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Periodical volume Nr. 203, 30.08.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Frie-kimn Lilral-Kizeiser. 
GleichzeiÜg Organ für den Zriedenauer Ortsteil von Schöneberg nnd den Bezirksverein Süd-West. 
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»r. 203 
Friedenau, Mittwoch den 30. August 1905 
12. Iahrg. 
Depeschen 
Warschau. Die Entlastung des Generalgouverneurs 
Naxinowitsch erfolgte deshalb, weil derselbe gegenüber den 
revolutionären Bestrebungen nicht energisch genug vorging. 
— Hier wurden zahlreiche Mitglieder des sogenannten 
revolutionären jüdischen Bundes verhaftet. Die gesamte, 
angesehene Personen kompromittierende Korrespondenz 
wurde beschlagnahmt. 
Paris. Im Ministerium des Auswärtigen wird 
mitgeteilt, daß der Gesandte in Fez, Taillandier, heute 
oder morgen dem Sultan ein Ultimatum übereicht und 
gleichzeitig die marokkanische Regierung benachrichtigt, daß 
er Fez verlasse, wenn Frankreich nicht sofort Genugtuung 
gewährt wird. 
Die Obduktion der Leiche Crosniers ergab, daß er 
vor dem Selbstmord durch Erschießen bereits den Versuch 
gemacht hatte, sich mit Cyankali zu vergiften. Das Be 
gräbnis findet heute statt. 
Der Dampfer „Justin" aus Dünkirchen ist ver- 
gangene Nacht bei Brest gesunken. Die Besatzung in 
Stärke von 20 Mann wurde gerettet. 
Tonlou. Gestern fand eine Konferenz der Admirale 
statt, um über die Zusammenstellung eines Geschwaders 
zu beschließen, welches zwecks Veranstaltung einer Demon 
stration nach den marokkanischen Gewässern gehen würde. 
Acht Schiffe wurden designiert, welche in 48 Stunden zur 
Abfahrt bereit liegen; es sind dies 5 Kreuzer, 2 Panzer 
schiffe und 1 Küstenschiff. 
Tanger. Der Sultan ließ gestern dem französischen 
Vertreter seine schriftliche Antwort übermitteln. Der 
Sultan weigert sich nach wie vor den Verhafteten freizu- 
lasten und besteht darauf, daß er kein Algerier, sondern 
ein Marokkaner sei. 
Athen. Der Ministerrat beschloß, an die Schutz 
mächte eine Note mit der Bitte zu richten, dem Blut- 
vergießen auf Kreta dadurch Einhalt zu tun, daß die 
internationalen Truppen durch griechische ersetzt werden. 
Wie es heißt, soll sowohl in französischen als auch 
italienischen Regierungskreisen Stimmung für diesen Antrag 
bestehen. 
Neuyork Die Aktionäre der Hangkaubahn stimmen 
für den Verkauf an China. 
Z« de« Friedensverhandlungen. 
Wie». Die gesamte hiesige Presse drückt an 
leitender Stelle ihre Befriedigung über das Zustande 
kommen des Friedens aus und ist der Ansicht, daß es 
nunmehr zwischen Japan und Rußland wahrscheinlich zu 
einer intimen Annäherung kommen wird, da die beiden 
Mächte gemeinsame Interessen in Ostasten haben. 
London. „Daily Mail" bestätigt, daß die Er 
neuerung des Allianzvertrages zwischen England und 
Japan eine umfassendere und bedeutendere Basis besitzt, 
als der frühere Vertrag. Die Unterzeichnung desselben 
habe bereits stattgefunden. — In hiesigen gut unter 
richteten Kreisen ist man der Ansicht, daß Japan durch 
Der Mivaldelekliv. 
Noveletle von Otto Erich von Wussow. 
(Nachdruck verboten.) 
(Schluß.) 
Frau Anna hatte sprachlos bald den Erzähler, bald 
ihren Gatten angesehen. Rudolf machte ebenfalls ein sehr 
überraschtes Gesicht setzte aber durchaus nicht die Miene 
eines Nebenbuhlers auf. 
„Da kann ich Dir ja herzlich gratulieren, lieber 
Freund", sagte er zu Dr. Waiden, und streckte diesem die 
Hand entgegen. „Du wirst nun wohl auch in den Stand 
der heiligen Ehe eintreten, wozu ich Dir und Deinem 
Fräulein Brentano alia8 Brenner aufrichtig Glück wünsche. 
ES ist ja recht schade, daß Du voraussichtlich der Kunst 
eine ausgezeichnete Schauspielerin raubst, aber das Ver 
heiratsein ist doch schöner. Ich kann nur aus Erfahrung 
sprechen, nicht wahr Anni? Wer ist wohl so glünlich wie 
wir zwei Beiden?" 
In Frau Annas Augen traten Tränen. Sie nickte 
stumm. Wie hatte sie an der Treue ihres Rudi auch nur 
einen Augenblick zweifeln können? 
Der Gast empfahl sich bald. Er wollte das Glück 
des heutigen Tages ausnützen. Die beiden Ehegatten 
waren wieder allein. Frau Anna schwieg noch immer von 
den Mitteln. die sie ins Werk gesetzt hatte, und Rudolf 
plauderte von seinem Freunde, den er auf den gemein 
schaftlichen Reisen oft aus seiner trüben Stinimung hatte 
herausreißen müssen. 
einen Geheimvertrag mit Rußland sich weitere Konzessionen 
gesichert hat. 
Portsmouth. Nachdem es in der gestrigen Sitzung 
der Friedenskonferenz zu einer Verständigung gekommen 
war, wurden sofort umfangreiche Depeschen nach Tokio 
und Petersburg gesandt. Die Antworten werden für heute 
erwartet. 
Für den Unterhalt der russischen Gefangenen ver 
langt Japan eine Entschädigung von 100 000 000 Dollars. 
— Hier verlautet, daß mehrere Wochen nötig sein werden, 
um die Einzelheiten des Friedensvertrages festzustellen. 
Mit der Abfassung dieses Vertrages ist Prof. v. Martens 
beauftragt worden. — Der japanische Delegierte Sato 
stellte noch gestern Abend nach der Rückkehr von der 
Nachmittagssitzung im Hotel das Protokoll der Sitzung 
fest. In derselben wurden noch verschiedene Einzelheiten 
des Friedensvertrags erörtert. Martens wurde ersucht, 
seine Arbeit wurde sobald wie möglich zu beginnen und 
zu beschleunigen. 
Witte sagte Abends, altz gestern Nachmittag ein neuer 
Metstbegünstigungsvertrag zwischen Japan und Rußland 
diskutierbar wurde, daß er, da die alten Verträge durch 
den Krieg annuliert worden seien, den formellen Abschluß 
des Friedensvertrages in fünf bis sechs Tagen erwarte. 
Außer der Diskussion des Meistbegünstigungsvertrages 
wurde in der Nachmittagssitzung die Räumung der Mand 
schurei festgesetzt, ferner über die ostchinesische Eisenbahn 
bestimmt, daß sie unter japanische Kontrolle zu stellen 
sei. Die Güter Japans und Rußlands sollen gleiche Be 
günstigungen genießen. 
Ein Japaner äußerte sich dem Korrespondenten der 
„Franks. Ztg." folgendermaßen über die Gründe, welche 
die Regierung zum Nachgeben veranlaßten: Wir haben 
das Ziel, weshalb wir den Krieg angefangen haben, 
erreicht, nämlich das Zurückdrängen des russischen 
Einflusses, seine Entfernung aus der Mandschurei und 
die Anerkennung der offenen Tür. Da russisches Gebiet 
von uns nicht besetzt ist, ist unser Anspruch auf Indemnität 
nicht unbestritten. Wenn wir weiter gekämpft hätten, 
w re vielleicht Wladiwostok gefallen, aber auch dann wäre 
Rußland nicht unbedingt zum Frieden gezwungen gewesen 
und das Ende des Krieges nicht vorauszusehen. Deshalb 
gaben wir in der Jndemnitätsfrage nach, die nicht ein 
vitales Interesse für Japan bedeutet. Richtig ist, daß das 
Volk anders denkt, aber viele Gebildete werden die Gründe 
der Regierung zum Nachgeben anerkennen. 
Tokio. Der japanische Ministerrat hat sich ent 
schlossen, eine außerordentliche Parlamentssession einzu 
berufen, um dem Landtage den Friedensvertrag zu unter 
breiten. Die Session dürfte höchstens acht Tage dauern. 
Mgemeines. 
[] Bei der diesjährigen Volkszählung am 
1. Dezember sollen neben den Gebrechlichen überhaupt, 
über die schon in früheren Jahren Erhebungen stattfanden, 
zum ersten Male die Geisteskranken Berücksichtigung finden. 
Der Vormittag des nächsten Tages brachte wieder 
einen Brief des Detektiv, in dem dieser bat, die gnädige 
Frau zwecks persönlicher Rücksprache aufsuchen zu dürfen. 
— Rudolf war kaum am Nachmittag gegangen, als sich 
der Mann melden ließ. Er hielt Frau Anna eine große 
Rede, daß er jetzt auf der richtigen Fährte sei, daß er 
aber dringend deswegen eines neuen Vorschusses benötige. 
Frau Anna erklärte demgegenüber, daß davon' nicht 
die Rede sein könne, da sie beabsichtige, die Beobachtung 
einstellen zu lassen. 
„Wie gnädigste Frau befehlen, ich darf dann wohl 
die Rechnung für meine Bemühungen, die ich gewiß sonst 
noch mit Erfolg gekrönt gesehen hätte nach Abzug der 
gütigst gezahlten Vorschüsse von zusammen 200 Mark, 
liquidiren?" 
Der kleinen Frau Fnna wurde es ganz schwarz vor 
den Augen. 
„Wieviel bekommen Sie denn noch?" preßte sie müh 
sam heraus. 
„Ich berechne jede Observatjon, Alles in Allem, mit 
der Kleinigkeit von 500 M., gnädige Frau, und darf da 
her wohl um die noch zu zahlenden 300 M. bitten." 
Ich werde Ihnen dieselben in diesen Tagen schicken, 
da ich augenblicklich nicht soviel Geld im Hause habe, 
wollen Sie mir bitte das Bild zurückgeben?" 
„Verzeihen Sie. gnädige Frau. Das Bild werde ich 
Ihnen sofort nach Empfang der genannten Summe zu- 
senden. Empfehle mich gehormsamst." — 
Es wird sich dabei um allgemeine Feststellungen handeln, 
welche die Geisteskranken nach den Bestimmungen des 
Bürgerlichen Gesetzbuches unterscheiden. Es ist dort (§ 6, 
Ziffer 1) bekanntlich für Personen, die entmündigt werden 
können, der Unterschied gemacht: wer infolge von Geistes 
krankheit oder von Geistesschwäche seine Angelegenheiten 
nicht zu besorgen vermag. Die neuesten Veröffentlichungen 
des Statistischen Landesamts über die Heilanstalten im 
Preußischen Staate bemerken zu der geplanten Neuerung: 
„Allerdings wird das Volkszählungsergebnis nicht an und 
für sich einwandfreie Unterlagen für die Beratung über 
die Anstaltsbedürfnisse der Provinzen liefern können, es 
sei denn, daß eine Nachprüfung der durch die Volkszählung 
ermittelten Personen zur Durchführung gelangt. Diese 
wird in geeigneter Weise durch die Kreisärzte ausgeführt 
werden können, weil sie nach ihrer dienstlichen Anweisung 
der Fürsorge für Geisteskranke, Idioten rc. dauernd ihre 
Aufmerksamkeit zu widmen haben; auch haben sie bei der 
Aufnahme solcher Personen in Anstalten, besonders in 
Privatanstalten, nach Maßgabe der bestehenden Vorschriften 
mitzuwirken. Wenn sie in fremden Familien von Privat 
personen untergebracht werden, liegt den Kreisärzten die 
Beaufsichtigung ob. Demnach sind die Nachprüfungen der 
Volkszählungs-Ergebnisse am zweckmäßigsten den Kreis 
ärzten aufzutragen. Seitens des König!. Statistischen 
Landesamts könnten die Zählkarten für Geisteskranke und 
Geistesschwache, bald nachdem das Volkszählungs-Material 
dorthin eingegangen und für allgemeine Zwecke verarbeitet 
ist, den Kreisärzten zugestellt werden, die auf diese Weise 
den sicheren Anhalt für die Aufsuchung der Geisteskranken 
rc. in den Familien ihrer Bezirke enthalten würden." — 
Man erwartet von der Neuerung des Weiteren daß da 
durch, die Provinzlal-Verwaltungen gute Unterlagen für 
ihre Maßregeln zur Unterbringung Geisteskranker gewinnen 
werden. 
sj Arbeits-Gelegenheit bei der Eisenbahn. 
Für junge, unbescholtene und körperlich rüstige Leute mit 
ausreichenden Schulkenntnissen bietet sich bei der Staats 
bahnverwaltung Gelegenheit, in eine Beamtenstellung zu 
gelangen, zunächst als Weichensteller, später, bei ent 
sprechender Befähigung, als Eisenbahn-Assistent rc. Voraus 
setzung ist, daß die erforderlichen Prüfungen bestanden und 
daß gute Führung und gute Leistungen gezeigt werden. 
Bewerber haben sich bei den Betriebs-Jnspektionsvorständen 
zu melden. Sie treten zunächst als Arbeiter in der Bahn 
unterhaltung bei den Bahnmeistereien ein. Nach einer 
mindestens drei Monate dauernden Beschäftigung daselbst 
kann die Ausbildung zunächst im äußeren Betriebsdienst 
und alsdann die Verwendung als Hilfsbeamter im Bureau 
einer äußeren Dienststelle (Station, Güterabfertigung rc.) 
erfolgen. Wie wir hören, besteht zur Zeit im Berliner 
Direktionsbezirk ein auffallender Mangel an Bewerbern. 
Lokales. 
t Das ehemalige Sportparkgelände wird ein 
sehr gesuchtes Objekt für Bauinteressenten werden. Die 
Frau Anna sank, als sie allein war, ganz gebrochen 
auf einen Stuhl. Wo sollte sie denn bis morgen, oder 
spätestens bis übermorgen, die Summe von 300 M. her 
nehmen, ohne ihrem Manne etwas davon zu sagen? 
Ihrem Vater telegraphieren? — Das ging unmöglich, der 
war viel zu penibel in Geldangelegenheiten. Frau Anna 
wußte sich keinen Rat. — 
Als Rudolf des Abends nach Hause kam, fand er 
seine Frau noch wach. 
„Denke Dir, was mir passiert ist," sagte er, nachdem 
er sie begrüßt hatte, „heut' Abend war im Theater ein 
ungeheures Gedränge in den Gängen, da ist mir meine 
goldene Uhr mit Kette gestohlen worden. Ich habe auf 
einen Kerl Verdacht, der schon seit mehreren Tagen mich 
in einer ganz unverschämten Weise beobachtet hat, und 
der sich auch heut' Abend dicht an mich herandrängte. 
Ich habe den Fall natürlich gleich bei der Polizei zur 
Anzeige gebracht und hoffe, das Gestohlene wiederzu 
bekommen. 
In Frau Annas kleinem Kopfe stieg ein fürchterlicher 
Verdacht auf. Sie ahnte irgend etwas sehr Schlimmes. 
Am anderen Morgen wurde Rudolf gebeten, auf ein 
Polizeibureau zu kommen. Nach einigen Stunden, die 
Frau Anna mit immer wachsender, ihr nicht erklärbarer 
Aufregung verlebte, kam Rudolf zurück, glückstrahlend und 
die goldene Uhr schon von weitem schwenkend. 
„Denke Dir, was mir der Kerl noch fortgenommen 
hat. Er muß entschieden ein großes Interesse für mich
        
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