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Periodical volume Nr. 199, 25.08.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den Friedenauer Grtsteil von 
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Leo Schultz in Friedenau. 
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Ke. 199 
Friedenau, Freitag den 25. August 1905 
12. Iahrg. 
Depeschen. 
Wien. Die hiesige japanische Gesandtschaft erklärt, 
daß ihr bisher nichts von einer beabsichtigten Europareise 
des Kaisers von Japan bekannt ist. 
Lemberg. Die Stadt Kossowa steht in Flammen. 
Ein ganzer Straßenzug ist bereits niedergebrannt. 
Petersburg. Hier zirkulieren Gerüchte von der 
Bildung eines homogenen Ministerium mit einem Premier 
minister an der Spitze. 
Dem „Ruß" zufolge werden viele von den in letzter 
Zeit gefällten Todesurteilen in Anbetracht der bevor 
stehenden Amnestie nicht vollstreckt. So wird auch der 
Mörder Prokops zu Zwangsarbeit begnadigt werden. 
Paris. Der ,.Eclair" meldet aus Petersburg, der 
Zar habe die Demission Bulygins angenommen. 
Der ,,Matin" meldet aus Portsmouth: Hier ver 
breiten die Rüsten das Gerücht, daß der Zar seit der Zu 
sammenkunft mit Kaiser Wilhelm seine Meinung völlig 
verändert habe. Herr von Witte soll erklärt haben, daß 
seit dem der Zar bedeutend kriegerischer gesinnt sei. 
Aus Bahia wird berichtet, daß der flüchtige Bank 
beamte Galley gestern dort mit seiner Maitreste bei der 
Landung verhaftet worden sei. 
Paris. Der Ministerrat beschäftigte sich des weiteren 
mit den vom Mnrineminister erlassenen Verordnungen 
bezüglich der Agitation unter den Arsenalarbeitern. Der 
Minister des Innern berichtet über den Stand des Aus 
standes im Becken von Longwy, wo die Arbeit größtenteils 
wieder ausgenommen worden ist. 
London. Der Londoner Vertreter der „Birmingham 
post" erklärte, zwei vornehme Freunde des Königs ver 
suchten eine Zusammenkunft zwischen König Eduard und 
Kaiser Wilhelm, sowie eine Annäherung Deutschlands und 
Englands zu Stande zu bringen. 
London. Im Verlaufe einer Versammlung der 
Primrose League sagte Broderick, daß die Alliance Englands 
mit Japan eine große Gewähr sei für den Frieden im 
äußersten Orient. Er fügte hinzu, daß diese Alliance auch 
die Position Englands nicht unwesentlich verstärke. 
6 Vertreter der japanischen Eisenbahnen sind in 
Chikago eingetroffen, von wo aus sie sich nach Europa 
einschiffen werden. Sie sind beauftragt, in England für 
10 Millionen Pfund Sterling Eisenbahnmaterial zu bestellen. 
Tanger. Der Vertrag bezüglich der Anleihe, welche 
von deutschen Bankiers bewilligt wurde, ist gestern hier 
eingetroffen, um dem Sultan zur Unterzeichnung vorgelegt 
zu werden. 
Odessa. Im Kreise Elisabethgrab ist infolge 
großer Notlage ein Bauernaufstand ausgebrochen. Die 
Bauern brennen und sengen alles nieder. 
Vom russtsch-japanischc« Kriegsschauplatz 
und de« FriedeuSverhaudlungen. 
Petersburg. In Wladiwostok eintreffende Ein 
wohner aus Korea klagen über die schlechte Behandlung 
seitens der Japaner und geben dem Wunsche Ausdruck, 
daß die russische Regierung das japanische Protektorat über 
Korea nicht bewillige. Alle mit Rußland sympatisierenden 
Koreaner würden wie Spione behandelt. Wie aus Sytjasa 
vom Kriegsschauplatz gemeldet wird, fand am 19. August 
südlich von Taulo ein Gefecht zwischen einer russischen 
Aufklärungspatrouille und Tungusen statt. Auf dem linken 
Flügel hat eine japanische Patrouille durch russisches 
Gewehrfeuer gelitten, sie verlor 18 Mann. Es geht das 
Gerücht, im Rayon Sinminpu sei bei den Japanern die 
Cholera ausgebrochen, die Sterblichkeitsziffer beläuft sich 
täglich auf 40 bis 60 Mann. 
Entgegen den aus amerikanischen Quellen stammenden 
günstigen Nachrichten über den Stand der Friedensver 
handlungen telegraphierte der Portsmouther Korrespondent 
des „Slowo", daß Witte erklärt hätte, er habe absolut 
Hoffnung, da er ungünstige Nachrichten aus Petersburg 
erhalten habe. Das letzte Telegramm aus Petersburg 
habe gelautet: .Kein Fuß Landes und keine Kopeke Geld." 
Witte erklärte weiter, daß es ihm unmöglich sei, noch 
weitere Konzessionen von den Japanern zu erhalten. 
Portsmouth. Takahira erklärte in einer Unter 
redung nochmals, daß alle Anstrengungen Roosevelts ein 
Kompromiß zu Stande zu bringen, resultatlos geblieben 
seien; alles sei vorbei. 
Wie verlautet, soll Präsident Roosevelt die beider 
seitigen Friedensdelegierten beschworen haben, nicht wegen 
einer Summe Geldes die Kriegsgreuel von neuem bei 
ginnen zu lassen. 
Graf Lamsdorffs Erklärung, daß Rußland jede Ent 
schädigung ablehne, macht hier den ungünstigsten Eindruck. 
Man verzweifelt an dem Erfolge der Intervention 
Roosevelts. 
Mgemeines. 
0 Eine „Frequenz-Nachweisung" über den Staats- 
bahn-Personen-Verkehr im September d. Js. hat der 
Minister der öffentlichen Arbeiten, v. Budde, angeordnet. 
Danach müssen die sämtlichen Fahrkarten-Ausgabestellen 
des preußisch-hessischen Staatsbahnbereichs am 1. Oktober 
eine Aufstellung der verkauften Fahrkarten im Fernverkehr 
und zwar der Stückzahl der ausgegebenen gewöhnlichen, 
einfachen und der Rückfahrkarten 1., 2. uud 3. Klasse, ein 
reichen. Bei dieser Nachweisung soll zugleich eine Unter 
scheidung der Fahrkarten nach Entfernungs-Zonen (bis 30, 
100, 300, 600 und über 600 Kilometer) stattfinden. Fahr 
scheinhefte, Militär-, Kinder-, Sonntags- und Zeitkarten 
sollen dabei nicht berücksichtigt werden, ebenso bleiben die 
Fahrkarten des Stadt- und Vorortverkehrs außer Betracht. 
Lokales. 
f Amtliches. Anläßlich der diesjährigen Ein 
quartierungen während der Herbstübungen ist es für die 
durchmarschierenden Truppen eine Notwendigkeit gutes 
Master zu trinken und wird gebeten, längs der Straßen 
gefüllte Wastergefäße bereitzustellen. Es wird auf das 
Entgegenkommen der Einwohner gerechnet und auf die 
diesbezügliche Bekanntmachung in heutiger Nummer auf 
merksam gemacht. 
-j- Um eine richtige Veranlagung der hiesigen 
Hausbesitzer zu den Gemeindeabgaben vornehmen zu 
können, hat die Gemeindeverwaltung Listen verteilen 
lasten, worin die Hauswirte aus den einzelnen Wohn 
gebäuden die aufkommenden Mieten resp. die Mietswerte 
der leerstehenden Wohnungen, Läden usw. eintragen sollen. 
Jedenfalls ist für die Steuerkominisston hierdurch eine 
leichtere Handhabe gegeben, den Wert des Grundstücks 
sofort festzustellen. Die Abzugsfähigkeit der auf den 
Grundstücken ruhenden Steuern wird die Kommission doch 
wohl nicht so niedrig bemessen, denn die Friedenauer 
Grundbesitzer zahlen z. B. 165 Prozent Grundwertsteuer 
und die Kanalisationsgebühr ist in Friedenau bedeutend 
höher als in unserem Nachbarort Schöneberg, wo man für 
den laufenden Meter nur 4 M. Kanalisationsgebühren 
zahlt. In einem Hause z. B. von 12 Meter Frontlänge 
zahlt man in Schöneberg etwa 48 M., in Friedenau 
etwa 80 Mark. Wie wir erfahren, will man in Haus- 
besttzerkreisen dahin wirken, daß die Grundwertsteuer wie 
früher höchstens mit 150 Prozent erhoben wird. 
-s Gesundheits-Dezernat. Die bisher bestandene 
Gesundheitskommission wird nächstens in ein eigenes 
Dezernat umgewandelt, dem die Freiwillige Feuerwehr, 
Freiwillige Sanitätskolonne ic. unterstellt wird. 
f Das Avancement des Kronprinzen zum 
Major soll, wie wir hören, am 20. September, dem 
Geburtstage der Kronprinzessin Cecilie, erfolgen. 
t Die Entlassung der Reservisten der Fuß 
truppen erfolgt in diesem Jahre bei der Garde am 
29. September. Die Reservisten der Kavallerie und 
Artillerie werden erst in den ersten Tagen des Oktober 
entlasten, da diese Truppennteile zur Heimkehr aus den 
in diesem Jahre sehr spät fallenden Manövern die Eisen 
bahn nicht benutzen und ihre Reservisten erst 2 Tage nach 
Rückkehr in die Garnison entlasten. 
s- Fabrikkontrolle. In unserem Ort werden jetzt 
die Fabrikräume durch Herrn Polizeiwachtmeister Meier 
kontrolliert und ist bisher erfreulicherweiser alles in bester 
Ordnung befunden worden. Das Auge des Gesetzes machte 
auch über die vielen umfangreichen Räume der Optischen 
Anstalt C. P. Goerz A.-G. und befand sich besonders hier 
alles in peinlicher Sauberkeit und vorschriftsmäßig. 
ch Asphaltausbefferungcn werden schon wieder 
in der Rheinstraße vorgenommen. Es fällt auf, daß sich 
die schadhaften Stellen größenteils zwischen der Kirch- und 
Roennebergstraße befinden. 
-s Umnumerierung der Knaus- und Rem- 
brandtstraße. Anläßlich der Parzellierung des Steglitzer 
Terrains zwischen Thorwaldsen- und Bergstraße ist für die 
Knaus- und Rembrandtstraße nach Übereinkunft der 
Gemeinden Steglitz und Schöneberg eine andere Haus 
nummerbezeichnung eingeführt. Die Knausstraße ist um 
drei Häuser verlängert, die auf Steglitzer Terrain liegen 
werden. Die bisherigen Nummern sind deshalb um 3 
erhöht worden, sodaß Nr. 5 jetzt Nr. 8 ist. Die 
Rembrandtstraße beginnt jetzt erst an der Friedenauer 
Brücke, Ecke Begasstraße, während der Teil zwischen 
ache ist mein." 
Kriminal-Roman von L. Haidheim. 
38. <Nacbdrui? verbolea. Allk RrÄtr »»riedülten.) 
Als Leo Sordegna eines Tages seinen Lehrer und 
Freund, den Direktor der Irrenanstalt, in dem Krankensaale 
dort aussuchen wollte und die Anlagen durchschritt, welche 
dahin führten, sah er aus dem Hanptportal eine schlanke, 
jugendliche Gestalt sich entgegen konimen, welche in Figur 
und Haltung ihn an Constanze Tucetti gemahnte, an die 
er Tag und Nacht mit Schinerzen dachte. 
Aber nein, er täuschte sich! Die Dame trug ein schiefer- 
graues Kostüm mit einem Besatz, der wie ein ganz feines 
Netz von flimmerndem Stahl die Taille und den Rand des 
Rockes bedeckte. — So trug Constanze sich nicht! Die lieble 
Farben und sie standen ihr. — Diese Dame aber — 
Das walein blitzschneller Gedanlenslug, der nicht zu Ende 
kam, denn jetzt trafen sie zusammen — die beiden, und Leo 
schlug das H»kz hoch ausc .Constanze — Sie?* 
Das junge Mädchen hatte nie so lieblich ausgesehen in 
dem holden Erröten nnd dem strahlenden Glück, das aus 
ihren Augen ihn anstrahlte. 
Ein eisiger Schreck durchfuhr ihn. 
„Constanze — ? Sind sie verlobt? So steht nur eine 
glückliche Brarit aus!" rief er, alle seine gewohnte »Selbst 
beherrschung verlierend und ihr in Ton und Blick sein Ent 
setzen so deutlich verratend, daß sie — nicht einmal heucheln 
konnte, es nicht zu bemerken. 
Ganz dunkel erglühte sie. Und doch — es blitzte in ihren 
Augen etwas auf wie ein Freudenstrahl. 
Er sah es, fühlte, wie er sich verriet, und dachte, sie 
spotte sein. 
Da wurde er so fahlbleich, daß sie tödlich erschrak. 
„Leo! Leo! Was ist Ihnen? Ich war bei dem Direktor, 
um ihn auf Ehre und Gewissen zu fragen, ob mein armer 
Vater wahnsinnig gewesen —" rief sie. 
„Aber wozu? Er war es noch nicht positiv, aber er 
wäre es unfehlbar geworden, wenn nichl der Herzschlag —" 
„Das sagte der Direktor genauso, Leo! O, wie froh bin 
ich, zu ihm gegangen zu sein." 
„Aber ich verstehe nicht, wozu, Constanze?" 
„Um ihn zu fragen, auf Ehre und Gewissen, ob dieser 
Wahnsinn erblich —?" 
„Constanze! Liebe teure Constanze! Welche Idee! Welch 
furchtbare Idee! O, wie konnten Sie so Schreckliches denken? 
Ueberhaupt — Ach, liebe, liebe Constanze, wie froh bin ich. 
Sie getroffen zu haben!" 
„Verzeihung, Herr Doktor Sordegna, das kommt mir doch 
wie eine liebenswürdige Redensart vor; denn warum — ?" 
Nein, sie konnte ihm doch nicht gut eine Art Geständnis 
machen, daß sie sich so sehr nach ihm gesehnt. — Sie 
schwieg — sie kam aus dem Rotwerden gar nicht heraus. 
Dann begann sie sehr befangen wieder: „Ich — ich dachte — 
Sie kämen deshalb nicht mehr zu uns — weil der Vater — 
es konnte doch erblich —" 
Herr Gott — was redete sie denn da? Just das durfte 
sie ihm doch um keinen Preis sagen. Sie wurde immer ver. 
legener. 
Er schien das aber gar nicht zu bemerken. 
Ganz leise sagte er:' „Constanze — haben Sie nie erraten, 
warum ich nicht kam?" 
Sie sah ihn fragend an — sagte aber nichts, und er 
fuhr in plötzlicher Leidenschaft fort: „Weil ich arm war und 
Du reich, Geliebte, weil ich nichts hatte und nichts war und 
weil ich, durch Deines Vaters — Deines teuren Vaters Güte 
und Wohltaten erdrückt, nun nicht auch noch meine Hand 
nach seinem geliebtesten Kinde ausstrecken wollte." 
„Aber als er starb —! O, ich war so allein!" klagte sie 
vorwurfsvoll. 
„Da hätte ick es erst recht erbärmlich gefunden, wenn 
ich aus Deiner Hand alles hälie nehmen wollen, was ich 
Dir nicht bieten konnte. Jetzt darf ich Dich fragen — meine 
Existenz ist eine gesicherte, ich habe die Stelle eines zweiten 
Direktors am großen Krankenhause bekommen — heute erst, 
geliebte Constanze, und wenn Tu mir hier nicht begegnetest, 
so kam ich zu Dir!" — Er nannte sie ganz unbewußt' 
„Du!" 
Sie waren schon seit einigen Minuten Hand in Hand 
gegangen; jetzt hatten sie die große Straße mit all ihrem Lärm 
und Getöse und Menschengewühl erreicht. 
Ganz verdutzt stand er da und sah sich um, wie aus 
einem schönen Traume erwachend. 
Plötzlich wurde er sich seiner Wünsche bewußt. 
„Liebste! Geliebte Constanze! Noch kein Wort hast Du 
mir geantwortet!" flüsterte er aufgeregt. 
Sie war in so glückselig froher Stimmung, daß sie trotz 
ihrer tiefen Bewegung lachen mußte: „Hast Du denn etwas 
gefragt?" 
Da hätte er laut aufjauchzen mögen. 
„O Du böses, süßes Herz — jetzt sollst Du mich aber 
nicht länger quälen!" 
Er winkte einer Carozza — sie stiegen ein und fuhren
        
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