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Periodical volume Nr. 201, 28.08.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Friedkimkl F«klll-Kurei«kr. 
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Pr. 201. 
Friedenau, Montag den 28. August 1905. 
12. Iahrg. 
Depeschen 
Stettin. Auf dem Pielburger See in Hinter 
pommern kenterte ein Boot, auf dem Lehrer eine Ver 
gnügungsfahrt machten. Drei Lehrer ertranken. 
Wien. Die hier zugereiste Mühlenbesitzer August 
Zisching aus Ostwitz bei Bautzen i. Sa. hat sich hier aus 
unbekannter Ursache erschaffen. 
Taranapol. Der Redakteur eines sozialistischen 
Blattes, Hornstein, wurde in der Nähe von Szydlowice 
an der russischen Grenze ermordet und beraubt. Die 
Mörder vermutet man in russischen Grenzsoldaten. 
Petersburg. Der neue Gouverneur von Kurland 
läßt durch Maueranschläge bekannt machen, daß die 
Truppen Befehl haben, auf alle Ansammlungen zu feuern 
ohne vorherige Aufforderung zum Auseinandergehen. 
Paris. Wie es heißt, wird die Regierung die 
neueste Antwort bezüglich der Marokkofrage in ungefähr 
acht Tagen beantworten. 
Bom rosstsch-japantscheu Kriegsschauplatz 
und de« Friedensverhandlungen. 
Petersburg. Am 24. und 25. August haben drei 
japanische Torpedoboote das Kap Lazaroc bombardiert. 
Man glaubt, daß die japanischen Schiffe auch die Küste 
von Tataroc beschießen werden. 
Paris. Nach einer Depesche des „Echo des Paris" 
aus Portsmouth vom vorgestrigen Tage, hat man auf 
Grund der in Rußland eingegangenen Antwort Grund zu 
glauben, daß es die letzten Vorschläge Japans nicht ganz 
verwerfe. 
Dem Petersburger Korrespondent des „Echo" wurde 
von informierter Seite bestätigt, daß kaum noch jemand 
an einen glücklichen Ausgang der Friedensverhandlungen 
glaube. Im Ministerium des Äußeren habe man jede 
Hoffnung aufgegeben. 
Das „Petit Journal" meldet aus Petersburg, nun 
mehr verlautet, daß der Zar nicht nur gegen eine Zahlung 
einer Kriegsentschädigung und gegen eine Abtretung 
Sachalins sei, sondern daß er im Gegenteil um jeden 
Preis den Krieg fortsetzen wolle, während man in Re 
gierungskreisen überall den Frieden wünscht. 
Der „Eclair" meldet aus Neuyork, Rußland habe 
definitiv die Vorschläge Roosevelts abgelehnt; der Zar 
habe hiervon dem mexikanischen Gesandten in Petersburg 
Mitteilung gemacht. 
London. „Daily Telegraph" meldet aus Ports 
mouth, man glaube dort noch immer, daß der Friede 
möglich sei und daß die Ruffen nur absichtlich die Ver 
handlungen verzögern. 
Nenyork. Nach Meldungen aus Osterbay, erhielt 
Präsident Rooseoelt gestern ein längeres Telegramm des 
Petersburger Gesandten, von Lengerke, über seinen Besuch 
beim Grafen Lamsdorff. Weiter verlautet, Rußland würde 
eventuell für eine Abtretung der Hälfte von Sachalin zu 
haben sein, jedoch unter allen Umständen die Kriegskosten 
entschädigung ablehnen mit Ausnahme der Summe der 
Unterhaltung der russischen Gefangenen in Japan. 
Die meist wohlinformierte „Sun" meldet: Rooseoelt 
hat in den letzten Tagen auf Rußland so eingewirkt, daß 
eS zu einem Entgegenkommen bereit ist. Rußland sei 
Der Privatdetektiv. 
Novelette von Otto Erich von Wussow. 
(Nachdruck verboten.) u 
Eben war der liebe Nachmittagsbesuch, eine gute noch 
unverheiratete Freundin von der Pensionszeit her, hinaus 
gerauscht, und die kleine Lrau Anna saß wieder allein in 
ihrem reizend eingerichteten Schmuckkästchen von Boudoir. 
Draußen schien die helle, warme Maiensonne, und ihre 
Strahlen lugten neugierig durch die bunten Fensterscheiben 
und schienen sich höchlichst über das bekümmerte Gesicht 
der hübschen eleganten Frau dort am Fenster zu ver 
wundern. Aber diese achtete nicht auf den warmen 
Sonnenschein draußen, nachdenklich hatte sie das rosige 
Gestchtchen in die Hand gestützt und dachte daran, wie 
doch alles so ganz anders gekommen war, als sie es 
anfänglich geglaubt hatte. 
Ein halbes Jahr lang war sie nun mit dem Doktor 
Rudolf Herbert, Feuilleton-Redakteur und Theater-Kritiker 
einer größeren Berliner Zeitung, verheiratet. Sie hatte 
ihn im vorigen Sommer in Heringsdorf kennen gelernt 
und hatte sich sterblich in die stattliche Erscheinung des 
damaligen „freien Schriftstellers« verliebt. Gemeinschaft- 
Partien und Ausflüge, die unvermeidlichen Röunions und 
sonstigen Vergnügungen hatten das ihrige dazu bei 
willens, ganz Sachalin abzutreten, falls Indemnität 
wegfällt. 
PortSmooth. Es dürfte sich bestätigen, daß Ruß 
land 50 oder 100 Millionen Dollars Entschädigung für 
die Verpflegung der Kriegsgefangenen anbieten wird. 
Außerdem wird es auf die Hälfte von Sachalin verzichten, 
doch sind offizielle Abmachungen noch nicht getroffen. 
Da die japanischen Forderungen weit höher sind, ist es 
fraglich, ob diese Zugeständniffe eine Basis für weitere 
Verhandlungen bilden können. 
Takahira erklärte auf den Vorschlag Wittes, am 
Montag eine Sitzung abzuhalten, dies sei nur geschehen, 
um den Abbruch der Verhandlungen zu vermeiden und 
Rußland Gelegenheit zu geben, Konzessionen zu machen. 
Die Mitglieder beider Parteien sind sehr pessimistisch ge 
stimmt. Ein weiterrs Nachgeben sei unmöglich, da man 
am Entgegenkommen der Gegenpartei zweifle, Witte be 
zeichnet alle Nachrichten über weitere Konzessionen Ruß 
lands als falsch. 
Professor v. Martens reist bereits heute Abend nach 
Neuyork ab. Die japanischen Delegierten haben gleichfalls 
bereits ihre Koffer gepackt. 
Oysterbay. Präsident Rooseoelt steht andauernd in 
Verbindung mit den Friedensdelegierten. Man glaubt, 
daß er gestern oder vorgestern neue Schritte unternommen 
hat, um doch noch in letzter Stunde eine Verständigung 
herbeizuführen. So ersuchte er abermals den japanischen 
Finanzagenten Kaneko, neue Konzessionen zu machen. 
Tokio. Herr von Witte erklärte dem Korrespondenten 
des Blattes „Kokuna«, daß beiderseits im Laufe der 
heutigen Sitzung Konzessionen gemacht würden, trotzdem 
sei aber nur wenig Hoffnung auf eine Verständigung 
vorhanden. 
Braucht Isriedenau den Acht Mr- 
Ladenschtuß. 
Fast hat unsere schnellebige Zeit die Kämpfe ver 
gessen, die vor gerade acht Jahren in der Öffentlichkeit 
von den Ladeninhabern und Handlungsgehilfen um den 
9 Uhr-Ladenschluß auSgefochten wurden. Damals ge 
hörte für die Volksvertretung im Reichstag der ganze Mut 
sozialer Überzeugung dazu, um ein Gesetz zu beschließen, 
wie wir es heute in dem Ladenschlußgesetze den ß 139 e 
bis 139k der Gewerbeordnung besitzen. Von den Handels 
angestellten dankbar begrüßt, von den Ladeninhabern be 
sorgt erwartet, trat am 1. Januar 1900 der 9 Uhr- 
Ladenschluß alS Gesetz in Kraft. All die Schäden, die 
vorher von den Gegnern in den grellsten Farben ge 
schildert waren, blieben aus, und von den Ladeninhabern 
wurde der 9 Uhr-Ladenschluß als ein großer Segen 
empfunden. Im April 1902 konnte der Staatssekretär des 
Innern, Graf v. Posadowsky, unter dem Beifall der Ab 
geordneten erklären: 
„Heutzutage spricht kein Mensch mehr über den 9 Uhr-Laden- 
schloß, jeder hat sich daran gewöhnt; die ungeheuere Agitation, die da- 
gegen erhoben wurde, ist in nichts zerfallen, und ich hoffe, recht Kalo 
werden sich die Ladeninhaber dahin vereinigen, zum 8 Uhr-Ladenschluß 
überzugehen. Wenn irgend etwas wirtschaftlich oder sozialpolitisch 
wertvoll war, so war eö die Beschränk ung der zum Teil maßlosen 
Arbeitszeit im Handelsgewerbe.' 
getragen, und als sie dann mit den Eltern nach Leipzig 
zurückgefahren war, erschien auch der Dr. Herbert auf der 
Bildfläche, machte seinen obligaten Besuch, der Verkehr mit 
dem munteren und interessanten Plauderer, der hie ganze 
Welt schon umsegelt hatte, wurde fortgesetzt, und eines 
Tages erschien dieser im Frack und weißen Glacös, um 
mit Mama und Papa das bewußte ernste Wort zu sprechen, 
Die Mama war nicht abgeneigt, aber der praktische Papa. 
nebenbei gesagt vermögender Großkaufmann, hatte die Be- 
dingung gestellt, daß der Dr. Herbert sich erst eine feste 
Existenz suchen solle, ehe er ihm seine einzige Tochter an 
vertrauen und ihn als Schwiegersohn begrüßen würde. 
Dr. Herbert war ein Glückspilz; denn kurze Zeit darauf 
wurde ihm besagte Redakteurstelle angeboten. Er zögerte 
nicht, sie anzunehmen. Papa und Mama gaben ihren 
Segen, die Hochzeit wurde mit großem Aufgebot gefeiert 
und das junge Paar siedelte in eine elegante Villa nach 
einem Berliner Vorort über. 
Ein tiefer Seufzer quoll bei diesen Reminiszenzen 
aus Frau Anna's bedrängter Brust. Ja — die ersten 
Wochen hindurch war es schön gewesen, da hatten sie 
miteinander gescherzt und gelacht, da hatte ihr Rudi jeden 
Wunsch von den Augen abgesesen, da hatte er sich in 
seiner freien Zeit ihr immer gewidmet. Aber jetzt? — O, 
Die Zahl der Gemeinden, in denen der 8 Uhr-Laden- 
schluß auf Grund der gesetzlichen Bestimmungen schon ein 
geführt ist, beträgt 130, und es gibt wohl kaum im 
ganzen Deutschen Reich noch eine Gemeinde, in dem der 
8 Uhr-Ladenschluß nicht schon erörtert worden wäre. 
Auch hier in Friedenau wurde der 8 Uhr-Laden 
schluß von dem Handel- und Gewerbeverein er 
örtert, leider war es nicht gelungen in der kurzen Zeit 
die erforderliche Anzahl von Unterschriften zu einem An 
trag auf Einführung des 8 Uhr-Ladenschluffes für sämt 
liche Ladengeschäfte zu erhalten. Daß ein früherer Schluß 
für den Ladeninhaber angenehm und von hohem Werte 
ist, darüber sind auch die Gegner durchaus klar, aber sie 
fürchten, daß der Verbrauch zurückgehen könnte und die 
Einnahmen sich dadurch verringern würden. Wäre das 
der Fall, so würde der 8 Uhrschluß nicht so vielfach ein 
geführt werden, wie es bisher geschehen ist. Sind denn 
die Ladeninhaber in Friedenau damals reicher gewesen als 
jetzt, wo sie überhaupt nicht eher dachten ihren Laden zu 
schließen, ehe nicht alles rings herum in nächtliches Dunkel 
gehüllt war. Waren die Klagen der Friedenauer Geschäfts 
leute über schlechten Geschäftsgang damals weniger ge 
wesen als jetzt? Diese Klagen haben in Wahrheit einen 
ganz andern Ursprung, sie sind auf die allgemeine wirt 
schaftliche Bedrängnis, auf den gesteigerten Wettbewerb auf 
die übergroße Konkurrenz zurückzuführen. Nicht die späte 
Gelegenheit zum Kaufe ist ausschlaggebend, sondern die 
Kaufkraft und die Bedürfnisse der Bevölkerung. 
Die Friedenauer Bevölkerung hat sich vollständig 
daran gewöhnt, ihre Einkäufe frühzeitig zu erledigen. Wie 
willkommen dem kleineren Geschäftsmann aber eine Stunde 
vermehrter Abendruhe aus geschäftlichen Gründen sein 
muß, zeigt treffend die folgende Auslassung der bekannten 
Fachzeitschrift „Der Manufakurist": 
„Nicht nur der Angestellte, sondern auch der kleine Geschäfts- 
inhaber bedarf im Interesse seiner Familie und nicht zum mindesten 
zur ungeschwächten Erhaltung seiner Arbeitskraft der Abendruhe. 
Diese kommt ohne die erzwungene Einschränkung gerade bei d.men zu 
kurz, die von frühester Stunde an mit im Geschäft sein müssen. Gibt 
es dann m kleinen Geschäften auch am Tage ab und zu stillere 
Stunden, so sind solche gerade für den Inhaber noch keine genügende 
Erholung. Dieser letztere Gesichtspunkt wird unseres Erachteus bei 
der Ladenschlußfrage überhaupt noch zu wenig berücksichtigt. Jeder- 
mann wird zugeben, daß für den Geschäftsinhaber noch mehr als für 
den Angestellten die Arbeitskraft, die geistige Frische ein wichtiger ge- 
schäftlicher Faktor ist. Das zu leugnen wäre Torheit in einer Zeit, 
wo es für den Unternehmer darauf ankommt, daß er alles, was für 
sein Geschäft in Frage kommt, genau bedenkt und fortgesetzt im Auge 
hat . . . Allerdings darf er sich's, was der Angestellte nicht kann, auch 
einmal in den Arbeitsstunden etwas leichter machen und sich eine 
kleine Erholung gönnen, aber für sein Geschäft ist es zweifellos er- 
sprießlicher, wenn er dazu den Abend hat und am Tage der Ruhe 
überhaupt nicht bedarf . . . Nach dem allen sind wir der Ansicht, daß 
keineswegs nur der Angestellte, sondern auch der Inhaber deS Ge 
schäfts des freien Abends bedarf. Der „Feierabend" ist nicht etwa 
nur ein Stück alter Poesi, nein, er ist auch heute ein wirtschaftliches 
Bedürfnis, und zwar für jedermann." 
Als langjähriger Inhaber eines kleinen Friedenauer 
Detailgeschäftes, bin ich schon seit Jahren für den 8 Uhr- 
Ladenschluß bestrebt, und weiß aus Erfahrung, daS'unsere 
liebe Friedenauer Bevölkerung dem Ladeninhaber wie dem 
Handlungsgehilfen gerne eine Stunde täglich der Er 
holung gönnt, und sich ebenso schnell an dem 8 Uhrschluß 
gewöhnen wird, wie.än den 9 Uhr-Ladenschluß. Es wäre 
nun mit Freuden zu begrüßen, wenn der Friedenauer 
dieser abscheuliche Dienst und die gräßlichen Theater- 
Premitzren, jeden Abend! Ja, das Theater! In der 
ersten Zeit hatte ihr Rudi sie mitgenommen, aber das 
war dann nicht mehr gegangen, da ihr Mann am Schluß 
der Vorstellungen noch auf die Redaktion mußte, um 
gleich die Theater-Kritiken zu schreiben. So saß die arme 
kleine Frau nun fast jeden Abend allein zu Haus und 
hatte Zeit genug, um über die Schlechtigkeit der Welt im 
allgemeinen und über ihr trauriges Los im Speziellen 
nachzugrübeln. Sie kam sich so recht unglücklich und ver- 
lassen vor. Und zu alledem war noch die liebe Freundin 
heut gekommen und hatte sie vor den bösen Männern 
gewarnt. Die wußte es ganz genau. Der Mann von 
der Freundin einer längst gestorbenen Tante dritten 
Grades war auch Theater-Kritiker gewesen und hatte sich 
in eine hübsche Schauspielerin verliebt und war mit ihr 
durchgegangen. Das hatte einen furchtbaren Skandal 
gegeben und die arme verlassene Frau war vor Schmerz 
und Kummer fast wahnsinnig geworden. — Wenn es ihr 
Rudi nun auch so machte? — Sicherlich, das war es 
gewiß auch, was ihn jetzt immer so zerstreut machte, 
warum er sie nicht mehr in die Theater mitnahm. Die 
blauen Augen der hübschen kleinen Frau füllten sich mit 
Tränen. Sie war eifersüchtig, wollte eifersüchtig sein, sie
        
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