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Periodical volume Nr. 202, 29.08.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

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£». 202. 
Friedenau, Dienstag den 29. August 1905 
12. Achrg. 
Depeschen 
Wien. Im Kaiserlichen Schönbrunner Park wurde 
gestern die Leiche einer 25 jährigen Frauensperson ge 
funden. die noch nicht rekognosciert ist. Die Leiche war 
in einen Sack eingenäht und wies verschiedene Schnitt 
wunden auf. Der Mörder ist unbekannt. 
Leoben. Durch eine Gasexplosion in einem Hochofen 
der Alpine-Montan-Gesellschaft in Donawitsch wurden ein 
Werkführer und vier Arbeiter schwer verletzt. 
Genf. Gestern wurde hier der dritte Internationale 
Kongreß für die Forschung des freien Christentums er 
öffnet. Anwesend sind 600 Teilriehmer. Die deutsch 
sprechenden Staaten sind zahlreich vertreten. 
Bukarest. Im Finanzministerium haben die Arbeiten 
betreffend die Abänderung jener Artikel, im rumänisch 
autonomen Zolltarif, welche durch den neuen deutsch 
rumänischen Handelsvertrag berührt werden, bereits be 
gonnen, sodaß deren Einführung am 1. März 1906 be 
ginnen kann. Die Meldungen deutscher Blätter von 
neuen deutsch-rumänischen Verhandlungen sind unbegründet. 
Riga. Maueranschläge verkünden den Befehl des 
Zaren zur sofortigen Durchführung der Mobilisation. 
Petersburg. Die Rückkehr der Generäle Fock und 
Smirnow, sowie zehn anderer Offiziere, die bei Port 
Arthur in Gefangenschaft gerieten, wird demnächst erfolgen. 
Die Offiziere werden in dem Prozesse gegen Stösse! als 
Zeugen auftreten. 
Antwerpen. Der Dampfer „Leopoldville" ist hier 
eingetroffen. An Bord befanden sich 61 Passagiere, 
darunter der Major Malfait, der vom Könige beauftragt 
war, eine Untersuchung über die Lage der Eingeborenen 
im Kongostaate vorzunehmen. Der Major erklärte sich 
sehr befriedigt über das Resultat seiner Nachforschungen. 
Aus Uelle wird berichtet, daß drei Kolonnen unter dem 
Kommando weißer Offiziere abgegangen find, um den 
Sultan von Gabbir niederzuwerfen, der sich empört hat. 
Paris. Nach einer Meldung aus Tanger hat der 
französische Gesandte Taillandier dem Sultan seine baldige 
Abreise mitgeteilt. 
Ein Spezialkurrier ist gestern nach Tanger abge 
gangen, um Taillandier Instruktionen zu überbringen. 
Wie nunmehr festgestellt ist, hat Mr. Grosnier, der 
Direktor der Say'schen Zuckerraffinerie, sich durch einen 
Schuß in das Herz das Leben genommen, nachdem er 
vorher seinem Sohne seinen Entschluß mitgeteilt hatte. 
Der „Eclair" meldet aus Buenos-Aires, der Unter 
suchungsrichter hat festgestellt, daß der an der Seite der 
Leiche des Barons v. Ende, Bruder der Frau Geheimrat 
Krupp, aufgefundene Revolver diesen gehörte. Infolge 
dessen wird auf Selbstmord geschlossen. Frau Krupp 
wurde hiervon telegraphisch durch den Untersuchungsrichter 
benachrichtigt. 
Neuyork. Nach einer Meldung des „Herold" ist 
der Vertreter Rockefellers, Franck, in Portsmouth ange 
kommen und in dem Hotel abgestiegen, in welchem die 
FriedenSdelegierten wohnen. Er hatte gestern eine 
längere Unterredung mit Herrn von Witte und man 
Der Privatdetektiv. 
Novelette von Otto Erich von Wussow. 
(Nachdruck verboten.) 
(Fortsetzung.) _ 
Der Privatdetektiv verbeugte sich leicht lächelnd: 
„Gnädigste Frau wollen so güttg sein, mir eine Photo 
graphie des betreffenden Herrn zu geben, damit ich mir 
die Gesichtszüge desselben genau einprägen kann. Es 
wäre mir sogar lieb, wenn ich die Photographie, um ganz 
sicher zu sein, solange behalten dürfte, wie gnädige Frau 
meiner Dienste bedürfen." 
Frau Anna holte das gewünschte Bild herbei. Sie 
warf einen Blick auf die wohlgelungene Photographie 
ihres Mannes, berste mit den klugen Augen spöttisch an 
zulächeln schien. Nur widerstrebend reichte sie dem Be 
sucher das Bild, der dasselbe mit der behandschuhten 
Rechten ergriff und es ein Weilchen aufmerksam be 
trachtete. 
»Ich hoste, gnädige Frau, werden mit meiner Arbeit 
zufrieden sein. Ich werde jeden Tag Bericht erstatten. 
Soll dasselbe schriftlich oder mündlich geschehen, wenn ich 
fragen darf?" 
Es wurde vereinbart, daß der Privatdetektiv post 
lagernd schreiben sollte, Frau Anna würde sich die Briefe 
vom Postamt abholen. 
Der Besucher schien noch auf etwas zu warten. Die 
junge Frau sah ihn fragend an. 
glaubt, daß es sich hierbei um die Frage der Kriegskosten- 
entschädigung handelte. 
Oysterbay. Es wird bezweifelt, daß Rußland die 
neutralen Mächte dazu bringen wird, sich den Vereinigten 
Staaten anzuschließen, um einen Druck auf Japan auszu 
üben. England wird in der Tat nichts tun, was Japan 
irgend wie beleidigen könnte und andererseits sind Frank 
reich und Deutschland gegen jede Maßnahme, welche 
Rußland benachteiligen könnte. 
Zu den Friedensverhaudlungen. 
Frankfurt a. M. Wie der Portsmouther Kor 
respondent der „Frkf. Ztg." erfährt, soll die Verschiebung 
der Konferenz daran gelegen haben, daß die japanischen 
Delegierten erst vom japanischen Staatsrat Weisungen 
erwarteten. Aus guter Quelle verlautet, daß im 
gestrigen Ministerrat die älteren Minister für Konzessionen 
gesprochen haben. 
Wien. Der Petersburger Korrespondent des „Neuen 
Wiener Tgbl." berichtet, ein hoher Funktionär des 
Ministeriums des Innern habe ihm versichert, daß die 
Kriegspartei täglich an Einfluß verliere. Die Regierung 
müsse vor Zusammentritt oer Reichsduma die Kriegsfrage 
lösen, um der Kontrolle ihrer Fehler zu entgehen. 
Petersburg. Wie die „Nowoje Wremja" erfährt, 
soll Witte erklärt haben, daß die Abtretung Sachalins 
gleichbedeutend mit der völligen Loslösung Rußlands vom 
fernen Osten sein würde. 
London. Die aus Tokio erwartete Antwort ist 
gestern in Portsmouth eingetroffen. Sie enthält die 
Beschlüsse, welche der Staatsrat nach längeren Ver 
handlungen gefaßt hat. Es bestätigt sich, daß Japan sich 
entschlossen hat, neue Konzessionen zu machen. Man hofft, 
daß die neuen Konzessionen es Rußland erlauben werden, 
sie ohne Bedenken einzugehen. 
Abends zirkulierten in diplomatischen Kreisen Gerüchte, 
daß der gestrige Ministerrat in Tokio die Geldforderung 
an Rußland von 600 auf 300 Millionen Dollars reduziert 
habe. Komura sei bereits ermächtigt, .dies heute den 
russischen Delegierten mitzuteilen. 
Portsmouth. Die japanischen Delegierten sind 
unzufrieden über die Weisungen aus Tokio, neue Kon 
zessionen zu machen. Sie schreiben die Veranlassung 
Kaneko zu, welcher der Freund Jtos ist und mit Roosevelt 
diesem zum Nachgeben bestimmt haben mag. Worauf sich 
die Konzessionen erstrecken, ist noch unbekannt. Die 
Russen erklären abermals, daß sie selbst von weitgehenden 
Konzessionen nichts erhoffen, da in Petersburg die Kriegs 
partei triumphiere. 
Allgemeines. 
0 Güter-Schnellzng. Das Problem des „Eil" 
güterzuges" ist wiederum einen Schritt vorwärts gekommen- 
Wie wir im April d. I. meldeten, fanden damals auf 
der Eisenbahnstrecke Grunewald-Nedlitz, der sogenannten 
„Kanonenbahn" Fahrvcrsuche mit Güterzügen statt, welche 
mit durchgehender Bremse versehen waren. Zur An- 
„Gnädigste Frau werden verzeihen, wenn ich für 
meine Bemühungen und die unausbleiblichen Auslagen 
einen kleinen Vorschuß liquidiere?" 
„Bitte, bitte!" drängte die junge Frau, die ob des 
ziemlich ausgedehnten Besuches schon ungeduldig geworden 
war. Der Privatdetektiv verbeugte sich leicht, warf noch 
einen scharf musternden Blick auf die junge, elegante Frau 
und die vornehme Zimmereinrichtung. Dann entnahm er 
seiner Brieftasche einen Zettel, schrieb einige Zeilen auf 
demselben und überreichte ihn, sich gleicher Zeit von seinem 
Stuhl erhebend, Frau Anna. — „Hundert Mark empfangen 
zu haben" usw. — Das schien Frau Anna nun zwar ein 
bischen unverschämt, doch sie verlor kein Wort und ent 
nahm ihrer Privatschatulle einen blauen Schein, den sie 
dem Manne darreichte. Noch einige Verbeugungen seiner 
seits, die Versicherung, daß die gnädige Frau mit- seinen 
Diensten zufrieden sein werde, und — die Tür schloß 
sich lautlos hinter dem Besucher. — Frau Anna war 
wieder allein. 
Was hatte sie getan? — Ihren Mann diesem nicht 
gerade vertrauenswürdig ausschauenden Menschen zu über 
liefern! Doch der Zweck war ja ein guter; sie wollte und 
mußte Gewißheit haben und narum durste sie auch vor 
diesem Mittel nicht zurückschrecken! 
Nun vergingen Tage voller Spannung und Aufregung 
für die junge Frau. Die Nachrichten des Privatdetektiv 
trafen nur spärlich ein; ein bestimmtes Resultat war noch 
wendung gelangte die selbsttätige Luftdruckbremse Knorrscher 
Bauart. Auf der 90 Kilometer langen Bahnstrecke ver 
kehrten „Eilgüterzüge" bis zu 120 Axen Länge und in 
einem besonderen Beobachtungswagen wurden Geschwindig 
keit, Brems- und Stoßwirkung rc. gemessen. Die 
damaligen Versuche hatten ein günstiges Ergebnis. In 
zwischen sind die Ergebnisse jener Versuchsfahrten wissen 
schaftlich ausgearbeitet und nach dem Resultat dieser 
Arbeit noch einige Vorkehrungen angeordnet worden. 
Danach konnte der mit der Lösung dieser wichtigen Frage 
betraute „Bremsausschuß" zu neuen Probefahrten schreiten, 
die denn auch jüngst auf derselben Strecke stattgefunden 
haben. Die Güterzüge wurden mit einer Geschwindigkeit 
bis zu 60 Kilometer per Stunde, also mit Personenzug- 
Geschwindigkeit, befördert, was auch auf den (bis zu 
1 : 160) ansteigenden Strecken ohne Schwierigkeiten 
gelang. Die verbesserte Knorrsche Bremse, welche sowohl 
von der Lokomotive, wie auch von den mit Bremsventilen 
ausgerüsteten Wagen aus betätigt werden kann, entsprach 
diesmal vollkommener, als bei den ersten Versuchen, den 
Bedingungen, welche für schneller fahrende Züge gestellt 
werden müssen. Ihre Wirkung wurde nach verschiedenen 
Richtungen hin erprobt, indem man, je nach Länge, 
Gewicht und Schnelligkeit der Züge 18 bis 36 bremsbare 
Axen auf den Zug verteilte. Die Bremswirkung muß 
nämlich eine derartige sein, daß der Zug, nachdem er 
noch eine bestimmte Strecke zu durchlaufen hat (Brems 
weg) zum Stehen kommt, ohne daß gefährliche Stoß- 
wirkungen (durch welche die Kuppelungen zerrissen werden 
können rc.) auftreten und ohne daß die Räder und 
Schienen übermäßig abgenutzt werden. Es dürfen daher 
nicht alle Wagen eines Zuges „bremsbar" sein, um sie in 
einen Zug mit durchgehender Bremse einrangieren zu 
können, müssen sie aber mit Luftdruck-Leitungen versehen 
sein, die wie die Dampfheizungsrohre, an den Enden der 
Wagen in der bekannten Weise aneinander angeschlossen 
werden. Daraus folgt weiter, daß bei allgemeiner Ein 
führung der durchgehenden Güterzugbremse die nicht mit 
Bremsen ausgerüsteten Wagen wenigstens mit Luft 
leitungen versehen sein müssen; in der Übergangszeit 
würde man sich mit provisorischen (transportablen) 
Leitungen behelfen müssen. Natürlich dürfen durch das 
Ein- und Ausrangieren von Wagen auf den Unterwegs 
stationen bezw. durch das Trennen und Schließen der 
durchgehenden Bremsleitung keine längeren Aufenthalte 
entstehen. Nach allen diesen Richtungen hin haben die 
Versuche ein recht erfreuliches Resultat ergeben. Hand in 
Hand ging dabei die praktische Erprobung der neuen 
selbsttätigen Kuppelung (amerikanische Mittel-Kuppelung), 
die eine schnelle und sichere Verbindung der einzelnen 
Personen- oder Güter-Wagen von der Seite her ermöglicht, 
sodaß beim Zusammenstellen oder Trennen eines Zuges 
die Bahnbedienstelen nicht „zwischen die Puffer" zu gehen 
brauchen (wobei js Unglücksfälle nicht zu vermeiden sind). 
Auch diese Einrichtung funktionierte zur Zufriedenheit der 
Fachmänner, sodaß der Vornahme von Dauerfahrten mit 
der Knorrschen Bremse und der Mittelkuppelung kein 
Hindernis mehr im Wege stehen dürfte. 
nicht zu verzeichnen. Frau Anna verbarg ihrem Manne 
gegenüber das böse Gewissen nach wie vor hinter der 
größten Liebenswürdigkeit und der freundlichsten Miene, 
sodaß dieser von dem, was hinter seinem Rücken geschah, 
keine Ahnung hatte. 
Eines Tages holte Frau Anna wieder einen der be 
wußten Briefe von der Post. Das Schreiben enthielt nur 
die wenigen aber desto inhaltsschwereren Worte: „Der 
betreffende Herr scheint sich sehr für eine Schauspielerin, 
namens Brentano, zu interessieren. Werde diese Spur 
genau verfolgen. Erbitte unter bekannter Chiffre bis 
Morgen 100 M." — 
In Frau Anna kämpften zwei Gefühle. Sie fand es 
empörend, daß „der Kerl" nach kaum einer Woche, in der 
nichts erreicht war, schon wieder 100 M. verlangte; doch 
andererseits schien die Nachricht von heut wirklich wichtig 
zu sein. Eine Schauspielerin Brentano?! — Wo hatte 
sie diesen Namen doch kürzlich gehört? Richtig, — ihr 
Mann hatte dieselbe ja so gelobt und als einen Stern 
erster Größe bezeichnet. Wie konnte er so viel Interesse 
für sie haben, wenn ihr nicht ein anderes Gefühl dafür 
bewog? — 
Da klingelte es. Es schien Niemand zu öffnen. Die 
junge Frau ging daher selbst hinaus und stand, als sie 
die Korridortür aufgemacht hatte, vor einem jungen, ein 
fach aber geschmackvoll gekleideten, hübschen Mädchen. 
,,Habe ich die Ehre, Frau Dr. Herbert zu sprechen?"
        
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