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Periodical volume Nr. 228, 28.09.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

stimmung für 90 Jahre auszusprechen. ^Wir glauben 
kaum, daß die Stadt Berlin sich einen neuen Vertrag auf 
90 Jahre aufbürden wird. Herr Oberbürgermeister 
Kirschner soll für das Projekt schon nicht zu haben sein. 
-j- Bei den Visenbahntruppen werden am 
1. Oktober die Spielleute abgeschafft, da sie bei dieser 
Truppe kein unbedingtes Erfordernis ffnd. Das den drei 
Regimentern gemeinsam gehörende Musikkorps, ausHoboisten 
bestehend, bleibt der Brigade jedoch erhalten. 
-j- Die Einstellung der Einjährig-Freiwilligen 
in das Heer erfolgt diesmal nach Anordnung einiger 
Generalkommandos erst am 2. Oktober, da der 1. Oktober 
auf den Sonntag fällt. 
f Vesitzwechsel. Das Grundstück, Ecke Stuben 
rauch-, Schwarzwald- und Varzinerstraße ging von Herrn 
Tuchmann für 560 000 M. in den Besitz einer neuen 
Berliner Aktien-Gesellschaft über. Herr Tuchmann, der 
das Grundstück als Lagerplatz noch ein Jahr weiter be 
nützen darf, kaufte dasselbe vor einigen Jahren um den 
Preis von 265 000 M. 
f Beerdigt wurde gestern unter großer Beteiligung 
das hier verstorbene Fräulein Helene Gädke, die Vorsitzende 
des Berliner Lehrerinuenvereins, eine Schwester des 
Militärschriftstellers Obersten a. D. Gädke. Unter den 
Leidtragenden befanden sich Stadtschulrat Dr. Gerstenberg 
und andere Schulmänner. 
t Der Reservist läßt fich jetzt wieder auf den 
Straßen sehen. Die Mütze keck aufs Ohr gerückt, den 
Spazierstock mit der Kompagnietroddel in der Rechten, so 
schlendert er mit gerollten Achselklappen durch das Gewühl 
und genießt in vollen Zügen das beseligende Bewußtsein 
junger Freiheit. Jetzt gibts für ihn kein Exerzieren und 
keinen Kammerdienst, kein Schießen und kein Stuben- 
cku-jour, keinen Parademarsch und kein Gewehrreinigen 
mehr, jetzt braucht er weder vor den ellenlangen Flüchen 
des Korporalschaftsführers noch vor den Argusaugen der 
Kompagniemutter mehr zu zittern. Und fröhlich summt 
er das bekannte „Lied vom Reservemann" vor sich hin. 
Von den Kameraden hat er schon Abschied genommen; sie 
haben brav zusammengehalten in den zwei Jahren 
Kasernenlebens und sie werden Freunde bleiben und als 
Freunde sich begrüßen, wenn sie sich draußen in der Welt 
wieder begegnen, So haben sie sichs versprochen, als sie 
am letzten Manöverabend im Biwack die Löffel begruben, 
und so werden sie's auch halten. Nun ist nur noch ein 
Abschied zu nehmen, der Abschied von Minna, Jette oder 
Hulda, dem braven Mädchen für alles, das dem wackren 
Krieger mit so mancher belegten Stulle, manchem Kotelett, 
Beefsteak oder Wurstende, mit so mancher Pulle Bier unter 
die Arme gegriffen und eine angenehme Abwechselung in 
das Einerlei des Kasernenmenus gebracht hat. Aber auch 
dieser Abschiedsschmaus wird überwunden, wie so vieles 
auf dieser Welt. 
Herbstgewitter. Mit Sonnenschein und lächeln 
dem blauem Himmel begann der gestrige Tag, mit Donner 
und Blitz ging er zu Ende. An Stelle der empfindlichen 
Kühle, durch die sich die letzten Tage ausgezeichnet hatten, 
trat bereits in den Nachmittagsstunden eine sommerliche 
Schwüle bei langsam sich bevölkendem Himmel. Abends 
7 Uhr ging bereits ein leichter Regen nieder, der aber 
gegen 8 Uhr immer stärker wurde. Bald zuckten blaue 
Blitze am dunkeln Firmamente auf, ein Gewitter zog im 
Westen auf, wie es uns der Sommer kaum beschert hatte. 
Blitz auf Blitz zerriß den schwarzen Wolkenschleier, Donner 
auf Donner krachte und prasselnd stürzten die Regenfluten 
nieder, die Straßen unpassierbar machend. Bis nach 
10 Uhr tobte das entfesselte Element. Die Straßenbahn 
mußte wieder einen ungewöhnlichen Ansturm über sich er 
gehen lassen. Verkehrsstörungen traten in mehreren 
Straßen auf. Kaiserallee, Friedrich Wilhelmplatz, Wil- 
helmstraße, selbst die Albestraße standen noch um 11 Uhr 
unter Wasser und waren heute Morgen kaum passierbar. 
-j- Gastwirte und Fleischteuerung. „Trotz der 
Fleischteuerung habe ich die Portionen nicht verkleinert 
und die Preise nicht erhöht." Die Inschrift liest man 
jetzt auf Plakaten in den Fenstern mancher Gastwirtschaften 
in Berlin und seiner Umgebung. 
-j- Kartoffelernte. Auf den Feldern in der Um 
gegend Berlins ist jetzt die Kartoffelernte in vollem Gange 
und liefert einen guten Ertrag. 
-j- Das gesellige Leben tritt nun bald wieder 
in seine Rechte. Schon überlegt der Hausvater, wo er 
und seine Familie Be)uche zu machen hat, und die Liste 
der „allernötigsten" wird besonders dort gewissenhaft zu 
sammengestellt, wo keine Honorationen vergessen werden 
dürfen. Ab und zu taucht auch schon eine einzelne Kaffee 
oder Tee-Einladung auf, bis in den Wintermonaten mit 
Beginn der eigentlichen Saison die größeren Festlichkeiten, 
wie Diners und vor allem Bälle an eie Reihe kommen. 
Langsam kehrt der Mensch in die Kreise zurück, in die er 
nach Beruf und Neigung gehört. Nachdem man sich 
während des Sommers nicht gesehen hat und die Be 
kannten in alle Himmelsgegenden verstreut waren, vereint 
sie jetzt wieder dasselbe Band gleicher Interessen und Be 
strebungen. Die nun erwachsenen jungen Mädchen, welche 
ihrem Eintritt in die Gesellschaft sehnsuchtsvoll entgegen 
sehen, begrüßen das erste Fest, an dem sie teilnehmen 
dürfen, mit Jubel. Frische Jugend, der noch alles fremd 
ist, verschönt die Feste, und so mancher im Lebenssturm 
ergraute Mann steht ahnungsvoll bei der neuen Generation 
das Wiederkehren, was ihm einst die Jugend gebracht hat 
im Gesellschaftsleben; Lust und Fröhlichkeit neben Ent 
täuschungen, glückliches Liebeswerben und am Schluß der 
Saison eine schöne Verlobung. 
f Männer-Tnrnverei«. Sonnabend, den 30. Sep 
tember, machen die beiden Mädchenabteilungen gemeinsam 
einen Ausflug. Die Abfahrt erfolgt vom Wannseebahnhof 
um 1.29 Uhr Mittags und geht bis Zehlendorf. Von 
hier aus marschieren die Teilnehmer bis Klein-Machnow. 
Unterwegs wird im Restaurant „Waldesruh" Rast gemacht 
und Kaffee getrunken. 
f Kriegsveteranen-Verei«. Der Verein wurde 
vom Krieger- und Landwehroerein zu dessen am Sonn 
abend stattfindenden 28. Stiftungsfest im „Hohenzollern" 
eingeladen. Die Mitglieder werden ersucht, dieser Ein 
ladung recht zahlreich Folge zu leisten. 
f Der Spiel- und Sport-Klub Friedenau 1889 
(eingetragener Verein) beschließt auch in diesem Jahre seine 
Tennissaison durch eine Festsitzung, in der den Siegern 
die in den Wettspielen gewonnenen Preise überreicht werden 
sollen. Diese Feier wird am Freitag, den 13. Oktober, 
im roten Saal des Hohenzollern-Restaurants stattfinden. 
In der Wintersaison wird sich der Klub wieder dem Hockey 
sport widmen. Herren, welche sich für diesen hier noch 
zu wenig bekannten Sport interessieren, werden gebeten, sich 
an die Geschäftsstelle des Klubs, Albestraße 30 H zu wenden. 
f Lothringer s Konservatorium. Mit Beginn 
des Winterhalbjahrs wird auf genanntem Konservatorium 
eine Elementar-, Klavier- und Violinschule eingerichtet, 
in welcher Kinder vom 6. Lebensjahre an von ersten 
Lehrkräften unterrichtet werden. Dem Lehrerverbande neu 
beigetreten sind, für die Klavierklassen: Fräulein Marie 
Muehl, (ausgebildet auf der Kgl. Hochschule für Musik 
und durch Frau Teresa Carrenno), für die Violinklassen: 
die Herren Konzertmeister Henri Monnier und Otto Groß- 
mann, für die Celloklassen: Herr Leo Halir, Kgl. Kammer 
musiker. Der neu erschienene Prospekt ist im Zweig 
institut Friedenau, Menzelstraße 22, gratis zu haben. 
f Wieder aufs Rad. Der am Freitag beim 
Training auf der Steglitzer Rennbahn verunglückte Renn 
fahrer Schulze-Zehlendorf ist soweit wieder hergestellt, daß 
er gedenkt, schon in nächster Woche das Training wieder 
aufzunehmen. 
f Unfall auf dem Ringbahnhof. Der Arbeiter 
M. aus der Handjerystraße siel gestern Nachmittag 3 Uhr 
auf dem Ringbahnhof von einem Kohlenwagen. Durch 
den Sturz erlitt M. eine schwere Verletzung des Unter 
kiefers, die seine Überführung zur Sanitätswache not 
wendig erscheinen ließ. Nachdem dort ein Notverband an 
gelegt war, konnte sich der Verletzte in seine Wohnung 
zurückbegeben. M. dürfte jedoch einige Zeit erwerbs 
unfähig sein. 
f Einen Zusammenstotz zweier Eisenbahnzüge 
gab es gestern Morgen auf dem Bahnhof Zehlendorf. 
Als der 6 Uhr 40 Minuten fällige Personenzug von dort 
ausfuhr, kam ihm von Lichterfelde her ein Arbeitszug ent 
gegen. Beide Züge stießen leicht zusammen, doch erhielt 
der Zugführer des Arbeitszuges eine klaffende Kopfwunde. 
Der Zusammenstoß wird dem Umstand zugeschrieben, daß 
der verletzte Zugführer das Haltesignal übersehen hat. 
Schöneöerg. 
— Ein neues Postamt wird am 2. Oktober 
eröffnet werden. Die Anstalt erhält zu Anfang des 
Winterhalbjahrs Schöneberg. Sie bekommt die Be 
zeichnung „Schöneberg und Berlin 4". Das Amt wird 
in dem Hause Kriemhildstraße 7 untergebracht. 
— Firmeneintragung. Nr. 27 441. Firma 
Albert Bartel, Schöneberg. Inhaber: Albert Bartel, 
Kohlenhändler, Söneberg. 
— In dem Konkursverfahren über das Ver- 
mögen des Bauunternehmers Max Meyer, Hohenstaufen 
straße 59. ist zur Prüfung der nachträglich angemeldeten 
Forderungen Termin auf den 10. Oktober 1905, Vorm. 
10 8 ; 4 Uhr, anberaumt. Ferner wurde in dem Konkurs 
verfahren Uber das Vermögen der Inhaberin eines Kinder 
garderobengeschäfts Frau Anna Maria Auguste Fleischmann, 
geb. Bäumgarten, Geschäftslokal Hauptstraße 132, Filialen 
Charlottenburg, Kantstraße 13, Steglitz, Schützenstraße 54, 
zur Prüfung der nachträglich angemeldeten Forderungen 
Termin auf den 12. Oktober 1905, Vormittags 10% Uhr, 
anberaumt. 
Werlin und Wororte. 
§ Zur Regelung des WagenverkehrS vor der 
„Komischen Oper", deren Eröffnung bevorsteht, ist an der 
Ostseite des Theatergebäudes auf polizeiliche Anordnung 
eine Durchfahrt hergestellt worden, die unter der Bühne 
hinweg vom Weidendamm nach der Privatstraße führt, 
die sich zwischen dem Savoy-Hotel und dem Theater 
gebäude von der Friedrichstraße bis zur Prinz Louis 
Ferdinandstraße hinzieht. 
8 Die Chamiffo-Laube ist in dem verpachteten 
Teil des alten Botanischen Gartens verblieben und nicht 
nach dem neuen Garten in Dahlem gebracht worden, wie 
man es ursgrünglich beabsichtigt hatte. Eine Neuaufstellung 
würde sich auch wenig lohnen, da die Spitze der Laube 
im vorigen Jahre durch ein böswillig angelegtes Feuer 
zerstört worden ist und von den übrigen Holzteilen nicht 
mehr viele vorhanden sind. Dazu kommt noch, daß in 
dem neuen Garten eine ganze Anzahl schöner aus rohen 
Holzstämmen gezimmerter Lauben und Laubengänge 
errichtet worden ist, die von Pflanzen aller Art umrankt 
werden. Darunter befindet sich auch die Pflanze, die die 
Chamisso-Laube dicht umgibt, nämlich Vitis riparia, eine 
nordamerikanische Weinart, deren Blüten im Juni einen 
starken lindenblütenähnlichen Wohlgeruch entwickeln. Die 
Chamisso-Laube fiihrt übrigens auch den Namen „Wildenow- 
Laube", nach dem berühmten Botaniker Wildenow, der 
von 1801—1812 Direktor des Gartens war. 
8 An der Daukes-Kirche soll die Stelle eines 
dritten Predigers neu besetzt werden. Der Gemeinde 
kirchenrat hat beschlossen, sie auszuschreiben und Gast 
predigten halten zu lassen. Diese Stelle hatte bisher 
Prediger Alberti inne, dessen Wahl zum ersten Geistlichen 
an der Dankeskirche vor Kurzem bestätigt worden ist. 
8 Was alles in den königlichen Theatern 
zurückgelaffen und nicht abgeholt wird, konnte man 
heute Vormittag in dem Theater-Magazingebäude, Fran- 
zösischestraße 30, sehen, wo die in der Zeit vom 1. Juni 
1904 bis Ende Mai 1905 gefundenen Gegenstände öffentlich 
versteigert wurden. Unter den Gegenständen befanden sich 
vorzugsweise Operngläser, Schirme, Fächer. Taschentücher, 
Handschuhe und Schmucksachen. Die vergeßlichen Personen 
scheinen demnach weniger unter der Herren- als vielmehr 
unter der Damenwelt zu suchen sein. Außerdem fand noch 
eine Versteigerung von allerlei Gegenständen statt., die sich 
für den Gebrauch der königlichen Bühnen nicht mehr 
eignen und deshalb ausrangiert worden sind. 
8 Die Eskadron Garde-Jäger zu Pferde in 
Potsdam (auch Meldereiter genannt) wird vom 1. Oktober 
dieses Jahres ab nach Langensalza versetzt und bildet den 
Stamm für das ueuzubildende Regiment Jäger zu Pferde 
Nr. 2. Das 1. Regiment liegt in Posen. 
Steglitz. Auf Anordnung des Schularztes, Herrn 
Sanitätsrat Dr. Heidenhain, wurde die 6. Mädchenklasse 
der Gemeindeschule I (Schloßstraße) geschlossen, da in den 
letzten Tagen mehrere Kinder von einer Augenkrankheit 
befallen worden sind. Auch unter den Schülerinnen der 
Gemeindeschule in der Plantageustraße sind einige Fälle 
zu verzeichnen. 
Keschästkiches. 
MT Kaufhaus Raphael, Rhetustratze 55. Zur Winter, 
saison werden Kleiderstoffe, Blusen, Wäsche rc. empfohlen. In der Putz- 
abteilung gelangen die elegantesten bis einfachsten Genres zur Aus- 
stellung und zum Umzug werden Teppiche, Gardinen, Steppdecken 
usw. in Erinnerung gebracht. — Bemerkt sei noch, daß der 
Feiertage wegen da« Geschäft am Sonnabend und Sonntag ge- 
schloffen bleibt. 
Humoristisches. 
' Vorsichtig. „Herr Goldblatt, geben Sie mir Ihre Tochter — 
ich liebe sie über alles! — Wenn Sie mir ihre Hand geben, werde 
ich sie in'S Paradies führen!" — Goldblatt: „Schön gesprochen, Herr 
Baron, sehr schön; aber sagen Se mer auch, wie hoch kommt meps 
Entree?" 
Kaufhaus G. Raphael, Rhelnstr. 55. 
Zur Vinter-Saison ZWi UlDZUDB 
empfehle mein reich sortiertes Lager in 
Kleiderstoffen. Husen, 
Wische-, Woll- u. 
Seidenwaren. 
Putz-Abteilung 
bringe ich den elegantesten bis einfachsten Genre 
zur Ausstellung. 
Aufarbeitungen "tÄ” 
Teppiche, Gardinen, 
Steppdecken 
in großer Auswahl und allen 
Preislagen. 
Der Feiertage wegen bleibt mein Geschäft Sonnabend und Sonntag geschloffen.
        
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