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Periodical volume Nr. 211, 08.09.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

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Nr. »11. 
Friedenau, Freitag den 8. September 1905. 
12. Iahrg. 
Depeschen. 
Celle. In der gestrigen Verhandlung gegen den 
früheren Pastor Kreusler wurde dieser zu 5 Jahren 
Gefängnis, seine Geliebte, Fräulein Hoppe, zu vier Monaten 
Gefärmnis, beide wegen Betruges, verurteilt. 
Rom. Der „Tribuna" zufolge wird Minister 
präsident Fortis demnächst eine Reise durch Sizilien unter 
nehmen, um Daten für eine Reform der Gesetzgebung für 
diese Insel zu sammeln. 
Belgrad. Im Konak wird lebhaft die Frage betreffs 
Abstattung von Antrittsbesuchen des Königs an europäischen 
Höfen und beim Präsidenten Loubet erörtert. 
Riga. In einer Vorstadtbäckerei explodierte gestern 
eine von unbekannten Tätern geworfene Bombe ohne 
größeren Schaden anzurichten. Zwischen Windau und 
Fontanger wurden auf der Straße viele Tausende auf 
rührerischer Proklamationen gefunden. 
Petersburg. Aus bestunterrichteter Seite ver 
lautet, daß keinerlei Amnestie für politische Verbrecher er 
folgen werde. 
Die Errichtung eines Polizeiministeriums steht un 
mittelbar bevor. 
Fürst Swiatopolk Mirski bewirbt sich um ein Mandat 
in die Reichsduma. 
Die Naphtaindustriellen, welche gestern wegen der 
Vorgänge in Baku eine längere Konferenz mit dem 
Finanzminister hatten, ersuchten denselben um Vorschüsse 
zum Wi->dex>'.ufbau ihrer zerstörten Fabrikanlagen, sowie 
um Abänderung ihrer Lieferungsbedingungen, da sie ihren 
Verpflichtungen derzeit nicht nachkommen könnten. 
Baku. Der Schaden, der bei den Unruhen an den 
Regierungsgebäuden und Regierungseigentum angerichtet 
worden ist, beläuft sich auf 500 Millionen Rubel. Ebenso 
hoch wird der an privatem Eigentum angerichtete Schaden 
geschätzt. Etwa 100 000 Arbeiter sind infolge der Feuers 
brünste brodlos geworden. Man schätzt die Zahl der bei 
den Unruhen Getöteten und Verwundeten auf mehrere 
1000. Die Petroleum-Industrie ist vollständig zerstört 
und große französische, englische und dänische Kapitalisten 
sind auf das schwerste geschädigt. 
London. Gegenüber den Gerüchten, daß die japa 
nische Armee, enttäuscht durch den Friedensschluß meutere, 
erklärt der japanische Legationsrat Sato, diese Eventualität 
sei gänzlich ausgeschlossen, da die Disziplin in der japa 
nischen Armee eine absolut unantastbare sei. 
Nach Privattelegrammen aus Baku, ist das dortige 
Arsenal in die Luft gesprengt worden. 
Tokio. Der Aufruhr während des gestrigen Tages 
war so ernster Natur, daß sogar Barrikaden errichtet 
werden mußten, um die öffentlichen Gebäude zu schützen. 
Die Kaiserliche Garde mußte wiederholt einschreiten, wobei 
zahlreiche Personen verwundet wurden, indessen ist die 
ganze Zahl noch unbekannt. — Verflossene Nacht trafen 
aus allen Teilen des Landes Delegierte ein, welche eine 
Versammlung abhielten, worin sie gegen den Friedens 
schluß protestierten und beschlossen, ein Memorandum an 
den Mikado und das Parlament zu richten mit dem 
Ersuchen, den Friedensvertrag nicht zu ratifizieren. — 
Die Unruhen und die Einäscherung von Häusern dauern 
fort. Patrouillen durchziehen ständig die Straßen der 
Stadt. Die gesamte Presse mit Ausnahme der Regierungs- 
organe bringt noch immer aufhetzende Artikel. — Die 
Zerstörung von Polizeibureaus dauerte noch bis Mittwoch 
Abends. Die Truppen mußten häufig mit Waffengewalt 
vorgehen. Abteilungen der Kaiserlichen Garde erhielten 
Befehl, an verschiedenen Punkten der Stadt Aufstellung zu 
nehmen, um die Regierungsgebäude für die nächsten Tage 
zu schützen. — Demonstranten durchziehen mit brennenden 
Pechfackeln die Straßen, um die Regierungsgebäude in 
Brand zu stecken. Die Menge verhindert die Feuerwehr, 
die Brände zu löschen. Die Protestkundgebung, welche für 
heute gegen den Friedensschluß einberufen ist, verspricht 
einen noch ernsteren Charakter anzunehmen. Die Regierung 
trifft die umfassendsten Maßregeln, um die Ordnung auf 
recht zu erhalten. 
Aöänderung der Waupolizei Werordnung 
für die Wororte. 
Das Ministerium der öffentlichen Arbeiten hat be 
schlossen, den Entwurf der umgearbeiteten Baupolizei- 
Verordnung für die Vororte von Berlin zunächst einer 
Anzahl von Sachverständigen und Interessenten zur Be 
urteilung vorzulegen. Zur Besprechung der Angelegenheit 
ist Termin auf Freitag, 29. September 1905, Vormittags 
10 Uhr, in einem der Säle des Abgeordnetenhauses an 
beraumt. Die Abgrenzung der Gebiete der einzelnen 
Bauklaffen soll nicht Gegenstand der Besprechung sein, der 
Entwurf beschränkt sich auf die materiellen Bestimmungen 
der Verordnung, die allein in der Beratung vom 29. Sep 
tember zur Erörterung gelangen sollen. 
Die Baukommission des Vereins der Vororte Berlins 
hat die von der bestehenden Baupolizei-Verordnung vom 
21. April 1903 abweichenden Abänderungsvorschläge 
des neuen Entwurfs zusammengestellt. Diese sind in der 
neuesten Nummer der „D. Grundeigent.-Ztg." veröffentlicht 
worden, und wir bringen sie nachstehend ebenfalls zum 
Abdruck aus der Erwägung, daß die Materie Friedenau, 
namentlich zu § 12, Ziffer 1, besonders interessiert: 
Zu 8 1 Ziffer 5, statt Gesetz vom 25. 8. 76 jetzt § 13-20, 
Gesetz vom 10. 8. 04. 
Zu § 2 Ziffer 1 Abs. a. Die Verpflichtung der Beglaubigung 
des Lageplanes durch vereidigten Landmeffer fällt fort. 
Dafür ist gesetzt: Auf dem Lageplan ist die Übereinstimmung 
der eingetragenen Fluchtlinien mit dem Bebauungsplan vom Gemeinde- 
vorstand zu bescheinigen. Auf Verlangen der Polizeibehörde ist der 
Lageplan durch einen vereideten Landmeffer oder Feldmesser zu 
beglaubigen. 
Zu § 8 Ziffer 1. Das Wort oder fällt fort, .... auszustaken. 
Ebenso usw. 
Zu § 11 Ziffer 4. Quergefälle ist auf 1 : 30 erhöht. 
Ziffer 5. Neue Faffung: Liegt die Baustelle höher oder tiefer 
als der Bürgersteig, so kann gestattet werden, daß der Vorgarten 
höher oder tiefer als der Bürgersteig angelegt wird. Der Bürgersteig 
ist jedoch, wenn er höher liegt, durch Herstellung von Futtermauern 
oder in sonst ausreichender Weise gegen Nachrutschen des Erdreiches 
zu schützen. Liegt er tiefer, so ist das Gebäude gegen Wafferandrang 
zu sichern. 
Zu § 12 Ziffer I. Neue Faffung: Für die Berechnung der 
Fläche, die bebaut werden darf, kommt der hinter der Straßsnflucht- 
linie oder, wo eine solche nicht vorhanden ist, der hinter derEtraßen- 
grenze liegende Teil der Grundstücke in Betracht. 
Ziffer 2 fällt fort. 
Ziffer 3 jetzt Ziffer 2 und 2. Teil neue Faffung: Gesimse, Frei 
treppen, die nur bis zum Fußboden des Erdgeschosses reichen, Balköne 
von höchstens 2,50 Meter Länge nnd mit höchstens 1,25 Meter AuS- 
ladung, sowie Freitreppen, Veranden und Türvorbauten, welche nach 
§ 13 Ziffer 2 in den Bauklaffen 6 und v im Bauwich angelegt 
werden dürfen, werden nicht in Rechnung gestellt. Bei Einfamilien- 
Häusern kommen Balköne überhaupt nicht in Ansatz. 
Zu § 13 Ziffer 2 neuer Absatz: In den Bauklaffen 6 und v 
dürfen innerhalb des Bauwichs an die Umfaffungswand des Vorder 
hauses Freitreppen, Veranden und Türvorbauten angebaut werden, 
sofern zwischen ihnen und der Nachbargrenze ein Abstand von 
mindestens 2,50 Meter verbleibt. 
Zu 8 14. Ganz neu bearbeitet und lautet jetzt: 
1. Auf Grundstücke, welche an dem Schnittpunkte zweier sich in 
einem Winket von nicht mehr als 135 Grad treffenden Straßen liegen 
— Eckgrundstücke im Sinne dieser Baupolizeiverordnung — finden 
die Vorschriften in § 13 Ziffer 4 bis 13 keine Anwendung. 
2. In Höfe (§ 16) auf Eckgrundstücken, deren Fläche 900 Quadrat- 
meter oder weniger beträgt, muß sich ein freier Kreis eintragen laffen, 
deffen Durchmesser mindestens gleich l U der größten Höhe des 
Gebäudes oder der Gebäude auf dem Grundstücke sein muß, jedoch 
nicht weniger als 8 Meter betragen darf. 
3. In Höfe (§ 16) auf Eckgrundslücken, deren Fläche mehr als 
900 Quadratmeter beträgt, muß sich ein freier Kreis von mindestens 
10 Meter Durchmeffer eintragen laffen. 
4. Der Raum über den Höfen darf in der ganzen Bauhöhe durch 
Vorsprünge nicht beschränkt werden, Gesimsvorsprünge bis zu 0,30 
Meter und Balköne von höchstens 2,50 Meter Länge und mit höchstens 
1,25 Meter Ausladung bleiben jedoch außer Ansatz. 
5. Die im vierten Abschnitt dieser Polizeiverordnung in den 
88 50 Ziffer 1. 51 Ziffer 1, 52 Ziffer 3 und 4, 53 Ziffer 3, 54 Ziffer 3 
und 55 Ziffer 3 für Eckgrundstücke gewählten Vergünstigungen finden 
nur auf solche Eckgrundstücke uneingeschränkte Anwendung, deren 
Fläche nicht mehr als 1200 Quadratmeter einnimmt. Bei größeren 
Eckgrundstücken wird die Vergünstigung nur für 1200 Quadratmeter 
gewährt. Für den dies Matz überschreitenden Teil der Fläche kommt 
derjenige Bruchteil in Ansatz, welcher für sonstige Grundstücke der 
betreffenden Bauklaffe maßgebend ist. Liegt das Eckgrundstück im 
Gebiete zweier oder mehrerer Bauklaffen, so finden die Vorschriften in 
8 49 Ziffer 4 Anwendung. 
Zu § 15 Ziffer 5. Das Wort Dachluken fällt fort. 
8. 
Gesagtes Spie'.. 
Roman von H. von Schreibershofen. 
(Nachdruck »erböte».) 
Grusin Estella di Boyn — sie ivar ihm lieb toic sein 
igencs Si inb gewesen — war durch ein bösartiges Nerven- 
cber in wenigen Tagen hingerafft worden. Bei der wetten 
Entfernung, der Graf hatte gerade einen Besuch in Schottland 
einacht, ko'.inte inan selbstverständlich mit der Beerdigung nicht 
o lange ivarten, und so kam er nun in das verödete Hans . . 
Wie der Graf das sagte, so tief betrübt, so ergriffen und 
och dabei so ruhig nach außen, denn in der Nähe seines 
schnarchen niußte er seilten großen Schmerz beherrschen, ahn 
nterdrücken! Mit inniger Teilnahme rind aufrichtiger Be 
wunderung über seine so niühsam bewahrte Fassung blickte 
er König den Grafen an — da senkten sich Wieder die 
unklen Brauen, schlossen sich die Augen, preßte sich der Mund 
ii eine harte, grausame Linie zusammen und zitterten die 
Nasenflügel des Redenden. 
Ter König meinte, es sei die längere Unterredung mit ihm 
u peinlich für den so tief betrübten, er entließ ihn hnldvoU, 
lendete sich darauf dem Zeremoniennieister Grafen Gianotti 
u und erzählte ihm von des Grafen schmerzlichem Verluste. 
Er ist noch ganz gebrochen," schloß er. Em besonderer 
lusdruck in Gianottis kliigem sprechenden Antlitze ließ ihn 
ber sofort hinzusetzen: „Sie sind anderer Meinung, wie ich 
:he. Reden Sie ungescheut, bitte, ich bin diskret. 
„Majestät befehlen," der Graf verneigte sich lächelnd. 
Es ist kein Geheimnis, daß der bisher arme Gras dl Boyn 
urch diesen Verlust enorm reich und seine Stellung in Sizilien 
on großer Bedeutung wird." ' . ,, . ßJ . • 
„Das hat er mir selbst mitgeteilt, versetzte der König 
ihnell und fügte mit ungewöhnlicher Bestimmtheit hinzu. 
Nein, seine Trauer war viel zu aufrichtig und fern Schmerz 
n offenbar, um erkünstelt zil sein. Man muß nicht immer 
icht ganz frei von Unwillen geiveseil, und es ivar Nicht seinem, 
des Zeremouicnnicisters Amt, des Königs Illusionen zu zer 
stören. Was er dachte, ivar seine Sache. Sein Blick ruhte auf 
seinen schönen, eleganten Töchtern, und er dankte Gott, daß 
sie niemandem im Wege standen. Er erschrak bei dem Ge 
danken. Mit welchem Rechte durste er so unheimlichen Verdacht 
hegen! . . . Er sah die Königin Margherita mit di Boyn 
sprechen, ihr Antlitz zeigte tiefes Mitgefühl. „So jung, so 
schön und auf der Hü e des Lebens!" sagte sie erschüttert, 
denn der Graf erzählte auch ihr von seinem Verluste, seinem 
Schmerze. 
Wenige Minuten darauf ivard Graf di Boyn von einer 
sehr schönen jungen Frau mit stattlicher Figur, klugen geistvollen 
Zügen und prachtvolleii dunklen Augen nach Gräfin Estella 
gefragt. Warum war sie nicht mitgekommen? Mit erbleichendem 
Antlitze starrte sie ihn an, als er ihr geantivortet. „Unmöglich, 
Sie wollen mich erschrecken, Graf!" stammelte sie dann. „Ich 
habe erst kürzlich von ihr gehört^ sie schrieb mir, so heiter 
und — nein, ich kann es nicht glauben!" 
Graf di Boyn seufzte. „Wenn das warme Herz der 
Marchesa dl San Croce eine solche Trauerkunde llicht gleich zu 
fassen vermag, so wird sie auch begreifen, welcher Schmerz 
mich bewegt!" 
„Doch warum haben Sie mir diese Trauerkunde nicht 
gemeldet, warum haben Sie den Fall nieniandenr mitgeteilt?" 
stieß die Marchesa hervor. 
Ein scharfer Blick zuckte aus des Grafen Augen, dann 
senkten sich seine Lider, seine Brauen und bebten seine Nasen- 
flügel. „Ich ivar abwesend, bin auf der Reise nach Sizilien, 
und mein Sohn Gabricli ist von seinem Schmerze so ein 
genommen, er hat sich noch zu nichts aufraffen können. 
Sie wissen, seine Zukunft war so innig mit Estella verbunden, 
sie waren ein Herz und eine Seele." 
Ter Marchesa schöne Gestalt hob sich, ein Zug grenzen 
loser Verachtung flog über ihr Gesicht. Sie hielt ihren weißen 
Spitzensächer empor, doch nicht rasch genug, di Boyn hatte 
den Ausdruck schon gesehen. „Dieser Täuschung brauchen Sie 
sich nicht länger hinzugeben, Graf, falls sie ihren Schmerz er 
höhen sollte. Noch in ihrem letzten Briese sprach sich Estella 
enffchieden gegen dies Projekt aus. Sie hätte Ihrem Sohne 
niemals die Hand gereicht." Scharf und schneidend klangen 
die Worte. 
Ein drohender Blick seiner Augen ließ sie verstummen. 
Eine Minute lang sahen sie sich an, feindselig, offene Gegner, 
-dann sagte di Boyn mit einer Verbeugung: „Ich widerspreche 
schönen Frauen niemals. Ich könnte der Marchese di San 
Croce beiveisen, sie irre sich, nicht ich — doch ziehe ich vor, 
es nicht zu tun. Sie haben in allem Recht, ganz Recht, Frau 
Marchesa, und ineine Hoffnung wird von nun an sein, daß 
Sie aus Freundschaft .für Estclla sich meines Gabrieli etwas 
annehmen werden. Da die beiden nichts für einander fühlten, 
sich nichts waren, ist meine Hoffnung, mein Wunsch nicht 
verfrüht." Mit einer abermaligen Verbeugung und einem 
frivolen Lächeln glitt er hinweg. 
„Graf di Boyn hat Ihnen den Trauerfall mitgeteilt?" 
fragte Gianotti die Marchesa, die dem Grafen noch in zorniger 
Erregung nachsah. 
„WarilNl versucht er, der Welt die Lüge aufzubinden, 
Estella sei verlobt gewesen mit seinem Sohne," stieß sie hervor, 
erschrak dann aber darüber, 
„Da sie tot ,ft, jedenfalls ganz zwecklos," versetzte Gianotti, 
der wohl empfand, die Marchesa habe nicht ganz mit Ueber- 
legung geredet. 
„O, sprechen Sie nicht davon als von einer feststehenden 
Tatsache, ich kann es noch nicht fassen, kann es nicht glauben. 
Warum teilt di Boyn es mir hier mit, so ohne Vorbereitung, 
in solchem Moment? Man stirbt doch auch nicht im Hand 
umdrehen, wenn man jung und gesund ist! Ich kann es mir 
noch nicht vorstellen, es kann nicht sein!" Ueber der Mar 
chesa Antlitz liefen Tränen, .sie preßte die Hände auf ihr Herz. 
Gianotti deutete warnend auf die Umstehenden. „Jugend 
ist keine Garantie gegen den Tod," sagte er leise, indem er 
der Erregten den Arm bot und sie in ein Vorzimmer ge 
leitete, ivo sie sich wieder zu fassen versuchen konnte. Er 
rückte ihr ein Tabouret hinter die Sammetvorhänge des 
Fensters, wo sie ganz ungestört war, und verließ sie dann, 
überzeugt, die Einsamkeit werde ihr die Selbstbeherrschung 
zurückgeben. (Fortsetzung folgt.)
        
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