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Periodical volume Nr. 210, 07.09.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

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Nr. 219 
Friedenau, Montag den 18. September 1905 
12. Iatzrg. 
Depeschen. 
München. Im Kloster St. Ottilien traf gestern 
aus Dar-es-Salaam folgende Depesche ein: Dte Missions 
stationen Nyango und Luculedi (3 Tagereisen von ein 
ander entfernt, im Bezirk Lindi) wurden zerstört. Die 
vermißte Schwester Walburga ist ermordet, Schwester Avia 
ist tot. Die Missionare von Kigvasera (Landschaft Ungoni, 
Bezirksstation Songea) sind nach Wiedhafen (Nyassasee) 
geflüchtet. Bon den übrigen Missionsstationen ist in 
8t. Ottilien keine Nachricht eingetroffen. 
Budapest. In den Abendstunden kam es bei der 
Einweihung des neuen Klublokals der Kofluthpartei zu 
Demonstrationen. Etwa tausend Sozialisten attackierten 
das Lokal. Die Polizei schritt mit blanker Waffe ein 
und nahm 8 Verhaftungen vor. Die Demonstrationen 
der Sozialisten wiederholten sich im Laufe der Nacht. 
Koffuth und Apponyi konnten nur mit Mühe vor tät 
lichen Insulten bewahrt werden, sie mußten unter scharfer 
Bedeckung in ihre Wohnung gebracht werden. 
Offiziös wird konstatiert, daß im Verlaufe des ersten 
Semesters 1905 zur Deckung der Staatsausgaben 100 
Millionen aus dem Kaffenbestande entnommen werden 
mußten. 
Der „Ujsag" meldet in einem Wiener Brief, daß in 
aller Stille die Entwirrung der Lage gelungen und daß 
schon am 10. Oktober das neue Koalitionsministerium, mit 
dem Grafen Andraffy an der Spitze, im Reichstage er 
scheinen werde. 
Rom. Präsident Loubet stiftete 25 000 Fr. zur 
Unterstützung der Opfer des Erdbebens. 
Monteleone. Die Panik infolge des erneuten 
gestrigen Erdbebens dauert an, die Bevölkerung weiget 
sich, in den Häusern zu verbleiben, weshalb energisch an 
der Errichtung von Baracken gearbeitet wird. Die Truppen 
tragen alle Gebäude ab, deren Einsturz droht. Auf weite 
Strecken hin werden Zeltlager errichtet, um die Be 
völkerung provisorisch unterzubringen. 
Paris. Aus den französischen Pyrenäen wird 
starker Schneefall gemeldet. Alle Höhen sind mit Schnee- 
mafien bedeckt. Die Temperatur ist bedeutend gesunken. 
Haag. Die Fleischer haben infolge der Fleischnot 
größtenteils ihre Verkaufsstellen in Amsterdam und 
Rotterdam geschlossen. 
London. Nach Meldungen aus Petersburg soll 
Präsident Roosevelt die Einladung des Herrn v. Witte, 
Petersburg im nächsten Frühjahr zu besuchen, angenommen 
haben. Das amerikanische Geschwader, welches den 
Präsidenten begleiten werde, soll in Kronstadt während 
der ganzen Dauer des Präsidenten in Rußland verbleiben. 
Die Nachricht entbehrt jeder amtlichen Bestätigung. 
Die Lage in Baku wird immer trostloser. Tartaren 
zerstören die noch vorhandenen Bohrtürme und verhindern 
mit Gewalt den Wiederaufbau derselben. Die Arbeiter 
weigern sich mit Rücksicht auf die Drohungen der Tartaren, 
diese Arbeiten zu übernehmen. 
HelfingforS. Der Zar hat zu dem Bericht über 
den Untergang des Dampfers „John Craffton" die Rand 
bemerkung hinzugefügt: Ich will, um die Einführung von 
Waffen zu hintertreiben, daß Belohnungen ausgesetzt 
werden für diejenigen, welche die Einschmuggelung von 
Waffen rechtzeitig entdecken. 
Petersburg. Nach einer halbamtlichen Mitteilung 
wird die Pacht „Polarstern" mit der kaiserlichen Familie 
an Bord, ihren Kurs in der Richtung von Trongsund in 
der Nähe von Wiborg nehmen. 
Aus Gunschulin wird gemeldet, der Waffenstillstand 
ist am Sonnabend in Kraft getreten. Die Vorposten sind 
ca. ein Werst zurückgegangen und haben alle die weiße 
Flagge gehißt. Nach Abschluß des Waffenstillstandes wird 
nunmehr täglich ein Expreßverkehr auf der sibirischen 
Bahn wieder erfolgen. 
Konstantinopel. Der Sultan spendete für die 
Opfer der Erdbebenkatastrophe in Calabrien 23 000 Frcs. 
Neuyork. Nachdem sich herausgestellt, daß die 
Neuyork Life Insurance Co. dreimal 50 000 Dollars zu 
dem republikanischen Wahlfonds beigesteuert hat, wird das 
Verhältnis der Gesellschaft zur Politik untersucht. Es sind 
Anzeichen dafür vorhanden, daß die Neuyork Life be 
deutende Summen zur direkten Beeinflufiung von Politikern 
verwandte. 
Tokio. Die Demission des Ministers des Innern 
wird in den besseren Kreisen der Bevölkerung günstig auf 
genommen. Die Lage ist jedoch noch immer etwas 
kritisch, wenngleich die Ruhe nicht wieder gestört wurde. 
Die Eingänge zu den Regierungsgebäuden werden noch 
immer militärisch bewacht. 
Allgemeines. 
0 Über bevorstehende Beamtenbeförderung 
bei der Reichspost teilt die „D. Verk.-Z." folgendes 
mit: Die charakterisierten Sekretäre, welche bis einschließ 
lich 30. September 1903 die Sekretärprüfung bestanden 
haben, oder denen anderweit ein entsprechendes Rangalter 
beigelegt ist, werden zum 1. Oktober in etatsmäßige 
Sekretärstellen einrücken. Auch sollen diejenigen Assistenten 
aus der Klaffe der Zivilanwärter, die bis einschließlich 
30. März 1900 die Assistentenprüfung bestanden haben, 
oder denen anderweit das Dienstalter bis einschließlich 
31. März 1900 beigelegt ist, zum 1. Oktober als Post- oder 
Telegraphen-Asststenten etatsmäßig angestellt werden. 
[| Die Sperrung des Altenbekener Tunnels 
hoffte man noch bis zum 1. Oktober d. I. beseitigen zu 
können; der neuerliche Gerüstbrand hat die Arbeiten indeß 
verzögert, sodaß der bereits mitgeteilte Interims-Fahrplan 
hat herausgegeben werden müssen. Immerhin ist, wie die 
„Ztg. des Vereins D. Eisenb.-Verw." schreibt, Hoffnung 
vorhanden, daß der Tunnel bald wieder betriebsfähig 
hergestellt wird; denn die Kgl. Eisenbahndirektion Kassel 
hat soeben ein Deckblatt zu ihrem endgiltigen Winter 
fahrplan herausgeben lassen, welches den Fahrplan der 
Strecke Holzminden-Soest über Driburg-Altenbeken enthält, 
der nach Wieder-Jnbetriebnahme des Tunnels in Kraft 
tritt. Alsdann kommen die mitgeteilten Fahrpläne für 
die Hilfswege in Fortfall. 
Lokales. 
-j- Für das neue Auguste Viktoria-Kranken 
haus gelangen nunmehr, wie die städtische Krankenhaus- 
Verwaltungsdeputation in ihrer letzten Sitzung beschlossen 
hat, die Stellen für den ärztlichen Direktor der inneren 
Abteilung, für den Oberarzt der äußeren Abteilung und für 
den Oberapotheker zur öffentlichen Ausschreibung. Für die 
Stelle des Chefarztes, der gleichzeitig Direktor der äußeren 
Abteilung ist, wurde bereits Professor Dr. Kausch-Breslau 
gewählt. Im ganzen werden 8 Arzte angestellt werden, 
deren Einstellung nach den Anforderungen des Betriebes 
erfolgen soll. Das gesamte Krankenhauspersonal wird 
aus 114 Köpfen bestehen. 
f Bürgersteig-Regulierung. In der Friedenauer- 
straße werden nunmehr auch die Bürgersteige auf der 
westlichen Seite reguliert. 
f Die Masten der elektrischen Straßenbahn, 
welche neuerdings an der Kaisereiche zur Aufstellung kamen, 
zeigen sich in wenig einladendem Zustande, es fehlt ihnen 
seit dem Tage ihrer Aufstellung — seit drei Wochen — 
der Abschluß. Röhrenartig streben sie in die Luft und er 
regen den Humor der Paffanten. Wann erhält der Platz 
an der Kaisereiche überhaupt wieder ein würdigeres 
Aussehen? 
f Beleuchtung in der Bedürfnisanstalt. In 
der letzten Gemeindevertreter-Sitzung machte Herr Gemeinde- 
verordneter Haustein auf das Fehlen jeglicher Beleuchtung 
in der Bedürfnisanstalt am Marktplatze aufmerksam. In 
der Bürgerschaft habe dieser Mißstand großen Unwillen 
hervorgerufen. Da die Bedürfnisanstalt elektrische Be 
leuchtung erhält und die Installation bereits fertig gestellt 
ist, wurde eine Petroleumlampe angebracht, bis das Elek 
trizitätswerk Strom liefert. 
f Für das erste HauS auf dem ehemaligen Sport 
parkgelände ist bereits der Grund ausgehoben. Das Haus 
wird sich gegenüber dem Gymnasium erheben. Mit 
Gewagtes Spiel. 
Roman von H. von Schreibershofen. 
16, (Nachdruck «etSoten.) 
Stemmann war seiner Nonne entgegen gegangen. Die 
nun abends wieder in das Kloster zurück kam. Er wollte sie 
nach der Kranken fragen, vergaß es aber bei ihrem Anblick 
und erkundigte sich statt dessen, warum sie ihn, verschw regen, 
daß sie keine Nonne, ja noch nicht eiiimal Novize gewesen. 
„Das macht ja keinen Unterschied, ich habe Mich doch 
immer als Nonne betrachtet," antwortete sie teste, indem sie 
an Steinmanns Seite dem Kloster zuschritt. _ ,,—der meinten 
Sie —* ihre Stimme klang ängstlich und erschrocken — »ich 
hätte deshalb kein Recht, hier zu sein?" Sie atmete schwer. 
Der leise Luftzug, der in den Bäumen rauschte und den Bluten 
duft herabwehte, übertöiite beinahe die geflüsterte Frage. 
Stemmann blieb stehen und sah sie unzufrieden an. „Das 
ist eine ganz andere Frage, ich weiß nur, daß ich em Recht 
auf Si?habe, weil ich Sie mit gekauft habe. Sw gehmen 
als lebendes Inventar in niein mir zugehöriges Kloster, fe c 
leugnen aber^ wie mir scheint, nicht, durch kein Gelübde gc- 
bundm^zu ftm^ Kopf, setzte aber sofort hmz": „So 
aut gebunden, als hätte ich die Gelübde abgelegt. Die Hände 
vor der Brust gekreuzt, sah sie init einem Ausdruck vo^Hatt- 
näckigkeit, der Steinmann außerordentlich aderte, zu Bo^n. 
„Torheit!" schalt er. „Das sind reme Phantastereien. Sw 
sind in Wirklichkeit so frei wie jedes andere Mädchen, konnten 
RU, d-s -u«°us aus und «r. 
wahrte sich feierlich gegen solche Zumutung. 
9 Steinmann setzte sich rittlings auf eure Stembankrwr dem 
Kloster, gerade unter einen mächtigen ^en knorri^n E 
bäum, dessen silbergraue Blätter scharf von dem 9 
»°r °b"°ch-n, aus ta» " And-m 
zählen Sw mir einmal ganz offen, fing » tustrum 
er sich seinen vollen,, 
sin* Sie gegen diese natürliche Beftimmunu vc» ^ 
Monika war dunkclrot geworden, ein scheuer, erschrockener 
Blick streifte ihn, dann lief sie so hastig davon, daß er seinen 
Satz nicht mehr beenden konnte. Tiefsinnig sah er ihr nach; 
nun bekam er sie für die nächsten Tage nicht wieder zu sehen, 
das wußte er schon. 
Kapitel 7.' 
Die alte Fortunata, Lippones Großmutter, saß vor ihrem 
Häuschen und ihre roten, triefenden Augen ruhten mißtrauisch 
auf Steinmann, der schon wieder zu ihr heruntergeklettert 
war. Und Steinmann fragte sich, wie doch eme so alte, häß 
liche, verwitterte, hexenhafte Frau zu dem Namen Fortunata 
komme. Man sollte im mittleren Lebensalter noch einmal seinen 
Namen wechseln dürfen, sich selbst aussuchen, was für einen 
paßt. Denn wie selten paßt der Kindername für das alte 
zittrige Haupt, das ihn einst in der Taufe empfing, Aber 
Steinmann sagte das nicht. 
„Frau Fortunata, wo bleibt Lippone? Ich gebrauche den 
Jungen, er soll bei mir arbeiten. Ist er noch nicht wieder 
bei Ihnen? Was macht er noch immer in Sorrent, wenn er 
wirklich dort ist?" 
Die Alte kichette, wußte nichts und schien auch durchaus 
nicht geneigt, sich um den Verbleib des Enkels Sorgen zu 
machen. 
Steinmann saß vor ihr und wunderte sich nochmals über 
ihre Häßlichkeit. „So häßlich wird bei uns gar keine alte 
Frau, undenkbar!" murmelte er vor sich hin. „Frau Fortu 
nata, Sie kennen doch alle Leute hier herum, nicht wahr?" 
Sie sah ihn argwöhnisch an. „Wer waren die Eltern von 
Schwester Monika, die allein im Kloster zurückgeblieben ist?" 
Fortunata ließ die Spindel ruhen, die an die Mauer des 
Hauses rollte, und ihre Augen öffneten sich weit. Die Alte 
traute den Menschen nicht viel Gutes zu, sie war überzeugt, 
Steinmann meine es schlecht mit Monika. Deshalb also war 
er gekommen, er wollte das arme, elternlose Mädchen los sein. 
Ohne die geringsten Gewissensbisse hätte die alte Frau die 
lebenden Eltern Monikas gegen den Fragenden verleugnet, 
wäre es nötig gewesen. Es tat ihr fast leid, daß sie bei der 
Wahrheit bleiben mußte, um dem Mädchen zu nützen. „Sind 
lange tot, arme, geringe Leute, froh, das Kind im Kloster zu 
wissen. Ihr müßt sie schon behalten, Herr." 
Ihr hämisches Lachen glitt unbeachtet an ihm vorbei. 
„Also wirklich tot, sie steht allein, hat keine Verwandten, 
niemanden, der ihr angehört?" 
Das alte Weib verneinte nochmals mit einer ausdrucks 
vollen, energischen Bewegung ihres braunen Zeigefingers. 
„Stirbt sie, legt niemand Trauer an," murmelte sie und rieb 
sich die welken Hände. 
Das schien Steinmann sehr zu erheitern, er lachte fröhlich 
im tiefsten Baß aus. „Schön, schön, so gehört meine Nonne 
mir ganz allein. Wollen doch sehen, ob sie nicht menschlich 
zu machen ist, so ist sie doch nur ein halber Mensch. Also 
Lippone ist einfach verschwunden, unsichtbar geworden." Er 
wechselte den Platz, sodaß er von den: Felsstück, wo er jetzt 
saß, das Meer übersehen konnte mit seinen unzähligen kleinen 
Barken, durch welche soeben ein Dampfer seine Straße zog, 
einen langen Rauchslrcifen hinter sich lassend. Ihn: war, als 
könne er Fortunatas braunes altes Gesicht mit den Triefaugen 
und der Hakennase nicht länger ansehen. „Sagt einmal, alte 
Mutter, wo hält sich denn Freund Lippone für gewöhnlich 
in Sorrent aus? Er muß doch sein müdes Haupt irgendwo 
niederlegen, oder ist er mit den Stufen der Kirche oder der 
Bank vor dem Cafe Milest zufrieden? Seht einmal, Frau 
Fortunata, ich muß den Burschen haben, um in meinem 
Garten aufzupassen, denn jede Nacht verringert sich mein 
Vorrat an Feigen, Oguntien, Orangen und Oliven. Ich 
gönne es ja meinen Nachbarn, sie mögen immerhin etwas von 
meinem Ueberflusse an sich nehnien, doch wenn das so weiter 
geht, kann ich nichts verschenken. Und das sollte mir sehr leid 
tun, denn auch Deine Portion, alte Fortunata, dürfte außer 
ordentlich schnial ausfallen." Er beugte sich mit verhaltenem 
Lachen vor, um ihr runzelvollcs, braunes Gesicht besser sehen 
zu können. „Du hast doch nicht etwa gefürchtet Alle, die 
Früchte wären ohne mein Wissen hierher gewandelt? Du 
hast das doch Lippone nicht etwa zugetraut." 
(Fortsetzung folgt.)
        
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