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Periodical volume Nr. 225, 25.09.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den Hriedenaner Ortsteil von Zchöneberg nnd den Bezirksverein 5üd - Vest. 
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Nr. 225 
Friedenau, Montag den 25 September 1905. 
12. Iahrg. 
Aepeschen. 
Halle. Der Profeffor der medizinischen Fakultät 
Karl Grunert ist gestern gestorben. 
Wie«. . Apponyi reiste um 10 Uhr Abends nach 
Budapest, ohne daß Cziraky ihn aufsuchte. Die Situation 
ist sehr ernst. 
Budapest. Graf Cziraky antwortete, als er nach 
der Abreise der ungarischen Koalitionsführer im Hotel in 
Wien erschien, auf die Frage eines Journalisten, ob er 
eine Nachricht für die > Koalitionsführer überbringe, mit 
»Nein!" und auf die weitere Frage, ob die Verhandlungen 
abgebrochen seien, erwiderte er scharf, es gebe keine Ver 
handlungen. Bisher ist nichts bekannt geworden, wie 
Graf Cziraky die Botschaft des Monarchen an die 
Koalitionsführer übermitteln wird. Abends 7 Uhr wurden 
die KoalitionsfUhrer bei ihrer Ankunft in Budapest von 
etwa 10000 Menschen mit stürmischen Ovationen empfangen. 
Vor der Ankunft sang die Menge das Kossuthlied und 
nach jeder Strophe ertönten stürmische Rufe: „Nieder die 
Dynastie, es lebe die Revolution!" Nach kurzer Ansprache 
Koffuths begleitete ihn die ganze Menge bis zum Klub 
lokal der Unabhängigkeitspartei, wo sich die Ovationen 
erneuerten, und wo Kossuth abermals eine Ansprache hielt, 
in welcher er der Hoffnung Ausdruck gab, daß nunmehr 
sich die ganze Nation in einem Lager vereinigen werde. 
Graf Johann Zichy soll bereits die Berufung des 
Monarchen erhalten haben, doch soll er nach den letzten 
Vorgängen nicht mehr geneigt sein, die Bildung des 
Kabinetts zu übernehmen. Graf .Cziraky richtete an 
Kossuth ein Entschuldigungstelegramm, weil er die 
Koalitionsführer infolge seiner Verspätung nicht antraf. 
In seiner Ansprache an die Volksmenge am Bahnhof 
betonte Kossuth. wie nachträglich bekannt wird, daß man 
in Wien die Nation in die Zwangsjacke stecken wollte, 
um die Entwickelung Ungarns unmöglich zu machen. Die 
Nation stehe vor großen Ereignissen. Die Führer hätten 
vorgestern widerstanden und würden auch ferner widerstehen. 
Petersburg. Der „Slowo", das Organ Wittes, 
läßt sich über die zukünftige auswärtige Politik Rußlands 
folgendermaßen aus: Rußlands Einfluß in Ostasien habe 
zwar gelitten, es werde aber seine ganzen Kräfte an- 
spannen, um diese Einbuße wieder wett zu machen. Das 
Blatt glaubt, Rußland werde zu diesem Zweck Angebote 
Englands und Frankreichs erhalten, da jede dieser beiden 
Nationen Rußland zum Freunde gegen die andere haben 
möchte. Der „Slowo" meint, die beste Politik für Ruß 
land sei die, sich von beiden Nationen fern zu halten. 
„Nowoje Wremja" veröffentlicht einen Alarm-Artikel, 
begründet durch die Entsendung österreichischer Truppen in 
das Sandschak Novobazar. 
London. „Daily Chronikle" behauptet, Witte werde 
in Berlin auch mit Mendelssohn und andern Finanzleuten 
Besprechungen haben. 
„Daily Telegraph" berichtet aus Tokio; China habe 
Rußland und Japan notifiziert, daß es nicht einverstanden 
sein könne, mit der Räumungsfrist, welche für die Mand- 
schurei im Friedensvertrag festgesetzt worden sei. Ferner 
bestreite China Japan das Recht, Militärposten längs der 
Eisenbahn aufzustellen. 
„Daily Telegraph" meldet aus Neuyork, Komura 
habe gestern zum ersten Mal das Zimmer verlassen. Man 
nimmt an, daß er sich am nächsten Mittwoch nach Japan 
einschiffen wird. 
Hiesige Blätter versichern, die englische Flotte werde 
ansang Oktober Tokio einen Besuch abstatten, falls bis 
dahin der Friede unterzeichnet sei. 
Paris. Das „Echo" berichtet aus dem Haag, der 
Dampfer „Sirius" von der niederländischen Dampfschiff, 
fahrtsgesellschaft, der von einem Kaffeegroßhändler ange- 
kauft und mit Kohlen und Munition beladen war, konnte 
nur bis Pmuiden gelangen, weil die Mehrzahl der Mann 
schaft desertiert war. Man vermutet, daß der Dampfer 
Waffen und Munition nach Finnland bringen sollte. 
Athen. Der rumänische Gesandte Papinio ist gestern 
Abend mit unbestimmtem Urlaub abgereist. Anscheinend 
verblieb er bis jetzt hier, um die Antwort Rumäniens auf 
die letzte Note Griechenlands überreichen zu können, die 
alle griechischen Beschwerden gegen Rumänien spezialisiert 
aufführt und auch den Mächten mitgeteilt wurde. Der 
formelle Abbruch der Beziehungen beider Staaten steht 
unmittelbar bevor. Den Schutz der Griechen in Rumänien 
übernimmt voraussichtlich Rußland. 
Neuyork. Die „Neuyork Times" veröffentlicht einen 
längeren Kommentar über die Schwierigkeiten, welche 
zwischen Frankreich und Venezuela ausgebrochen sind. Das 
Blatt sagt, daß alle zivilisierten Melrschen und Nationen 
darüber einig find, daß Präsident Castrow eine energische 
Strafe verdiene. Das beste Mittel, meint das Blatt, sei 
für Frankreich, die Revolutionären in Venezuela zu unter- 
stützen, damit diese einen Regierungswechsel herbeiführen. 
Wom letzten Weröandstage der Kaus- 
öesttzervereine. 
„Hausbesitz und Prostitution", über dies weniger 
schmackhaft als wichtige Thema hatte der Generalsekretär 
des Bundes der Berliner Grundbesitzer-Vereine, Or zur. 
König, auf dem letzten Zentral-Berbandstage der städtischen 
Hausbesitzervereine zu München einen Vortrag gehalten, 
der in der Forderung der Kasernierung der Prostitution 
gipfelte. Dieser Forderung stimmten fast alle Redner bei, 
nur von einer Seite wurde eine. Abmilderung der vor 
geschlagenen Resolution beantragt, nach welcher — statt 
der Kasernierung — ein wirksamer gesetzlicher Schutz der 
Hausbesitzer, sowohl in zivil, wie in straftrechtlicher Be 
ziehung, verlangt wird. Diesem Antrage stimmte der 
Verbandstag schließlich zu, nachdem der Vorsitzende, Hartwig, 
erklärt hatte, sein Amt niederlegen zu wollen, falls der 
Antrag König zur Annahme gelangen würde. Herr 
Hartwig selbst beantragte noch zusätzlich, ihn zu beauf 
tragen, beim Bundesrat und Reichstage, sowie bei allen 
Bundesregierungen dahin vorstellig zu werden, daß die 
Polizeibehörden angewiesen werden möchten, den Prosti- 
tuierten das Wohnen in denjenigen Häusern zu verbieten, 
deren Eigentümer dies von der Polizei verlangen. Auch 
dieser Antrag, der die Hausbesitzer freilich in zwei Klassen 
scheidet, gelangte zur Annahme. Die auch für Berlin 
wichtige Angelegenheit, die ja erst seit der Ermordung der 
kleinen Lucie Berlin erst wieder auf die Tagesordnung ge 
kommen ist, wird seitdem in den Berliner Grundbesitzer 
vereinen auf das Lebhafteste diskutiert; sie hat sich hier, 
wo es sich bekanntlich um 12 000 Prostituierte (die 
Tausende von Gelegenheitsdirnen nicht mitgerechnet) nach 
gerade zu der Parole „hie König, hie Verbandstag" zu 
gespitzt und für den ersteren Antrag (auf Kasernierung) 
soll in allernächster Zeit eine außerordentliche Propaganda 
in die Wege geleitet werden. Interessant ist die ver 
schiedenartige Stellung, welche einzelne Grundbesitzervereine 
Berlins schon heute zu dieser Frage genommen haben. Im 
Hausbesitzerverein des Nordens hat man die Königsche 
Forderung abgelehnt und zwar im Hinblick auf die „über 
aus scharfe" Stellungnahme des Verbandsdirektors Hartwig 
gegen die Kasernierung. Ebenso der Grundbesitzerverein 
der Rosenthaler Vorstadt. Diesem lag in seiner Sitzung 
vom 19. d. Mts. ein Antrag des Rechtsanwalts von 
Palmowsky vor, der dahinging: den Verbandsdirektor 
Hartwig für die Zurückweisung des Königschen Antrags ein 
Vertrauensvotum auszudrücken; diese Resolution wurde 
indeß zurückgestellt, bis man den Vortrag des Or. König 
selbst gehört habe. Ganz anders wird die Frage im 
Grundbesitzerverein der Schönhauser rc. Stadtteile beurteilt. 
In der Sitzung desselben vom 20. d. Mts' wurde hervor 
gehoben, daß der Antrag König hauptsächlich durch die 
Drohung des Verbandsdirektors, sein Amt niederlegen zu 
wollen, gefallen sei. und ein Vorstandsmitglied, .ein 
Polizeihauptmann, betonte, daß gerade die Berliner, in 
ihrem eigensten Interesse, für die Kasernierung hätten ein 
treten müssen. Diese sei keineswegs so schwer oder gar 
nicht durchführbar, die Hausbesitzer würden sich mit dieser 
Forderung übrigens nur ein gutes Zeugnis ausstellen. 
Auf die Weiterentwickelung der Angelegenheit darf man 
einigermaßen gespannt sein; es werden sich, wie gesagt, 
alle Grundbesitzervereine noch mit dem Königschen Vor 
trage beschäftigen, welcher im letzterwähnten Vereine als 
der beste bezeichnet wurde, der auf dem Verbandslage ge 
halten worden sei. 
Allgemeines. 
0 Die postalische Neuerung — Postkartenblocks 
— ist nunmehr genügend bekannt, nur nicht auf den 
großen Postämtern. Hier hat man darüber nur in den 
Zeitungen gelesen, weiß auch nicht, was mit der Neuerung 
eigentlich bezweckt wird. Von einer Verausgabung der 
Blocks an das Publikum ist demnach noch nicht die Rede. 
Lokales. 
t Sitzung der Gemeindevertretung. Eine 
Sitzung der Gemeindevertretung findet am Donnerstag, 
den 28. September,. Nachmittags 6 Uhr statt. Auf der 
Gewagtes 6pie». 
Roman von H. von Schreibershofen. 
22 lNachdi»ck »»boten.) 
Ms sie nach einiger Zeit m das Hans ging, war sie 
bleich, ihre Augen noch trübe, aber jeder Zweifel, was sie tun 
und sagen müsse, war besiegt. In diesen Miimten hatt», fie 
vorahnend den Zwiespalt, die Trennung durchgemacht du 
ibrer iortaesebten Weigerung folgen Niii!;tc, und sie suhlte 
Ah dazu nMhig Aber Ereol/ sollte alles erfahren was 
Ihr Leben bisher verdüstert und verbittert, das war sie sich 
^^Sie"rsif^Innocenzo, er sollte ihren Sohn benachrichtigen, 
Gutes. Und dann bückte er sich, zog ihren Aermel an seine 
Lippen und flüsterte mit bebender Stimme: „Herr Ercole bliebe 
8L M, -- <« ««.e», « w°r>° 
S V5«' «“wie'‘S w.mL! 
(aie deutet auf einen Stuhl neben fiel). 
„Ich werde von Teresa nieinals lassen, Mutter," sagte er 
kurz und blieb stehen. 
„Du sollst es nicht" — Er stieß einen Laut aus, Freude, 
Ueberraschung, ungläubiges Staunen klangen heraus. — „Doch 
che wir darüber weiter sprechen, sollst Du erfahren, weshalb 
ich Dich nicht von mir gelassen, weshalb ich Dich hier gefesselt. 
Du sollst Deine Mutter wenigstens richtig beurteilen. Es war 
keine Laune." — 
„Ich weiß es jetzt, Mutter, ich glaube es zu wissen," 
unterbrach er sie. 
Du weißt es und kannst mir doch einen Vorwurf da 
raus machen?" 
„Ja, denn es ist Deiner wie meiner nicht würdig, in 
solcher Knechtschaft zu leben. Lieber sterben, im Kampfe unter 
gehen, als sich feige der Herrschaft dieser geheimen Macht 
unteriverfen, die nur durch unser aller Furcht herrscht." 
Angstvoll bat ihn Nicoletta zu schweigen. „Soll ich auch 
Dich verlieren, mein einziges Glück!" Eng an ihn geschmiegt, 
erzählte sie flüsternd, damit kein Hauch ihrer Worte an ein 
unbefugtes Ohr dringe, wie man sie stets in Augst erhalten, 
daß des Vaters Los auch den Sohn treffen werde, falls er 
sich erkühne, in des Gemordeten Fußstapfen treten zu wollen. 
Und dann hauchte sie ihm zu, sie glaube in dem an Teresa 
verübten Verbrechen dieselbe schreckliche Macht zu erkennen, 
die ihr eigenes Glück zerstört hatte. „Bestehst Du auch jetzt 
noch auf Deinem Willen?" Ercoles Entschluß war unab 
änderlich. Wie eine Wolke senkte es sich vor Nicolcttas 
Augen, ihr Herz pochte laut auf. Dann hob sie die gefalteten 
Hände zu dem Madonnenbilde empor. „So bleibt mir nur, 
von jetzt an für Euch beide zu zittern, zu fürchten und zu 
beten!" Laut aufweinend schlang sie die Arme um Ercole. 
Sie trennten sich. bald und Ercole verließ lautlos das 
Haus. Zu viel hatte ihn heute erschüttert und die Tiefen 
seiner Seele aufgewühlt. Er eilte bergab, bis ihn die kühlere 
Seeluft umfing und sein erregtes Blut beruhigte. Oberhalb 
der Teufelsschlucht setzte er sich auf einen Stein und blickte 
auf das matt schimmernde Meer. Wie lange er so gesessen, 
wußte er nicht, er jah ein Boot aus dem Felsenschatten der 
kleinen Bucht auf die See hiuausgleiten und schüttelte nun 
erst die finstern Gedanken ab. Aber ivährend er das Boot 
mit den Augen verfolgte, sagte er sich, so hatte man auch 
Teresa hergebracht. _ Doch wie viele Hände waren wohl dabei 
beteiligt gewesen, wie Viele hatten zum Schweigen verpflichtet 
werden müssen, um das Verbrechen so ausführen zu können! 
Wie groß war die Macht, die das konnte! Nicoletta hatte 
recht, Teresa war keiner gewöhnlichen, kleinlichen Rache oder 
Bosheit zum Opfer gefallen, sie muße etwas bedeutet haben 
für die Zwecke des Bundes. Wie vorsichtig und sorgsam 
mußte diese grausame Tät vorbereitet worden sein, um fv gar 
keine Svur zu hinterlassen! 
Eine wilde, leidenschaftliche Empörung loderte in Ercole 
auf. Noch hatte er seines Vaters Tod zu rächen und schon 
stand er ivieder vor einem rätselhaften, ebenso schändlichen 
Verbrechen. Ihm lvar, als wisse er nun, warum ihn Teresa 
gleich so mächtig angezogen, ihr Schicksal war mit dem seinen 
verknüpft, er sollte ihr wie seines Vaters Rächer werden, sie 
waren nicht mehr zu trennen . . . Eine schwache, furchtsame 
Frau lvie seine Mutter konnte durch Drohungen bald ein 
geschüchtert iverden, die Elenden hatten leichtes Spiel mit ihr 
gehabt. Auch durch seine eigene Schwäche gegen seine Mutter, 
wie er sich eingestand. Aber das war vorüber, er war ein 
anderer und gelobte sich, jetzt feierlich, den Kampf gegen die 
geheime Macht aufzunehmen, die sein Vaterland zum Spiel 
ball niedrigster Leidenschaft herabwürdigte. 
Die Nacht ivar mondlos, doch nicht finster. Die Sterne
        
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