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Periodical volume Nr. 210, 07.09.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

gewählt worden wäre, sich auch geweigert hätte, die 
Rosetten an seinem Hause anbringen zu lassen? Nun Herr 
Schmidt gehört ja dem Vorstande des Haus- und Grund 
besitzervereins an, der hoffentlich die Angelegenheit in 
seiner nächsten Sitzung zur Sprache bringen wird; und er 
kann dann dort auch die Gründe für sein Verhalten vor 
bringen. Von Lokalpatriotismus zeigt diese Handlungs 
weise gewiß nicht. Hier hätte sich der Lokalpatriotismus 
betätigen können. 70 Bürger waren kleinlich genug, sich 
von ihrer eigensinnigen Seite zu zeigen. Die Gemeinde 
hat nun leider nicht das Recht, diesen Eigensinn zu brechen, 
sie ist auch nicht so böswillig und stellt diesen Haus 
besitzern einfache Holzpfähle, an denen die Drähte be 
festigt werden, vor die Türe, die Gemeinde ist nobel, sie 
bringt eiserne Masten zur Aufstellung, von denen jeder 
130 bis 140 M. kostet und obenein die Bürgersteige be 
lastet. Der Eigensinn der Hausbesitzer kostet der Gemeinde 
also nur nahezu 1000 M. So ist es mit dem Lokal 
patriotismus in Friedenau bestellt. Daß die Opponenten 
nicht begreifen können, wenn in Berliner Zeitungen steht 
„die Straßen von ganz Friedenau strahlten seit heute in 
elektrischem Licht", daß beim nächsten Umzug ein größerer 
Zuzug erfolgen wird, ist jedenfalls unverständlich. Auf alle 
Fälle muß der Haus- und Grundbesitzerverein in der 
nächsten Versammlung die Rosettenfrage auf der Tages 
ordnung setzen. Jedenfalls wird hier die Aussprache 
die Opponenten umstimmen. 
Lokales. 
t Beiträge zur Handwerkskammer. Wir 
machen auf die im Anzeigenteil der heutigen Nummer 
enthaltene amtliche Bekanntmachung aufmerksam. 
t Mit der Anlage der Nasenstreifen zwischen 
den Geleisen der elektrischen Straßenbahn wurde gestern 
in der Rheinstraße bei der Lauterstraße begonnen. Unserer 
Prachtstraße wird diese Neuerung nur zur Zierde ge 
reichen. 
-j- Die kaiserliche Postanstalt wird seit 1. Sep 
tember um 8 Uhr geöffnet. 
f Wichtig für unsere Jäger. Die Schonzeit der 
Rehkälber ist für den Regierungsbezirk Potsdam mit 
Ausnahme der Stadtkreise Charlottenburg, Schöneberg und 
Rixdorf (Auf die Gemarkungen dieser drei Stadtkreise wird 
sich wohl kein Rehkalb verlaufen. D. R.) für 1905 auf 
das ganze Jahr ausgedehnt worden. 
-j- Tod durch Schlagaufall. Gestern Nachmittag 
fuhr der Schlächtermeister Bartenbach, Begasstraße, nach 
Berlin um Gewürze einzukaufen. Auf diesem Geschäfts, 
gang erlitt der erst 42 Jahre alte Mann einen Gehirn 
schlag und mußte tot nach seiner Wohnung geschafft 
werden. 
^ Die Lehrervereine des Gauverbandes der Vor 
orte Berlins halten am Sonnabend, den 23. September, 
nachmittags 4 Uhr, in Kellers Festsälen zu Berlin, Koppen- 
straße, ihr diesjährige Herbstversammlung ab. Auf der 
Tagesordnung stehen folgende Punkte: Die Provinzialver 
sammlung; Wahl zweier Mitglieder des Geschäftsführenden 
Ausschusses (die Herren Meyer-Steglitz und Schön-Wilmers- 
dorf scheiden satzungsgemäß aus) und Verschiedenes. 
-j- Postkuriosum. Interessant erscheint folgender 
Fall. In Tempelhof wurde laut Aufgabestempel eine 
Postkarte an einen Herrn F. dahier am 4. 9. 05. zwischen 
7 und 8 Uhr nachmittags aufgegeben. Diese Karte trägt 
vom hiesigen Postamt den Zustellungsstempel 5. 9. 05, 
vormittags 9 1 /* bis 10 l / t Uhr. Derselbe Adressat erhielt 
vom gleichen Absender eine Postkarte die am Postamt 
Tempelhof am 4. 9. 05 zwischen 9—1« (laut Stempel) 
nachmittags aufgegeben war und hier laut Poststempel 
zwischen 7 J / 4 und 8 1 /* Uhr am 5. 9. 05 zugestellt wurde. 
Diese zweite Karte wurde also später aufgegeben und doch 
hier früher zugestellt II 
f Die Schwalben verlassen «uS. Morgen haben 
wir den 8. September und ein alter Spruch sagt: „Mariä 
Geburt, zieh'n die Schwalben furtl" Wenn die.Schwalben 
es mit ihrer Abreise auch nicht auf Tag und Stunde allzu 
genau nehmen, so ist doch mit dem September die Zeit 
gekommen, in der sie uns verlassen, nicht, um heimwärts 
zu ziehen, wie es in dem vielgesungenen Volksliede heißt, 
sondern um den Winter über dahin zu gehen, wo ihnen 
das Finden von Nahrung leichter gemacht ist. Und das 
ist im Süden. Daheim aber ist und fühlt sich die 
Schwalbe weit eher bei uns, als in den fernen, heißen 
Ländern, was sich auch in ihrem ganzen Wesen und 
Gebühren ausspricht. Denn hier bei uns singt und jubelt 
und brütet sie, hier allein ist ihr in Fülle geboten, was 
sie da unten fast völlig entbehren muß: ein naher Anschluß 
an den Menschen und Zulaß und freudige Aufnahme in 
dessen Haus. 
t Der September bringt dem Landwirt folgende 
Arbeiten: Hirse-, Mais-, Samenklee-und Grassamenernte; 
Aufnehmen der früheren Kartoffelsorten. Von Mitte des 
Monats an Roggen- und Wintersaat. — Besser ist es, 
reichlich früh als reichlich spät säen. Für reines, möglichst 
vollkommenes Saatkorn sorgen. „Wie die Saat, so die 
Ernte." Auch Gründüngungspflanzen und Jncarnatklee 
können noch gesät werden. Ende des Monats beginnt 
die Ernte von Feldrüben und Kraut, teilweise auch schon 
Spät-Kartoffeln. Der Hanf wird jetzt ausgezogen, aus 
geklopft und mit dem Flachs zum Rösten auf krautige 
Stoppelfelder oder auf Wiesen ausgebreitet.. 
t Kinematograph. Die Direktion teilt uns mit. 
daß in den heutigen Vorstellungen u. a. „Gretchens 
Liebesroman" in lebenden Bildern vorgeführt wird. Diese 
Bilderserie hat in allen Städten, wo Liebings Kinemato 
graph Vorstellungen gab, Aufsehen erregt. Die Aufführung 
selbst nimmt längere Zeit in Anspruch und erfolgt nur einmal. 
Wir können den Besuch dieser hochinteressanten Vorstellungen 
nur bestens empfehlen. 
f Unter den Lebensverficherungögescllschaften 
nimmt die Germania in Stettin wegen ihrer Größe, 
Sicherheit, hohen Leistungskraft und außerordentlich 
günstigen Bedingungen eine hervorragende Stelle ein. Ihr 
Bersicherungsbestand umfaßt 708 Millionen Mark und ihre 
Sicherheitsfonds betragen 306 Millionen. Die Gesellschaft 
hat ihren Versicherten bisher 295 Millionen Mark Ver 
sicherungsbeträge ausgezahlt und ihnen seit 1871 nicht 
weniger als 84 Millionen Mark zur Verteilung von 
Dividenden zugewiesen. Die Versicherungsbedingungen 
gewähren Unverfallbarkeit; die Policen sind Weltpolicen. 
Die von der Germania betriebene Todesfall-Versicherung 
mit Einschluß der Jnvaliditätsgefahr bietet für alle 
Berufskreise eine wirklich gediegene Pensionsversicherung. 
-}■ Radlerpech. Der Radfahrer R. aus der Menzel 
straße kam gestern dadurch in der Albrechtstraße zu Steglitz 
mit seinem Rade zu Fall, daß ihm ein kleiner Hund unter 
das Vorderrad lief. R. stürzte so unglücklich, daß er sich 
eine bedeutende Verletzung der Kniescheibe zuzog und auf 
die Sanitätswache gebracht werden mußte, wo ihm ein 
Verband angelegt wurde. 
f Von Krämpfen befallen wurde gestern Abend 
in der Kaiserallee, nahe der Hildegardstraße, ein Arbeiter. 
Passanten nahmen sich seiner an und veranstalteten, nachdem 
er sich wieder erholt hatte, eine kleine Sammlung für 
ihn, die den Betrag von 2 M. 50 Pfg. ergab. Ein 
Arbeitskollege brachte den Bedauernswerten in seine 
Wohnung in der Spichernstraße. 
f Gin Einbruchsdiebstahl hat auf der Radrenn- 
bahn in Steglitz stattgefunden. Gestern Nacht wurde eine 
der Radkabinen im Kellergeschoß erbrochen. Die Diebe 
entwendeten eine dem Rennfahrer Peter gehörende 
Maschine im Werte von 300 bis 400 M. die die Nummer 
407 327 trägt. 
Schöneöerg. 
— Schöneberger Anstellungen. Die infolge der 
Wahl des zweiten Bürgermeisters Dr. Gerhardt zum ersten 
Bürgermeister in Halberstadt erledigte Bürgermeisterstelle 
soll ausgeschrieben und mit einem für den Justiz- oder 
höheren Verwaltungsdienst befähigten Beamten besetzt 
werden. Das Gehalt wurde auf 9500 M. bei einer 
Mietsentschädigung von 2000 M. festgesetzt. Mit Rücksicht 
darauf, daß sich für den Bürgermeisterposten zwei Mit 
glieder des Magistrats (die Stadträte Blankenburg und 
Dr. Wölck) beworben haben, faßte die Stadtverordneten- 
Versammlung den Beschluß, die Stelle eines Kämmerers, 
die bisher mit dem Bürgermeisterposten verbunden war 
und für die der städtische Rechnungsdirektor Machowicz 
bekanntlich in Aussicht genommen ist, ebenfalls auszu 
schreiben und bei 1500 M. Mietsentschädigung das Anfangs 
gehalt auf 5500 M. und das Endgehalt auf 7000 M. 
festzusetzen. Die unterm 20. März d. Js. beschlossene 
Stelle eines besoldeten Stadtrats soll wegfallen. 
— A«S dem Handelsregister« Nr. 27 366. 
Offene Handelsgesellschaft Mosler & Sandberg, Berlin, 
und als Gesellschafter Kaufmann Hugo Mosler in Schöne 
berg und Kaufmann Martin Sandberg in Schöneberg. 
Die Gesellschaft hat am 15. August 1905 begonnen. 
Berlin und Wororte. 
'§ Die Pläne der fünf städtischen Straßen 
bahnen wurden, wie s. Zt. gemeldet, im Juni d. I. von 
den Aufsichtsbehörden an den Magistrat mit dem Ersuchen 
zurückgesandt, einige Abänderungen in der Linienführung 
vorzunehmen. Beanstandet wurden namentlich die eine 
der geplanten Südlinien, Großgörschenstraße—Dönhoffplatz 
und die Nordlinie vom Balkenplatz nach dem Stetttner 
Bahnhöfe. Bezüglich der ersteren bietet, wie erinnerlich, 
die Überschreitung des Landwehrkanals am Hafenplatz 
große Schwierigkeiten. In der Ausschußsttzung vom 
14. November v. I. hatte Stadtbaurat Krause selbst 
gesagt: „Sollten aber seitens der Polizei gegen die 
Benutzung der Augusta-Brücke Schwierigkeiten ' gemacht 
werden, so müsse die Bahn über eine neu anzulegende 
Brücke am Hafenplatz, die schon früher geplant worden 
sei, geführt werden." In der Tat haben nun die Aufsichts 
behörden mit Rücksicht auf den Engpaß am Landwehr 
kanal und die steile Anrampung der Königin Augusta- 
Brücke empfohlen, die städtische Straßenbahnlinie lieber 
im Zuge der Köthenerstraße direkt über den Kanal zu 
führen und das Projekt der erwähnten „neu anzulegenden" 
Brücke einzureichen. Städtischerseits ist nun aber der Bau 
einer neuen Brücke mit der Begründung abgelehnt worden, 
die örtlichen Verhältnisse gestatteten einen solchen Brücken 
bau nicht, namentlich sei eine Anrampung auf der Seite 
des Schöneberger Ufers nicht ausführbar. In den den 
Aufsichtsbehörden wieder vorgelegten Plänen ist daher die 
Linienführung über die Königin Augusta-Brücke beibehalten 
worden, nur daß dieselbe jetzt durch den Engpaß, unter 
halb der Eisenbahnbrllcken, zweigleisig gedacht und zwecks 
bequemerer Auffahrt auf die Brücke ein Teil des Vor 
gartengeländes vor dem Hause Königin Augustastraße 3/4 
in Anspruch genommen worden ist. Bezüglich der Nord 
linie war die Belegung der Petersburgerstraße mit vier 
Gleisen beanstandet worden. Dort will die Stadt auf die 
Mitbenutzung der Gleise der Großen Berliner Straßenbahn, 
welche zwischen Balkenplatz und Landsberger Chaussee 
liegen, verzichten; eine Mitbenutzung wäre hier auch nur 
auf Grund freier Vereinbarung möglich, da ja vertraglich 
nur 400 Meter mitbenutzt werden dürfen und jene Strecke 
mehr als doppelt so lang ist. Mit viergleistgen Bahnen 
hat man aber schon schlechte Erfahrungen gemacht; in der 
Mauerstraße und vor dem Kammergericht sind' sie daher 
auch beseitigt worden. Auch bezüglich dieses Punktes ist 
die Stadt bei ihrem früheren Projekte geblieben, so daß 
auch nach den wieder vorgelegten Plänen die Peters- 
burgerstraße mit vier Gleisen bedacht ist. Die Auffichts 
behörden müssen nun in eine erneute Prüfung der 
städtischen Straßenbahn-Pläne eintreten; bleiben sie, wie 
eigentlich zu erwarten steht, bei ihrer Ansicht, so dürfte die 
endgiltige Entscheidung dem Minister der öffentlichen 
Arbeiten zufallen. 
8 Die beiden Amtsgerichte Pankow und Weißen 
see, deren Bau jetzt der Vollendung entgegen geht, sind 
zur Aufnahme von je 8 Gerichtsabteilungen bestimmt und 
zwar sind das sowohl Zivil- wie Strafabteilungen, während 
die Strafabteilungen der ebenfalls ihrer Vollendung ent 
gegengehenden Amtsgerichte Schöneberg und Wedding in 
den großen Erweiterungsbau ' des Kriminalgericht zu 
Moabit untergebracht werden sollen. Die Gefängnisse der 
Amtsgerichte Pankow und Weißensee werden zur Aufnahme 
von 40—50 Gefangene dienen. 
8 Eine „wichtige" Sitzung der städtischen 
Berkehrsdepntatio» soll, wie in Stadtverordneten 
kreisen verlautet, am Dienstag über acht Tage, den 
19. d. M., stattfinden. Es wird nichts Geringeres be 
hauptet, als daß an diesem Tage über die Fortführung 
der Hochbahn in das Stadtinnere bezw. den dieserhalb 
zwischen Stadtgemeinde und Hochbahngesellschaft abzu 
schließenden Vertrag definitiv Beschluß gefaßt werden soll. 
8 Der Umzug des Patentamtes von dem alten 
Gebäude in der Luisenstraße nach dem Neubau in der 
Gitschinerstraße hat bereits am heutigen Morgen seinen 
Anfang genommen. Vor dem Hause hielten große Möbel 
wagen, deren Inhalt, Bücher und Papiere, in die zur 
ebenen Erde gelegenen Räumlichkeiten geschafft wurden. 
8 Der au der Südseite der Prinz Albrecht 
straße noch übrig gebliebene Teil vom Garten des Kriegs- 
Ministeriums, der während des jetzt vollendeten Baues der 
königlichen Kunstschule als Lagerplatz für Baumaterialien 
aller Art und Schutt diente, wird jetzt wieder planiert 
und durch Ansamung von Gras neu hergerichtet, über 
kurz oder lang wird auch dieser mit alten schönen Bäumen 
bestandene Garten verschwinden, da das Kunstgewerbe- 
Museum gleich dem Völker-Museum zur Aufnahme der 
Sammlungen, die sich immer mehr vergrößern, eines Er 
weiterungsbaues bedürfen wird. 
8 Das Denkmal des großen Philosophen 
Johann Gottlieb Fichte auf dem alten Dorotheen 
städtischen Kirchhof befindet sich zur Zeit in einem sehr 
schlechten Zustande. Es besteht in einem hohen, mit dem 
Mcdaillonbild des Verewigten geschmückten Obelisken auS 
Gußeisen, an dem Wind, Wetter und Rost ihre zerstörende 
Kraft ausgeübt haben. Unter dem Hügel ruht auch 
Fichtes Gattin, die als „würdig eines solchen Mannes" 
an dem Denkmal gefeiert wird. Neben Fichtes Grab 
befindet sich das des Philosophen Hegel. 
8 Der Schah von Perfie» hat den Inspektoren 
Krause und Stegemann von der Internationalen Eisenbahn^ 
Schlafwagen-Gesellschaft aus Anlaß seiner letzten Reise 
von Vichy nach St. Petersburg, zu der die genannte Ge 
sellschaft den Sonderzug gestellt hatte, den persischen 
Löwen-Sonnenorden verliehen. 
8 Die altbekannte Telschow'sche Konditorei, 
die infolge Abbruchs des Hauses verlegt werden muß, ist 
Jahrzehnte hindurch mit der nächsten Umgebung des Pots 
damer Bahnhofs unzertrennlich gewesen. Sie befand sich 
ursprünglich auf der Westseite des Potsdamer Platzes in 
einem längst verschwundenen Gebäude, das sich vor dem 
alten Potsdamer Bahnhof erhob. Der Gründer der 
Konditorei war ein Schweizer Namens Bolzani und weit 
hin war dieser Name auf einem großen Schilde an dem 
alten Gebäude sichtbar. 
Sieglitz. In den Fahrstuhlschacht hinabgestürzt. 
Der erste schwere Unfall hat sich gestern im neuen kaiser 
lichen Patentamt in der Gitschinerstraße ereignet. Der in 
Steglitz wohnhafte Beamte Giereck hatte in der Mittags 
stunde in der zweiten Etage des Riesengebäudes zu tun 
gehabt. Er hatte sich hierbei auch dem Fahrstuhl genähert 
und nicht bemerkt, daß die Türe zu dem Schacht offen 
stand. Blindlings trat G. in die Öffnung hinein und 
stürzte mit einem Aufschrei kopfüber in die Tiefe. Mit 
schweren inneren Verletzungen blieb der Verunglückte 
bewußtlos am Boden liegen. Er wurde nach seiner 
Wohnung gebracht. 
Zuschriften. 
WaS fehlt ut Friedenau? 
(Ein Nachwort zum Sedantage.) 
Der Tropfen Spartanerblut, der in den Adern der Preußen rollt, 
wenn auch nicht infolge von Blutsverwandtschaft, sondern von WesenS- 
Shnlichkeit, ist dem ganzen deutschen Vaterlande zu gute gekommen. 
Wir wollen diese Blutart erhalten. Zwar wird jeder den goldenen 
Frieden loben und lieben und daS Ideal eines ewigen Völkerfriedens 
preisen, um die Menschen zu veredeln, aber erreichen werden wir dies 
Ideal ebenso wenig wie alle andem. Die drohenden Kriegswolken 
des letzten Frühjahrs haben uns daran gemahnt, daß wir Deutschen 
immer auf Posten stehen sollen, toujours en vedette! wie Friedlich 
der Große sagte, daß wir ruhig Sedan weiter feiern dürfen, und 
endlich, daß wir Soldaten bleiben müssen, stark zu Wasser und zu 
Lande. Wir brauchen dazu einen kräftigen Nachwuchs, eine fröhliche, 
gesunde und nicht verweichlichte Jugend. Alle vernünftigen Lehrer 
sind heute darüber einig, daß die körperliche Übung in der Jugend 
erziehung eine wichtige Rolle spielt, daß aber der Turnunterricht 
allein nicht ausreicht. Mit Recht pflegt man jetzt eifrig die Jugend- 
spiele, denen man am besten nicht soldatischen Charakter gibt. Die 
Jugend soll spielen, aber nicht exerzieren, Große und gut ein 
gerichtet« Spielplätze, geräumige Schulhöfe find unentbehrlich und 
an manchen Orten auch schon vorhanden. 
Was abii in Friedenau vollständig fehlt, das ist eine 
Badeanstalt für Knaben und Mädchen. Die Erfahrungen des 
Sommers 1904 und des Frühsommers in diesem Jahre haben diesen 
Mangel ganz besonders fühlbar gemacht. Alle Friedenauer Eltern 
hüben und drüben werden mir beistimmen: wir brauchen ein 
SLwimmbad für die Jugend. Ins Wasser will sie, wenn es 
heiß ist; sie hat vollkommen Recht. Die Dummheiten aber, die im 
Wasser getrieben werden, sind gesund und dabei harmloser als die 
auch unvermeidlichen zu Lande. 
Ihr Stadtviter von Friedenau, die ihr so sachlich und so freudig 
unter einsichtiger und tatkräftiger Führung für den Ort sorgt, setzt 
euch ein Denkmal durch die Schöpfung eines EedanbadeSI Damit 
sorgt ihr auch für künftige Soldaken und künftige Soldatenmütter l 
Prof. Di. Thouret. 
Gerichtliches. 
(:) 8 A58 der Zivilprozeßordnung gestattet bei wiederkehren 
den Leistungen auch wegen der erst nach Erlassung des Urteils fällig 
werdenden Leistungen eine Klage auf künftige Entrichtung. Auf 
Grund dieser Bestimmung hatte ein Hausbesitzer gegen einen Mieter 
Klage erhoben auf Zahlung des erst künftig fällig werdenden Miets 
zinses; er wurde aber, wie die .Düsseld. Ztg." mitteilt, durch Urteil 
des Oberlandesgerichts Hamburg vom 20. März 1905 mit seiner 
Klage abgewiesen. Vermiether hat nach den bestehenden gesetzlichen 
Bestimmungen vorzuleisten; er kann also den Mietszins eist bean- 
sprachen, wenn er nachweist, daß er seinerseis die ihm aus dem Miet 
vertrag obliegenden Verpflichtungen erfüllt hat. Voraussetzung der 
Klage aus § 258 C.-P.-O. ist aber, daß es sich um Leistungen 
handelt, die nach Erlaß des Urteils fällig werden, d. h. alsdann ohne 
weiteres infolge Zeitablaufes zu erfüllen, also nicht etwa von einer 
vorgängigen Gegenleistung abhängig sind. Wollte man die Klage 
auch bei derartigen Rechtsverhältnissen zulassen, so würde der 
Schuldner, wenn nun späterhin die Gegenleistung nicht erfüllt wird, 
gezwungen sein, seirurseits eine neue Klage aus tz 767 C.-P.-O. auf 
Aufhebung des ergangenen Urteils anzustrengen. Das liegt nicht in
        
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