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Periodical volume Nr. 197, 23.08.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Frikilkimn |oknl4n!fijjfr. 
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197. 
Friedenau, Mittwoch den 23. August 1905. 
12. Iahrg. 
Depeschen 
Hamburg. Hiesige Kenner der Verhältnifle in 
Deutsch-Ostafrika sehen die Lage sehr ernst an. Der 
„Hamburger Korrespondent" erfährt, daß der in Lima! 
ermordete Kaufmann Aimer, der Plantagenoerwalter der 
hiesigen Firma Traun Stuerken & Co. war, welche die 
bedeutendste Firma in Kautschukkulturen ist. Inwieweit 
Plantagen verwüstet wurden, darüber stehen die Nach 
richten noch aus. Sollte auch im Norden der Stamm der 
Wahehe losbrechen, so würde, wie das Blatt befürchtet, 
eine wahre Katastrophe bevorstehen. 
Die Gesellschaft Südkamerun erläßt eine Erklärung 
gegen die im „Matin" veröffentlichten Angriffe der 
französischen Sanga-Gesellschaft. Die von den Franzosen 
angeführten angeblichen Gewalttaten der Deutschen seien 
nur höchst abgeschwächte Repressalien für die seit Jahren 
von französischen Gesellschaften den Deutschen gegenüber 
begangenen Übergriffe. Sie hätten nie eine Reklamation 
der französischen Regierung erhalten, was der beste Beweis 
für die Korrektheit ihres Handelns sei. 
Christian!«. Der gestrige Beschluß des Storting 
über die Regierungsvorlage, betreffend Einleitung von 
Verhandlungen mit Schweden, wurde nur nach heftigem 
Widerstande der radikal-sozialistischen Fraktion mit 104 
gegen 11 Stimmen in zwei geheimen Sitzungen votiert. 
Die überwältigende Majorität bedeutet einen glänzenden 
Sieg der Regierung, deren gemäßigte und rücksichtsvolle 
Politik ihn herbeigeführt hat. Man verhehlt sich nicht, 
daß sich bei den Verhandlungen große Schwierigkeiten er 
geben werden, insbesondere in der Lappländerfrage und 
der Frage der Befestigungszone. Immerhin rechnet man 
auf einen guten Ausgang. Die Verhandlungen werden 
baldigst eröffnet durch die Delegierten beider Regierungen, 
von denen jede drei Mitglieder ernennt. Norwegen ent 
sendet voraussichtlich Lövland, Berner und den früheren 
Minister, Advokat Vogt. 
Warschau. Die Telegraphenleitung zwischen hier 
und Tarospol ist von den Streikenden zerstört worden. 
Moskau. Tausende von Bauern aus den um 
liegenden Dörfern, in denen Hungersnot herrscht, kommen 
nach Moskau, unter ihnen zahlreiche Frauen und Kinder. 
Die Not ist entsetzlich. 
Ezarvik. Die Gefangenen des städtischen Gefäng- 
niffes revoltierten und demolierten alles. Eine Kompagnie 
Infanterie mußte herbeigeholt werden, um die Ordnung 
wieder herzustellen. 
Petersburg. Die Ernte aus der Wintersaat ist 
sehr schlecht, auch die Sommersaat ist bedroht; den Land 
wirten fehlt es an Saatkorn, um ihre Felder bestellen 
zu können. 
Gestern explodierte in Tiflis eine Bombe, wobei ein 
Haus völlig zerstört und zwei unbekannte Männer getötet 
wurden. Unter den Trümmern fand man 36 Bomben 
und mehrere Kilogramm Dynamit. 
Petersburg. Die Reformpartei nahm eine Resolution 
an, worin erklärt wird, daß die Institution der Reichs- 
»Sie Mache ist «ei«." 
Krimmal-Roman von L. Haid heim. 
36. («achdruck verboten. Alle Rechte »orbeballen.) 
„Fehlt fast ein Glied unis ändere, ich iveiß, ich weiß! 
Aber kann ich denn anders? Drängt sich mir dies Gräßliche 
nicht aus, wider meinen Willen? Habe ich je daran gedacht? 
verteidigte Monto sich, wie gegen eine Beschuldigung. Und 
dann ries er wieder, von einem neuen Beweis betroffen: 
„Habe ich Ihnen nicht öfter gesagt, den Ducetti beschwert 
irgend eine Schuld? Immer hat er mir den Eindruck 
gemacht, mit seinen scheuen, stets ausweichenden Blicken!" 
„Ich habe ihn auch je länger, je,weniger leiden mögen," 
stimmte Palmieri zu. , 
Je länger sie von der Sache sprachen, um so beängstigender 
wurden ihnen manche deutliche Anzeichen; auf der anderen 
Seite war es so ganz unglaublich —. 
Wie? Konnte ein Mörder ruhig, oder wenigstens an 
scheinend ruhig, mit den Verwandten seines Opfers Halls an 
Haus wohnen, nachbarlich verkehren? Konnte er seine Kinder 
liebkosen? Und gar an eine Heirat denken? 
Warum hätte ermorden sollen? Er, der das viele Geld 
nicht einmal zu seinem Genuß zu brauchen verstand! 
Es schlug zwölf Uhr. Monto brach auf. — Er sah ganz 
krank und elend aus. 
„Gib mir das Versprechen, daß niemand vorläufig —* 
Monto gab Palmieri stunim die Hand. 
Palniieri leuchtete dem Freunde bis zur Treppe. Während 
Monto hinabstica, hörten sie Schritte herauskommen. Sie 
achteten nicht weiter darauf, trennten sich ernst und sehr nach 
duma völlig unzureichend sei, um den Mißbrauch der 
Amtsgewalt zu verhüten. Die Partei will sich direkt an 
den Zaren wenden und ihm ihr Programm vorlegen. Als 
Mindestmaß wird sie eine Verfassung nach dem Muster 
der übrigen europäischen Staaten verlangen. 
Budapest. Die dem Prinzen Philipp von Koburg 
gehörigen Waldungen bei Jstrezsver stehen in Flammen. 
Die Versuche, dem Brande Einhalt zu tun, blieben bis 
jetzt erfolglos. 
Florenz. In Prato stürzte plötzlich das Dach eines 
Hotels ein und begrub 15 Personen, über deren Schicksal 
noch nichts bekannt ist. 
Tokio« Der Minister des Äußeren veröffentlicht den 
Text eines Vertrages zwischen Japan und Korea, be 
stehend aus 9 Artikeln. Dieser Vertrag besagt u. a., daß 
die japanischen ^ Schiffe in allen Häfen und auf allen 
Flüssen Koreas freie Fahrt haben. Der Vertrag bestimmt 
auch, daß die Japaner koreanische Häfen in Pacht nehmen 
dürfen. 
Vom rnsstsch-japanische« Kriegsschauplatz 
und de« FriedenSverhaudlnuge«. 
Petersburg. Die meisten Kriegskorrespondenten 
erklären, daß die Aussichten Liniewitschs in einer etwaigen 
Entscheidungsschlacht gute seien, da die Lage der Japaner 
infolge der langen Ausdehnung ihrer Linie sehr gefährdet sei. 
Am 20. August haben 4000 Mann russischer Truppen 
mit Artillerie bei Sinmiaotu die Japaner angegriffen, 
jedoch wurden die Russen zweimal zurückgeschlagen. 
Den Entschließungen der Japaner wird hier mit 
größter Spannung entgegengesehen. Ein choher russischer 
Beamter erklärte, daß man auch nicht einen einzigen 
Kopeken Kriegsentschädigung zahlen wolle. Ebensowenig 
könne man ein Schiedsgericht annehmen, wenn wirklich ein 
solches vorgeschlagen werden sollte. 
Londou. Nach einer Meldung aus Portsmouth 
soll Komura, als ihn ein Interviewer fragte, ob es richtig 
sei, daß die strittigen Punkte einem Schiedsgerichte unter 
breitet werden sollen, in Helles Gelächter ausgebrochen sein. 
Neucastle. Trotz Wittes Dementi gilt es als fest 
stehend, daß er und Baron Rosen gestern eine einstündige 
Konferenz mit einem Unbekannten hatten, der später ab 
reiste und sich auf dem Bahnhöfe nach dem Zuge nach 
Oysterbay erkundigte. Dadurch scheint die Vermutung, 
daß es ein Abgesandter Roosevelts gewesen sei, sich zu 
bestätigen. 
Neuyork. Trotz der angeblichen Erklärung Wittes, 
daß er am Frieden zweifle, ist man hier doch der Über 
zeugung, daß dieser, wenn auch erst nach Unterbrechungen 
der Konferenz, doch zustande kommen werde. Wie es 
heißt, werden die Japaner heute weitere Konzessionen 
machen. 
Der Petersburger Korrespondent der „World" meldet, 
daß man in russischen Regierungskreisen nicht an die 
Möglichkeit eines Friedensschluffes glaube. Jndeffen 
könne die Regierung vor heute Abend nicht sagen, daß 
alle Hoffnung verloren sei, wenn auch die russischen 
Friedensunterhändler kaum mehr etwas erwarten. 
deutlich, und Palmieri ging in sei» Zimmer zurück, iu seiuer 
Ordnungsliebe die Gläser uno Zigarren bei Seile räumend. 
Plötzlich horchte er hinaus. Die Schritte waren bis zu 
ihm heraufgekommen. Wer konnte denn das sein? Außer 
ihm wohnte niemand in der Etage. 
Er ging mit seiner Lampe zur Tür und sah hinaus. — 
Aber wie erstarrt, ganz gelähmt blieb er im Türrahnien 
stehen — vor ihm ans dem kleinen Korridor lehnte an der 
Wand ein Mensch mit ganz verzerrtem Gesicht — Ducetti. 
Seine Augen lagen tief im Kopfe. 
Aber jetzt richtete Ducetti sich schon auf und nahm eine 
feste Haltung an. 
„Ich sah Licht bei Ihnen —" sagte er, um sein spätes 
Kommen zu entschuldigen. 
„Geht es Ihnen nicht gut, Ducetti? Kommen Sie 
herein! Guten Abend!" 
Sie traten in seilte Stube. Ducetti sah sich um, als ob 
er nie hier gewesen. 
„Wer verlieb Sie eben?" fragte er dann. 
„Monto! Er kam von Santa Alma." 
„Monto? Er? Was tot er da?" 
„Er kam von San Remo, wo sie das Denkmal der 
Tante Susan aufgestellt haben —* 
„Ja —I Und die Inschrift lautet: Die Rache ist mein!" 
sagte Ducetti, jetzt genau so ins Leere starrend, wie es vorhin 
Monto auf derselben Stelle getan. 
„Es geht Ihren Damen und den Jünglingen gut, 
Duceiti! Ellen und Monto waren vergnügt mit ihnen." 
„So? Arme Kinder! Arme liebe Kinder!" seufzte er. Tann 
blickte er auf. 
„Wollen Sie ihr Vormund werden, Palmieri?" Er bat 
mit Blick und Ton. 
Der „Herald" meldet aus Neucastle, bei der heutigen 
Morgensitzung der Friedenskonferenz werde ein neuer 
Vorschlag von den Japanern gemacht werden, und zwar 
betreffend die russisch-chinesische Bank und die Eisenbahn 
in der Mandschurei. 
Neuport. Das einheitliche Betonen der russischen 
Delegierten, Rußland könne keine weiteren Konzessionen 
machen, hat eine sehr pessimistische Stimmung hervor 
gerufen. Japanischerseits wurde dem Korrespondenten der 
„Franks. Ztg." gesagt, die russische Regierung scheine die 
Lage in der Mandschurei falsch zu beurteilen und durch 
Versagen von Konzessionen die Verhandlungen scheitern 
lassen zu wollen. Auch Witte äußerte gestern seine Furcht, 
Roosevelts Intervention werde vergeblich sein. Witte war 
gestern drei Stunden in Nary-Iard, was das Gerücht 
hervorrief, er habe einen Gesandten Roosevelts getroffen. 
Witte dementierte dies allerdings. 
Lokates. 
t Einquartierung. Unsere Gemeinde erhält vom 
31. August bis 3. September Einquartierung und zwar 
vom Regiment Garde du Corps 3 Offiziere, 60 Mann 
schaften und 65 Pferde. Die Einquartierung erfolgt mit 
Verpflegung und Fourage. 
f Die Linie 66 der elektrischen Straßenbahn soll 
ab 1. September von der Rosberitzerstraße durch die 
Kaiserallee zum Kaiserplatz in Wilmersdorf weitergeführt 
werden. Die Stadt Berlin hatte, wie erinnerlich, vor 
Monaten gegen die betreffende, vom Polizei-Präsidium 
schon genehmigte Fahrplan - Erweiterung der Großen 
Berliner Straßenbahn Stellung genommen und ihm ihre 
Zustimmung versagt auf Grund des mit der Verwaltung 
der Gesellschaft geschlossenen Vertrages. Auf die seitens 
der Vorortbevölkerung, namentlich aber der Gemeinde 
Wilmersdorf erhobenen Vorstellungen hat der Polizei- 
Präsident von Berlin die Verwaltung der Straßenbahn 
angewiesen, diese Verkehrsverbesserungen nunmehr unge 
säumt zur Ausführung zu bringen. Der Einspruch der 
Stadt Berlin war seinerzeit erfolgt, weil die Stadt auch 
für die neuen Verlängerungen den Zehnpfennig-Tarif 
durchgeführt haben wollte, worauf sich jedoch die Straßen 
bahn nicht einlassen wollte. Wie den Lesern erinnerlich 
sein wird, war eine Verlängerung der Linie 66 bis zum 
Friedrich Wilhelmplatz in Aussicht gestellt, so daß die 
Bewohner westlich der Kaiserallee eine direkte Verbindung 
mit dem Innern Berlins erhalten hätten. Allem Anschein 
nach ist die Große Berliner Straßenbahn von diesem 
Gedanken wieder abgekommen, was gerade zu schmerzlich 
nicht empfunden werden braucht, wenn man bedenkt, daß 
die Linie 66 nur auf Umwegen in das Innere Berlins führt. 
f Der Nachtrag zu dem Verzeichnis der Teil 
nehmer an den Fernsprechnetzen iu Berlin und Um 
gegend ist erschienen. Für Friedenau sind folgende Firmen 
nachgetragen: 787, Bandoly, Restaurant, Stubenrauch 
straße 65, (748), Beese, Oberpostinspektor, Begasstraße 4, 
207, Behrend, Rentiere, Rheinstraße 34, 790, Bergemann, 
„Wie kominen Sie darauf? Fühlen Sie sich wieder 
kränker, Ducelti?" 
„Ich will mein Testament machen — die Knaben bedürfen 
einer festen Leitung, Constanze eines zuverlässigen Freundes — " 
„Wenn es je nötig würde, hätten Sie den an mir!" 
„Wohl, Palmieri — darf ich Ihr Wort als ein bindendes 
Versprechen nehmen? Man kann nicht wissen — ich könnte —* 
Plötzlich brach er ab. „Das ist ja mein Knopf!" rief er 
mit einem ganz eigentümlichen Ausdruck, der dem Schrecken 
sehr glich. 
Hinter einem Buche hatte sich der goldene Manschetten 
knopf versteckt. 
Ducetti hatte ihn in der Hand und besah ihn wie 
gedankenlos. 
„Der andere Knopf ist zerbrochen. Er liegt auf Ihrem 
Schreibtisch in einer kleinen Schale," sagte Palmieri. 
Ducetti nickte. „Wie kommt der hierher?" 
„Monto brachte ihn von Santa Alma mit." 
„Ter andere ist zerbrochen!" sagte Ducetti mit scheu 
forschendem Blick auf Palmieri. 
„Und wissen Sie, wo man das zerbrochene Teilchen 
gefunden hat, Ducetti?" 
„Nein! nein!" stieß er heftig heraus. „Was geht es 
mich an?" Er sah plötzlich so verändert aus, daß Palmieri 
wußte: Er hat es getan! 
Wenn tausend Stimmen ihm in dieser Minute: Nein! 
zugerufen -- er hätte es dennoch gewußt, sonder Zweifel. 
Aber Ducetti — Constanzes Vater — ein Mörder? Es war 
Palmieri, als wollten seine Beine ihn nicht mehr tragen. 
Ein unsägliches Entsetzen packte ihn. Und vor ihm stand 
dieser Mörder und sah — begriff, was in ihm vorging, mit 
weit aufgerissenen Augen. Granblcich starrten sie sich an.
        
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