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Periodical volume Nr. 248, 21.10.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Frie-eimer fokol^nicipr. 
Gleichzeitig Organ für den ^riedenaner Grtsteil 
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von Schöneberg nnd den Vezirksverein Süd-West. 
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Ur. 207 
Friedenau, Montag den 4. September 1905. 
12. Irchrg. 
Depeschen 
Wiesbaden. Auf der Ahrstraße zwischen Langen- 
schwalbach und Hohenstein verunglückte am Sonnabend 
ein Militärautomobil dadurch, daß die Steuerung des in 
voller Fahrt befindlichen Wagens versagte. Das Automobil 
überschlug sich. Die drei Insassen, ein Offizier, der 
Chauffeur und ein Militärradfahrer, wurden heraus 
geschleudert. Während die beiden letzteren nur leichtere 
Verletzungen davontrugen, wurde der Offizier recht erheb 
lich an den Armen und Beinen verletzt. 
Hanau. Ter auf Anregung der hiesigen städtischen 
Behörden anläßlich der Fleischnot vorgestern nach Hersfeld 
berufene Vorstand des hessischen Städtetages beschloß 
gemäß des Antrages Hanau an die zuständigen Stellen 
eine Eingabe zu richten, um Aufhebung der Grenzsperre 
bis die Fleischnot beseitigt ist. 
Saaz. Der Chef der Saazer Kaffeerösterei Karl 
Kneisel und dessen Schwager wurden verhaftet, weil die 
selben zahlreiche in- und ausländische Geschäftshäuser um 
Hunderttausende betrogen haben. 
Wien. Der aus Marienbad zugereiste griechische 
Vizekonsul in Egypten, Pietro Felice, ist in einem hiesigen 
Kaffeehaus infolge Herzschlages plötzlich gestorben. 
Mailand. Wie der „Carriere della Sera" meldet, 
hat ein Kriegsberichterstatter den General Stöffel schriftlich 
wegen Verleumdung verklagt. Stöffel hatte den Bericht- 
erstatter, der sich während der Belagerung in Port Arthur 
befand, in einer amtlichen Meldung als Spion bezeichnet. 
Man glaubt, daß bei diesem Prozesse die Verhältnisse 
während der Belagerung von Port Arthur zur Sprache 
kommen werden. 
Paris. Wegen Ausbruchs der sCholera in Deutsch 
land hat der Minister des Innern einen verschärften 
Sanitätsdienst an der Grenze und den Häfen angeordnet 
und den betreffenden Amtsorganen doppelte Wachsamkeit 
zur Pflicht gemacht. 
Wie dem „Echo de Paris" aus Fez gemeldet wird, 
halten die deutschen Finanzleute die Einkünfte des Maghzen 
zur Garantie der aufzunehmenden Anleihe für unzu 
reichend und verlangen, daß die von der Garantie für die 
französische Anleihe disponibel gebliebenen 40 Prozent der 
Zolleinnahmen als Garantie für die die deutsche Anleihe 
dienen soll. 
Der Petersburger Korrespondent des „Echo de Paris" 
will erfahren haben, daß der Vorstand der Semstwo in 
Moskau eine Mitteilung erhalten habe, wonach die Ein 
berufung der Duma Infolge neuentstandener Schwierig 
keiten um ein oder zwei Jahre vertagt werden solle. 
Barcelona. Eine Bombenexploston fand gestern 
statt. Die Zahl der verwundeten resp. getöteten Personen 
wird auf 35—60 angegeben. Unter diesen befinden sich 
die Gattin und drei Töchter eines Obersten; sie sind schwer 
verletzt. Ein anderes Mädchen ist tot. Ihre Schwester 
liegt im Sterben. — Die Panik, welche durch das gestrige 
Bombenattentat entstand, wurde dadurch noch vermehrt, 
daß ein Baum durch die Explosion zersplittert wurde und 
Gesagtes 8pie». 
Roman von H. von Schreibershofen. 
4, (Nachdruck »erboten.) 
' Ercole' wendete sich ab. „Wo? In Sizilien. Wie? Ich 
weiß nur, daß man ihn tot an einer Wcgböschung fand. 
Wagen und Pferde standen aus der Straße, der Kutscher 
war verschwunden." ..... , , 0 
„Und was taten die Behörden, wie verlief die Untersuchung ? 
War er allein gewesen, fand man den Kutscher? Was sagte 
man Euch, ivomit erklärte man den Vorgang? Was führte 
ihn dorthin?" , 
Ercole zuckte mit den Achseln. „Er reiste un Aufträge 
der Regierung, es handelte sich um Ermittelungen in Sachcit 
des ermordeten Bürgermeisters —" 
Laveggis Hand packte Ercoles Arm mit eisernem Griff. 
„Im Aufträge der Regierung —! Kannst Du darnach noch 
an einen Unfall glauben? Ist Dir nie ein Verdacht aufge 
stiegen?" Einen Augenblick sahen sich die beiden jungen Männer 
starr an. Langsam tauchte in Ercoles dunklen 'Augen ein 
neuer Ausdruck auf; sein Gesicht verlor das Weiche, Un 
entschiedene, eine feste Entschlossenheit zeigte sich daraus, dre 
Züge vertieften sich, er erschien um viele Jahre gealtert, Noch 
während Lavcggi es beobachtete, verlor es sich, aber es war 
da gewesen und Girolamo sagte sich, nie wieder ließ sich dieser 
Ercole von Nicoletta beherrschen. „Wer — wer hatte es 
gewagt!" stieß Ercole hervor. „Was — glaubst Du, 
Girolamo?" zitterte es von seinen Lippen. 
Girolamo flüsterte ihm nur ein Wort ins Ohr., 
„Die Ma —" schrie Ercole auf, doch schon lag Girmamos 
Hand auf seinen Lippen. »Hüte Dich vor jedem Worte, 
auf die Volksmenge fiel. Die Zahl der Opfer beträgt 
bisher 21. Darunter eine Frau tot, eine tödlich verletzt, 
10 Personen sind schxver verletzt, unter ihnen der Uerheber 
des Attentats. 
Tanger. Taillandier hat in dem Ultimatum an den 
Sultan eine Frist gestellt, welche am 5. d. M. Mittags 
12 Uhr abläuft. 
Konstantinopel. Mehrere Feuersbrünste sind in 
Adrianopel ausgebrochen, insgesamt sollen 7000 Häuser 
zerstört sein. Das griechische, armenische, bulgarische und 
jüdische Stadtviertel, sowie die katholische und die arme 
nische Kirche, ein Kloster, eine Moschee und das Tele 
graphenamt sind ein Raub der Flammen geworden. Die 
Zahl der Opfer ist bedeutend, jedoch noch nicht genauer 
bekannt. 
Schanghai. Schanghai erlitt durch einen Taifun 
und Hochflut einen enormen Schaden. Die Straßen und 
Werftlagerhäuser wurden überschwemmt, zahlreicheDschunken 
sind gesunken. Der Schaden, der sehr bedeutend ist, ist 
bis jetzt noch nicht festgestellt. 
Zu den Friedensverhaudlunge«. 
London. Verschiedene Blätter melden aus Peters 
burg, General Liniewitsch werde zum Vizekönig von 
Sibirien ernannt werden. 
Kriegskorrespondenten hiesiger Blätter stellen fest, daß 
die Nachricht vom Friedensschlüsse von der russischen 
Armee mit ungeheurem Jubel aufgenommen worden sei. 
Nom. Die „Tribuna" berichtet aus Tientsin über 
die Unzufriedenheit in Japan wegen des Friedensschlusses, 
daß eine revolutionäre Bewegung tatsächlich im ganzen 
Lande begonnen habe. Die Zerstörung des Kabels wird 
dieser Bewegung zugeschrieben. 
Paris. „Petit Journal" meldet aus Portsmouth: 
Entgegen der Ansicht der russischen Delegierten, drückte 
Takahira die Meinung aus, daß noch eine Beratung der 
Delegierten, wahrscheinlich Dienstag Abend nötig sein 
werde, sodaß der Friedensvertrag noch nicht Montag Nach 
mittag völlig fertig gestellt werden könne. Nach den Er 
klärungen eines japanischen Attaches werden Witte und 
Komura je zwei Exemplare des Vertrages für ihre Re 
gierungen erhalten. Der Mikado wird nach Unter 
zeichnung des Friedensvertrages diesen an Präsident Roose- 
velt senden, welcher den Zaren telegraphisch hiervon in 
Kenntnis setzen wird. Witte wird seinerseits die beiden 
Kopien dem Zaren zustellen, der nach Unterzeichnung des 
Vertrages diesen dem Präsidenten Loubet zusenden wird, 
welcher wiederum dem Mikado telegraphisch hiervon be 
nachrichtigt. 
Volkszählung. 
Am 1. Dezember d. Js. findet eine allgemeine Volks 
zählung im Deutschen Reiche statt. Der Minister des 
Innern hat jetzt betreffs dieser Zählung an die ihm unter 
stellten Regierungspräsidenten verfügt: 
Die Volkszählung wird ähnlich wie in den früheren 
Jahren ausgeführt werden. Die in je 3 Abdrücken ange- 
willst Du einst wirtlich handeln!" sagte Lavcggi leise abor 
nachdrücklich, indes Ercole ihn scheu und entsetzt ansah. 
Lippone hatte die Terrasse oberhalb der Teufelsschlucht 
erreicht und blickte ungeduldig in die Höhe. Warum zögerten 
die jungen Herren denn! Hatten sie etiva Furcht? Bei diesem 
Verdachte regte sich in deni Burschen eine zornige Verachtung 
gegen die beiden jungen Leute, trotzdem er selbst voll aber 
gläubischer Augst steckte. Unwillkürlich stellte er jene so weit 
über sich, daß er es ihnen nicht zilgetraut hätte. Doch nein, 
sie kamen schon näher, Arm in Arm jetzt ivieder. 
„Arme Mutter," flüsterte Ercole, dem sich die Erklärung 
sür seiner Mutter stete Besorgnis sofort aufdrängte. Sie 
hatte geahnt, gcivußt, was ihn jetzt wie ein Blitzstrahl traf und 
was sie ihm so angstvoll verschwiegen. Sie hatte es allein 
getragen — seinetivegen. Unaussprechliches Erbarmen mit ihr 
erfüllte sein Herz, jede Bitterkeit, jeder Vorwurf schwand, denn 
er verstand sie. 
„Arme Mutter," wiederholte auch Girolamo. „Du bist 
ihr Einziger, dennoch darfst Du Dich nicht ganz von ihr leiten 
lassen." 
„Ihr Einziger," sagte mechanisch Ercole, „arme Mutter!" 
Laut bellend war währenddem der Hund in die Teufels 
schlucht eingedrungen, kam aber jetzt mit eingezogenem Schweife, 
leise winselnd zurück und drängte sich zwischen die jungen 
Männer. 
„Was hat das Tier!" rief Lavcggi ans und preßte 
warnend Ercoles Arm, indem er sich nach Lippone umsah. 
„Vorwärts Lippone, zeige uns, wo und was Du gesehen. Tu 
wirst doch hier nicht bleiben wollen!" 
Lippone hatte sich hinter einen Felsblock geduckt, schüttelte 
den Kopf und murmelte etwas von bösen Geistern. 
„WaS!" rief Girolamo aus. «Wir sollen hineingehen, uns 
schlossenen, bei der Zählung zur Verwendung kommenden 
Erhebungspapiere und Anweisungen, nämlich 1. die Zähl 
karte A, 2. das Haushaltungsverzeichnis B, 3. der Zähl 
briefumschlag C/D mit der Anleitung 0 und Muster aus 
gefüllter Formulare A und B, 4. die Anweisung E für 
die Zähler mit dem Muster einer ausgefüllten Kontrolliste 
E, 5. die Zählkontrolliste F, 6. die Ortsliste 6-, 7. das 
Muster einer ausgefüllten Ortsliste 0 und 8. die An 
weisung 8 für die Behörden, ergeben hierüber das Nähere. 
Indem ich ersuche, nach Maßgabe der Anweisung 8 die 
erforderlichen Verfügungen an die Kreisbehörden unter 
Beifügung von je 3 Stücken der Zählpapiere ergehen zu 
lassen, bemerke ich noch folgendes: 
1. Den Ortsbehörden wird, wie bei früheren 
Zählungen, der doppelte Bedarf an Zählerkontrollisten F 
zugehen, damit die von den Zählern aufgestellte Urschrift 
bei der Behörde verbleiben, die Reinschrift aber alsbald 
an das Kgl. Statistische Landesamt gelangen kann. Um 
bei der diesjährigen Volkszählung mehrfach geäußerten 
Wünschen zu entsprechen, enthält die Kontrolliste F am 
Schlüsse eine Zusammenstellung der ortsanwesenden Be 
völkerung nach dem Religionsbekenntnisse für Gemeinde 
zwecke. 
2. Seitens des Kgl. Statistischen Landesamts werden 
wiederum handschriftliche Übersichten der entgiltigen Er 
gebnisse der Zählung g.) den Kreisbehörden nach dem 
Muster der Anlage J, b) den Vorständen aller Gemeinden 
mit 2000 und mehr Einwohnern nach dem Muster der 
Anlage 8 ohne vorherigen Antrag zugehen. 
3. Für jede Stadt, jede Landgemeinde und jeden 
selbständigen Gutsbezirk ist bei der bevorstehenden Auf 
nahme von der Orsbehörde oder der Zählerkommission 
auf Grund der Zählerkontrollisten F eine Ortsliste Q- auf 
zustellen und durch Unterschrift zu beglaubigen. Bei Ab 
sendung der Ortsliften 8 und der Reinschrift der Zähler 
kontrollisten F an das Kgl. Statistische Landesamt ist ein 
sorgfältig aufgestelltes Verzeichnis sämtlicher zum Kreise 
gehörigen Städte, Landgemeinden und Gutsbezirke ein 
zureichen. 
4. Die unter 8 2 der Anweisung 8 für die Behörden 
erwähnte, vom Kgl. Statistischen Landesamte rechtzeitig 
zu übersendende „Ansprache" an die Bevölkerung ist durch 
Abdruck in dem Amtsblatts und in den Kreisblättern, so 
wie durch Verlesen in den Gemeindeversammlungen, ins 
besondere auch durch eingehende Besprechung in den 
Schulen und auf andere geeignete Weise möglichst zu ver 
breiten, wobei darauf hinzuweisen ist, daß die Volks 
zählung nicht zu irgend welchen steuerlichen Zwecken 
erfolge. 
5. Es darf erwartet werden, daß auch für die dies 
jährige Volkszählung sich geeignete Personen in genügen 
der Anzahl finden werden, welche das Ehrenamt eines 
Zählers zu übernehmen bereit sind. In den Regierungs 
bezirken, deren Bevölkerung stark mit fremdsprachigen 
Teilen durchsetzt ist, muß besonderes Gewicht auf die Ge 
winnung unbedingt zuverlässiger Zähler gelegt werden, 
mögen die Geister den Hals umdrehen. Du willst hier 
bleiben!" 
„Die Herren glauben ja nicht daran," antwortete Lippone 
und wickelte sich fester in seinen Mantel. 
„Laß ihn hier;" sagte Ercole, ohne den Burschen anzu 
sehen, „kann man doch kein Tier zwingen, gegen seine Natur 
zu handeln, warum also einen Menschen. Wir bedürfen seiner 
nicht." Er wendete sich ab. 
„Die Herren werden schon finden, was es zu schießen 
gibt," meinte Lippone, erfreut über Ercoles unerwarteten 
Beistand. 
Girolamo zuckte die Achseln. „Kein Pater könnte eine 
bessere Illustration zur Macht des Glaubens geben, als Lippone 
jetzt. Weil er an böse Geister glaubt, könnten sie ihm schaden, 
vielleicht den Hals umdrehen, uns tun sie nichts, unseres Un 
glaubens halber. Halt, Ercole, nimm mich mit 1" 
Ercole war heftig vorwärts gegangen und hatte die ver 
rufene Schlncht betreten. Ter Hund schmiegte sich ängstlich an 
ihn an. Mond und Schnee zusammen geben ein schwaches 
Dämmerlicht, in dem man wunderlich geformte, phantastische 
Felsen unterschied, von Schlingpflanzen überwuchert. Hier und 
da erhob eine Agave ihre spitzen Lanzenblätter und streckte 
sie drohend abwehrend den Eindringlingen entgegen. Es war 
unheimlich in der engen Schlucht, wo das unbestimmte Licht 
alles ins Ungeheure vergrößerte. Das Echo trug das Brüllen 
der Meereswogcn herein und der Wind heulte und pfiff, sodaß 
es wie janlniernde, klagende Menschenstimmen klang. Eine 
eisige Lust dtirchströmte das schmale Tal, beide junge Männer 
schauerten zusammen. 
„Sieh, dort ist etwas, aber — alle Heiligen, was ist das!" 
Girolamo deutete mit der Hand auf etwas, zugleich 
sprang Ercole vorivärts und bückte sich. ...
        
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