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Periodical volume Nr. 173, 26.07.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

der Kanalisation der Straßen wurde ebenfalls bereits 
begonnen. 
-j- Im Wege -er Zwangsvollstreckung soll das 
Ecke Rembrandlstraße 3, Beckerstraße 13/14 und Knaus- 
straße 1, belegene, im Grundbuche von Schöneberg 
Band 77, Blatt Nr. 2593, zur Zeit der Eintragung des 
Versteigerungsvermerkes auf den Namen des Subdirektors 
Franz Obermüller (Restaurant Reichskanzler) zu Berlin 
eingetragene Grundstück am 5. Dezember 1905, Vor 
mittags 10 Uhr, versteigert werden-. Das Grundstück, 
Eckwvhnhaus mit Hofraum und Vorgarten ist mit 14 000 
Mark Nutzungswert zur Gebäudefteuer veranlagt. 
f Der Brotkorb soll höher gehängt werden, 
nämlich in den Restaurationen. Also beschloffen in einer 
vorgestern stattgehabten Versammlung von 80 Gastwirten 
der Friedrichstadt. Und diesem Beschlusie, dürften sich 
zweifellos auch die übrigen Gastwirte Berlins und der 
Vororte, deren Zahl auf 8000 geschätzt wird, anschließen. 
Es handelt sich, wie der Leser schon erraten haben wird, 
um den Brotkorb, der auf jedem Restaurationstische stehen 
soll und oft auch von solchen Gästen sehr gesucht wird, 
die nur Getränke bestellt haben. Man betrachtet diesen 
Behälter mit Schwarz- und Weißbrot, Knüppeln und 
Salzstangen usw. vielfach als „eisernes Inventar", aus 
dem sich jedermann gratis sättigen darf — auf Kosten des 
Wirtes. Wer nun gar Speisen bestellt hat, pflegt es für 
selbstverständlich zu halten, daß er dem Brotkorbe so viele 
Knüppel rc. kostenlos entnehmen darf, als er nur ver 
tragen kann, und man kann zuweilen die Beobachtung 
machen, daß. wenn das Servieren der Speisen etwas auf 
sich warten läßt, mancher Gast seinen Hunger bereits mit 
Brötchen gestillt hat, namentlich, wenn diese recht hübsch 
frisch und „knusperig" sind. Es liegt auf der Hand, daß 
der Gastwirt zu kleinen Imbissen für 30, 40, 50 Pf. nicht 
noch für 10 bis 20 Pf. Brötchen zugeben kann, ohne 
Schaden zu machen; sein Hauptverdienst liegt ja ohnehin 
mehr auf dem Gebiete der Flüssigkeiten. Bei einem 
„Diner", „Souper" rc. für 2, 3 und mehr Mark kann es 
natürlich auf ein paar Brötchen mehr oder weniger nicht 
ankommen; auch wird man es einem Gaste, der eine 
Flasche Wein trinkt, nicht verwehren wollen, seinen Appetit 
durch einige Schnitte Brotrinde, eventl. mit Pfeffer und 
Salz bestreut oder gar mit etwas Mostrich angefeuchtet, 
anzuregen. Aber im allgemeinen wollen die Gastwirte 
das z. B. in Österreich, Südbaiern und der Schweiz seit 
Jahrzehnten durchgeführte Prinzip auf Berlin übertragen: 
die zu den Speisen genossenen Brötchen werden berechnet 
und müssen bezahlt werden! Diese Neuerung ist ja nicht 
zum ersten Male hier in Erwägung gezogen worden, gegen 
ihre Einführung hat man sich bisher aber immer gesträubt. 
Jetzt endlich, vielleicht unter der Einwirkung der allge 
meinen Teuerung, insonderheit der hohen Fleischpreise, ist 
der Beschluß zu Stande gekommen, das Publikum wird 
davon nicht sonderlich erfreut sei, aber — es wird sich 
fügen müssen. Unter den 80 Gastwirten soll sich selbst 
Aschinger befinden, der in der Friedrichstadt ja auch einige 
„Bierquellen" unterhält. Bekanntlich hat dieser Groß 
betrieb eine eigene Bäckerei für seine zahlreichen Gam- 
brinus-Hallen, in denen die monatlich vertilgten Brötchen 
nach Legionen zählen Wenn der die Neuerung mitmacht, 
darf man wohl annehmen, daß es sich wirklich um einen 
„Notstand der Gastwirte" handelt, den das Publikum mit 
abstellen helfen muß . . . 
f Die Sicherheit in den nördlichen und östlichen 
Berliner Vororten läßt dermaßen zu wünschen übrig, daß 
jetzt verschiedentlich angeregt worden ist, das Gebiet der 
Berliner Königlichen Polizei auf die Vororte auszudehnen. 
In den größeren Gemeinden sind seit einigen Jahren 
2—4 Kriminalbeamte tätig, doch genügen sie nicht, weil 
sie im wesentlichen mit Bureaüarbeiten oder Ermittlungen 
über geschehene Verbrechen beschäftigt sind. Dringend 
notwendig aber ist die Ausgestaltung des Straßendienstes. 
Die wenigen Gendarmen der beiden in Betracht kommenden 
Landratsämter kommen für den Sicherheitsdienst in der 
Nacht beispielsweise noch kaum in Betracht; ihre Zahl 
genügt häufig nicht für den Tagesdienst. (In Friedenau 
waren bis vor 2—3 Jahren 2 Gendarmen stationiert. 
Jetzt haben wir nur einen reitenden, der im Ort fast 
garnicht zu sehen ist.) Hierauf ist es zurückzuführen, daß 
seit 14 Tagen regelmäßig Überfälle und große Diebstähle 
aus den Vororten gemeldet werden. Besonders in den 
Grenzbezirken der Vororte mit Berlin hat sich das 
Rowdytum niedergelassen. Die Prenzlauer Chauffee ist 
mit Einbruch der Dunkelheit überhaupt kaum noch zu 
passieren, und ebenso sieht es nach Lichtenberg und Pankow 
zu aus. — Mit Pankow schwebten s. Zt. Verhandlungen 
wegen Einbeziehung des Ortes in den Berliner Polizei 
bezirk; sie dürften in der nächsten Zeit mit allen Vororten 
aufgenommen werden. 
t Stenographie. Soll ich stenographieren lernen 
und hat es für mich einen Vorteil? Da hört man so oft 
ein „Nein". Aber hinterher kommt die Reue! Wie 
häufig wird eine Stellung aus irgend einem Grunde auf 
gegeben, in welcher man oft lange Jahre gewesen. 
Damals wurde Stenographie noch nicht verlangt, aber 
jetzt auf der Suche nach einer neuen I Fast überall stößt 
dann der oder die Suchende auf die Forderung: Schreib 
maschine und Stenographie ist Bedingung I Können Sie 
nicht? Dann bedauern wir, Sie einstellen zu können. 
Man vergleiche nur einmal die Inserate^ Der stetig 
wiederkehrende Satz „Stenographiekundige erhalten den 
Vorzug" muß auffallen. Es sollte daher Niemand unter 
lassen, sich für wenig Geld einen großen Vorteil zu ver 
schaffen. Gelegenheit dazu bietet der seit zehn Jahren 
hier an« Orte bestehende Stenozraphen-Verein nach dein 
Einigungssystem Slolze-Schrey. Wir verweisen hierbei auf 
das in der heutigen Nummer befindliche Inserat. Da 
der Verein bei minder Bemittelten wegen des Honorars 
mit fich reden läßt, fällt auch der letzte Grund, der 
die Erlernung des Einigungssystems unmöglich machen 
könnte, fort. 
j- Hohenzollern-Theater. Naturgemäß herrscht 
für die Eröffnungsvorstellung Dir. Behles am Dienstag, 
den 19. September, eine ungemein große Billetnachfrage. 
Dieses große Interesse unseres theaterliebenden Publikums 
beruht erstens auf der äußerst günstigen Wahl des zur 
Aufführung gelangenden Bühnenwerkes, nämlich: „Trau 
mulus" von Holz und Jerschke. welches sich jeder Kunst 
freund ansehen sollte. Denn das hochinteressante Thema, 
welches dieses Stück behandelt, sowohl, wie die packende 
Handlung übt stets auf die Zuschauer eine überwältigende 
Wirkung aus. Zweitens aber ist es das Interesse für das 
neuengagierte Personal, dem ganz hervorragende Künstler 
angehören. Die Titelrolle des „Traumulus" wird von 
Herrn Karl Heuser, vom Residenztheater in Kassel, einem 
erstklassigem Bühnenkünstler, dargestellt. Die zweite 
Hauptrolle des Landrats spielt Herr Karl Hermann vom 
Stadttheater in Constanz. der ebenfalls den Ruf eines 
ganz besonders talentierten Schauspielers genießt. Die 
„Jadwiga" wird von der'neuen, ersten Liebhaberin Frl. 
Gertrud Treda, vom Stadttheater in Bremen, einer 
prächtigen Bühnenerscheinung dargestellt. Von bekannten 
Kräften aus der vorigen Saison wirken mit Herr Alwin 
Cordes, der hier so ungemein beliebte, jugendliche Lieb 
haber und Fräulein Else Römer. Wir können den Besuch 
dieser interessanten Premiere nochmals bestens empfehlen. 
Der Anfang ist auf präzise 8 Uhr festgesetzt. 
f Grammophon-Konzert. Das von Herrn Fritz 
Behrendt zum Besten des Weihnachtsfonds des Kriegs 
veteranenvereins von Friedenau am Sonnabend im Hohen- 
zollernsaal veranstaltete Konzert auf seinem Grammophon 
mit 3 Schallhörnern, setzte die Zuhörer, dank der wahrhaft 
naturgetreuen künstlerischen Wiedergaben der einzelnen 
Nummern in Erstaunen und Entzücken. Der Liebens 
würdigkeit der Firma Weiß & Co. Berlin, Friedrichstraße, 
die vorzügliche Platten zu diesem Zweck zur Verfügung 
gestellt hatte, war in erster Reihe dieser Genuß zu ver 
danken. Der Beifall jeder Nummer war so groß, daß es 
zu wünschen wäre, wenn Herr Behrendt sich entschlösse, 
dieses Konzert zu demselben wohltätigen Zweck noch einmal 
zu veranstalten. 
j- Orgelkonzert. Am Mittwoch, den 20. d. Mts., 
71/3 Uhr Abends veranstaltet der Kgl. Musikdirektor 
Bernhard Jrrgang in der St. Marienkirche in Berlin das 
nächste Orgelkonzert unter Mitwirkung von Fräulein Janka 
Major (Sopran), Herrn A. N. Harzen-Müller (Baßbaryton), 
Herrn Georg Merlin-Diburtz (Violine) und Herrn Heinrich 
Scholz (Orgel). Der Eintritt ist frei! 
j- Rieseupilz. Große Pilze wachsen nicht nur auf 
Erbgütern, sondern auch in der Mark Brandenburg, so 
wurde uns von Herrn Kaufmann Ahlers aus der Menzel 
straße ein Riesenpilz übergeben, der das stattliche Gewicht 
von 2 Pfund 75 Gramm wog. 
f Einbruchdiebstahl. Ein frecher Einbruchdieb 
stahl wurde in der Nacht von Sonnabend zum Sonntag, 
in einem Hause in der Ringstraße ausgeführt. Der Dieb 
stieg durch ein offen stehendes Fenster in die Parterr- 
wohnung ein und durchsuchte daS Zimmer nach Wertgegen 
stände, während nebenan der nichts ahnende Wohnungs- 
inhaber mit seiner Gemahlin schlief. Dem Dieb fielen 
Goldsachen in die Hände. Wie wir erfahren, ist die hiesige 
Kriminalpolizei mit der Ermittelung des Täters beauftragt. 
Auf jeden Fall zeugt der Einbruch des Diebes von einer 
Frechheit, die ihres gleichen sucht; hoffentlich gelingt es 
bald, den nächtlichen ungemütlichen Gast zu ermitteln. 
Schöneöerg. 
— Haus- und Grundbesitzer - Verein zu 
Schöneberg. Die nächste Monatsversammlung des 
Vereins findet am Donnerstag den 21. September Abends 
8 l / 2 Uhr im Gasthaus Lindenpark, Hauptstraße 16, statt. 
Tagesordnung: 1. Geschäftliche Mitteilungen. 2. Stadt- 
verordneten-Wahlen, Referent: Herr Stadtverordneten-Vor- 
steher Prof. Heyne. 3. Vorführung und Erläuterung des 
hygienischen Teppich-Klopf-Apparats durch die Firma E. 
Langer, Berlin. 4. Versuch und Erklärung der Monopol- 
Masse zum dauerhaften Verschmieren von Fugen in Stein 
und Holz (Dielen) durch Herrn G. Hindorf, Schöneberg. 
6. Jnteressentenfrage und Anträge der Mitglieder. 
6. Fragekasten. Gäste — auch Damen — herzlich will 
kommen. 
— Firmeneintragung. Nr. 27 398. Firma: 
Standard Verlag John Victor Pohl, Schöneberg. Inhaber 
Dr. Victor Pohl, Verlagsbuchhändler, Schöneberg. 
— Unbegründete Eifersucht hat die junge Frau des 
Architekten W. aus der Augsburgerstraße zu Schöneberg 
zu einem Selbstmordversuch veranlaßt. Die Leute sind 
erst ein Jahr verheiratet. Weil nun W. in der letzten 
Zeit wegen notwendiger Abhaltungen etwas später als 
sonst zu Tisch kam, schöpfte die junge Frau Verdacht und 
wurde eifersüchtig. Am Donnerstag kam es deshalb in der 
Häuslichkeit zu einem heftigen Streit. Nachdem dann der 
Mann um 5 Uhr ins Bureau gegangen war, riegelte sie 
sich ein, legte sich ins Bett und trank Lysol. Zum Glück 
hörte das Dienstmädchen sie röcheln, sodaß sie gerettet und 
in ein Krankenhaus gebracht werden konnte. 
Merlin und Wororte. 
§ Die Zahl der Stadtältesten ist mit der jüngst 
beschlossenen Ehrung des scheidenden Kämmerers, Reg.- 
Rats Maaß, wieder auf sechs gestiegen. Der „Älteste der 
Ältesten" ist der greise Baurat Blankenstein, dem dieser 
Ehrentitel vor etwa zehn Jahren verliehen ward; ihm 
reihen sich an: Bankdirektor Kaempf, Geheimrat Dr. 
Fürstenau, Direktor Bail und Ober-Verw.-Gerichtsrat 
Meubrink. 
8 Die städtische Knnstdeputatiou teilt in ihrem 
Jahresbericht unter ganzen 8 Nummern zwei wichtige 
Punkte ausführlicher mit: Die Plakette für iStadtälteste, 
die an Stelle der bisher üblichen Diplome verliehen werden 
soll, hat der Bildhauer Lederer, der aus dem engeren 
Wettbewerb als Sieger hervorgegangen ist, der Deputation 
ein Modell vorgelegt, dessen Vollendung „in nächster Zeit 
zu erwarten" ist, und das „Abzeichen für städtische 
Schwestern", mit dessen Herstellung die Subkommission den 
Bildhauer Starck betraut hat, soll im Modell der Kunst- 
Deputation „zur weiteren Beschlußfassung" vorgelegt 
werden. 
8 Dte Amtszeit des Stadtrats Namslau, des 
verdienten Dezernenten der städtischen Gasdeputation, läuft 
mit dem 31. Dezember d. I. ab. Die Stadtverordneten- 
Versammlung hat das Gehalt für diese Stelle auf 8000 
Mark und im Falle der Wiederwahl des Herrn Namslau, 
die kaum zweifelhaft erscheinen kann, auf 10 000 Mark 
jährlich festgestellt, übrigens soll, wie in städtischen 
Kreisen verlautet, Stadtrat Namslau bei der Wahl eines 
Stadtkämmerers ernstlich in Frage kommen. Es geht 
das Gerücht um, nach welchem man den früheren Rechts 
anwalt und Staatsminister a. D. Hentig für den Posten 
eines Stadtkämmerers von Berlin zu interessieren beab 
sichtigen soll. 
8 Der Bau des Großschiffahrtswege« Berlin- 
Stettin wird nach dem abgeänderten Projekt 431/2 (an 
statt 42) Millionen Mark kosten. Die von der Stadt 
Berlin zu übernehmende Garantie-Summe erhöht sich 
danach um ein Viertelmillion und beträgt somit 7 l / t Mill. 
Mark, ebenso würden die jährlichen Unterhaltungs- und 
-Betriebskosten, welche die Stadt zur Hälfte dem Staate 
erstatten müßte, auf 655 000 Mark (also um 10 000 M.) 
steigen. Die Stadt Stettin hat nach Mitteilung des 
Ministers von Budde die gleichen Lasten übernommen, 
während Charlottenburg zu dem auf Berlin entfallenden 
Gesamterfordernis 10 Proz. zu übernehmen sich verpflichtet 
hat. Sie hat daran die Bedingungen geknüpft, daß sie 
von allen Verpflichtungen befreit wird, sobald diese die 
Provinz übernimmt und daß sie bei Festsetzung der Be 
träge rc. mitberatende Stimme erhält, 
8 Die Berliner städttsche Kommission für 
Zwangsvollstreckungssachen hatte nach dem soeben 
erschienenen Jahresberichte nicht weniger als 74 702 Auf 
träge zu erledigen, das sind 4 337 mehr als im Vorjahre. 
Hauptsächlich auf dem Gebiete der Arbeiter-Versicherung 
wuchsen die der Kommission zufallenden Arbeiten. 
§ Zur Erbauung einer Urnenhalle und An 
legung eines Urnenhaines bittet der Verein für Feuer 
bestattung die Berliner Stadtverordneten-Versammlung, 
ihm ein geeignetes Grundstück, sei es auf dem alten 
städischen Friedhofe in der Gerichtsstraße oder auf dem 
Gemeinde-Friedhofe zu Fricdrichsfelde, unentgeltlich^ ab 
zutreten. 
8 Für städttsche Lieferanten re. dürfte die 
Nachricht von Interesse sein, daß mit dem heutigen Tage 
die Hauptkasse der städtischen Werke aufgehoben und mit 
der Stadt-Hauptkaffe vereinigt worden ist. Die Geschäfts 
räume befinden sich nunmehr im Rathause, Zimmer 26/27. 
8 Die Verbreiterung der Wallstraße dürfte 
nun endlich in absehbarer Zeit zur Tat werden. Der 
Stadtgemeinde ist bereits das Enteignungsrecht für die>e 
Straße vom Spittelmarkt bis zur Jnselstraße erteilt 
worden. Es stehen nur noch die Grundstücke Wallstr. 15 
und 15 g. im Wege, welche durch den Neubau der 
Grünstraßen-Brücke (Höherlegung des Straßendammes) 
erheblich betroffen werden. Die Eigentümer, Fabrikanten 
Siegfried und Theodor Simon, fordern für Abtretung der 
für die Verbreiterung erforderlichen Flächen die Kleinigkeit 
von 200 000 M., das sind rund 1852 M. pro Quadrat 
meter! „Bei diesem übertriebenen. Preise", so bemerkt der 
Magistrat in seiner Vorlage, „erscheint ein freihändiger 
Erwerb untunlich." 
8 In der Umgebung des Moltke-DenkmalS 
werden jetzt neue Wege aufgeschüttet, die sich zu beiden 
Seiten der Plattform entlangziehen. Daneben werden 
Schmuckanlagen hergestellt, in denen verschiedene Gruppen 
immergrüner Sträucher eingesetzt werden. Die alten 
Anlagen find durch den Denkmalsbau zum größten Teil 
zerstört worden. 
8 Die Berliner „Fleischergesellen-Brüderschaft" 
begab sich gestern Nachmittag anläßlich des 15. Stiftungs 
festes von ihrem Vereinslokal am Königsgraben in einem 
festlichen Zuge, der über 200 Personen stark war, nach der 
Philharmonie. Voran schritt die Musikkapelle der Postillone, 
dann folgten 7 Reiter, von denen einer die alte Gesellen 
standarte vom Jahre 1763 trug, und zwei Kutschen mit 
je vier Ehrenjungfrauen. In dem Zuge, dem auch die 
alten mit Schaumünzen behangenen Willkommengefäße aus 
den früheren Gesellenherbergen vorangetragen wurden, 
befanden sich Abordnungen der Gesellen-Vereine aus 
Görlitz. Magdeburg, EberSwalde. Boxhagen-RummelSburg, 
Nowawes, des katholischen Gesellen-Vereins, der alten 
Berliner Innung u. a. Im großen Saale der Philharmonie 
wurde dann das Stiftungsfest fröhlich begangen. Bemerkt 
sei noch, daß die Standarte und die Willkommengefiße 
aus dem Märkischen Museum entliehen worden sind. 
Gerichtliches. 
(:) Teure Hustrn-BonbouS. Ein Kaufmann H. ließ 8822 
fertig adressierte und frankierte Briefe, in denen sich je eine Probe 
Husten-Bonbons und ein Zirkular befand, in acht Kisten von ca. 
50 Kilogramm Gewicht verpacken und an seine Adresse nach B. senden, 
woselbst er sie gegen Bezahlung der Fracht in Empfang nahm und 
zur Post aufgab. Hätte er die Briefe direkt aufgegeben, so hätte er 
jeden derselben mit 10 Pf., anstatt nur mit 5 Pf. frankieren müssen; 
er sparte also durch diese Art der Bersendung 441,10 M. abzüglich d>r 
Frachtkosten. Die Sache wurde entdeckt und H. nach § 27 des Post- 
gesetzts zu einer Geldstrafe von 8822X20X3 — 7057,60 Mark 
i ostenpflichtig verurteilt worden. In der RevisionS-Znstanz wendete 
er ein, er habe die Kisten an die eigene Adresse gesandt, um die 
Briefe in B. erst bei eintretenden schlechtem Wetter weiter befördern 
zu lassen, da die Empfänger bei solchem Wetter sich erfahrungsmäßig 
eher veranlaßt fühlten, die Hustenbonbons zu prüfen. Das Reichs- 
gericht nahm aber, nach der „Deutsch. Jurist. Ztg." an, daß die Be- 
förderung durch die Eisenbahn ein Teil der von H. gewollten Post- 
Beförderung an die Empfänger in B. bildete; er habe also die ver 
schlossenen Briefe von einem Orte mit Postanstalt verschickt und sich 
dadurch strafbar gemacht. — Die Strafe ist hart, bei einigem Nach 
denken würde H. aber seinen Zweck ebenso billig haben erreichen 
können, ohne mit dem Postgesetz in Konflikt zu geraten. 
Vermischtes. 
' Etwas von der GerichtSpflege früherer Zeit. Peinliche 
Strafen gingen in der ällesteu Zeit nicht auf Leib und Leben; noch 
im 13. und 14. Jahrhundert konnte man wörtliche Beleidigungen wie 
schwere Verwundungen mit Geld büßen, falls sich der Beleioigte dabei 
beruhigte. Brne und Werg-ld waren verschieden auch nach dem 
Stande des Beleidigten. Zwei wollene Handschuhe und eine Mist- 
gabcl hieß der Tagelöhner Wergeld, Spielleute und andere, die Gut 
für.Ehre nahmen, durften sich nur am Schatten deS Beleidigers 
rächen.
        
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