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Periodical volume Nr. 200, 26.08.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

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»r. 200. 
Friedenau, Sonnabend den 26. August 1905. 
12. Iahrg. 
Depeschen 
Hamburg. Die „Hamb. Nachr." erhalten aus 
Berlin eine anscheinend inspirierte Mitteilung über den 
Rücktritt Leutweins. Dies sei aus rein militärischen 
Gründen erfolgt. Leutwein hätte, obgleich keine nennens. 
werte Beeinträchtigung seiner Felddienstfähigkeit vorläge, 
keine anderweite Verwendung im Heere gefunden, weil er 
bei seinem Eintreffen in Berlin auf seinen Wunsch, unter 
günstigeren Verhältnissen in den alten Wirkungskreis wieder 
zurückzukehren, zu wenig ein Hehl gemacht und sich 
nachträglich „zur Verfügung" gestellt habe, was nach Lage 
der Verhältnisse und nach der ihm gewordenen Behand 
lung für unsoldatisch angesehen würde. Wenn General 
von Trotha gewisse Empfindlichkeit gegenüber gelegent 
lichen Angriffen des Reichskanzlers an den Tag gelegt 
habe, so wird diese damit erklärt, daß Trotha mit der 
Überzeugung Trier verlassen habe, er unterstehe nur dem 
Kaiser und dem Chef des Generalstabes. Die Opposition, 
welche sich in Berlin gegen das System Trotha geltend 
machte, habe keine Spitze gegen seine Person. 
Warschau. Die Verhängung des Kriegszustandes hat 
auf alle Bevölkerungskreise einen niederschmetternden Ein 
druck gemacht. Es herrscht hier unheimliche Ruhe. Der 
Verkehr auf den Weichselbahnen ist wieder normal. In 
der Kreisstadt Wengrow ist der Generalstreik ausgebrochen. 
Da der dortige Bahnhof von streikenden besetzt wird, ist 
Militär zur Überwachung der Bahn dorthin abgegangeu. 
Warschau. Gestern ist es wiederum zu zahlreichen 
Zusammenstößen zwischen Arbeitern und Polizei gekommen; 
zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen. In Sos- 
nowice fanden zwei Dynamitexolosionen statt. 
Petersburg. Der wegen politischer Delikte ver 
haftete Student Dubini ist bei der Überführung vom Ge- 
fängnifle zum Untersuchungsrichter seinem Transporteur 
entflohen, indem er vorher denselben lebensgefährlich ver 
wundete. 
Paris. „Petit Journal" meldet aus Toulon: Eine 
vertrauliche Depesche befiehlt den Marinebehörden die 
Mobilisation kolonialer Truppen, sowie diejenige mehrerer 
Kriegsschiffe. Diese Maßregel ist eine Folge des Be 
schlusses, der gestern vom Ministerrat gefaßt worden ist 
und eine Demonstration in Marokko betrifft. 
Paris. Die Kirche Saint Jacques in Luneville 
wurde Nachts von Dieben heimgesucht. Dieselben haben 
aus den Opferstöcken bedeutende Geldbeträge gestohlen und 
zahlreiche kostbare Kirchengeräte geraubt. 
Bordeaux. Unter den Deportierten, welche an 
Bord eines Transportdampfers eingeschifft waren, brach 
eine Meuterei aus; erst nach großen Anstrengungen ge 
lang es, die Ordnung wieder herzustellen. 
Rom. Wie in vatikanischen Kreisen verlautet, be 
absichtigt der Papst eine Spezialmission zwecks Errichtung 
einer Nuntiattur in Tokio an den Mikado zu entsenden. 
Madrid. In einem Stadtviertel starben 70 Per- 
sonen infolge Genusses verdorbener Milch. Mehrere 
Personen schweben in Todesgefahr. Eine Anzahl Milch 
händler wurden verhaftet. 
London. Die vier Schwimmer, welche gestern den 
Versuch machen wollten, den Ärmelkanal zu durchschwimmen, 
mußten infolge ungünstiger Witterung von ihrem Vorhaben 
abstehen. 
Z« de« FriedenSverhaadluugen. 
Petersburg. Uber den Stand der Friedensfrage 
herrscht hier volle Ungewißheit. Alle Meldungen, daß 
Lambsdorff sich in der einen oder anderen Weise über den 
Frieden geäußert habe, sind erfunden. 
London. Aus Petersburg wird gemeldet, man 
rechne auch dort mit ziemlicher Bestimmtheit, daß die 
Friedenskonferenz heute noch nicht zu Ende geht. Man 
erwarte noch immer ein Resultat von den Verhandlungen 
des Präsidenten Roosevelt mit dem Zaren und dem 
Mikado. Nach dem „Daily Telegraph" wohnte der Zar 
gestern einem wichtigen Ministerrate bei. — Der 
Korrespondent des „Daily Chronicle" in Neucastle hatte 
ein Interview mit Witte über den Fortgang der Friedens 
verhandlungen. Herr von Witte erklärte, als er in die 
Verhandlungen getreten sei, habe er die Vollmacht 
erhalten, die größten Konzessionen zur Erreichung des 
Friedens zu machen. Er habe den Japanern nichts ver 
weigert, aber was die beiden letzten strittigen Hauptpunkte 
anlange, so habe er nicht einen Kompromißvorschlag 
zulassen können wegen seiner eigenen Verantwortlichkeit. 
Er wisse noch nicht, was sich in der Sonnabendsitzung 
ereignen werde, aber wenn die Verhandlungen nicht zu 
einem Resultate führten, so seien doch dieselben nicht um 
sonst gewesen, sondern sie hätten wenigstens den guten 
Willen der Russen gezeigt. 
Portsmouth. Nach seinem Besuche bei Roosevelt 
erklärte Kaneko, Japan könne keine weiteren Zugeständnisse 
machen. Japan wünsche den Frieden, aber auch 
Gerechtigkeit und die Forderung einer Entschädigung für 
die Kriegskosten, die insgesamt 900 Millionen Dollars 
betrügen, sei nur gerecht. Von wohlinformierter japanischer 
Seite wurde dem Korrespondenten der „Franks. Ztg." 
gesagt, Japan könne nicht unter die geforderte Ent- 
schädigung herabgehen, da die eigenen Kriegskosten 
bedeutend höher seien. Über den Titel lasse sich sprechen. 
— Witte präzisiert die Situation wie folgt: Als Komura 
in der letzten Sitzung den Vorschlag machte, die nördliche 
Hälfte Sachalins für 600 Millionen Dollars zurückzu 
kaufen, habe er (Witte) die absolute Ablehnung aus 
gesprochen. Darauf wurde von beiden Seiten vorge 
schlagen, die Lage den heimischen Regierungen zu 
unterbreiten. Die letzte endgiltige Antwort hat Witte 
noch nicht erhalten, deshalb stehe die Tür zum Frieden 
noch offen, obwohl Witte die Aussicht auf Frieden für 
schwächer als je hält. Witte bestätigt ferner, daß Roosevelt 
ihm persönlich keine Vorschläge gemacht habe. Die Japaner 
erklären, daß sie von Hause mit Bitten bestürmt werden, 
keinesfalls nachzugeben. 
Nenyork. Der „Sun" bestätigt, daß Herr v. Witte 
ungehalten sei, weil er einen Plan für die Unterhandlungen 
entworfen hatte, der jedoch durch die Erklärungen Lambs 
dorffs beeinträchtigt worden sei. 
Allgemeines. 
0 Die Sonntagsruhe bei der Post erfährt 
von morgen an eine abermalige Erweiterung, indem an 
Sonn- und gesetzlichen Feiertagen die Annahme von 
Paketen dergestalt eingeschränkt wird, daß in Berlin und 
Charlottenburg nur bei den Bahnhofspostanstalten und bei 
einzelnen größeren, besonders günstig gelegenen Post 
ämtern jedes Postbezirks eine Annahme von Paketen statt 
findet, die übrigen Paketannahmestellen aber geschlossen 
bleiben. An den Sonntagen vor den Festen Weihnachten, 
Ostern und Pfingsten fällt diese Beschränkung fort. 
0 Die Nachfrage nach Fahrkarten zu den 
Sonderzügen, welche vom Montag bis Mittwoch nächste 
Woche nach Swinemünde abgelassen werden, ist eine so 
lebhafte, daß die Staatsbahnverwaltung sich entschlossen 
hat, die für die nach Stettin gehenden Züge (mit Dampfer 
anschluß nach Swinemünde) ursprünglich vorgesehene Be 
schränkung der Teilnehmerzahl auf 600 aufzuheben. Es 
werden daher auch für diese Sonderzüge (Abfahrt vom 
Stettiner Bahnhof am 29./30. d. Mts. Nachts 12 02, an 
Stettin 2.45 früh, an Swiueminde 6.30 früh, sowie am 
29. d. Mts. Vorm, 7.10, an Stettin 9.55, an Swine 
münde 2.15 Nachm.) Fahrkarten in unbeschränkter Zahl 
ausgegeben, de: Verkauf aber, wie der für alle übrigen 
Züge, 24 Stunden vor Zugabgang geschlossen weroen. 
Nach Bedarf sollen die Sonderzüge in zwei Teilen ge 
fahren werden. Auch die Kgl. Eisenbahn-Direktionen 
Hannover, Magdeburg, Halle, Leipzig und Dresden haben 
sich zur Ablassung von Sonderzügen zum Besuche des 
Stapellaufs und der englischen Flotte entschließen müssen. 
Soweit diese über Berlin kommen werden sie über die 
Ringbahn nach Stettin Gesundbrunnen der Stettiner Bahn 
umgeleitet werden. 
sj Auf der Strecke Mlawa—Praga—Warschau 
ist der Personen-Verkehr gestern wieder aufgenommen 
worden. Im Verkehr mit den russischen Weichselbahnen 
werden vorläufig Güter nur nach Mlawa, Ost, ange 
nommen. 
Lokales. 
t Die unangenehmen Differenzen im Lichter- 
felder Krankenhause scheinen kein Ende zu nehmen. 
Geheimrat Schweninger hatte zunächst einen Streit mit 
dem Oberarzt der chirurgischen Abteilung Dr. Stabel, der 
Klage wegen Beleidigung gegen Schweninger anstrengte. 
Gegenstand des Streites find Maßnahmen des Beklagten 
an chirurgischen Maßnahmen des Klägers, in denen der 
letztere eine kränkende Absicht sieht. Bekannt ist, daß 
Prof. Schweninger ein Gegner von operativen Eingriffen 
in gewissen Krankheitsfällen ist. Von diesem Grundsatz 
ausgehend, soll er im Lichterfelder Krankenhaus das Ver 
fahren der Chirurgen scharf kritisiert oder ihnen die Aus 
führung operativer Eingriffe zu erschweren gesucht haben. 
Naturgemäß kam es zu Reibungen, und schließlich sah sich 
Dr. Stabel veranlaßt, sein Amt niederzulegen. Der Streit 
mußte damals vertagt werden, weil Dr. Stabel etwas er 
krankte. Jetzt hat er nach fünfmonatliger Pause die 
Leitung seiner Klinik am Marianenufer wieder über 
nommen, und seine Differenz mit Schweninger wird nun 
die Behörden aufs neue beschäftigen. — EiAe andere 
Klage eines Arztes vom Lichterfelder Krankenhaus ist zu 
Ungunsten Schweningers entschieden worden. Dieser hatte 
den Arzt wegen ähnlicher Differenzen wie im obigen Falle 
plötzlich aus dem Amt entlassen. Der Arzt bestritt die 
Berechtigung Schweningers zu diesem Vorgehen und nahm 
die Hilfe der Gerichte in Anspruch. Diese entschieden im 
Sinne der Klage und die Kreisverwaltung mußte dem 
Arzt die ihm aus seinem Vertragsoerhältnis zustehenden 
Gehälter weiter zahlen. (Es wäre Wirklichkeit, daß Herr 
Landrat v. Stubenrauch den unliebsamen Vorgängen ein 
Ende bereitete. Das Vertrauen der Kranken schwindet 
nach solchen Vorgängen zu den Ärzten. Und Vertrauen 
zum Arzt muß der Kranke doch haben.) 
t Todesfall Am gestrigen Tage verschied uner 
wartet infolge einer Lungenlähmung, nachdem sie sich 
einer Operation unterzogen hatte, die Gemahlin des in 
weitesten Kreisen bekannten Rentiers Herrn Willy Retzdorff, 
unseres früheren langjährigen Gemeindeverordneten. Die 
Dahingeschiedene wird wegen ihres oft betätigten Wohl- 
tätigkritssinnes vielseitig betrauert werden. Die Ein 
äscherung der Leich, findet in den nächsten Tagen im 
Krematorium in Gotha statt. 
f Der neue Winterfahrplau bringt auf der 
Ring- und Wannseebahn mehrere Veränderungen. Bei 
der Ringbahn werden zwischen 8 und 10 Uhr Vorm, je 
2 Vollringzüge in jeder Richtung neu eingelegt. Auf der 
Wannseebahn werden ab 1. Oktober d. Js. die Züge 
632 und 635 von Schlachtensee bis Wannsee sowie die 
Züge 810 und 817 von Zehlendorf bis Wannsee ver 
längert, und zwar: Zug 632 Schlachtensee ab 7.29, 
Wannsee an 7.36 Vorm., Zug 636 Wannsee ab 7.37, 
Schlachtensee an 7.44 Vorm., Zug 810 Zehlendorf ab 
10.10, Wannsee an 10.26 Nachm., Zug 817 Wannsee ab 
10.47, Zehlendorf an 11.01 Nachm. Ferner wird vom 
1. Dezember 1905 bis Ende April 1906 ein Nachtzug 
neu eingelegt, Berlin ab 1.45, Wannsee an 2.21 Nachts. 
f Auf dem deutschen Apothekertage in Breslau 
wurde einstimmig beschlossen, bei den maßgebenden Stellen 
dahin vorstellig zu werden, daß das Lysol dem freien 
Verkehr entzogen werden möge. Maßgebend für diesen 
Beschluß waren die Selbstmorde und Mordversuche mit 
Lysol, die sich in der letzten Zeit in geradezu beäng 
stigender Weise gehäuft haben. 
f Die Militär»Penfionskafse und General- 
Militärkasse, Königgrätzerstraße 122, macht die Geld 
empfänger darauf aufmerksam, daß Zahlungen am 2. Sep 
tember, dem Sedantage, nicht erfolgen. Beide Kassen find 
an diesem Tage geschlossen. Die Gelder können daher 
nur am Freitag, den 1. September (von 8 Uhr Morgens) 
oder von Montag, den 4. September (von 9 Uhr Morgens) 
an abgehoben werden. 
t Abschiedskonzert. Die „Apollo-Kapelle" des 
„Rheinschloß" spielt am Donnerstag Abend den 31. August 
zum letztenmal und wird an diesem Abend ein Benefiz 
konzert geboten. Mehrere Solokräfte sind engagiert und 
ist das Programm reichhaltig und gediegen. Die Freunde 
guter Musik und alle Anhänger der Apollo-Kapelle werden 
also nicht anders können, als dieser an genanntem Tage 
einen Besuch abzustatten. 
f Der Spiel- und Sport-Klub Friedenau 
1890, e. V., beschließt die Tennissaison wieder mit 
einem internen Turnier auf den Plätzen des Herrn 
Hoppenheit zwischen Stier- und Friedenauerstraße. Es 
beginnt am nächsten Sonntag früh 8 Uhr mit den Spielen 
der Herren um die Klubmeisterschaft und mit den Einzel- 
und Doppelspielen mit Vorgabe. Der Besuch des Platzes 
steht Interessenten frei. — Die Geschäftsstelle des Klubs 
befindet sich Albestraße 30 II. 
f Das 2. Kabarett-Gastspiel findet am Freitag, 
den 1. September im „Hohenzollern" statt, worauf alle 
Freunde dieser Veranstaltung schon jetzt aufmerksam ge- 
niacht seien. 
t Kaiser Wilhelmgarten. Heute Abend treten 
die beliebten Führmann-Walde-Sänger auf und morgen 
findet großes Ernte-Kinder-Freudenfest statt. Anfang 4 Uhr 
Nachmittags. 
f Ein kolossaler Brand fand gestern Nachmittag 
in Teltow statt. Die fast fertiggestellten Neuanlagen der 
Elberfelder Papierfabrik Akt.-Ges. in Zehlendorf wurdenj 
durch Feuer zerstört. Durch die Unvorsichtigkeit eines 
Handwerkers, der am Dache beschäftigt war, explodierte 
eine Benzinlampe. Das brennende Benzin setzte den
        
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