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Periodical volume Nr. 218, 16.09.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den ^riedenaner Ortsteil von Schöneberg und den Bezirksverein Süd-West. 
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Fernsprecher: Nr. 129. 
Ur. 218 
Friedenau, Sonnabend den 16. September 1905. 
12. Iahrg. 
Depeschen. 
Frankfurt a. M. Zu dein heute beginnenden 
siebenten deutschen Kongreß für Volks- und Jugendspiele 
sind schon zahlreiche Teilnehmer von auswärts eingetroffen. 
Die Teilnehmer lind Lehrer, hauptsächlich Turnlehrer, 
Schulräte, Ärzte, Beigeordnete usw. aus allen Teilen 
Deutschlands. Als Vertreter des Kultusministeriums ist 
Geheimrat Hinze-Berlin erschienen. 
Bozen. Zwei Leipziger Damen wurden halb ver 
hungert und erfroren von Führern auf dem Groß- 
Venediger aufgefunden und zu Tal gebracht. 
Grotz-Wardeln. Durch Funken einer Lokomotive 
geriet das hiesige Stadtwäldchen in Brand. Das in der 
Nähe gelegene Kinderspital fing ebenfalls Feuer. Die 
Kinder konnten nur mit Mühe gerettet werden. 
Budapest. Die Organisation der Koalition erklärt, 
daß der allgemeine Optimismus bezüglich der Lösung der 
Krise von den führenden Männern der Koalition nicht 
geteilt wird, da sich im Standpunkt der Krone bezüglich 
der Militärfrage nichts geändert habe. — In der gestrigen 
Sitzung des Magnatenhauses machte sich der Unmut über 
die liberalen Reformpläne Fejeroarys in lauten Worten 
Luft. Graf Dessawffy warf der Regierung vor, daß sie 
sich mit der Demagogie verbündet habe, um die Grund 
lage des Staatswesens zu erschüttern. Baron Pronay be 
zeichnet es als ein gefährliches und niederträchtiges Spiel, 
daß die Regierung die Menge mit dem Schlagwort des 
allgemeinen Wahlrechts gegen die Opposition aufzuhetzen 
suchte. Ähnlich äußerte sich Graf Ferdinand Zychi. Fejer- 
vary und die Minister Lanyi, Gyvergy und LukocS 
nahmen das Kabinett in Schutz. Im Laufe der stellen 
weise harten Erörterungen machte Fejervary dem Grafen 
Dessawffy den Vorwurf, daß er am 21. Juni im 
Magnatenhause den Mißtrauensantrag gegen das Kabinett 
einbrachte, das damals noch nichts getan hatte und nicht 
gegen die Regierung sondern gegen die Krone Front machte, 
wogegen sich Dessawffy und Zychi in erregtem Tone ver 
teidigten. 
Salonichi. Der größte Teil der zum Militärdienst 
einberufenen Albanesen ist desertiert. Die Albanesen er 
klären, in Zukunft überhaupt keinen Militärdienst mehr 
leisten zu wollen. 
Petersburg. Das Zarenpaar begiebt sich heute 
oder morgen nach den finnischen Schären. 
Eine Polendeputation unter der Führung des Fürsten 
Lubomirsky hat beim Zaren eine Audienz nachgesucht, um 
demselben eine Denkschrift des Erzbischofs von Warschau, 
Papiel, über die polnische Vortragssprache in den Schulen 
Russisch-Polens zu überreichen. 
London. Eine amtliche Note stellt in Abrede, daß 
Lord Landsdowne ersucht worden sei, als Schiedsrichter 
im schwedisch-norwegischen Konflikte zu fungieren. 
Paris. In der Zentralstelle des Hauptfernsprech- 
amtes kam es gestern Abend zu einem Zwischenfall. Eine 
Anzahl weiblicher Angestellter lehnte sich gegen eine 
Aufsichtsbeamtin auf. Eine Angestellte, welche sehr über 
reizt war, griff zu einem Revolver und gab mehrere 
Schüsse ab, ohne glücklicherweise jemanden zu treffen. 
Auch heißt es, cs seien Versuche gemacht worden, Kurz 
schluß herzustellen, um dce Apparate zu zerstören. 
Brüssel. Der russische Bevollmächtigte Witte wird 
am 18. d. Mts. in Cherbourg erwartet. Witte wird sich 
von da einige Tage nach Brüssel begeben, wo seine einzige 
Tochter mit einem Attachö der russischen Gesandtschaft 
verheiratet ist. 
Tanger. Die französischen, englischen und deutschen 
Kuriere, welche am 8. d. M. nach Fez abgegangen sind, 
wurden unterwegs angegriffen und ausgeplündert. 
Washington. Der amerikanische Konsul in 
Niutschwang bestätigt seiner Regierung, daß die Japaner 
die Einschränkungen betreffend den Warentransport nach 
der Mandschurei auf dem Wasserwege aufgehoben haben. 
Tokio. Die Drohungen, daß man seitens des 
Mobs die Friedensdelegierten ermorden werde, dauern an. 
Ein Blatt veröffentlicht den Inhalt einer Postkarte, welche 
im Auswärtigen Amte eintraf' und worin es heißt, daß 
bei der Ankunft Komuras und der übrigen Delegierten 
diesen das Los zu Teil würde, welches sie verdient hätten. 
Uokohama. Die Ruhe ist nunmehr infolge der 
getroffenen Maßnahmen völlig wieder hergestellt. 
Allgemeines. 
[] Der Ausnahmetarif für rohe Steine und 
Pflastersteine hat soeben eine Erweiterung erfahren. Die 
ermäßigten Sätze (für 10 Tonnen auf 75 Kilometer 
13 M., auf 100 Kilometer 16 M.) werden danach künftig 
schon bei Aufgabe geschlossener Sendungen von mindestens 
30 Tonnen (bisher 60 Tonnen) gewährt werden. 
Lokales. 
f Die Polizeiverordnung über das Melde 
wesen vom 6. September v. I. hat wieder einige Ver 
einfachungen erfahren, welche mit dem 1. Oktober d. I. 
im Landespolizeibezirk Berlin in Kraft treten sollen. Die 
hauptsächlichsten Aenderungen betreffen die Zuzüge von 
Berlin nach den zum Landespolizeibezirk gehörenden Stadt 
kreisen, Charlottenburg, Schöneberg und Rixdorf und um 
gekehrt. Hier soll künftig das Meldewesen Platz greifen, 
welches für die Zuzüge von „Auswärts" vorgeschrieben 
war (Muster a bezw. b und Abmeldeschein § 11 und 13 
der Verordnung). Ganz besonders wird dabei darauf 
aufmerksam gemacht, daß der Neuzuziehende — neben der 
Meldung durch den Hauseigentümer (Verwalter) — sich 
selbst innerhalb acht Tagen nach dem Beziehen der neuen 
Wohnung rc. bei dem Polizei-Revierbureau persönlich oder 
schriftlich zu melden und über seine und seiner An 
gehörigen persönlichen und Militärverhältnisse Auskunft 
zu geben hat. Auf Verlangen ist ein schriftlicher Ausweis 
über seine Persönlichkeit vorzulegen: Paß, Heimatsschein, 
Staatsangehörigkeits-Ausweis, Nationalitätsbeweis, Bürger 
brief, Wander-, Dienst- oder Arbeitsbuch rc. Männlich 
Deutsche im Alter von 20 bis 45 Jahren haben außerdem 
einen Ausweis über ihre Militärverhältnisse beizubringen. 
Die Vereinfachung besteht darin, daß vom 1. Oktober ab 
nur noch zwei Muster von Meldescheinen (die natürlich 
in drei Exemplaren einzureichen sind) benutzt werden: ein 
weißes Formular (a) für die Anmeldung des Umzugs in- 
und außerhalb des Gemeindebezirks und ein grünes Muster 
(b) für die Abmeldung. (Die Meldescheine für An- und 
Abzüge von und nach außerhalb waren bisher weiß bezw. 
grün, während innerhalb des Gemeindebezirks gelbe bezw. 
graue Formulare benutzt werden mußten.) Die Meldungen 
der Reisenden erfolgen, wie bisher, auf weißem Papier, 
wobei den fortgefallenen Mustern e und f künftig die 
Muster c unb d entsprechen. 
f Schulsparkassen. Die Aufsichtsbehörden empfehlen 
den Berliner Vororten, Schulsparkaffen einzurichten. (Be 
kanntlich besteht diese Einrichtung in Friedenau schon 
lange.) Mit den Gemeinden und Schulbehörden von 
Rummelsburg und Lichtenberg sind wegen der Begründung 
von Schulsparkassen bereits Verhandlungen im Gange. 
Die Gemeinde Erkner hat die Bildung einer Schulsparkasse 
beschloffen und dazu die Genehmigung der Regierung 
erhalten. Nieder-Schönhausen hat ebenfalls schon Vor 
bereitungen getroffen. Regierungsrat von Brakenhausen 
hat einen Wegweiser für die Errichtung von Schulsparkaffen 
geschrieben. Er ist in seiner Schrift auch entschieden 
gegen die Behauptung aufgetreten, als könnten Neid und 
Haß durch die Sparkassen unter der Schuljugend entstehen. 
-j- I« der Nosettenfrage hat der Vorstand des 
Haus- und, Grundbesitzervereins denjenigen Haus 
besitzern, die noch mit der Erteilung ihrer Genehmigung 
im Rückstand sind, Schreiben zugehen lassen, in denen sie 
gebeten werden, zum Bestell des Allgemeinwohles das 
bisher Versäumte nachzuholen. 
f Teltower Kreisverein. Die Generalversamm 
lung der Mitglieder findet am Sonntag, den 24. d. Mts., 
Nachmittags 3 Uhr im Schmidtschen Gasthofe zu Dahle 
witz statt. Zur Legitimation sind die Feuerversicherungs 
police und die letzte Quittung über die gezahlten Ver- 
stcherungsgelder in der Versammlung vorzulegen. Die 
Tagesordnung lautet: 1. Rechnungslegung für das Jahr 
1904. 2. Geschäftsbericht für das Jahr 1904. 3. Fest 
stellung des Voranschlages für das Jahr 1906 und 
4. Sonstiges. 
f Haus- und Grundbefitzerverein. Vorsitzender 
Herr Lehm ent eröffnete die gestrige Monatssttzung gegen 
9 Uhr und hieß zunächst die erschienenen Mitglieder herzlich 
willkommen. Während der Ferien sei in der Gemeinde 
vertretung fleißig weiter gearbeitet und seien wichtige Be 
schlüsse gefaßt worden. Die Anlage des Elektrizitätswerkes 
schreite rüstig vorwärts. Friedenau werde bald im 
elektrischen Lichte erstrahlen. Was die Straßenbeleuchtung 
betreffe, so hätten sich leider einige Hausbesitzer geweigert, 
die Rosetten an den Häusern anbringen zu lassen. Der 
Gewagtes Spiel. 
Roman von H. von Schreibershofen. 
5. (Nachdruck verboten.) 
Er ergriff ihre so schöne kleine Hand. Wie eine Gtutwelle 
es seine Adern bei der Berührung ihrer schlanken 
eil Finger und Gedanken, Wünsche stiegen m ihm ans, 
n er kaum Gehör zu geben wagte. Er wendete pch heftig 
als seiner Mutter Schritt erklang, die ihn stets migern 
der Genesenden allein ließ. 
Der Kranken Blick wanderte zwischen Mutter und Sohn 
und her, als suche sie nach einer Erttarung, Bindegliede 
scheu sich und der sie umgebenden Welt. 
»Sie ist noch krank, sie hat noch kerne Erinnerung, wir 
sen noch warten," sagte Ercole hastig, um jeder Bemerkung 
>r Mutter zuvor zu kommen, die stumm dazu nickte und 
Ercole der -m Buch 
sah cs an nahm es hin, drehte es hin und her, schlug es 
legte die Hand an die Stirn, schien nachzudenken - und 
es mit tmem leeren Blicke wieder auf. Aber es war 
®lfti dos ihr 
mmerri können, ohne Schmerz, ohne Karnpf. . 
Ercoles Herz zog sich schmerzhaft ziljammen. Wie öde und 
leer wäre die Welt für. ihn ohne sie! Er konnte sich sein 
Leben nicht mehr ohne ihre Nähe, ohne ihren Anblick vor 
stellen, sie füllte es ja aus. 
Tief aufatmend wendete er sich um. 
Hinter ihni stand Girolamo, der Ercoles Versuch gespannt 
beobachtet hatte. „Komm! Wir wollen die Patientin allein lassen, 
sie muß jetzt Ruhe haben," sagte er mit der Autorität des 
Arztes. „Ein Experiment der Art ist genug." Mit leisem 
Zwange führte er Ercole, der noch einen Blick voll inniger 
Zärtlichkeit auf die Kranke warf, in den Garten. „Es wäre 
Zeit, einen Namen für die arme Dame festzusetzen." 
„Wir wollen doch warten, bis sie ihn uns selbst nennen 
kann," versetzte Ercole mit einem unruhigen, forschenden Blick 
auf Lavcggi. 
„Das wird sie nie tun, mein Ercole! Hat Dir der 
mißlungene Versuch soeben nicht gezeigt, daß ihr Gedächtnis 
unwiederbringlich dahin ist? Sie wird niemals von ihrem 
früheren Leben erzählen. Dir nie ihre Erinnerungen mitteilen, 
weil sie keine hat. Sie weiß nichts davon und ivird es nie 
wieder wissen. Was sie erlebt, gesehen und gehört hat in 
ihren: bisherigen kurzen Leben, ist von der Tafel ihres Ge 
dächtnisses ausgelöscht, als wäre es nie gewesen. Ob das, 
was sie von jetzt an erlebt, ihr einen bleibenden Eindruck 
machen wird, ist mir sehr ungewiß." 
Ercole ward bleich, sein Ateni stockte, seine Brauen zogen 
sich in jähem Schmerz zusammen. Mitleidig sah ihn Girolamo 
an. Er ahnte Ercoles Leidenschaft, hielt es aber gerade deshalb 
für Pflicht, ihn: die ganze Hoffnungslosigkeit vorzustellen. „Sic 
ist aber nicht geistesschwach," sagte Ercole nach einer Weile 
sehr entschieden. 
Girolanio zuckte die Achseln. „In gewisser Beziehung 
doch. Ercole, denn es ist unmöglich zu bestimmen, ob sich ihre 
geistigen Fähigkeiten je wieder zu entwickeln vermögen. Ein 
Versuch —" 
„Also könnte es doch versucht werden!" rief Ercole aus 
und feine Augen leuchteten, sein Gesicht ward heller. 
„Ja, wie Du es bei einen: Kinde versuchen kannst." 
Girolamo schüttelte den Kopf. „Das Gelingen ist sehr fraglich, 
vor allem müßte sie sprechen lernen; der Versuch erfordert 
unsägliche Geduld, Mühe und Hingebung. Auch wäre wohl 
zu beachten, ob ihre Gesundheit irgend welchen geistigen An 
forderungen gewachsen ist. Und gelänge es, ihr früheres Leben 
bleibt für iunuer ein Buch mit sieben Siegeln. Brächte uns 
selbst ein Zufall auf eine Spur, sie selbst könnte uns nie da 
rauf weiter leiten." 
Sie waren währenddem bis zu einem Vorsprunge ge 
gangen, der mit einzelnen Pinien bewachsen einen weiten Aus 
blick auf das hellgrün schimmernde Meer bot. Zahllose kleine, 
weiße Segel schwebten wie Schmetterlinge darüber hin. Nach 
rechts trat die äußerste Spitze der Insel Capri hervor, links 
schlossen die Berge Calabriens den Horizont ab. Tief unten 
lagen wie kleine Würfel einzelne Häuser, anscheinend von den 
schäumenden Meereswogen bespült, in Wirklichkeit noch hoch 
darüber. Ueber allem spannte sich der blaue, unsäglich klare 
Himmel, weiße Möven zogen blitzschnell darüber hin und eine 
tiefe Ruhe, ein beseligender Frieden lagen darauf. 
Ercole hatte sich abgewendet und blickte lange auf das 
herrliche Panorama. Teilnehmend legte Girolamo endlich seine 
Hand auf des jungen Mannes Arm, schrak aber beinahe ent 
setzt zurück, als sich ihm Ercoles Antlitz sogleich wieder zu 
wendete. Um den schönen feinen Mund spielte ein glückliches, 
strahlendes Lächeln, in den Augen blitzte cs fast triumphierend 
auf. „Ercole, wovon träumst Du, besinne Dich!" sagte Giro 
lamo ernst und warnend. 
Ercole richtete sich hoch auf, in seinem Blick lag »****&
        
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