Path:
Periodical volume Nr. 235, 06.10.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

öfem Hinterperron reservierte Platz nunmehr auch für das 
Publikum freigegeben ist. 
f Eine begrüßenswerte bauliche Veränderung 
ist auf dem Wannseebahnhof vorgenommen worden, die 
viel zur Erleichterung des Verkehrs beitragen wird. Die 
beiden Plätze für die Bahnsteigschaffner wurden näher 
zusammengerückt, der mittlere Durchgang völlig gesperrt 
und dadurch für die äußeren Durchgänger mehr Raum ge 
schaffen. 
-j- Bummelzug. Vom 1. Oktober ab verkehrtauf der 
Wannseebahn wieder der sogenannte „Bummelzug", der 
in Berlin nachts 1 Uhr 45 Min. abgelassen wird und um 
1 Uhr 64 Min in Friedenau bezw. 1 Uhr 58 Min. in 
Steglitz eintrifft. Der letzte Wagen der elektrischen 
Straßenbahn (Linie E) geht in der Linkstraße 1 Uhr 
50 Mi», nach Steglitz ab. 
-j- Friedenau und der Deutsche Kolonial 
kongreß 1905. Am 2. Deutschen Kolonialkongreß 
nahmen von unseren Mitbürgern folgende als Mitglieder 
teil: Oberstabsarzt a. D. Dr. Becker, Menzelstraße 24, 
Kaufmann Graeber, Schmargendorferstraße 17, Oberlehrer 
5 »ng, Fregestraße 54, Geheimer Regierungsrat Prof Dr. 
jeterstlie, Wielandstraße 10, Generalmajor z. D. v. Poser 
ind Groß-Nädlitz, Stierstraße 22, Dr. Hjalmar Schacht, 
Archivar der Dresdener Bank, Lauterstraße 38, Kontre- 
admiral z. D. Strauch und Fräulein Tochter, Riedstr. 39, 
Geh. Rechnungskat Stertz, Begasstr. 3, Oberpostinspektor 
Thilo, Menzelstr. 1, Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Urban, 
Sponholzstr. 37, sowie der Allgemeine Deutsche Sprach 
verein, Kaiserallee 117. Unser Mitbürger Maler Hellgrewe 
hat für den Kongreß eine künstlerisch vollendete Ansichts 
postkarte entworfen, sie stellt folgendes dar: Nord- und 
Süddeutschland vereinen sich, um die von den Fittichen 
des deutschen Reichsadlers beschirmten deutschen Kolonien 
zu schützen. — Am nächsten Sonntag werden die Kongreß 
mitglieder teils in bestellten Straßenbahnwagen, teils in 
Kutschen unseren Ort passieren, um den Botanischen 
Garten in Dahlem zu besuchen. Hoher Besuch wird 
dann Friedenau durchfahren u. a. Prinzessin Therese von 
Bayern, Johann Albrecht, Herzog von Mecklenburg mit 
seiner Gemahlin, Prinz Reuß Heinrich XXXII-, Fürst zu 
Hohenlohe-Langenburg, Statthalter der Reichslande, der 
Rheingraf Fürst Otto zu Salm-Horstmar, Fürst Lichnowsky, 
Fürst zu Waldburg, Prinz Hohenlohe zu Hohenlohe- 
Schillingsfürst. 
t Bei dem 15. Bundestag des Bundes der 
Vodenreformer am 5. Oktober wurde zum stellvertretenden 
Vorsitzenden des Bundes der Redakteur der Deutschen 
Uhrmacher-Zeitung, Karl Marfels-Friedenau, Lauter 
straße 12-13, gewählt. 
f Neubau. Die alte Villa Moselstraße 3 ver 
schwindet und ersteht an deren Stelle ein prächtiges Wohn 
haus. Der Besitzer, Herr Schmuckler, muß inzwischen 
sein photographisches Atelier natürlich aufgeben und wird 
dasselbe im neuen Hause wieder im Juni nächsten Jahres 
im modernsten Stil und mit allen Einrichtungen der Neu 
zeit entsprechend versehen, eröffnen. 
t Mariaaufführung Was an dieser Stelle gestern 
ahnend vorausgesetzt wurde, ist schöne Wirklichkeit geworden. 
Der guten Generalprobe ist eine ausgezeichnete erste Vor 
stellung gefolgt. Nur wer die Schwierigkeiten kennt, die 
die Einübung eines solchen Werkes in wenig Proben mit 
Darstellern, die einander wenig oder garnicht kennen und 
erst kennen lernen, kann die Leistung des gestrigen Abends 
voll werten. Neben der unermüdlichen, sachverständigen 
Leitung des Herrn Will-Wiltenstein ist der glänzende Er 
folg dem Eifer der Darsteller, der sich von Probe zu Probe 
bis zur Begeisterung steigerte, zu danken. Es waren 
glänzende, farbenprächtige Bilder aus dem Leben des 
üppigen Rom zur Kaiserzeit, die an uns vorübergezogen; 
inmitten all' dieses Glanzes sehen wir Christen, still ihrem 
Heiland lebend, Liebe übend. * Der Wahnsinn des Cäsaren 
raubt den einen die Wohnstätte, um einer tollen Laune 
willen, weiht die anderen dem Rachedurst der Verzweifelten 
als Opfer. Die Volkswut, von Nero geleitet, richtet sich 
gegen die Christen. Nicht die Aussicht auf schrecklichen 
Tod, nicht die lockende Versuchung, des Nero Gunst zu 
genießen, vermag die edle Christin Maria, ihren Herrn zu 
verleugnen. An ihrem Heldenmut scheitert die Allmacht 
des Cäsar; er lernt einsehen, daß doch noch einer größer 
sie das nicht, so ist es ein Irrtum, so hat ein Spuk Sie 
genarrt, so ist es ein Betrug.-" 
„Kann es ein Betrug sein, da Lippone der Gräfin Bild 
sofort erkannt hat?" 
„Aber, dag so etivas möglich ist!" sagte die Marchese und 
schauerte zusammen. 
„Graf di Boyn allein wäre wohl kann: mächtig genug ge 
wesen, aber die Hände, die er zur Hilfe aufrief, hatten die 
Gewalt dazu." 
„Was meinen Sie?" fragte die Marchesa erstaunt und 
unruhig. 
„Die geheimnisvolle Macht, die nicht Recht noch Ge 
rechtigkeit beachtet und anerkennt, die auch hierbei nur ihre 
selbstsüchtigen Zwecke verfolgt haben wird, der auch Ercotes 
Vater in 'Ausübung seiner Beamtenpflicht zum Opfer fici." 
Girolamo flüsterte der Marchese etwas ins Ohr. Sie erbleichte 
und beivegte abwehrend die Hände. „Sie fürchten, es sei nicht 
möglich, dagegen etwas zu tun, weil alle Missetaten, alle Ver 
brechen bisher ungestraft geblieben sind? Nun, es wird nicht 
mehr so bleiben!" Girolamos Augen blitzten, seine Gestalt 
schien zu wachseiu „Die Zeit ist gekommen, diese Verräter, 
die das Volk knechten und m unwürdige Fesseln schlage», vor 
das irdische Gericht zu laden. Und Ihr Zeugnis ist uns dazu 
nötig, Frau Marchesa." 
„Sie setzen Ihr Leben auf das Spiel dabei," sagte sie 
atemlos vor Erregung. 
Er neigte mit stolzer Gebcrde den Kopf. „Was gilt eines 
Einzelnen Leben, wenn es für einen hohen, edlen Zweck 
hingegeben wird! Aber ich fürchte für Sie —" 
„O nein, ich werde Ihnen beistehen. Ich bin am Hofe 
bekannt, bei der Königin —." 
„Verlassen Sie sich nicht darauf," unterbrach Laveggi die 
durch seine Worte Begeisterte. „Der Arm des Bundes reicht 
weit, auch in Rom hat er seine Glieder." 
„Ich werde mit König Umberto sprechen, ihm alles 
sagen, ihn bitten um Beistand." ’ 
»Sagen Sie ihm alles über Gräfin Estella," stimmte 
ist, als er, der Nazarener, den die Römer so verachteten. 
Nero, der göttliche Nero, wird irre an seiner Gottähn- 
lichkeit. Die schwierigen Volksszenen gelangen tadellos; 
vielleicht am wirkungsvollsten war die Szene, in der der 
junge Senator CajuS den Nero an den Mord der edlen 
Oktavia erinnert und sich als Christen öffentlich bekennt. 
Niemand konnte sich der erschütternden Wucht entziehen, 
den dieser Vorgang auf Nero macht, die Wildheit, mit der 
er „den tollen Tieren" Ketten anzulegen befiehlt. Ganz 
anderer Art, aber in ihrer Weise vieleicht noch tiefer 
gehend, war die Wirkung der Szene im Kerker, als die 
Christen sich gemeinsam zum Todesgang vorbereiteten, als 
der junge Germane Tuisko lernt, seine junge, irdische 
Liebe zu Maria der himmlischen Liebe zum Heiland zu 
opfern. — Eine ganz besondere Weihe erhielt der Abend 
durch die von unserem Kirchenchor unter Leitung des 
Herrn Harriers-Wippern vorgetragenen Choräle; besonders 
sei hervorgehoben der Gesang „Christ ist erstanden", der 
während des Todesganges der Christen hinter der Bühne 
(aus der Arena) erschallt und begleitet ist von dem Ruf 
der Römer nach den Löwen, die die Christen zerfleischen 
sollen. Es war ein Abend, der allen Teilnehmern unver 
geßlich sein wird. Einzelleistungen hervorzuheben ist 
schwerer, wenn allerseits mit so großem Eifer und so gutem 
Erfolge gespielt wird. Doch sei heute neben dem meister 
haften Darsteller des Nero und der Darstellerin der Maria 
besonders der junge Tuisko genannt, der seine schwierige 
Aufgabe so trefflich löste, und der Vater der Maria, 
Josefus, volle Anerkennung ober verdienen alle Mit 
wirkenden. Mögen nun dem herrlich gelungenen ersten 
Abend sich die beiden folgenden (Freitag und Montag) 
würdig anschließen, auch in der stattlichen Zahl der Zu 
schauer. Das Haus war gestern fast ausverkauft. 
f Der Schnell-Omnibus. Wie gemeldet, hat die 
Allgemeine Omnibus-Gesellschaft der Verkehrspolizei vor 
gestern einen Probeivagen für den Personen-Transport 
vorführen laffen, nach dessen Muster noch mehrere solcher 
Wagen in Bestellung gegeben worden sind. Der neue 
Wagen wird nicht, wie in einigen Blättern irrtümlich ge 
sagt war, elektrisch, sondern durch Benzin-Motoren ange 
trieben. Wahrscheinlich wird später Spiritusbetrieb ge 
fordert werden, wie dieser ja auch für die Automobil 
droschken vorgeschrieben ist. Das neue Vehikel ist der 
Vorbote einer gänzlichen Umgestaltung des Omnibus- 
Betriebes, es ist der erste „Schnell-Omnibus", der nicht, 
wie die jetzt zirkulierenden Wagen dieser Spezies, überall, 
nach Bedarf, sondern nur an bestimmten Haltepunkten, 
wie die Straßenbahnwagen, Fahrgäste aufnehmen und ab 
setzen soll. Die Gesellschaft hofft den neuen Wagen noch 
im Laufe dieses Monats ^Betrieb setzen zu können. Es 
ist immerhin ein. Wagnis, gleich 7 solcher Omnibusse, 
deren jeder doch wohl an 20 000 M. kosten dürfte, in Be 
stellung zu geben. 
f Bauernregeln von» Oktober. Ein trüber 
regnerischer Oktober ist des Landmanns Freude, heißt es 
doch in den alten Bauernregeln: „Hat der Oktober viel 
Regen gebracht, so hat er auch gut den Acker bedacht" 
und „Nichts kann mehr vor Raupen schützen, als wenn 
der Oktober erscheint mit Pfützen." Donner und Blitz in 
diesem Monat gelten für ungünstig, denn: „Oktobergewitter 
— sind Leichenbitter", aber auch Kälte ist im Oktober 
nicht wünschenswert, denn „Oktober rauh, Januar flau", 
„Fängt der Winter an im Oktober zu toben, so wird man 
ihn später nicht sehr loben". — „Wenns im Oktober 
friert und schneit, so gibts im Januar milde (schlechte) 
Zeit." Sonnenschein braucht der Oktober nicht unbedingt 
auszuweisen, denn „Ist im Oktober das Wetter hell, so 
bringt es her den Winter schnell." Im allgemeinen gelten 
von diesem Monat folgende Regeln: „Sitz das Laub an 
den Bäumen fest, sich strenger Winter erwarten läßt." — 
„Wandert die Feldmaus nach dem Haus, bleibt der Frost 
nicht lange aus." — „Fette Vögel und Dachse, pfeift im 
Winter die Achse". — „Trägt's Häschen lang sein 
Sommerkleid, so ist der Winter auch noch weit, ist aber 
rauh der Hase, erfrierst du bald die Nase." Auf die 
einzelnen Tage des Oktober haben folgende Reimsprüche 
der Landleute Bezug: 2!-Oktober: „Fällt das Laub vor 
Leodegar, so ist das nächste ein fruchtbar' Jahr." — 
16. Oktober: „Auf St. Gallentag muß jeder Apfel in den 
Sack." — „St. Gallen läßt den Schnee fallen." — „Ist 
St. Gallus naß, ist's für den Wein kein Spaß." — „Auf 
St. Gallus die Kuh nach dem Stall muß." 18. Oktober: 
„Von Lucä bis St. Simonstage, zerstört der Raupennester 
Plage." 28. Oktober: „Wenn Simon und Judas vorbei, 
so rückt der Winter-herbei." — „Wenn Simon und Judas 
mit Sturm einherwandeln, so wollen sie mit dem Winter 
verhandeln." 31. Oktober: „Wolfgang Regen, verspricht 
ein Jahr voll Segen." 
-j- Wieder mehr Licht. In der Rheinftraße haben 
wieder zwei Geschäftsinhaber sich an das Elektrizitätswerk 
angeschloffen und ihre Geschäftsräume elektrisch beleuchtet. 
Es sind dies die Firmen F. L. Achard, Confitüren-Ge- 
schäft und die Schiller-Drogerie (Inhaber I. Schoeppner), 
beide Rheinftraße 8. Die Beleuchtung macht einen 
prächtigen Eindruck und es ist mit Sicherheit zu erwarten, 
daß diesem guten Beispiel die übrigen Ladeninhaber Folge 
leisten werden. 
f Berliner Schauspiel-Bühne. Bei leider wenig 
besetztem Hause ging gestern der Militärschwank „In Ver 
tretung" von H. Gordon über die Bühne. Ein leichter 
Stoff, dabei gewürzt von tollen Einfällen und lustigen 
Späßen, übt ja immer auf den Zuschauer die Befriedigung 
des Amüsements aus. Ein Leutnant, der eS nicht ver 
steht flott zu leben und Schulden zu machen, liebt die 
Tochter eines Gutsbesitzers. Der Schwiegerpapa in spe 
wünscht sich aber einen recht flotten Schwiegersohn, der 
seine Jugend genossen. Er will sich selbst überzeugen und 
findet sich so in der Wohnung ^des Leutnants ein. Der 
Leutnant ist jedoch abwesend, sein Bursche „versucht" auch 
einmal den Rock seines Herrn und so kommt es, daß der 
„Alte" anstatt des Leutnants, dessen Burschen für denselben 
ansieht. Der Bursche findet sich in die Situation zurecht, 
er gefällt dem Herrn Schwiegerpapa und willigt letzterer 
in die Heirat. — Es wurde flott gespielt und können wir 
dem gesamten Ensemble für die gute Darstellung nur 
bestes Lob widmen. 
f Freie Opernbühne Kaiser Wilhelm-Garten. 
Da die Bühne im Kaiser Wilhelm-Garten für die Opern 
saison erst einer umfangreichen Renovierung unterzogen 
werden muß, findet die Eröffnungsvorstellung der „Freien 
Opernbühne" am Montag, den 16. Oktober, mit „Fidelio" 
statt. Es wird die Beleuchtung vervollständigt, neue 
Garderobenräume geschaffen, Heizung und Orchesterraum 
angelegt, welche Arbeiten noch ca. 8 Tage in Anspruch 
nehmen. — Wir verweisen auf die demnächst erscheinenden 
Inserate. 
f Rekruten-Abschied. Die Männer-Abteilung des 
Friedenauer Männer-Turnvereins feierte gestern unter zahl 
reicher Beteiligung den Abgang einiger Mitglieder zum 
Militär. Es waren deren zwei und zwar die Herren 
Wilhelm Matschke und Grabow. Der Vorsitzende, Herr 
Rechnungsrat Evers, hielt eine zu Herzen gehende 
Ansprache an die Scheidenden,^ wünschte ihnen das beste 
Wohlergehen im Soldatenstande und ein gesundes fröhliches 
Wiedersehen im Verein. Beide erhielten das übliche Pfeifchen 
nebst Tabaksbeutel mit auf den Weg. Es herrschte eine urge 
mütliche Fidelitas und trugen humoristische Vortrüge und 
gemeinschaftliche Gesänge zur Erhöhung der vergnügten 
Stimmung viel bei. Möge beiden Rekruten der Militär- 
Dienst leicht werden. 
f Postunterbeamten-Berein „Deutsche-Eiche". 
Wir verweisen hiermit nochmals auf das morgen Abend 
im Kaiser-Wilhelmgarten stattfindende 1. Stiftungsfest des 
Postunterbeamten-Vereins „Deutsche-Eiche". Die Fest 
ordnung weist Musikvorträge, ein Lustspiel: „Der Armen 
arzt,, oder „Schnelle Hilfe wirkt doppelt," Kaffeepause, 
mehrere Festlieder, Blumenpolonaise und Tanz auf. Es 
dürfte somit jeder Besucher bestes Vergnügen finden. 
-j- Hamburger Sänger. Am Dienstag, den 
10. d. M., veranstalten die so beliebten „Hamburger 
Sänger", Direktion Otto Steidl, im „Kaiser Wilhelmgarten" 
eine humoristische Soiree.' Das vorzügliche urkomische 
Programm weist u. a. zwei brillante Possen auf. Wer 
sich also einmal recht vergnügen will, der versäume nicht, 
den „Hamburgern" am Dienstag einen Besuch abzustatten. 
-j- Ausgesperrt. Am Sonntag Nachmittag hatte 
die Mieterin in einer Wohnung im Neubau ein arges 
Mißgeschick. Sie begab sich in der neuen noch unbewohnten 
Wohnung nach dem Balkon und warf die Türe hinter sich 
zu. Die blieb nun verschlossen, weil im Bau die Tür 
Girolamo zu. „Je weitere Kreise sich dafür interessieren, desto 
besser ist es. Je weiter und je höher, desto besser." 
Die Marchesa fragte, warum Lippone sich ihr nicht sofort 
anvertraut und Girolamo zeigte ihr, wie nötig es sei, daß sie 
ganz unbeteiligt erscheine und jede Verbindung mit Gräfin 
Estella vermeide. Der Gräfin Sicherheit verlange es. 
Eine Stunde später ging die Marchesa wie immer über 
Anacapri zurück, ruhte sich im Cafe Bitter unterwegs aus 
und kam bei guter Zeit im Hotel Quisisana an. Abends war 
sie angeregt und heiter und ihre Bekannten hofften, sie fange 
nun endlich an, den Verlust ihrer geliebten Freundin zu 
überwinden. 
Girolamo hatte seinen Weg nach Sorrent genommen, wo 
er Mynheer van de Putten gerade im Begriff fand, seine 
Jacht zu besichtigen. Er begleitete ihn, Mynheer zeigte ihm 
das Schiff und lud ihn dann zu einem kleinen Imbiß ein. 
„Ich weiß Bescheid, Steinmann war schon hier, ich 
stelle mein Haus und mein Schiff zur Verfügung. In ge 
fährliche Geheimnisse will ich aber nicht eingeweiht werden, 
ich mag nichts weiter wissen. Also Lippone heißt der Bote. 
Gut, er soll jederzeit eine Schüssel Makkaroni finden, wenn 
er kommt." Damit verabschiedete sich Mynheer von Laveggi, 
ließ ihn ans Land setzen und ordnete die Verproviantierung 
der Jacht an. 
Der Kreis, indem sich die Marchesa auf Capri bewegte, 
begrüßte es mit aufrichtiger Freude, als sie sich ihnen niehr 
widmete, ihre einsamen Spaziergänge abkürzte und zuletzt 
ganz aufgab. Sie ließ sich sogar bereden, ihren Aufenthalt 
zu verlängern, mußte aber deshalb, wie sie lachend erzählte, 
nach Neapel fahren zum Bankier. Sie hatte sich nicht auf 
so lange Zeit mit Geld versehen. 
Sie brachte allen Bekannten kleine Andenken mit, hatte ' 
viel gesehen und unternommen, erzählte eine Menge, nur über 
das Wichtigste schwieg sie unverbrüchlich. , 
Ganz zufällig natürlich hatte sie Girolamo Laveggi im | 
Wartezimmer des Bankiers getroffen. Und über die Zeit- j 
schrift hinweg, die sie besehen und wozu er ihr Erläuterungen 
gab, war der Plan für Gräfin Estcllas Rückkehr in die 
Welt festgestellt worden. Ercole hatte alles mit Girolamo 
besprochen. 
„Ich bin jederzeit bereit, Estella.und ihren Gemahl in 
Rom bei mir aufzunehmen. O, sie ist es, ich fühle es hier." 
Die Marchesa preßte die Hand auf ihr Herz. Sie wollte die 
Möglichkeit eines Irrtums, einer Enttäuschung nicht ins Auge 
fassen, auch an kein Mißlingen glauben. „Ich habe voll 
kommen eingesehen, wie falsch und gewagt es von mir wäre, 
Estella jetzt aufzusuchen. Ich muß alles vermeiden, was die 
Aufmerksainkeit auf sie lenken kann. Aber, o es ist mir sehr, 
sehr schwer geworden." Girolamo glaubte es ihr, als sich ihre 
Blicke trafen, sie aber meinte, sie könne noch weit schwereres 
überwinden, verlangte er es von ihr. „Wir müssen versuchen, 
Estella einem ähnlichen Eindrücke auszusetzen, wie durch die 
Stimme jenes fremden. Menschen. Könnte es nicht di Boyn 
selbst gewesen sein?" fragte die Marchesa, die von allem, was 
vorgefallen war, durch Girolamo unterrichtet worden war. 
Doch Laveggis Beschreibung des Menschen paßte nicht auf 
den Grafen. „Ich halte doch daran fest, dieselben Worte 
wenigstens — o welche Hoffnungen haben Sie in mir ge 
weckt, welche Befürchtungen, und wie grausam, mißlänge 
unser Plan! Welche entsetzliche Enttäuschung! Nein, ich 
darf nicht daran denken." 
„Sie sollen auch nicht so denken, es wird und es muß 
gelingen!" Girolamos Sicherheit und Vertrauen wirkten 
ansteckend. Die Marchesa dachte ihrer, wollte ihr Mut manch 
mal sinken, und Girolamo kämpfte von neuem auch für ihren 
Beifall, für sie, sie sollte keine Enttäuschung erleben — durch 
ihn. 
Nach einer Woche ward die Marchesa durch ein Tele 
gramm nach Rom zurückgerufen, ihr Schwiegervater war er 
krankt und verlangte nach chr. 
• 4 » 
(Fortsetzung folgt.)
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.