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Periodical volume Nr. 196, 22.08.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den Mdenauer Ortsteil von Schöneberg nnd den Vezirksverein Süd-West. 
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K-k. 196 
Friedenau, Dienstag den 22. August 1905. 
12. Iahrg. 
Depeschen. 
Innsbruck. Der Ingenieur Pickelmaier aus Deutsch 
land ist vom Langkofel in den Dolomiten abgestürzt und 
ist zweifellos tot. Eine Expedition zur Auffindung der 
Leiche ist bereits abgegangen. 
Mailand. Die Eröffnung des Simplontunnels soll 
gleichzeitig mit der Eröffnung der internationalen Aus 
stellung von Mailand erfolgen und zwar Anfang Mai 
nächsten Jahres. 
Rom. Man beginnt hier bereits sich mit der Aus 
wahl der italienischen Delegierten zu beschäftigen, welche 
der marokkanischen Konferenz beiwohnen sollen; 
Paris. Zwei Züge der Dampfstraßenbahn sind auf 
dem Bahnhöfe von Nogeant sur mer zusammengestoßen, 
wobei ein Kondukteur getötet und 15 Passagiere ver 
wundet wurden. 
Die Arsenalarbeiter in Rochefort beschlossen in den 
Ausstand zu treten, wenn man ihre Wünsche auf Besser 
stellung ihrer Lage nicht berücksichtigen würde. 
In Privas ist eine Seidenfabrik durch eine Feuers 
brunst völlig zerstört worden. Das gesamte Material so 
wie große Mengen Rohseide wurden vernichtet. Der 
Schaden beziffert sich auf 400 000 Frcs. 
Die Antwort der deutschen Regierung auf die fran 
zösische Note, welche die Fragen enthält, die der marokka 
nischen Konferenz unterbreitet werden sollen, wird heute 
durch den deutschen Botschafter in Paris dem Kabinettschef 
Rouvier übergeben werden. 
Es wird bestätigt, daß Frankreich ein Geschwader nach 
Fez sendet zur Besetzung eines Hafens in Marokko, wenn 
Marokko Frankreich keine Genugtuung geben wird. 
Warschau. Infolge der neuerlichen Agitation der 
Sozialisten wird über ganz Polen der verschärfte Kriegs 
zustand verhängt und gegen alle, welche sich gegen die 
Ruhe und Ordnung vergehen, ein kriegsgerichtliches Ver 
fahren eingeleitet werden. — Die Verhaftung des 
bekannten polnischen Dichters Sienkiewicz wegen Be 
teiligung an der großpolnischen Agitation ist unrichtig. 
Derselbe befindet sich auf seinem Gute Oblagorek un 
behelligt. 
Moskau. Gorki ist hier eingetroffen, um mit einem 
Theater wegen der Erstaufführung seiner „Sonnenkinder" 
zu verhandeln. 
Petersburg. Neuerdings zirkulieren Gerüchte vom 
Rücktritt Lambsdorffs und der Demission des Justiz 
ministers. 
Der Redakteur Sokolowsky ist aus Odessa aus 
gewiesen worden. Infolgedessen herrscht unter den 
Journalisten Odessas große Erregung. 
Odessa. Unter der hiesigen Arbeiterschaft herrscht 
wegen des Wahlzensuses zur Reichsduma große Unzu 
friedenheit. Die Arbeiter fordern durch Fluglätter auf, 
den Kampf solange fortzusetzen, bis das allgemeine Stimm 
recht bewilligt wird. 
„Hie Mache ist mein." 
Kriminal-Roman von L. Haid heim. 
35. tNachdiuri vcrboie». "iiII« '»fditf »orjclviltrn.) 
Monto hatte Ellen Flons geheiratet, eine Advokatur 
von der Wilwe eines eben verstorbenen Vorgängers über 
nommen und sich jetzt auch in Mailand festgesetzt. Durch 
Monto erfuhr Palmieri auch immer noch von den Ducettis, da 
Constanze öfter zu Ellen kam, mit der sie viel gemeinsame 
Interessen hatte. Sie sei ganz genesen, aber ernst und still 
und oft recht bedrückt durch ihres Vaters inimer niehr sich 
entwickelnde Sonderbarkeiten. 
„Der Tucelti hat was auf dem Gewissen!" behauptete 
Monto gegen Palmieri. Aber was in aller Welt hätte 
das sein sollen'/ 
Donna Laura hatte eines Tages gegen Ellen eine Andeu 
tung gemacht, als wittere sie eine Herzensaffaire hinter Con 
stanzes ernster Verschlossenheit. 
Eine wiedererwachte Neigung für Palmieri sei gänzlich 
ausgeschlossen, aber konnte es nicht Sordegna sein, der sich von 
ihnen jetzt auch mehr zurückzog? 
Derselbe Gedanke war ja Palmieri schon früher gekommen, 
indes würde Leo doch nicht sich von dem Hause seines „Wohl 
täters" zurückziehen, wenn von einer Gegenseitigkeit der Nei 
gung die Rede sein könnte. 
Von jenem Prozeß des Grafen Renard war nie wieder 
zwischen ihnen die Rede gewesen. Derselbe war verurteilt 
wegen verschiedener Unredlichkeiten, wegen des Mordes der 
Mrs. Handerson aber aus Mangel an Beweisen freigesprochen, 
und da selbst Floris sich ungern an die Tat erinnert sah, die 
ihn reich machte, so blieb Monto der Einzige, der mit echt 
Bon» russisch-japanischen Kriegsschauplatz 
und de« FriedenSverhandlnnge«. 
Petersburg. Eine dem Hofe nahestehende Persön 
lichkeit, welche von Schloß Peterhof gekommen war, er 
klärte, daß der Zar auf seinem Entschlüsse beharre, in den 
»och strittigen vier Punkten nicht nachzugeben. 
Fürst Chilkow reiste gestern Abend nach der Mand 
schurei ab. um den Bau der Eisenbahnlinie zu über 
wachen, welche in Omsk auskaufen wird, um die trans 
sibirische Bahn zu entlasten. 
London. Nach Meldungen aus Portsmouth soll 
Professor Martens erklärt haben, daß die russische Mission 
wahrscheinlich Mittwoch abreisen werde. 
Neucastle. Offiziell wird bekannt gemacht, daß 
Roosevelt den russischen Bevollmächtigten, Baron Rosen, 
nur deshalb empfing, um eine Verlängerung der Ver 
handlungen zu erreichen, ohne jedoch in praktische Er 
örterungen einzutreken. Der Korrespondent der „„Frkf. Ztg." 
erklärt, dazu, daß dies nur die offizielle Seite von Roose- 
velts Eingreifen ist, während er, privatim positive Rat 
schläge zur Herbeiführung eines Kompromisses machte. 
Neuyork. In einer Meldung aus Neucastle be 
stätigt der „Herold", daß die Friedensdelegierten alle 
Hoffnung auf das Zustandekommen eines Friedensvertrages 
aufgegeben haben. Man will bestimmt wissen, daß die 
russischen wie die japanischen Unterhändler aus ihrem 
Standpunkte, betreffend die Abtretung von Sachalin und 
Zahlung einer Kriegsentschädigung, verharren. Die 
Friedensvermittler werden heute nochmals versuchen, von 
ihren Gegnern möglichst vorteilhafte Bedingungen zu er 
halten, es ist aber so gut wie sicher, daß die Sitzung ohne 
irgend welches Resultat verläuft. 
Allgemeines. 
Q Der Fahrplan zu den Sonderzügen nach 
Stettin und Swinemünde, welche am 28., 29. und 
30. d. Mts. aus Anlaß des Stapellaufs der „Kaiserin 
Augusta Viktoria" und der Anwesenheit des englischen 
Übungsgeschwaders in der Ostsee zur Beförderung ge 
langen, ist, wie folgt, festgesetzt worden. An jedem der 
3 Tage werden 2 Sonderzüge befördert, und zwar ab 
Berlin, Stettiner Bahnhof, 12.02 Nachts nach Stettin 
(Ankunft 2.45 früh, Abfahrt des Bräunlich'schen Dampfers 
3.30 früh, Ankunft in Swinemünde, Hafen, 6.30 Vorm.), 
ab Berlin, Stettiner Bahnhof, 5.10 früh, Ankunft in 
Swinemünde, Hafen, 10.40 Vorm. — Am Tage des 
Stapellauss (29.), gelangen noch zwei weitere Sonderzüge 
vom hiesigen Stettiner Bahnhof zur Beförderung und 
zwar Vorm. 7.10. Ankunft in Stettin 9.55 Vorm., Weiter 
fahrt mit dem Bräunlich-Dampfer 11.15 Vorm., Ankuuft 
in Swinemünde 2.15 Nachm., ferner: ab Stett. Bhf. 8.49 
Vorm., Ankunft in Swinemünde 1.40 Nachm. — Die 
Staatsbahnverwaltung will auch den zahlreichen Wünschen 
deren Rechnung tragen, welche dem interessanten Schau 
spiel nur einen Tag opfern können, indem sie an jedem 
der drei Tage Sonderzüge zur Rückfahrt einstellt und 
zwar: ab Sminemünde, Hafen, 9.40 Abends, Ankunft in 
korsikanischer Rachsucht an den unbekannten Mörder der alten 
Frau dachte. 
In diesem Sommer waren die Ducettis, — wohl um 
Constanze vor peinlichen Erinnerungen zu bewahren — nicht 
nach Detri gegangen, sondern nach' dem kleinen Gütchen in 
Santa Alma, an welches Constanze eine liebevolle Erinnerung 
für ihre Mutter knüpfte. 
Sie waren sehr reich jetzt und hätten sich in jeder Weise 
einen größeren Luxus gestatten können, aber Ducetti besaß 
nicht das mindeste Verständnis für einen solchen, und Con 
stanze vermied mit einer geradezu ängstlichen Etlergie jede 
größere Ausgabe. 
Ellen hatte ihr versprochen, sie dort zu besuchen, wenn sie 
in San Remo Tante Susans Grab mit dem prächtigen 
Marmordenkmal schmückten, das jetzt fertig war. 
Das alles hatte am heutigen Tage den Inhalt der Unter 
haltung gebildet,- welche an Mrs. Sommersets Teetisch in 
der steinen Villa am Strande von Abbazia stattfand. 
„Wenn man ausgeschlossen ist von allem eigenen Erleben," 
sagte Arthur Sommerset eruster als es sonst seine Art war, 
„so dankt man es doppelt, teilnehmen zu dürfen an dem der 
anderen." 
„Sie machen es mir und Irene in Ihrer großen 
Liebenswürdigkeit nur fast zu leicht, Egoisten zu werden," 
meinte Palmieri lächelnd. 
Als er dann am Abend spät wieder abreiste — er hatte 
nur Zeit zu einem flüchtigen Kommen und Gehen — bar 
Irene ihn: „Sieh öfter einmal nach Leo, lasse ihn nicht so 
einsam, Geliebter; er ist nicht glücklich, glaub' es mir. Uird 
wenn Dir scheint, er meidet Dich, denke, seine Zurückhaltung 
ist wahrscheinlich nur die Bescheidenheit des Jüngeren. 
* . * 
Berlin 2.39 früh; oder: Sonderdampfer (Bräunlich) ab 
Swinemünde 7.30 Abends, an Stettin 10.45 Abends, ab 
Stettin 12.15 Nachts.au Berlin 3.06 früh.. Am 29. d. M. 
bietet ferner ein zweiter, direkt von Swinemünde (Abs. 
10.30 Abends) nach Berlin (an 3.21 fküh) gehender 
Sonderzug Gelegenheit zur Rückfahrt. Wie schon bemerkt, 
gelten die Rückfahrkarten, welche für die 2. und 3. Wagen 
klasse zum einfachen Fahrpreise ausgegeben werden, fünf 
Tage; sie verlieren also, je nach dem Tage der Lösung 
ihre Giltigkeit erst am 1 bezw. 2. oder 3. September 
Mitternachts und können daher gleichzeitig auch zu einem 
Dampfer-Ausfluge nach der Insel Rügen benützt werden. 
Auf dem Wege dorthin passieren die Bräunlich-Dampfer 
sowohl die Werft des „Vulkan", wie auch das englische 
Geschwader. 
Lokales. 
ch Fünf Linien der Straßenbahn werden heute 
verlängert. Es wird dadurch möglich, die beiden Linien 60 
und 61 Weißensee—Schöneberg bis zum Wartburgplatz fort 
zuführen. Es wird beabsichtigt, die beiden Linien noch 
weiter bis zur Rubensstraße an der Ecke der Canowa- 
straße in Schöneberg zu verlängern. Die dafür erforder 
lichen Bauarbeiten sind im Gange, so daß die ganze 
Strecke voraussichtlich noch im Laufe des Monats August 
fertiggestellt wird. Die Verlängerung bis zur Canowa- 
straße wird dann vermutlich am 1. September stattfinden 
können. Die Linien 68, 69 und 71, welche von Lichten 
berg, Friedrichsfelde und Herzberge nach Schöneberg gehen, 
haben zurzeit ihre Endhaltestelle in der Grunewaldstraße, 
an der Ecke der Goltzstraße. Die Wagen der drei Linien 
bieten dauernd ein Hindernis für den Betrieb der übrigen 
über die Strecke gehenden Linien. Um die Endhaltestelle 
dort zu beseitigen, sollen die drei Linien bis zum Wart 
burgplatz verlängert werden. Die Verlängerung tritt 
ebenfalls schon heute in Kraft. 
f Chauffeegeld für Kraftfahrzeuge wird im 
Kreise Teltow vom 1. Oktober d. I. ab erhoben werden. 
Von Kraftwagen zum Fortschaffen von Personen, die mehr 
als vier Sitzplätze haben und mit Gummiradreifen ver 
sehen sind, wird 20 Pf. entrichtet, bei vier oder weniger 
Sitzplätzen 10 Pf. Wagen ohne Gummiradreifen ent 
richten 30 bezw. 15 Pf. Das Gleiche gilt für Kraftwagen, 
die zum Fortschaffen von Lastenwagen bestimmt sind. Von 
Motorfahrrädern soll versuchsweise vorläufig kein Chaussee 
geld erhoben werden. 
ch Die neue Bedürfnisanstalt hat einen neuen 
Schmuck erhalten. Rings um das „kleine Rathaus" 
wurden Rasenstreifen mit Blumen angepflanzt, die den 
kleinen Bau in anheimelnder Weise verschönern. Die Uhr 
harrt nun seit Wochen ihrer Fertigstellung. 
f Der Steglitz-Friedenauer Vergnügungspark. 
Auf Grund unserer Artikel über die auf dem Metz'schen 
Grundstück, Schloß- Ecke Bornstraße, zu errichtenden 
Vogelwiese besuchte uns der Pächter derselben, Herr 
Warlich - Berlin und erklärte, daß das ganze Unternehmen 
Palmieri saß längst wieder, in seine Geschäfte vergraben, 
in Mailand. Seine Laune war nicht die beste. Alle seine 
Kollegen konnten wenigstens eine Zeit lang hinaus in die 
Berge gehen, er mußte die Arbeit tun. 
Es war zu spät geworden, uni noch auszugehen, die 
Lust auch zu dunstig und schwül. Ach, wenn man ihin 
einen Bestimmungsort irgendwo ani Meere anweisen wollte! 
In diese Verstimmung hinein kam ihm ein Besuch. 
„Monto! Willkommen! Willkommen! Seit einer kalben Ewig», 
feit sah ich Dich nicht!" 
Sie schüttelten sich di« Hände, Palmieris ungeheuchelte 
Freude berührte den Kommenden sehr angenehni. — Sie 
hatten sich im Fluge Auskunft gegeben, Monto kam mit 
seiner junger Frau von San Remo, wo es einfach nicht aus 
zuhallen gewesen. Sie hatten Constanze und Donna Laura 
in Santa Alma besucht! — herrliche Kühle, entzückende Wälder, 
das Dorf ein drolliges alles Nest mit unmöglichen Zuständen, 
aber Ducettis Gütchen ganz in einem Hain von Obst- und 
Olivenbäumen verloren. 
„Und Ducetti?" — fragte Palmieri. 
„War nicht dort, wohl wieder mal irgendwo in einer 
Kaltwasserheilanstalt. Die Damen wollten nicht recht mit 
der Sprache heraus, mir schien, er ist wieder nervös; — 
seine Arbeiten hätten keinen Erfolg, das erregte und be 
unruhigte ihn," gab Monto Auskunft. 
Palmieri hatte Eislimonade bringen lassen; — ans' 
seinem häuslichen Vorrat holte er dazu ein Flacon edelsten 
Likörs, gute Zigarren, so wurde ihnen ganz wohl, um so 
mehr, als die Rachtktthle zum offenen Fenster hereinivchtc. 
Palmieri erzählte von Irene —. Monto bekannte, er sei 
einst der Meinung geivcsen, sie wolle Ducetti nur um des 
Geldes willen beiraten, als aber seine eigene Schwester dann
        
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