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Periodical volume Nr. 220, 19.09.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

jerystraße neben dem Spritzenhause. In beschaulichem 
Dasein lagern da die verschiedensten Gegenstände friedlich 
nebeneinander. So manches Ding, das ehemals in hohen 
Ehren stand oder doch als unentbehrlich erschien, muß nun 
hier in einem dunkeln Winkel den Rest seiner Tage be 
schließen. Allerdings schön sind diese abgelegten Lager 
gegenstände nicht, weshalb es auch begreiflich ist, daß sie 
der Gegend nicht zur Zierde gereichen. In den Kreisen 
der Bürgerschaft ist man längst für Entfernung des Lager 
platzes. Die Frage bleibt nur, wohin damit. Ver 
schwinden wird er ja auf jeden Fall, soll doch auf dem 
selben Grundstück das Friedenauer Rathaus erstehen. Wie 
verlautet, soll noch in diesem Winter der Gemeindevertretung 
eine Vorlage, den Bau des Rathauses betreffend, zugehen, 
Monate werden aber verstreichen, bis das Rathaus eine 
fertige Tatsache sein wird. Bis dahin wird wohl oder 
Übel der Friedenauer Trödelplatz die Stelle in der 
Handjerystraße neben dem Spritzenhause behalten müssen. 
-s Parochialverein. Morgen, Mittwoch. Abends 
8 Uhr findet im Restaurant „Hohenzollern" die (1.) Lese 
probe des Volksschauspiels „Maria" unter Leitung des 
Dichters Herrn Witt-Miltenstein statt. In dankenswerter 
Weise haben sich eine Reihe von Damen und Herren zur 
Mitwirkung bereit erklärt; doch können für die Volksszenen 
immer noch Kräfte Verwendung finden. Anmeldungen 
sind daher auch.morgen Abend noch erwünscht. — Auch 
aus Laubau (Schles.), wo das Schauspiel zuletzt aufgeführt 
wurde, liegen sehr günstige Berichte vor. Es heißt z. B. 
im Laubauer Anzeiger: „Das edle und vornehm gehaltene, 
Herz und Gemüt tief ergreifende, von religiöser Wärme 
und Weihe durchzogene . . . Drama ging gestern Abend 
als Erstausführung ... in Szene, einen mächtigen Ein 
druck hinterlassend. Die glänzende Ausstattung wirkte 
großartig, ebenso auch die Szenerien usw." Die geplante 
Veranstaltung verspricht für Darsteller und Zuschauer sehr 
genußreich zu werden. Glück auf! 
f Sitzung der Kolonueuführer und Ärzte 
der freiwilligen Sanitätskolonne vom roten 
Kreuz der Provinz Brandenburg. Um 7 l / 2 Uhr 
eröffnete der Vorsitzende Herr Oberstabsarzt Dr. Hering 
die Sitzung, die am Sonnabend in Krvlls Tunellrestaurant 
in Berlin stattfand, mit einem begeistert aufgenommenen 
Hoch auf S. M. den Kaiser und Ihr. M. die Kaiserin. 
Herr Oberstabsarzt Dr. Hering begrüßte sodann die Ver 
treter der Kolonnen uud erstattete den Vierteljahrsbericht 
Er gedachte der durch den Tod dem edlen Werke Ent 
rissenen und forderte die Anwesenden auf, das Andenken 
der Heimgegangenen durch Erheben von den Plätzen zu 
ehren. Herr Rittergutsbesitzer Bruno Böttcher hat dem 
Prövinzialverband 3000 M. llbgergeben, deren Zinsen 
den Kolonnen zu Gute kommen sollen, ebenso .hat seine 
Gemahlin Frau Sophie Böttcher 3000 M. überwiesen, 
deren Zinsen den Pflegerinnen-Vereinigungen vom roten 
Kreuz jzufallen sollen. Durch Erheben von den Plätzen 
dankt die Versammlung für diese hochherzige Spende. 
Das Tragen der Uniform darf nur auf Anordnung des 
Kolonnenführers geschehen, das beliebige Anlegen derselben 
ist streng verboten. Herr Landrat von Stubenrauch hat 
2 Linksweiler Systeme dem Verband geschenkt, wieder ein 
neuer Beweis der hochherzigen Bestrebungen des Herrn 
Landrat. Nach den Kieler Beschlüffen sind die Krieger- 
Sanitätskolonnen, um die einheitliche Führung aller 
Sanitätskolonnen zu ermöglichen von jetzt ab den Provinzial 
verbänden der Sanitätskolonne unterstellt. 1006 findet 
in Potsdam unter den Augen der höchsten Behörde eine 
Übung sämtlicher Kolonnen der Provinz Brandenburg 
statt. In Mailand ist 1906 eine internationale Aus 
stellung von Einrichtungen für das rote Kreuz. Modelle, 
nach denen aus rohem Material gearbeitet werden kann, 
erbittet der Vorsitzende, nach Ncubabelsberg zu senden, 
wo im Februar eine Probeausstellung stattfinden soll. 
Wenn auch der Geist der Kolonne ein hervorragend guter 
ist, müßte noch mehr Drill und Disziplin ausgeübt werden, 
aber ohne Übertreibung. Zur Verbreitung für den Kriegs 
dienst sei der Rettungsdienst im Frieden unerläßlich. 
Wittenberge besäße schon lange einen vorzüglich ausgebildeten 
Friedensrettungsdienst, in letzter Zeit hätten besonders die 
Kolonnen Friedenau und Erkner einen Rettungsdienst ein 
geführt, der als mustergültig anerkannt worden sei. Herr 
Oberstabsarzt Dr. Hering, vielfach in seinem Bericht durch 
lebhafte Zustimmungen unterbrochen, erteilte nunmehr dem 
Vorsitzenden und Kolonnenführer der Sanitätskolonne von 
Friedenau, Herrn Gemeindeschöffen Sadöe das Wort, um 
den Friedensdienst der Kolonne zu schildern. Herr Sadöe 
führte aus, daß nur mit Hilfe und Unterstützung des 
Bürgermeisters Schnackenburg es ihm möglich gewesen 
wäre, die Kolonne schlagfertig zu schaffen. Die Kolonne 
habe sich ganz dem Dienste der Gemeinde unterstellt und 
wäre dem Dezernate für Wohlfahrtspflege rc. zugewiesen 
worden. Ec empfehle dieses Zusammenarbeiten mit den 
Gemeinden den Herrn Bürgermeistern und Amtsvor- 
stehern als den besten Weg, wirklich etwas segensreiches 
zu leisten. Eine Alarmordnung sei nach langer Arbeit 
ausgearbeitet und von dem Amt genehmigt worden. 
Jeder Polizeibeamte hat ein Wohnungsverzeichnis der 
Kolonnenmitglieder, jeder Beamte ist auch angewiesen, be: 
Alarm außer Thelephon die nächstwohnenden Mitglieder 
herbeizurufen. Redner verliest die Alarmvorschrifen, so- 
wie eine Bekanntmachung für den Alarm, die an allen 
öffentlichen Plätzen Friedenaus angeschlagen werden soll. 
Durch verschiedene Rettungsstationen, Hauptmeldesteüen, 
wäre alles geschaffen, was man mit den vorhandenen 
Mitteln eben leisten könnte. Durch das Zusammenarbeiten 
mit der Gemeinde wurde auch das weitere Publikum für 
diese segensreiche Einrichtung der Kolonnen gewonnen, 
das zeigte sich durch den zahlreichen Beitritt als zahlende 
inaktive Mitglieder. Die mit großem Beifall aufgenomnienen 
Ausführungen des Herrn Apotheker Sadöe riefen eine leb 
hafte Aussprache hervor, an der hauptsächlich teilnahmen 
die Herren Oberstabsarzt Dr. Hering, Hauptmann Kämpfe- 
Wittenberge und Stabsarzt Dr. Cramer-Zehlendorf. Alle 
stimmten den Ausführungen des Herrn Sadöe bei und 
fügten Berichte über den Friedensdienst ihrer Kolonnen 
hinzu. Es wird beschlossen, daß die Vorschriften der 
Kolonne Friedenau an die Kolonnenführer gesandt werden, 
um dann im Separatdruck allen übrigen Kolonnen über 
mittelt zu werden. Herr Oberstabsarzt Dr. Hering kommt 
auf den theoretischen Unterricht zu sprechen, der noch ein 
gehender erteilt werden müffe, das Zusammenarbeiten mit 
)en Feuerwehren sei zu empfehlen. Nach Erörterung ver- 
chiedener, interner Angelegenheiten schließt der Vorsitzende 
101/2 Uhr die Versammlung. Es wird Herrn Oberstabs 
arzt Dr. Hering der Dank der Kolonnen für die mühe 
volle Arbeit, welcher er sich Jahraus Jahrein unterzieht, 
ausgesprochen und ihm ein dreifaches Hoch ausgebracht. 
Hieraus folgte ein zwangloses Zusammensein aller 
Kameraden. 
f Im Sportpark Steglitz wird heute das seit 
mehreren Tagen unterbrochene Training wieder auf 
genommen, nachdem in der Nordkurve die verschiedenen 
Unebenheiten der Bahn beseitigt worden find, worunter 
Fahrer und Motoren sehr zu leiden hatten. Durch 
Wegfall dieses Hinderniffes dürfte die Bahn nunmehr eine 
ledeuteud höhere Schnelligkeit zulaffen, wie sich dies 
edenfalls am nächsten Sonntag ergeben wird, wo der 
Sportpark das diesjährige Goldene Rad abhält. Wie im 
Vorjahre in Friedenau, so setzt sich auch diesmal das 
Goldene Rad aus zwei Dauer-Konkurrenzen zusammen, 
von denen die eine über eine Stunde und den Titel 
„kleines goldenes Rad" führt, während die andere das 
„große goldene Rad" über 100 Kilometer geht. Die 
Direktion hat für beide Rennen eine gute Auswahl unter 
den Fahrern getroffen, die gute Kämpfe versprechen. 
f Eröffnungs-Vorstellung. Wir machen hiermit 
nochmals auf die heute Abend stattfindende Eröffnungs 
vorstellung „Traumulus" der Direktion Behle im „Hohen 
zollern" aufmerksam. 
f Berliner Schauspielbühne. Auf den am ver 
gangenen Donnerstag so gut aufgenommenen französischen 
Schwank „Der Schlafwagenkontrolleur" wird die Direktion 
diesen Donnerstag das alte, aber immer und immer wieder 
gern gesehene Lustspiel „Dr. Wespe" von R. Bendix im 
Saale des Kaiser Wilhelmgarten folgen lassen. 
Benedix, der Verfasser der „Relegierten Studenten" und 
des „Störenfried" hat mit dem Lustspiel „Dr. Wespe" ein 
Bühnenwerk von übersprudelndem, gesunden, guten Humor 
geschaffen, das nach jeder Szene den Beifallssturm des 
Publikums zur Folge hat. Mit den Hauptrollen sind 
wieder erstklassige Kräfte betraut, sodaß auch diesmal 
wieder einer guten Vorstellung entgegengesehen werden kann. 
-j- Kinematograph. Das Unternehmen wird hier 
nur noch diese Woche Vorstellungen geben. Wer dieselben 
noch nicht besucht hat, dem sei es angelegentlichst empfohlen. 
Das Eröffnungsrennen auf der Steglitzer Radrennbahn 
bleibt die ganze Woche über auf dem Programm. 
-j- Deutschnationaler Handlungsgehilfen-Ver» 
band. Mittwoch, den 20. d. M., Abends 9 x / 2 Uhr, im 
Vereinshause Rheinstraße 39 (Piater & Co) Vortrags 
abend. Herr P. Hildenhagen wird sprechen über: „Wes 
halb bieten der Deutschnationale Handlungsgehilfen- 
Verband und seine Krankenkasse die größten Vorteile?" 
Gäste willkommen! 
f Ein schwerer Nadfahrunfall hat sich gestern 
in Steglitz, an der Ecke der Albrecht- und Filandastraße, 
zugetragen. Dort versuchte der Zimmermann Gustav 
Fenske aus Berlin noch rasch die Straßenbahnschienen zu 
kreuzen, kam aber zu Fall und geriet mit seinem Rad 
unter den gerade ankommenden Straßenbahnwagen. Er 
erlitt einen Schädelbruch und wurde in hoffnungslosem 
Zustande in das Lichterfelder Kreiskrankenhaus übergeführt. 
1- Fahrraddieb. Einem hiesigen Geschäftsmann 
wurde gestern sein Fahrrad gestohlen, während er nur 
wenige Minuten im Hause Rheinstraße 8 geschäftlich zu 
tun hatte. 
-j- Eine« billigen SonntagSbrateu wußte sich 
eine Gesellschaft von Spitzbuben am Sonntag Mittag 
2 Uhr zu verschaffen, indem sie dem Geflügelstall des 
Geflügelhändlers Schubert in der Rheingaustraße einen 
^unangemeldeten Besuch abstatteten, 4 Gänse und 4 Enten 
stahlen und in einer gleichfalls gestohlenen Kiste davon 
trugen. Hoffentlich gelingt es den Bemühungen der 
Kriminalpolizei, der Täter, die den Weg nach Schmargen 
dorf nahmen, bald habhaft zu werden. 
-j- Eingebrochen wurde in der Nacht vom Sonntag 
zum Montag in der Laube eines Arbeiters in der 
Rheingaustraße. Der Dieb erbeutete fünf große wertvolle 
Kaninchen. 
Schöneöerg. 
— Firmeneintragung Nr. 27 401. Firma: 
Friedrich Henke, Schöneberg. Inhaber: Kaufmann Friedrich 
Carl Henke in Schöueberg. 
Berlin und Wororte. 
8 Die General-Versammlung der „Vermögens- 
Verwaltungsstelle für Offiziere und Beamte, Kommandit- 
Ges. auf Aktien", welche gestern Mittag im oberen Saale 
des Hotel de Rome stattfand, nahm zeitweilig einen recht 
stürmischen Verlauf. Es waren ungefähr hundert Kom 
manditisten erschienen, die Feststellung der Präsenzliste 
verzögerte sich. Es herrschte anfänglich eine ziemlich 
gedrückte Stimmung und man munkelte von einer 
geplanten Konkurs-Anmeldung, ohne sich dabei zu ver 
hehlen, daß dann wohl auch die Staatsanwaltschaft an 
der „Prüfung der Forderungen" teilnehmen werde. Der 
vom Registerrichter mit dem Vorsitze betraute Gerichts 
assessor Dr. Leibt eröffnete die Versammlung um 12.20 
Mittags unter den üblichen Formalitäten. Er teilte mit, 
daß die Aufsichtsratsmitglieder Graf Hermersberg, sowie 
die Generalmajore v. Colmar und Gaczenski ihre Ämter 
niedergelegt hätten, sodaß nur noch ein Aufsichtsratsmitglied 
vorhanden sei, das aber im Auslande (in London) weile. 
(Heiterkeit.) über die Behandlung der Tagesordnung ent 
spinnt sich eine sehr erregte Debatte; schließlich kommt 
man dahin überein, die einzelnen Punkte nach der Reihe 
zu beraten. Zum Schluß erfolgte die Wahl des neuen 
Aufstchtsrats. Dazwischen durch debattierte man wieder 
über die Zweckmäßigkeit der Einsetzung einer Revisions 
kommission. Wie es schien, neigte man der Ansicht zu, 
daß eine solche Kommission sich erübrige, wenn man einen 
neuen Ausstchtsrat habe, der vom Vertrauen der General- 
Versammlung getragen und gewillt sei, die Sanierung des 
Unternehmens zu übernehmen. Um 5 Uhr Nachmittags 
wurde, ohne daß es bis dahin zu einem Beschlusse über 
diesen Gegenstand gekommen wäre, zur Wahl der beiden 
Ersatzmänner geschritten. Die meisten Chancen schienen 
Bankier Abel und Oberlehrer Dr. Görcke-Brandenburg zu 
haben. Die Zähigkeit, mit welcher die große Mehrzahl der 
Offiziere und Beamten danach noch ausharrte, bewies zur 
Genüge, daß alle den ernsten und festen Willen haben, zu 
retten, was noch zu retten ist. 
8 Die Schwierigkeiten, die sich den Arbeiten für 
!)ie elektrische Beleuchtung der Friedrichstraße entgegenstellten, 
'ind nun endlich gehoben worden. In dem zwischen der 
Dorotheen- und Georgenstraße gelegenen Teil, wo sich 
weder Drähte noch Lampen befanden, was sonst überall 
n der Straße schon seit einigen Wochen der Fall ist, 
haben die Anlieger nun doch die Erlaubnis zur An 
bringung von Rosetten an ihren Häusern gegeben, 
und dies ist dann auch sofoH geschehen. Die Straße 
kann also bereits in der nächsten Zeit im Glanze ihrer 
neuen Beleuchtung erstrahlen. 
8 Die Grabstätte de« FreischaarenführerS 
Adolf v. Lntzow auf dem alten Garnison-Kirchhof in 
der Linienstraße ist jetzt von dem Offizierkorps des In 
fanterie-Regiments v. Lützow (1. Rheinisches) Nr. 25 mit 
einem schönen Eisengitter umgeben worden, während sie 
bisher vollständig freilag. Die Kirchenverwaltung hat 
außerdem das Innere der Stätte, in der sich zwei Gedenk 
steine, ein liegender und ein stehender, befinden, mit Epheu 
bepflanzen lassen. 
8 Neue eigenartige Bänke sind jetzt auf der 
Nordseite des Leipziger Platzes neben dem Zeitungskiosk 
aufgestellt worden. Die beiden für 3 bis 4 Personen be 
stimmten Bänke haben keine Lehne und ruhen auf Füßen, 
die aus starken Eisenstäben gebildet werden. 
8 Eine Inschrift ist jetzt an dem hohen Front 
giebel des Landgerichts III zu Charlottenburg am Tegeler 
Weg angebracht worden. Zur Linken liest man unter 
einem vergoldeten preußischen Adler den alten Wahrspruch 
der Hohenzollern: „Saum cuique“, zur Rechten steht man 
in einem Kreise ein einfaches Kreuz, an dessen 4 Spitzen 
die Buchstaben „W II I. R" stehen. 
8 Obstmarkt. Der von der Landwirtschaftskammer 
für die Provinz Brandenburg veranstaltete Obstmarkt 
wurde heute Vormittag in der Westhalle des Landes- 
AusstellungSparkes in der Jnvalidenstraße eröffnete. Er 
ist von 65 Obstzüchtern der Provinz mit Äpfeln und Birnen 
und zwar mit den frühreifen Sorten beschickt worden. 
Das Obst ist in Kartons ausgestellt und steht so fertig 
zum Verkauf. Unter den Äpfeln und Birnen befinden sich 
Arten, die durch ihre stattliche Größe, ihre wunderbare 
Färbung und ihren vorzüglichen Geschmack auffallen und 
zeigen, was unsere immer noch als unfruchtbar verschrieene 
Mark zu leisten imstande ist. Neben den beiden genannten 
Obstarten sind auch Pflaumen und Pfirsiche auf den Markt 
gekommen, sie stammen vorzugsweise aus Werder, unserer 
alten märkischen Obstkammer und sind in Güte und Größe 
gleich ausgezeichnet. Mit ganz bedeutenden Vorräten ist 
auch die Obstbau-Genossenschaft zu Königsberg (Neumark) 
auf dem Markte erschienen. Mit dem Obstmarkt ist ein 
Honigmarkt verbunden, der besonders reich non Mitgliedern 
des bienenwirtschaftlichenProvinzial-Verbandes fürBranden- 
burg beschickt worden ist. Auf dem Markte entwickelte 
sich bereits am heutigen Vormittag nach der Eröffnung, 
die ohne besondere Feierlichkeit stattfand, ein lebhaftes 
Kaufgeschäft. 
Wilmersdorf. Die Einwohnerzahl hat mit Ende 
der vergangenen Woche nach den Ermittelungen des 
Einwohner-Meldeamts 60 000 erreicht. Sie hat sich seit 
Beginn dieses Jahres um mehr als 4000 Seelen ver 
mehrt. Seit der letzten Volkszählung ist die Bevölkerung 
um nicht ganz 30 000 Seelen gestiegen, hat sich also nahezu 
verdoppelt. Vor dreißig Jahren hatte Wilmersdorf nur 
12 Einwohner zu verzeichnen. Auf die einzelnen Stadt 
bezirke verteilt sich die Einwohnerzahl wie folgt (in abge- 
rundeten Zahlen): Berliner Ortsteil 27 600, Alt-Wilmers- 
dorf 14 730, Halensee 9 900, Ortsteil am Ringbahnhof 
Wilmersdorf-Friedenau 6 900 und Rheingau 880. 
Aer Kaiser Wero und die Khristen. 
(Schluß.) 
Die allererste Verfolgung nun, die unter dem Kaiser 
Nero stattfand, hat eine ganz besondere, merkwürdige 
Veranlassung. Damals sind die Christen nicht eigentlich 
ihrer Religion wegen, sondern wegen eines ihnen an 
gedichteten Verbrechens verfolgt worden. Nero ist eine 
der schrecklichsten Gestalten auf dem Throne der römischen 
Cäsaren. In den ersten Jahren seiner Regierung (seit 
54 n. Chr.) stand er unter dem Einflüsse seines Erziehers, 
des Philosophen Seneca, eines der edelsten Männer, die 
Rom hervorgebracht hat. Seine Schriften und sein 
Leben sind gleicherweise durchzogen von hohem, sittlichem 
Ernst. In seinen Lebensgrundsätzen hat man vielfach 
Anklänge an christliche Gedanken gefunden, obwohl ein 
ernstlicher Zusammenhang mit dem Christentum nicht 
besteht. Solange dieser Mann Gewalt über Nero hatte, 
waren die kaiserlichen Maßregeln klug, besonnen und 
milde. Aber seine Mutter Agrippina, ein hcrrschsüchtiges 
Weib, war empört, daß ihr nicht der gewünschte Einfluß 
auf die Regierung gelassen wurde. Und als sie dann 
damit umging, Nero durch seinen Stiefbruder Britanniens 
zu stürzen, ließ sich Nero verleiten, nicht nur diesen, 
sondern auch seine eigene Mutter zu ermorden. Damit 
war er in die Bahn des Verbrechens eingebogen, die er 
nicht wieder verließ. Die bösen Einflüsse, die seine Jugend 
vergiftet hatten, machten sich wieder geltend, sein treuer 
Berater Seneca war machtlos dagegen. Des Kaisers 
Hang zu Ausschweifungen mannigfacher Art kam zum 
vollen Ausbruch; das Bild eines Gastmahles am kaiser 
lichen Hofe wird in voller Schaurigkeit z. B. im 7. Kapitel 
des Romans „Quo vadis?,,“ von H. Sienkiervicz ge-
        
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