Path:
Periodical volume Nr. 223, 22.09.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den Hriedenaner Ortsteil von Schöneberg und den Vezirksverein Süd-West. 
Unparteiische Zeitung für Kommunale 
Bezugspreis 
bei Abholung aus der Expedition, Rhein- 
Kratze IS, 1,20 M. vierteljährlich; durch Boten 
tnS HauS gebracht oder durch die Post be 
zogen 1 M. 50 Pf., monatlich 50 Pf. 
Bestellungen 
in der Expedition, bei sämtlichen Zeitungs- 
spediteuren und Postanstalten. 
Fernsprecher: Skr. 129. 
Erscheint täglich abends 
Krfsndere 
Jeden Mittwoch: 
Witzblatt „Seiferrbkaserr". 
Druck und Verlag von 
Leo Schultz in Friedenau. 
und KiiMliche Angelegenheiten. 
Erscheint täglich abends 
Keilagen 
Jeden Sonnabend: 
Mlätter für deutsche Krauen. 
Verantwort!. Redakteur: 
Leo Schultz in Friedenau. 
Anzeige« 
werden bis 1 Uhr mittags angenommen. 
Preis der 5 gespaltenen Zelle oder deren 
Raum 25 Pf. 
Die Reklamezetle kostet 60 Pf. 
Anzeigenannahme 
in der Expeditton, Rheinstrahe 15, sowie 
in allen Annoncenexpeditionen. 
Fernsprecher: Nr. 129. 
Nr. 223 
Friedenau, Freitag den 22. September 1905 
12. Iahrg. 
Depeschen. 
Hamburg. Der flüchtige Defraudant Julius Elkan 
hat noch weitere Juwelierfirmen geschädigt. Die unter 
schlagene Summe beträgt über 400 000 M. 
Wie«. In hiesigen wohlinformierten Kreisen wird 
behauptet, der Kaiser werde bei der morgigen Audienz 
den Führern der ungarischen Opposition keine bestimmte 
Antwort erteilen, sondern erst in einer späteren Audienz 
seinen Standpuukt präzisieren. 
Budapest. Die gestern Abend erschienenen Blätter 
der Opposifion treten direkt für ein ehrliches Kompromiß 
ein, wenn demselben die Krone entgegenkomme. In maß 
gebenden Kreisen wird an der Möglichkeit eines solchen 
lebhaft gezweifelt. 
Florenz. Der General W. Uarantesi, der ehemalige 
Artilleriekommandant von Bologna hat sich wegen des 
Ablebens seiner Gattin erschossen. 
Palermo. In den Schwefelgruben von Caltani- 
setta auf Sizilien wurde gestern ein starkes Erdbeben ver 
spürt, die Bevölkerung floh in wilder Panik. Ein heftiges 
Gewitter, welches ebenfalls von starken Erdstößen begleitet 
war, vervollständigte die Zerstörung. Mehrere Personen 
wurden getötet und viele verletzt. Es fehlt an jeg 
licher Hilfe. 
Rom. Aus Florenz kommt die Nachricht, daß der 
Sohn des Generals Quaratosi, welcher vom Mikado als 
Instrukteur der japanischen Truppen angestellt war, in 
Hapan an Dyseutherie gestorben ist. y 
Paris. Der „Mattn" veröffentlicht heute einen 
Leitartikel, worin behauptet wird, daß das deutsche Unter 
seeboot, welches unlängst in Kiel von Stapel lief, nach 
den Plänen eines französischen Ingenieurs gebaut sei, und 
daß es genau dasselbe Modell habe, wie die französischen 
Unterseeboote. Das Blatt erklärt, die Pläne hierzu 
müßten aus dem französischen Marineministerium gestohlen 
und an die deutsche Regierung verkauft worden sein. In 
folgedessen verlangt das Blatt eine eingehende Unter 
suchung und strenge Bestrafung des oder der Schuldigen. 
Gestern empfing Rouvier Abends Herrn Rosen und 
hatte mit ihm eine längere Unterredung. Nach derselben 
wurde an die Presse eine Note gesandt, worin es heißt, 
daß die Unterhandlungen bezüglich Marokko auf neue 
Schwierigkeiten gestoßen seien, was besonders die Finanz 
reform und die Polizeireorganisation in Marokko an 
betreffe. Infolge besten ist eine Verständigung, welche als 
unmittelbar bevorstehend betrachtet wurde, wieder in weite 
Ferne gerückt. Man hofft indessen immer noch, daß die 
Unterhandlungen in ein befriedigendes Stadium eintreten 
werden. Der Korrespondent des „Echo" in Tanger be 
richtet seinem Blatte, daß er aus Unterredungen in Fez 
mit dem Minister des Auswärtigen und dem Finanz- 
Gewagtes 6pie». 
Roman von H. von Schreibershofen. 
20. (Nachdruck verdat«!,.) 
Der Bursche mckte murr,sch. „Sie hat nnch nicht immer 
gesehen, so wenig wie Jnnocenzo." . . . 
„Also dorthin zog cs Tich auch! Dona Teresa — so wird 
die Dame jetzt genannt" — „ . A ,.. 
Lippones Neugierde erwachte. Er fragte, ob sie von sich 
erzähle, ob man wisse, wer sic sei, doch Steinmann konnte 
auch zur rechten Zeit schweigen. Er zog den jungen Menschen 
in einen Torweg, um ungestörter mit ihm reden zu können, 
da radschlagende Jungen und bettelnde alte Weiber ihnen 
keine Ruhe ließen. „Ich will Dir erzählen, was ich weiß, wenn 
Du mir sagst, wie sie in die Schlucht gekommen ist. Du stellst 
Dich dumm, Freund Lippone, Tu wußtest, warum Du die 
legen, wollte aber nicht mit der Sprache heraus. Vielleicht dachte 
er, es sei zu wenig, was er sagen könne. Sc> ließ ihn ® 
mann endlich stehen und ging weg, in der Hoffnung, Lippone 
werde ihm nachkommen. Er irrte sich, L.ppone tarn m*t «nb 
war auch am nächsten Tage nicht zu sehen trotzdem Stein- 
mann die Sttaße zur selben Zeit wieder aussuchte. 
Heinrich Steinmann hatte Freunde m Sorrent. 
Zn einer großen Villa, dicht am Absturze der Klippen ,nS 
Meer hinab, lebte Mynheer van de Putten, «m früherer 
holländischer Offizier, mit dem Sternmann von Java her be 
freundet war. Mynheer war auch Besitzer einer ^ 9 - T 
welcher er - mit seiner blonden, rundlichen Gattin, s 
seefest war wie er selbst, häufige Fahrten «"f dem Mittelmeere 
aufgefordert und^halb und'halb hätte'Steimnaun jetzt wohl 
sts, ä äs 
minister gehört habe, daß die marokkanische Regierung 
nicht darauf dringe, Tanger als Sitz der Konferenz zu be 
zeichnen, vielmehr sei sie bereit, sich den Wünschen der 
Mächte zu fügen. 
Riga. Die Polizei beschlagnahmte in einem Versteck 
200 000 Patronen. 
Petersburg. Herr Planton ist gestern hier ein 
getroffen und wird dem Zaren den Friedensvertrag zur 
Unterzeichnung überbringen. 
In unterrichteten Kreisen wird das Gerücht, daß 
Witte vor seiner Rückkehr nach Petersburg während seiner 
Durchfahrt durch Berlin vom deutschen Kaiser empfangen 
wird, als zutreffend erklärt. — Das „Echo de Paris" be 
richtet, daß der Befehl des Zaren an Witte, auf seiner 
Durchreise den deutschen Kaiser aufzusuchen, einzig auf den 
Wunsch des deutschen Kaisers zurückzuführen sei. 
Kiew. Eine hier abgehaltene Studentenversamm 
lung beschloß, die Studien wieder aufzunehmen und die 
gewährte akademische Freiheit prakttsch durchzuführen. 
Oysterbay Während einer Konferenz, die zwischen 
Roosevelt und einer Anzahl bedeutender Persönlichkeiten, 
welche in Oysterbay weilen, stattfand, wurde die Frage 
der Einberufung einer zweiten Haager Friedenskonferenz 
erörtert. Roosevelt erklärte, Baron Rosen habe ihn am 
18. d. Mts. aufgesucht und ihm mitgeteilt, daß der Zar 
den Wunsch hege, diese zweite Konferenz einzuberufen. 
Mgemeines. 
0 „Postkarteu-BlockS" sollen nach einer Ver 
fügung des Reichspostamies demnächst versuchsweise zur 
Ausgabe gelangen. Die Blocks enthalten je zehn einfache 
Postkarten zu 2 oder zu 5 Pf.; sie kosten 20 bezw. 80 
Pfennig das Stück. Die Reichsdruckerei ist beauftragt, 
zunächst nur einen für drei Monate berechneten Vorrat 
von Postkartenblocks herzustellen; einzelne Obec-Postkaffen 
haben von dort schon die neuen Blocks geliefert erhalten. 
Lokales. 
t Vorn Elektrizitätswerk. Eine Schwalbe hat 
sich seit einigen Tagen unser Elektrizitätswerk zum 
Aufenthaltsort gewählt. Schwalben sollen Glück bedeuten. 
Ein besonderer Glücksstern scheint aber doch nicht über 
dem Elektrizitätswerke zu walten. Hieß es doch vor 
einigen Wochen am 18. September könnten die Friede- 
nauer bereits Licht und Kraft erhalten, jetzt heißt es am 
28. September könne das Werk in Betrieb genommen 
werden, aber auch an diesem Tage wird es wohl noch 
nicht so weit sein und liegt die Sache aber heute so, daß 
es fraglich ist, ob mit der Stromabgabe am 1. Oktober 
begonnen werden kann. In ihren Hoffnungen sehen sich 
nun alle diejenigen getäuscht, die glaubten bis zum 
1. Oktober gebührenfrei Strom zu erhalten. Aber nicht 
—^m 
Gefahren steckte. Denn gerade die Sehnsucht nach seinem 
Kloster war ihm befremdend und ausfällig. 
Er war zu einer günstigen Stunde gekommen. Gepäckstücke 
in dem Hausflur deuteten auf eine Reife und seine Frage 
ward sofort bejaht, sein Entschluß erregte Freude. 
Sein Freund, ein ruhig und behaglich dreinschauender, 
schon grauhaariger Herr, dessen scharfe blaue Augen aber noch 
Frische und jugendliches Empfinden verrieten, war sehr be 
friedigt, seine Gattin Mintje nicht minder. Besonderer Vor 
dere, tnngcn bedurfte es nicht, Mynheer lieh her, was nöl.g 
war und nach zwei Stunden bestieg Steinmann mit dem Ehe 
paare das kleine Schiff, um sich auf den blauen Wogen 
schaukeln zu lassen. 
„Es ist ganz gesund, die Küste auch einmal wieder von 
der Wasserseite aus anzusehen," sagte Mynheer, wozu Stein- 
mann nur nickte, doch großen Genuß hatte er nicht von der 
Fahrt» da seine Gedanken ihm garnicht recht gehorchen wollten. 
Sie eilten immer wieder zu Monika, nein, sie hieß ja Jsotta. 
Tie Frage, ob sie sich um ihn jetzt ängstige, sich nach ihm 
sehne, ja überhaupt seiner'gedenke, tauchte immer auf. Da 
zwischen freute er sich dann doppelt, jetzt fern von ihr zu sein, cs 
mußte nun doch klar in ihm werden. 
Ta Mynheer immer Bescheid wußte von der kleinen wie 
großen Welt, so war man um Unterhaltungsstoff nicht ver 
legen, selbst als die Fahrt sich bis Sizilien ausdehnte. 
„Sie haben wohl von dem Tode der jungen Gräfin ge 
lesen, der Tochter des verstorbenen Herzogs von Leonsorte?" 
fragte Meffrouw van de Putten. „Graf di Boyn, wir sahen 
ihn vor nicht sehr langer Zeit in der Caccumella bei der 
> Tarantella, ist dadurch der reichste Grundherr in Sizilien ge 
worden. Die Gräfin sollte seinen Sohn heiraten, nun hat er 
die Güter selbst und hängt nicht von der Schwiegertochter ab. 
Man soll ihn in Rom sehr gnädig aufgenommen haben, er 
ist eine große Zahl, vorher nur eine Null, das wird nie ver 
gessen in der Politik." Die blonde Frau lächelte spöttisch. 
„Für die innere Politik ist es so viel besser," war 
Mynheers Ansicht. «Mit dem Grafen tritt ein bestimmtes 
nur deshalb ist die Nichteinhaltung des festgesetzten 
Termins bedauerlich. Böses Blut macht die Sache vor 
allem bei den Besitzern der Neubauten, die für elektrische 
Beleuchtung eingerichtet wurden. Wird der Termin nun 
nicht eingehalten, so bleibt den Mietern nichts anderes 
übrig, als die gute alte Petroleumlampe hervorzuholen, 
bis die Stromabgabe erfolgen kann. Warum diese Ver 
zögerung? Warum verkündete man, wenn man der Sache 
doch nicht sicher war, in die Welt hinaus: am 18. Sep 
tember könne mit der Abgabe des Stromes begonnen 
werden? Zurzeit wird noch fleißig an der Aufstellung der 
Schutzwände und dem Füllen der Akkumulatoren mit 
Säure gearbeitet. Zieht sich schon die Abgabe von Strom 
überhaupt hinaus, wie lange wird es dann noch dauern, 
bis wir die Straßenbeleuchtung erhalten. 
P Hundesteuer. Der Gemeindevorstand macht im 
amtlichen Teil unserer heutigen Zeitung die maßgebenden 
Paragraphen für Hundebesitzer und die es werden wollen 
aus der Hundesteuer-Ordnung bekannt, auf welche wir 
besonders hinweisen wollen. 
f Asphaltierung. Wie wir erfahren, soll nun auch 
noch die Bismarckstraße Stampfasphalt in diesem Jahre 
erhallen. Diese Nachricht wird gewiß die Anwohner der 
Bismarckstraße sehr erfreuen, denn das dortige Straßen- 
pflaster befindet sich in einem Zustande, der für Wohnungs 
suchende nicht empfehlend ist. An der Ecke Bismarckstraße 
und Friedrich Wilhelmplatz machen es Steinhaufen 
unmöglich, daß an dem neuen Droschkenhalteplatz auch 
Droschken halten können. 
t Auliegerbeiträge in der Höhe von 8400 M. 
sollte die Kirchengemeinde der Nathanaelkirche bezahlen. 
Der Ausschuß der Stadtverordneten für die Prüfung der 
Frage, ob die Heranziehung der Kirchengemeinde für die 
Anliegerbeiträge überhaupt zulässig sei, hat beschloffen, der 
Stadtverordneten-Versammlnng, nachdem die Heranziehung 
zweifelhaft erscheine, zu empfehlen, von der Nathanael- 
kirchengemeinde keine Anliegerbeiträge zu erheben. 
-f DaS Helmholtz - Realgymnasium, das in der 
8. Gemeindeschule in der Rubensstraße untergebracht ist, 
soll ein Sammlungszimmer erhalten. Zur Herstellung 
sollen in der am Montag stattfindenden Stadtverordneten- 
Versammlung 800 M. bewilligt werden. 
t Die Gemeinde Wilmersdorf hat sich durch 
einen neuen Vertrag an die englische Gasgesellschaft 
gefesselt, die sich nun verpflichtet, 1220 Laternen unent 
geltlich mit Gas zu versorgen, dafür aber das Gas an 
Private für 12 l / a Pf. für den Kubikmeter liefert und nur 
9,46 v. H. der Bruttoeinnahmen an die Gemeinde abzu- 
führen braucht. 
1- Der neue Lagerplatz an der Kaisereiche. 
Mit dem Abfahren der an der Kaisereiche nun seit Wochen 
lagernden Steine wurde allerdings begonnen, etwas be- 
Element in den Vordergrund, man weiß, mit wem man zu 
tun hat." 
Steinmann verriet ungemein wenig Interesse daran und 
später sagte Meffrouw, die ihn sehr langweilig sand, zu ihrem 
Gemahl: „Stcumiann ist verliebt." 
Mynheer lachte auf. „Mache Dich nicht lächerlich, Mintje!" 
Doch nach abermals vierundzwanzig Stunden, in der die Jacht 
sanft über die Wellen geglitten war, bemerkte Mynheer kurz: 
„Weimer sich nur nicht in politische Händel eingelassen hat!" 
Meffrouw blieb bei ihrer Behauptung und Mynheer ver 
setzte ungeduldig: „Einem Verliebten ist zu helfen, Heinrich 
ist weder zu jung noch zu arm, er kann heiraten." 
„Vielleicht will sie ihn nicht." Meffrouw sah tiefsinnig 
über die hüpfenden Wellen. 
Mynheer schüttelte ärgerlich den Kopf. „Das nimmt 
man in seinem Alter auch nicht mehr tragisch. Wir wollen 
ihn nicht so bald wieder ans Land lassen, dann kann sich 
alles ohne ihn abwickeln und er kommt in keine Unannehmlich 
keiten. Er in,iß aus seine Freunde rechnen können, auch ohne 
besondere Aussprache." 
Meffronw war einverstanden und Mynheer traf seine 
Maßnahmen. Tagsüber ward so gesegelt, daß man die Küste 
nur ganz von ferne sah, Steinmann sollte nicht wissen, wie 
weit mau sich schon vom ursprünglichen Kurs entfernt hatte. 
Doch so leicht war er nicht zu hintergehen, er merkte es, war 
aber ganz zufrieden damit. Er hatte sich vorgenommen, nicht 
eher nach seinem Laudhause zurückzukehren, als bis er Klarheit 
in sein Denken gebracht, und so weit war er noch nicht. In 
der Nähe der französischen Küste überraschte er seine Freunde 
mit der Bitte, ihn m Toulon oder Marseille an das Land 
zu setzen, er wolle jetzt seine alljährliche Reise in die Heimat 
antreten. 
„Sie wußten, wo wir segelten?" fragte Meffrouw mit 
dem leisesten Anflug von Erstaunen und warf einen vorwurfs 
vollen Blick auf das Meer, wo die Delphine spielten, die das 
Schiff getreulich begleitet hatten. Vielleicht wäre etwas Sturm 
günstiger gewejen. (Fottsetzung folgt.)
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.