humanität war aber nicht spo tlicher Zeitvertreib,
sondern echte Menschenfreundlichkeit, und darum
sorgte er sich nach wie vor mit warmem Interesse für die
unglückliche kleine Familie. Als er eines Tages, gewohnheitsmäßig
zum Gartenhaus hinüberschauend, die Mansardensenster
trotz der Sommerwärme geschlossen fand und
darin ein Zeichen schlechten Befindens sah, wurde er unruhig.
Einen dienstbaren Geist zur Erkundigung hinschicken,
mochte er jedoch nicht, das wäre mehr Juttas Seche gewesen,
und sie hätte sich schwerlich hierzu verstanden.
So griff er zum Hut, um selber schnell hinüberzugehen.
Er konnte den unten wohnenden Major, den er kürzlich
kennen gelernt, unauffällig befragen.
Vor dem Hause sprach ihn eine Frau beim Namen an.
Sie erzählte aufgeregt, sie wolle soeben zur Villa, denn
Fräulein Timäus fei doch eine gute F eundin von Fräulein
Traute gewesen. — Die Frau Doktor wäre plötzlich wie
tot im Sofa zurückgefallen, und sie wisse keinen Rat
— Herr Major unten sei verreist, niemand sonst im Haus,
Fräulein Traute aber nicht bei sich vor Angst."
„Ich gehe sofort hinauf, nehmen Sie eine Droschke
und holen Sie zunächst den Doktor Freien." Lorenz händigte
der Frau ein Geldstück ein und eilte die Treppe
dinan.
(Fortsetzung olgt.)