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Periodical volume Nr. 198, 24.08.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

frirtirnnurr fulittl^iüfijfr. 
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. 198. 
Friedenau, Donnerstag den 24. August 1905. 
12. Iahrg. 
Depeschen 
Langeuberg. Bandwirker, der vor einigen Tagen 
wegen verschmähter Liebe ein Kindermädchen durch drei 
Revolverschüsse schwer verletzt und dann die Waffe gegen 
sich selbst richtete, ist seinen Verletzungen erlegen. 
Wien. Das Bezirksgericht verurteilte den anarchistischen 
Schriftsteller Siegfried Nacht wegen Falschmeldung zu 
48 Stunden Arrest. Nacht wird alsdann von der Polizei 
aus Wien ausgewiesen werden. 
Budapest. Das Kabinett Fejervary wird sich am 
15. September mit einem vollständig neuen Programm 
dem Abgeordnetenhause vorstellen, sich nicht mehr als 
provisorische, sondern als definitive Regierung erklären 
und gleichzeitig den Kampf gegen die Resistenz aufs 
energischste zu führen. 
Budapest. Wie nunmehr offiziös verlautet, wird 
nunmehr die außerparlamentarische Regierung versuchen, 
durch Neuwahlen eine Parlamentsmajorität zu schaffen und 
für sich Stimmung zu schaffen. Angeblich wird sie ein 
großangelegtes radikales Reformprojekt ausarbeiten. 
Triest. Bei einer Bergpartie auf den Cima Dasta 
stürzte der Dekorateur Ludwig Glück aus Bremen, sowie 
sein Sohn ab. Der erstere hat sich schwer, der Sohn 
leichter verletzt. 
Pola. Infolge vorzeitiger Explosion einer Mine 
bei Punta Barbarina wurden drei Soldaten getötet, zwei 
schwer und einer leicht verletzt. 
Saloniki. Hier wurde auf einen griechischen 
Bischof/geschossen; der Bischof blieb jedoch unverletzt. — 
Riga. 6000 Reservisten aus der Stadt und dem 
Kreise Riga erhielten den Befehl am 29. d. M. sich zum 
Dienst zu stellen. 
Petersburg. Die hiesige Duma beschloß, zum 
Andenken der Schaffung der Reichsduma eine große 
Stiftung zu Gunsten der Armen zu errichten und dem 
Zaren in einer Adresse den Dank für die Gewährung 
einer Volksvertretung, gleichzeitig aber auch in der Adresse 
konform der Moskauer Duma den Wunsch auszusprechen, 
der Zar möge auch die Unantastbarkeit der Person, die 
Rede-, Versammlungs- und Vereinsfreiheit gewähren, 
damit der Gesetzmäßigkeit der Wahlen die nötige Garantie 
geboten würde. 
Paris. Der Sultan von Marokko hat nunmehr 
auf die französische Note wegen Verhaftung eines Algeriers 
beantwortet. Er erklärt, daß die Verträge mit Frankreich 
nicht verletzt worden seien, weil der Verhaftete nicht 
einem anerkannten algerischen Stamme angehört. Man 
glaubt nicht, daß diese Erklärung in Frankreich befriedigen 
wird, aber man entnimmt daraus, daß der'Sultan geneigt 
ist, entgegenzukommen. 
Bom russisch-japanische« Kriegsschauplatz 
und de« Friedeusverhandlungen. 
Petersburg. Eine hochgestellte Persönlichkeit äußert 
sich über den Stand der Verhandlungen äußerst optimistisch. 
Die gestrige Audienz des amerikanischen Botschafters beim 
„Sie Kache iß wem." 
Kriminal-Noman von L. Haid heim. 
31. (Nacvdiuck rervoleu. 2W1« iKfrtitp SorBffolttn.) 
In diesem Gedanken war die junge Frau gegangen, 
Constanze zu besuchen; es war seltsam, daß sie, die sich früher 
bei dem besten Willen nie so recht hatten' anfreunden können, 
jetzt schon bei dem ersten Wiedersehen aufrichtige Sympathie 
füreinander fühlten. 
„Ich bin so froh, wieder daheim zu sein/ sagte Constanze, 
als sie mit Irene allein auf dem Balkon der Villa saß. 
„Einsam blieben wir doch immer, ob wir nun in Kairo oder 
in Rom oder sonst wo weilten —. Meine Natur ist keine 
vielseitige — ich kann nur wenige Menschen lieben, aber die 
haben mich auch ganz/ 
„So kamst Du mir früher gar nicht vor, Con!" meinte 
die junge Frau. „Du warst von einer so beneidenswerten 
Heiterkeit. Ich dachte oft bitter: Sie hat Gnade bei Gott 
und den Menschen — Du schienst mir in allem die Glückliche 
und Bevorzugte." 
„Wie Du mir!" lächelte ernst Constanze. „So haben 
wir die Rollen jetzt getauscht." 
„Aber warum, liebes Herz? Was lastet auf Dir, daß Du 
so freudlos zurückgekommen, Du, jung, bübinach jeder 
Richtung geschaffen, glücklich zu sein —! Sage mir, Con, ist 
Dir da draußen ein Herzenswunsch gekommen und unerfüllt 
geblieben? —' 
„Da draußen, sagt sie! Und ich habe in der ganzen Welt 
da draußen niemand gefunden, dem ich einen einzigen Herzens 
gedanken gewidmet hätte. Ach nein, Irene — das ist's auch 
nicht!" 
Zaren haben vollen Erfolg gehabt. Die Unterzeichnung 
des Friedensschlusses wird aller Voraussicht nach nur noch 
eine Frage einiger weniger Tage sein. 
Portsmouth. Witte erhielt gestern ein längeres 
Telegramm aus Petersburg, das nach allgemeiner Ansicht 
eine wenn auch nicht definitive Antwort des Zaren ent 
hielt, wodurch den Verhandlungen der Friedenskonferenz 
eine andere Wendung gegeben wurde. Indessen wird mit 
Bestimmtheit behauptet, daß die Vorschläge Roosevelts 
russischerseits nicht angenommen worden sind. 
Tokio. Den Japanern ist es gelungen,. in Port 
Arthur den versenkten russischen Torpedojäger „Silny" 
wieder zu heben. 
Allgemeines. 
[] Die Nach-Behandlung der aus Heilstätten 
entlassenen Eisenbahner hat ein Ministerial-Erlaß 
zum Gegenstände, dem wir Folgendes entnehmen: Nach 
Beendigung der Heilstättenkur soll dem Dienstvorsteher 
vom Bezirksausschuß Kenntnis gegeben werden von dem 
Erfolge der Kur sowohl, wie von den für die Nach 
behandlung gegebenen ärztlichen Verordnungen — Aus 
setzung der Arbeit oder Schonung, Beschränkung der 
Arbeitszeit oder Ausschluß schwererer Arbeit für bestimmte 
Zeit, dauernde Übertragung anderer Arbeiten, Überweisung 
in hygienisch günstigere Räume rc. Im Benehmen mit 
den behandelnden Ärzten haben die Dienstvorsteher sodann 
dafür zu sorgen, daß die ärztlichen Verordnungen tunlichst 
zur Durchführung kommen. Soweit ihnen dies nicht 
möglich erscheint, haben sie die Sache dem Jnspektions- 
vorstande zu berichten, der erforderlichenfalls, im Benehmen 
mit anderen Vorständen dafür Sorge tragen soll, daß die 
Entlassenen in die ihnen als zuträglich bezeichnete Tätigkeit 
überführt werden. Die Kosten für die Benutzung der 
Wald-Erholungsstätten werden von der Pensionskasse in 
den Fällen übernommen, wenn sie zur erfolgreichen Fort 
setzung der Kur ärztlich verordnet ist und wenn solche 
Erholungsstätten in der Nähe des Wohnortes des 
Kranken leicht erreichbar sind. Soweit Enthaltung von 
der Arbeit für bestimmte Zeit verordnet, der Entlassene 
also noch krank und arbeitsunfähig ist, steht ihm das 
Krankengeld aus der Krankenkasse zu. Sind die Leistungen 
derselben erschöpft, so ist eine Unterstützung in Höhe des 
vollen Krankengeldes aus der Arbeiter-Pensionskasse zu 
zahlen. 
sj Die Entsendung von Lehrern in die Schul 
vorstände und das Recht der Schulvorstände zur Ver 
anlagung zu Steuern für Schulbedürfnifle bestätigt eine 
wichtige Entscheidung des Ober-Verwaltungsgerichls, die 
jetzt von der preußischen Volksschulverwaltung ihren 
Organen zur Nachachtung mitgeteilt wird. 
sj Zum Eisenbahuer-Ausstand in Rußland. 
Die Königl. Eisenbahndirektion Berlin macht Folgendes 
bekannt: „Wegen Einstellung des Personen- und Güter 
verkehrs auf den Weichselbahnen werden nach Stationen 
dieser und -Hinterbahnen bestimmte Güter über Warschau, 
„Was ist's denn, Con? Vertraue mir!" 
„Das möcht ich! Monatelang hab ich auf diesen Moment 
gewartet; — ich dachte, er würde kommen, wenn wir das 
erste Mal allein wären, denn nur Du, nur Du konntest 
mir Antwort geben!" 
„Und nun ist Donna Laura fort, niemand stört uns, 
kleine Con, so frage, ich antworte." 
„Sage mir zunächst. Liebste, hast Du Deines Gatten 
ganzes, volles Vertrauen?" fragte Constanze und ein leises 
Zittern ging durch ihren Körper. 
- „Ja, Con, das habe ich." 
„Noch eins, Irene! Sagt er Dir alles? Ist sein ganzes 
Herz Dir offen?" 
„Con! Um Gotteswillen! Sprich nicht in Rätseln!" 
bebte es wie im Todesschrecken von Irenes Lippen. 
„Ach Gott, wenn sich das furchtbare Rätsel mir lösen 
wollte!" sagte das junge Mädchen schmerzlich bewegt, und 
schwere Tränen rollten über ihre Wangen. 
„Irene! Seit meines Vaters Tode quält mich ein 
furchtbarer Gedanke! Aber stehst Du, es war mir, als riefe 
mich eine laute Stimme aus tiefem Schlaf: „Dein Vater 
hat ein böses Gewissen gehabt; — er trägt eine Schuld auf 
der Seele!" 
„Constanze! Welch fürchterliche — törichte Idee! Dein 
Vater? Dieser edelste liebevollste Mensch —?" 
Irene war ganz erschüttert eniporgesprungen und starrte 
entsetzt und vorwurfsvoll auf Constanze. . 
„Constanze! Weißt Du denn nicht, daß er wußte, er 
würde wahnsinnig werden? Er war sich darüber vollkommen 
selbst klar, auch Leo ist dieser Ueberzeugung! Er und mein 
Gatte wußten es längst." 
Constanze .war an Irene niedergesunken und um 
klammerte deren Leib mit deren Annen. 
Ringbahn (Transit) hinaus bis auf weiteres nicht ange 
nommen. Gleichzeitig lehnen die Weichselbahnen die Ver 
antwortung der rechtzeitigen Lieferung der Güter ab. 
Solche Transporte werden daher von der Warschau- 
Wiener Bahn auf den Grenzstationen nicht übernommen. 
— Auf der Strecke Mlawa-Praga der Warschauer Bahn 
verkehren bis auf weiteres keine Züge. 
sj Die Strafanzeigen bei Eisenbahn-Betriebs 
unfällen, welche die Statistik der Eisenbahnen Deutsch 
lands mitteilte, scheinen den Rückschluß zu gestatten, daß 
die preußische Staatsbahn-Verwaltung hinsichtlich der 
Strafanzeigen rigoroser vorgehe, als andere Verwaltungen. 
Diese Schlußfolgerung ist aber eine irrige. Der größte 
Teil der Anzeigen ist von den örtlichen Dienststellen 
lediglich auf Grund der Tatsache erstattet, daß durch einen 
Betriebsunfall Menschen getötet oder schwer verletzt 
worden sind; diese Anzeigen bezwecken also garnicht die 
strafrechtliche Verfolgung von Personen. Ein richtiges 
Bild gewährt die Statistik erst dann, wenn man die Fälle, 
in denen die Verwaltung nach Abschluß der Untersuchung 
ein strafrechtliches Verschulden als vorliegend erachtet hat, 
in der Art gliedert, daß man die Fälle der Einstellung 
des Gerichtsverfahrens, der Freisprechung und der Ver 
urteilung unterscheidet. Danach betrug die Gesamtzahl 
der Staatsanwaltschaft angezeigten Betriebsunfälle im 
Berichtsjahre 1147. In nur 156 von diesen Fällen haben 
die Direktionen nach Abschluß der Untersuchung die Schuld 
frage in dem Sinne bejaht, daß sie die strafrechtliche Ver 
folgung von Bahnbediensteten (93 Fälle) oder von anderen 
Personen (62) für geboten erachteten. Von diesen 155 
Fällen sind 151 an die Gerichte gelangt. Hier erfolgte in 
14 Fällen EinsteÜung des Verfahrens, in 28 Fällen Frei 
sprechung und in 76 Fällen Verurteilung. Die übrigen 
33 Fälle waren noch unerledigt. Unter Mitberückstchtigung 
derselben — nach Maßgabe der erledigten Fälle — er 
geben sich im Ganzen: 18 Fälle der Einstellung, 36 Fälle 
der Freisprechung und 97 Fälle der Verurteilung. Daraus 
ergibt sich, daß bei 2 / g der Fälle der Strafrichter die 
Schuldfrage ebenfalls bejaht hat. 
sj Die englische Flotte wird, wie aus einer Bekannt 
machung der Kgl. Eisenbahndirektion Stettin ersichtlich, to 
ben Tagen vom 28. bis 31. d. Mts., und zwar vor 
Swinemünde vor Anker liegen. Für die Sonderzüge, 
welche, wie gemeldet, am 28., 29. und 30. d. Mts. von 
Berlin nach Stettin bezw. Swinemünde abgelaffen werden 
sollen, sind die Fahrpreise der Rückfahrkarten wie folgt 
festgesetzt: Berlin — Stettin (Wasserweg) — Swinemünde 
II. 11,10 M., III. 8,40 M., Berlin—Swinemünde (über 
Ducherow) 12,20 bezw. 8,20 M. „Für die Beförderung 
ab Swinemünde in See zur Besichtigung der Flotte haben 
die Reisenden selbst zu sorgen." Gelegenheit bietet u. a. 
die Rhederei Bräunlich, die im Anschluß an die Sonder 
fahrten ab Swinemünde Dampfer nach folgendem Fahr 
plan verkehren läßt: am 28., 29. und 30. d. Mts. geht 
der Dampfer gleich nach Ankunft des Sonderdampfers von 
Stettin (Swinemünde an 6.30 früh) in See, nach Ankunft 
„Irene! Irene! Das ist es? Nur Krankheit? Die Gottes 
Wille schickt? — Nichts Schlimmeres? O Gott im Himmel, 
habe Tank, habe Dank! Ach, und warum sagte man mir 
das nicht, Irene?" 
„Ich weiß nicht! Wußte dies gar nicht! Vielleicht weil 
sie Dich alle schonen wollten." 
„Ach — und wie elend haben sie mich gemacht!" 
„Aber welche Idee auch, liebste Con! Dein Vater — 
ein böses Gewissen!" 
Constanze lag, zitternd an allen Gliedern und doch mit 
dem Blicke einer Erlösten zum Monde aufsehend, in Irenes 
Armen. 
Lange saßen sie beide noch zusammen und sprachen 
von Ducetti und mancherlei Erlebnissen, die alle nur seine 
wachsende Gehirnkrankheit dartaten. Leos Name wurde 
dabei immer wieder genannt. — Irene nannte ihren Bruder 
nur immer: Der arme Leo! der arme Schelm! 
Aber sie sagte nie, warum sie es tat. 
„Wie konntest Du nur meinen, Leo halte seinen liebsten 
und gütigsten Freund für etwas anderes, als krank?" fragte 
Irene endlich. 
„Er war plötzlich verändert, und nach des Vaters Tode 
hat er uns ein einziges Mal besucht, nie wieder," sagte 
Constanze und man hörte ihr an, wie sie dies gekränkt. 
„Aber wie konnte er zu Euch kommen? Ihr wäret so 
weit — und er — ein junger Arzt, der froh ist, Patienten zu 
haben —' 
„Vielleicht hätte er uns schreiben können, wenn ihm 
danach der Wunsch kam." 
„Das freilich. Ich muß Dir sagen, daß mir's vorkommt, 
als wäre Leos Herz auch nicht mehr so federleicht wie früher." 
Der jungen Frau Augen hefteten sich forschend auf sie. 
„Sollte er eine Liebe haben, Irene?"
        
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