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Periodical volume Nr. 217, 15.09.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Beziehung gegebenen Anregungen sind abgelehnt worden. Also wenn , 
es sich um Anregungen der Versammlung handelte, so sind diese dahin s 
gegangen, die Sache liegen zu laffen. (Heiterkeit. Stadtv. Singer: 
Leider!) Ich habe keine größere Sorge aiS die Frage: wie und in 
welcher Weise kann schließlich die richtige Form für die. tatsächlichen 
Verhältniffe, wie sie sich eNtwickt haben, gesunden werden. Groß. 
Berlin ist eine einfache Tatsache. (Sehr richtig!) DaS läßt sich nicht 
aus der Welt schaffen und ich meine, die rechtlichen Formen für die 
Verwaltung des großen Körpers müffen in irgend einer Form ge- 
schaffen werden. (Sehr richtig!) Ich vertraue in dieser Beziehung 
darauf, daß die Macht der Tatsachen immer eine größere Macht aus. 
übe als die.Macht der einzelnen Person, und ich für meine Person 
glaube aussprechen zu dürfen, daß die richtige Lösung schließlich doch 
die Eingemeindung in großem Umfange ist (Bravo), daß dieses Ziel 
immer im Auge behalten werden muß, und wir uns von ihm nicht 
abbringen laffen. Wie sich aber die Verhältniffe in nächster Zeit ent 
wickeln werden, kann selbstverständlich niemand sagen Ich glaube, 
daß die königliche Staatsregierung auch die Verpflichtung anerkennt, 
daß Fürsorge getroffen werben muß, für die tatsächlich eingetretenen 
Verhältniffe eine juristische Form zu finden. Nach wiederholten Rück 
sprachen, die ich mit dem gegenwärtigen Leiter an der verantwortlichen 
Stelle geführt habe, gewann ich diesen Eindruck. Der Minister des 
Innern ist vor Jahresfrist mit mehreren Kommiffaren nach England 
gereist, um die dortigen Verhältniffe zu studieren, wie man annimmt, 
um dasjenige, was er dort als gut und nachahmenswert für Berlin 
erachtet, auf unsere Verhältniffe zu übertragen. Bis jetzt haben wir 
über die Ergebniffe dieser Reise nichts erfahren, und es scheint nicht, 
als ob da größere Resultate zu erwarten sind. Ich glaube aber, daß 
sich sowohl der Oberpräsident wie der Minister mit der Ein- 
gemeindungSfrage beschäftigen und in kurzer Zeit in dieser Beziehung 
an uns herantreten werden. Ob wir in der Zwischenzeit mit eigenen 
Gedanken bezüglich der Zweckverbände etwas erreichen, ist wohl sehr 
zweifelhaft. Ich glaube, daß sich die Sache nur von Fall zu Fall 
und von Gemeinde zu Gemeinde behandeln läßt, und wenn man 
Größeres in Szene setzte, wobl nichts Tatsächliches herauskommt. 
Eine Form muß gefunden werden. Ich glaube auch, daß lange die 
Verhältniffe nicht so weiter gehen können, und jedes Jahr zeigt mehr, 
daß es notwendig ist, in diewr Bestehung etwas zu veranlaffen und 
vorzugehen. Ich kann versichern, daß der Magistrat und speziell ich 
die Sache fortdauernd im Auge behalten: aber Sie können nicht ver 
langen, daß ich Ihnen in der gegenwärtigen Stunde den Plan ent 
wickele, wie Groß-Berlin gegründet werden soll. Eins möchte ich aber 
sagen — die Überzeugung habe ich — an den Zweckverbänden würde 
Berlin noch in einer ganz anderen Weise materiell belastet werden, 
als cs jetzt durch dieses Erkenntnis geschieht. (Sehr richtig!) Eine 
Entlastung Berlins würde dadurch nicht eintreten. Ich bin nichts 
destoweniger der Meinung, daß auf diesem Gebiete weitergegangen 
werden muß, aber nicht in der Lage, ein bestimmtes Programm zu 
entwickeln. (Beifall.) 
Lokales. 
-j-Zu Delegierten für die am Freitag, den 29. d. M., 
stattfindende Konferenz bei den Ministern des Innern und 
der öffentlichen Arbeiten wegen Abänderung der Bau 
ordnung für die Vororte sind vom Vorortverein die 
Herren Direktor Woiwode und Architekt James Ruhemann, 
beide Friedenauer, gewählt worden. 
-s Die Uhr an der neuen Bedürfnisanstalt am Markt 
platze soll elektrischen Betrieb erhalten und von Herrn 
Löbner aus reguliert werden. Ein Glas wird die Uhr 
nicht erhalten, jedoch ist bei der Art des Betriebes ein 
Rosten des Werkes ausgeschlossen.. 
-s Die Kreispolizeiverordnung betr. die Leichen 
schau bezweckt in erster Linie eine schnelle Bekämpfung un 
gesunder und die dauernde Förderung gesunderer Lebens 
zustände. Die Pflichten der Bürger sind bezüglich der 
Todesmeldung jetzt dahin erweitert, daß bei der münd 
lichen Anmeldung auf dem Standesamt ein ärztlicher 
Totenschein vorgelegt werden muß und daß dieser Toten 
schein darauf unverzüglich an die Ortspolizeibehörde ab 
zuliefern ist (§ 5). Von den Pfarrern und Küstern ist 
jetzt also nicht nur ein Beerdigungsschein des Standesamts, 
sondern auch der Ortspolizeibehörde zu fordern. Zmeck- 
mäßigerweise wird wohl der standesamtliche Beerdigungs 
schein, mit einem ortspolizeilichen Vermerk versehen, dazu 
benutzt werden können. 
's Der Zuzug aus Berlin ist auch diesmal wieder 
ein sehr reger. In der Lauterstraße standen gestern Mittag 
4 Berliner Möbelwagen. Auch aus Frankfurt, Dresden, 
Hamburg kommen Möbelwagen hier an. Friedenau wird 
eben von vielen Personen dem geräuschvollen Berlin vor 
gezogen. 
's Entlastet werden in fühlbarer Weise durch Ver 
längerung der Linie 88 der elektrischen Straßenbahn die 
Wagen der L Linie. Während sonst, besonders nach Schluß 
der Arbeitszeiten, kaum ein Platz in den L-Wagen zu er 
halten war, ziehen es natürlich jetzt zahlreiche, in Berlin 
wohnhafte Personen vor, die Linie 88 zu benutzen, mit 
der sie um denselben Preis bis in das Innere Berlins 
fahren können. 
-s HauS» und Grundbefitzerverein. Der Haus 
und Grundbesitzerverein hält heute Abend seine erste 
Monatsversammlung nach den Ferien im Restaurant 
Gacoerobe zur Verfügung. So saß die Genesende denn am 
Fenster und sah mit träumerischem Blick hinaus in die herr 
liche, lachende, üppige Narur. Vor dem Hause zog sich eine 
mit Weinreben übersponnene Pergola hm, und unter den 
Lieben hindurch blitzt hell das schimmernde Meer. Ein 
mächtiger, grüner Edelstein in tiefdunkler Fclseinfassung, die 
einen Kranz von Pinien, Eichen und Johannisbrotbäumen 
trug. ■ Hinter der Villa stieg der Berg terrassenförmig empor, 
und jede der schmalen Terrassen war mit Fruchtbäumen 
bedeckt oder mit Stauden verschiedenartigster Gemüse. Ein 
bewundernswertes Zeugnis für den Fleiß und die Ansdauer 
der hiesigen Landleute, sind doch diese Anlagen ebenso mühe 
voll ivie anstrengend zu erhalten. 
Jeder Tag verlieh der Kranken neue Kräfte, doch kein 
Wort kam über ihre Lippen, sie schien auch nichts zu verstehen 
und ganz ohne geistige Fähigkeiten zu sein. .Oder war ihr 
Ohr an andere Laute gewöhnt? Tann hätte sie ihre eigene 
Sprache reden können, Ercole, der junge Gelehrte würde 
sie gciviß verstanden haben. Und dann hätte mail das Ge 
heimnis, das über ihr ruhte, ergründen können. Wer ivar 
sie, woher kam sie? Das seidene Untergewand, in dem man 
sie gefunden, hatte kein Zeichen irgend einer Art, sie hatte 
kein Schmuckstück an sich getragen, nichts, das Ausschluß über 
ihre Persönlichkeit hätte geben können. Auf ihrem gemein- 
schastiichcu Weoe nach Kastellamare hatten sich Laveggi und 
Steiuw.ann gestanden, wie sorgfältig jeder in den Zeitungen 
geforscht, ob tciu Ausruf, keine Nachfrage darin, die einen 
Schlüssel zu dein Geheimnisse der Unglücklichen abgeben konnte. 
Doch nirgends war von einer Verniißten, einer Verlorenen, 
einer Entsiihrlen die Rede gewesen. Tie Sache ward immer 
rätselhafter. Was koiinte der Grund sein, ein. so holdes junges 
Wesen aus der fiieihe der Lebenden ;u streichen, wie es un 
verkennbar entschliche Absicht gewesen war! Tenn kein Zufall 
„Hohenzollern" ab. Die Verhandlungen beginnen pünktlich 
abends 8^/z U&r. 
t Mänuer-Turnverein. Die zweite Schüler- 
abteilung macht am kommenden Sonntag eine Turnfahrt. 
Diese Turnfahrt soll eine Entschädigung für das verregnete 
Spielfest sein. Das Ziel ist diesmal wieder die Insel 
Pichelswerder. Die Turnschüler versammeln sich um 1 / i 9 
Uhr am Bahnhof Friedenau-Wilmersdorf. Da auf dieser 
Partie verschiedene Spiele, darunter auch Wettspiele, statt 
finden, so ist eine rege Beteiligung sehr erwünscht. Die 
Marschleistung ist nicht groß. Auch Eltern, Geschwister, 
sowie Gäste sind herzlich willkommen, Sollten Eltern 
gewillt sind, Nachmittags nachzukommen, so finden sie die 
Turnfahrer zwischen 3 und 4 Uhr in Schröders Lokal in 
Schildhorn. 
t Berliner Schauspiel-Bühne. Der Theatersaal 
des Kaiser Wilhelms-Gartens war gestern anläßlich der 
Eröffnungsvorstellung des Ensembles der Berliner Schau 
spiel-Bühne völlig ausverkauft. Der übermütige Schwank 
„Der Schlafwagenkontrolleur" von Alexandre Bissou, ein 
echtes, rechtes französisches Bühnenwerk nach bekannter 
Schablone mit allen möglichen und unmöglichen Verwechs 
lungen und Verwirrungen, guten und schlechten Witzen — 
es vermochte auch gestern das so zahlreich erschienene 
Publikum zu belustigen. Es muß zugestanden werden, 
der Autor hat es verstanden uns eine Handlung vor 
Augen zu führen, die bis zur letztenSzene spannend ist, und 
den Knoten zu schürzen, um aber schließlich doch kein Ende 
zu finden, das Anspruch auf die geringste Wahrscheinlichkeit 
macht. Gespielt wurde sehr flott. Herr Bruno Werner 
gab seine Rolle als Georges Godefroid, die ihm ziemliche 
Schwierigkeiten bot, recht ansprechend wieder; deutlichere 
Aussprache und langsameres Sprechen würden seine 
Leistungen noch verbessern. Don Frl. Mary Rolf als 
Lucienne hätten wir Besseres erwartet, da war manches 
nicht so, wie es sein sollte. Mit dem guten Willen allein 
ist es nicht getan. Vielleicht konnte die Künstlerin auch 
keine große Freude an der Rolle finden. Das Ehepaar 
Montspin und Aurore wurde von Hans Reiners und 
Anna Carlotta gemimt. Vor allem der letzteren gebührt 
alles Lob für eine einwandfreie Wiedergabe dieser auch 
vom Dichter so überaus gut gezeichneten Schwiegermutter. 
Herr Bruno Borchardt, eine sympatische Bühnenerscheinung, 
als Alfred Godefroid gefiel von Szene zu Szene besser, 
nachdem er in den ersten Szenen doch ein etwas zu 
schüchternar Liebhaber war. Erwähnen wir schließlich noch 
die Damen Marta Mayerhofer von Gröthen, Wanda 
Clasen und Tini Poegner, die Herren Schneider und 
Petermann, so verdienen diese für ihre Leistungen zweifellos 
das Prädikat „gut". Sehr gut gab Herr Kupfer den 
Monsieur Charbonneau wieder. Der Direktion wünschen 
wir auch für die Zukunft ein gleich volles Haus. 
t Hohenzollern - Theater. Die mit größter 
Spannung erwartete Eröffnungsvorstellung des hier so 
ungemein beliebten „Adolf Behle-Ensemble", die, wie wir 
neulich schon mitteilten, am Dienstag, den 19. September, 
stattfindet, wird uns eines der interessantesten und erfolg 
reichsten Bühnenwerke der Neuzeit bringen, nämlich: 
„Traumulus"; von Holz und Jerschke. Diese Nachricht 
dürfte von allen hiesigen Kunstfreunden mit größter Freude 
aufgenommen werden, denn „Traumulus" gehört zu den 
jenigen, neueren Bühnenwerken, die ein Jeder gesehen 
haben muß. Als das Stück in der vorigen Saison zum 
ersten Male auf der Bühne des Lessing-Theaters in Berlin 
erschien, da erregte dasselbe infolge seiner eigenartigen 
Tendenz das denkbar größte Aufsehen. Denn bekanntlich 
behandelt „Traumulus" den tragischen, aber äußerst inter 
essanten Konflikt eines Schülers mit seinem Lehrer. Der 
Erfolg, den das Werk am Lessing-Theater in Berlin fand, 
war ein geradezu glänzender, denn das eigenartige Stück 
übt auf die Zuschauer eine überwältigende Wirkung aus 
und bis jetzt hat „Traumulus" mehr als 150 Aufführungen 
vor ausverkauften Häusern erlebt und in allen Provinz 
theatern Deutschlands war diese intereffante Komödie das 
größte Zug- und Sensationsstück der letzten Saison. Daß 
Herr Direktor Behle mit einem solchen Kunstwerk unsere 
neue Saison eröffne:, beweist jedenfalls, daß es seine ehr 
liche Absicht ist, die Vorstellungen auf künstlerischer Höhe 
zu erhalten. Der Billettverkauf hat, da ein großer 
Andrang zu erwarten steht, bereits heute an den bekannten 
Vorvertaufsstellen begonnen. 
-s- Vom Wagen gefalle«, der mit Brettern beladen 
war, ist gestern Mittag 1 Uhr der Kutscher F. aus der 
hatte hier die Hand im Spiele gehabt. Ein Gift, so schwer 
zu beschaffen, so selten in der ärztlichen Welt, wie Laveggi 
wußte und Steininann bestätigte. 
Girolamo. war seit jener Nacht sehr vorsichtig geworden, 
trug sogar stets eine Waffe bei sich und wollte auch Ercole 
dazu bereden, der es aber entschieden verweigerte. „Dieser 
Mut fehlt mir nicht," sagte er bedeutungsvoll. „Sei ruhig, 
hier wird Deiner Patientin nichts zustoßen, ich stehe Dir 
dafür." Er sagte es nicht, aber in seinem Herzen gelobte er 
sich, niit seinem Leben ihre Sicherheit zu verbürgen. 
Und mit ivelcher Hingabe, welcher Aufmerksamkeit sorgte 
Ercole für die Kranke, war um sie bemüht mit einem rührenden 
Eifer, der seiner Mutter stets einen schneidenden Schmerz be 
reitete. Ein wortloser Kampf hatte sich seit jencni ersten 
Abende zwischen Mutter und Sohn entsponnen. Mit heim 
lichem Bangen verfolgte Nicoletta die Fortschritte in der Kranken 
Genesung, frente sich darüber und weinte dann doch hernach 
bittere Tränen. Diese Fremde hatte sich zwischen sie und 
Ercole gedrängt; ohne ihren Willen, absichtslos, aber Nicoletta 
zürnte ihr deshalb. Wer war sie, wie war es zugegangen, 
daß die Villa Roverdo sie hatte aufnehmen müssen, sie, die 
Nicolettas Frieden untergrub und Ercole zu einem andern 
Menschen machte. Noch niemals hatte ihn seine Mutter so 
selbständig gesehen. Er war nicht mehr der unbedingt Ge 
horchende, nicht mehr der dem mütterlichen Willen ruhig 
Folgende, wie ehedem. Und hatte die Mutter denn nur 
herrschen wollen, aus Herrschsucht? Nicoletta lag stunden 
lang vor dem Bilde der Jungfrau Maria auf den Knien; 
die Heilige wußte, nur heiße Liebe war der Mutter Leiffaden 
in allem gewesen. Sie wollte den Sohn, das Kind ihres 
t erzens nicht auck> verlieren, deshalb überwachte sie seine 
chritte, versagte ihm jede freie Bewegung und meinte, er 
müsse dankbar ihre Liebe darin erkennen, auch ohne ihren Be- 
Albestraße. Eines der Bretter, auf denen F. faß, kam 
ins Rutschen und F. stürzte vom Wagen auf die Straße, 
wo er schwer verletzt, besonders am Rücken, bewußtlos 
liegen blieb. Mittels Droschke wurde er zur Sanitäts 
wache gebracht, wo ihm die erste Hilfe geleistet wurde. 
ch Unfall. Dem Arbeiter Wilde aus Berlin fiel 
gestern Mittag 2 1 / 2 Uhr ein schwerer Balken auf den 
linken Zeigefinger, der dadurch gequetscht wurde. Ein 
Notverband wurde auf der Sanitätswache angelegt. 
f Bei der Arbeit verletzt. Der Tischler Lehmann 
aus Schöneberg stach sich gestern Nachmittag versehentlich 
bei der Arbeit auf einem Neubau in der Wielandstraße 
mit dem Stechbäutel in den Ballen der linken Hand. 
Obwohl sofort ein Notverband angelegt wurde, dürfte L. 
doch längere Zeit arbeitsunfähig sein. 
Kerlin und Kororte. 
8 DaS städtische Untersuchungsamt für Nah- 
rungs- und Genutzmittel an der Fischerbrücke ist jetzt 
im Rohbau vollendet. Nach dem ausgearbeiteten Programm 
soll das Gebäude neben den erforderlichen Sammlungs 
und Bureauräumen eine chemische, eine bakteriologische, eine 
physikalisch-mikroskopische und botanische Abteilung auf 
nehmen. Ferner sind außer zwei Dienstwohnungen auch 
Räume für das hydrologische Bureau der Wafferwerke 
vorgesehen. Der Haupteingang liegt an der Ecke der 
Fischerstraße und des Mllhlendammes. Die für die Zwecke 
des Untersuchungsamtes erforderlichen Ställe sind nicht im 
Gebäude selbst angeordnet, sondern es wird auch auf dem 
Hofe des Grundstücks ein kleines Bauwerk errichtet werden, 
das in zwei Abteilungen gesunde Tiere und Versuchstiere 
aufnehmen kann. 
8 In der Aula des Lette-Hauses vom Viktoria- 
Luisen Platz fand heute Vormittag die feierliche Entlastung 
der in diesem Jahre abgehenden Schülerinnen statt. Die 
Feier wurde eingeleitet durch ein Vorspiel auf dem 
Harmonium und den von Schülerinnen der Anstalt aus 
geführten 3 stimmigen Gesang des ChoralS: „Ich singe 
Dir mit Herz und Mund." Hierauf hielt Prediger Prof. 
D. Scholz von St. Marien eine Ansprache, in der er sich 
über das Wesen der Abhängigkeit verbreitete. Nicht die 
unumschränkte Freiheit, sondern die Abhängigkeit in unserm 
Dasein, die uns fähig macht, dienstbar zu sein, führe uns 
zur Unabhängigkeit, da sie unsere innern Kräfte zur richtigen 
Sammlung und Entfaltung brächte. Nach abermaligem 
Chorgesange richtete die Vorsitzende des Lette-Vereins Frau 
Prof. Kaselowsky herzliche Abschiedsworte an die Scheiden 
den. die fast alle bereits in guten Stellungen untergebracht 
worden sind. Es wurden entlassen: 44 Handelsschülerinnen, 
14 Schülerinnen des Handarbeitslehrerinnen-Seminars und 
6 Schülerinnen des Hauswirtschaftslehrerinnen-Seminars, 
die noch in diesem Monat ihr Staatsexamen abzulegen 
gedenken, 6 Schülerinnen de§ einjährigen und 5 Schüle 
rinnen des halbjährigen Kursus der Koch- und Gewerbe 
schule, 2 Schülerinnen der Gewerbeschule, welche sich zu 
Jndustrielehrerinnen ausgebildet haben und 2 Lehrlinge 
der Buchbinderschule, welche für die Gesellenprüfung, im 
Herbst angemeldet worden sind. Der Feier wohnten bei 
vom Handelsministerium Gewerberat Prof. Gürtler, vom 
Provinzial-Schulkollegium Schulrat Ullmann und von der 
Berliner städtischen Schuldeputation Schulrat Haase, sowie 
sämtliche Vorstandsdamen des Vereins. 
8 Der elektrischen Beleuchtung der Friedrich- 
straste, die schon am 1. September in Tätigkeit treten 
sollte, haben sich Schwierigkeiten in den Weg gestellt. 
Während nämlich schon seit Wochen überall die Drähte 
gespannt worden sind und zum größten Teil auch die 
Lampen daran hängen, fehlen Drähte und Lampen noch 
vollständig in dem zwischen der Dorotheen- und Georgen 
straße gelegenen Teil der Friedrichstraße. 
Zuschriften. 
Sie würden fick ein Verdienst um unseren Ort und die Gesund 
heit seiner Büraer erwerben, wenn Sie die bei dem herrschenden 
Regenwetter nachgerade unhaltbaren Zustände auf der Westseite deS 
Friedrich Wilhelmplatzes einmal auss Korn nehm.nl Will man von 
der Wiesbadener-, der Wilhelmshöher- oder der Wistelmstraße auS 
den Platz nach Alt-Friedenau zu überschreiten, so ist man einfach ge- 
zwangeu, durch Morast und Lachen zu waten, ein Unternehmen, 
welches, bcsonders bei der um 7 Uhr Abends noch herrschenden 
Finsternis, eine völlige Durchnäffung des SchuhwerkS zur Folge hat. 
Man zweifelt allmähl ch daran, ob eine Straßen-Ausfichts-Behörde 
überhaupt bei uns vorhanden ist; gibt eS eine solche etwa doch, so 
wird sie w, rügst ns an einer Stelle des Platzes für einen trockenen 
Übergang zu sorgen haben. Ergebenst P. B. 
wcggrund zu mifseir. Und nun' trat er ihr entgegen, ent 
fremdete sich ihr — jenes jungen Weibes willen, welches ein 
schlimmes Geschick an diesen Strand geführt. Seit seinem ersten 
Kinderlallen war die Liebe und Sorgsalt der Mutter ihm ge- 
widniet gewesen und nun galt sein Blick, sein Denken, seiire 
Aufinerksainkeit dieser Unbekannten, von deren Dasein er noch 
vor kurzem nichts geahnt. — 
Wie sein Bllck aufleuchtete, näherte er sich ihr! Wie 
sorgsam er ihre Schritte behütete, als sie zum erstenmal den 
Garten betreten konnte! Nur sein Arm durste ihr zur Stütze 
dienen, nur seine Hand sie leiten und führen. Mit schwerem 
Herzen sah Nicoletta zu, denn — ihr Sohn hatte sie ver 
gessen — und sie hatte nur für ihn gelebt. — 
Jede Bewegung der schönen jungen Fremden war leicht 
und edel, seit der drückende Bann körperlicher Krankheit von 
ihr gewichen war. Mit welcher Anmut hob sie die Hand und 
griff nach der duftenden Orangenblüte, die fast ihre Wange 
streifte. Aber wenn sie sich umsah, lag in ihren großen grauen 
Augen etwas Unsicheres, Hilfloses, wie bei einem verlassenen 
Kind, dem die gewohnte, leitende, vertraute Hand fehlt. Sie 
neigte den schönen blonden Kopf zur Begrüßung, als sich 
Ercole ihr zur Seite stellte. Er fragte nach ihrem Ergehen, 
ob die warme Luft sie freue, ob sie weiter zu gehen wünsche 
und sie sah ihn an, antwortete aber nicht. Sie hörte ihn, der 
Wohllaut seiner Stimme berührte sie angenehm, es dämmerte 
wie ein schattenhaftes Lächeln über ihr Gesicht, aber sie sprach 
nicht. War sie geistesschwach, hatte sie den Gebrauch der 
Sprache nie gelernt? Der Verdacht durchzuckte Ercole, wie 
ein schneidendes, schales Weh, doch gleich darauf sagte er sich, 
diese Augen seien nicht seelenlos, sie waren nur noch durch 
Krankheit verdunkelt, sie würden wieder sehen lernen. 
(Fortsetzung folgt.)
        
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