Path:
Periodical volume Nr. 195, 21.08.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Frirdenml sokal^nmgfr. 
Gleichzeitig Organ für den Hriedenauer Grtsteil von Schöneberg nnd den Bezirksverein Süd-West. 
Unparteiische Zeitung für Kommunale 
Bezugspreis 
bei Abholung aus der Expedition, Rhein, 
"raße 15,1,20 M. vierteljährlich; durch Boten 
Haus gebracht oder durch die Post de- 
1Ä1. 50 sr 
zogen 
Pf., monatlich 50 Pf. 
Bestellungen 
in der Expedition, bei sämtlichen Zeitungs- 
’ ' Postanst '' 
spediteuren und 
iftalten. 
Fernsprecher: Nr. ISS. 
Erscheint täglich abends 
Besondere 
Jeden Mittwoch: 
Wihb5crtt „Seifenb5crserr". 
Druck und Verlag von 
Leo Schultz in Friedenau. 
und bülgerliche Angelkgeuheitkn. 
Erscheint täglich abends 
Beilagen 
Jeden Sonnabend: 
Wkälter- für deutsche Ircrueu. 
Verantwort!. Redakteur: 
Leo Schultz in Friedenau. 
Anzeigen 
werden bis 1 Uhr mittags angenommen. 
Preis der 5 gespaltenen Zeile oder deren 
Raum 25 Pf. 
Die Reklamezeile kostet 60 Pf. 
Anzeigenannahme 
in der Expedition, Rheinstraße 15, sowie 
in allen Annoncenexpeditionen. 
Fernsprecher: Nr. 129. 
Ms. 195. 
Friedenau, Montag den 21. August 1905. 
12. Iahrg. 
Depeschen 
Karlsruhe. Die Depotunterschlagung im Bankhause 
Staefser beläuft sich auf 4—500000 M. Nach Mitteilungen 
der oberrheinischen Korrespondenz sind viele kleine Leute 
geschädigt. 
Anressy. Als fünf deutsche Touristen den Montblanc 
besteigen wollten, löste sich ein großer Eisblock, wodurch 
zwei Touristen namens Fuench und Müller erschlagen 
wurden. Die Leichen wurden nach Gervais gebracht. 
Rom. Die sozialistische Kammergruppe bereitet eine 
Bewegung gegen die religiösen Kongregationen vor, sie 
fordert in einem Antrage die Beseitigung aller religiösen 
Orden, besonders diejenigen französischer Kongregationen, 
welche infolge des französischen Vereinsgesetzes nach Italien 
ausgewandert sind. — Vier religiöse Orden, welche 
Niederlassungen im Orient haben, sind beim Papste dahin 
vorstellig geworden, daß Italien das Protektorat über 
diese Ordensniederlafsungen offiziell an Stelle Frankreichs 
übernehmen würde. 
Madrid. Wegen des Scheiterns der Handels 
beziehungen zwischen der Schweiz und Spanien wurde der 
Chef des Handelsdepartements im Ministerium des Innern 
Rica nach Berlin entsandt. 
Washington. Im Kriegsministerium wird augen 
blicklich ein Projekt erwogen, den Effektiv bestand der 
amerikanischen Truppen für Kriegszeiten auf 250 000 
Mann zu erhöhen, während er bisher nur 100 000 Mann 
beträgt bei einer Friedenspräsenz von 60 000 Mann. 
Eine Vorlage wird baldigst an das Parlament gehen. 
Vom rnsstsch-japanlschen Kriegsschauplatz 
und de« Friedensverhandluugen. 
Petersburg. Im auswärtigen Amte erklärt man, 
daß ein offizieller Bericht über die Verhandlungen von 
Portsmouth seinerzeit veröffentlicht werden soll. Der 
Bericht wird die Telegramme enthalten, welche zwischen 
der Regierung und den Friedensdelegierten gewechselt 
worden sind. Der Bericht werde zeigen, daß Rußland 
einen ehrenvollru Frieden gewünscht habe. Man glaubt, 
daß die Unterredung zwischen Roosevelt und Roofen, nicht 
verhindern kann, daß die Dienstagsitzung die letzte der 
Friedenskonferenz ist. Die Russen hätten ihr letztes Wort 
inbezug auf Kriegsentschädigung und Gebietsabtretung 
gesprochen. 
Nach einem Telegramm Liniewitschs vernichteten am 
15. August seine russische Truppenabteilung im Gebiete 
von Chalungtschung eine Tschuntschusenbande, sowie zwei 
hohe japanische Offiziere. 
Neuyork. Nach der Unterredung zwischen dem 
Präsidenten Roosevelt und dem Gesandten Roosen wurde 
ein Telegramm an den Zaren gesandt, in welchem die 
Vermittelungsvorschläge Roosevelts mitgeteilt werden. 
Washington. Im Weißen Haus wird bestätigt, 
daß Präsident Roosevelt seinen ganzen Einfluß in Tokio 
geltend gemacht hat, um die Friedensoerhandlungen zu 
einem günstigen Abschluß zu bringen. Jnfolgedeffeu haben 
«Oie Rache ist mein." 
Kriminal-Noman von L. Haid heim. 
34. (Nachdruck verboten. Alle Rechte Vorbehalten.) 
Ach, darin — in bcxi drei Worten lag ja — alles! Er 
liebte sie noch, er dachte an sie mit Zärtlichkeit! — Nun 
wollte sie sich bescheiden, wollte in Geduld warten. 
An, nächsten Morgen las sie das Schreiben mit Tränen 
der unanssprechlichsten Freude und des Mitleids mit seiner 
langen wortlosen Qual, die ihr Bruder erst heute beendete, 
indem er Palmieri ihre Adresse gab, nachdem sie sich endlich 
ausgesprochen und Freunde geworden waren. 
So groß Irenes Freude, so blieb sie doch nicht ungetrübt. 
Ducettis beängstigender Zustand klärte zwar vieles in seinem 
Wesen auf; aber war denn derselbe wirtlich zu einer dieser 
Arten geistiger Störung zu rechnen? 
„Und nun stell' Dir vor, daß er, nachdem er uns eine 
volle Woche in namenloser Angst über sein rätselhaftes Ver» 
schwinden ließ, plötzlich wieder da war/ erzählte Palmieri 
in seinem Briefe, „und daß er nicht die Spur irgend einer 
Aufregung verrät. Mit ernster Ruhe hat er Constanze ange 
hört, als sie ihm sagte, sie habe ihre Verlobung mit mir 
gelöst; er ist dann zu mir gekommen, um mir sein schmerz, 
liches Bedauern darüber auszusprechen, nichts an ihm oder in 
seinem Wesen verrät Krankheit, wie wir sie fürchteten, nur 
scheint er mir bis ins Herz sehen zu wollen, so forschend 
bohrt er seine Blicke auf mein Gesicht, und in seinen Augen 
liegt es, als fürchte er, wir könnten ihn für krank halten. — 
Sie haben mich alle gebeten, herzlich gebeten, die Ducettis, ihr 
Freund zu bleiben; — ich fühle auch gegen niemand von ihnen 
Abneigung, außer gegen ihn selbst. Deinen gütigen Freund! 
die japanischen Delegierten bereits diesbezügliche Infor 
mationen erhalten. 
Witte ist bereits gestern wieder in Portsmouth ein 
getroffen. 
Portsmouth. Wie verlautet, hat der japanische 
Finanzagent Koneko in einer Unterredung dem Präsidenten 
Roosevelt gegenüber erklärt, daß die Japaner geneigt 
wären, auch in der Frage der in neutralen Häfen inter 
nierten russischen Kriegsschiffe nachzugeben. 
Der Korrespondent der ,,Franks. Ztg." hatte gestern 
eine Unterredung mit Witte. Letzterer erklärte, daß am 
nächsten Dienstag oder Mittwoch die Entscheidung über 
das Schicksal der Friedenskonferenz erfolgen werde. Zu 
gleich versicherte er auf das bestimmteste, bei der jüngsten 
Begnung mit den 'amerikanischen Bankiers sei kein Wort 
über Placierung einer Anleihe in Amerika gesprochen, er 
werde auch auf dieser Weise picht einen derartigen Schritt 
tun. Witte sprach sich anerkennend über die Haltung 
Kaiser Wilhelms und der deutschen Regierung während 
des jetzigen Krieges aus und bezeichnete die deutsch 
russischen Beziehungen als vorzüglich. 
Aus der langen Dauer der Unterredung, die Roose 
velt und Roosen miteinander hatten und der guten Laune, 
die sis nach derselben an den Tag legten, schließt man, 
daß eine Verständigung wahrscheinlich ist. Es herrscht die 
Annahme, daß Roosevelt Roosen unter Hinweis auf den 
üblen Eindruck, den eine Fortsetzung des Krieges machen 
würde, wegen der Geldfrage Konzessionen anriet und 
Entkommen der Japaner in anderen Punkten in Aus 
sicht stellte. 
Tokio. Die gestern hier eingelaufenen Telegramme 
aus Portsmouth lauten etwas pessimistischer inbezug auf 
das Resultat der schwebenden Friedensverhandlungen. 
Trotz des Regens rücken die Japanee in Nordkorea 
vor. Die Russen sind, nachdem sie den Tumen über 
schritten hatten, noch weiter nach Norden zurückgeschlagen 
worden. Eine Schlacht scheint unmittelbar bevorzustehen. 
In beiden Armeen herrscht eine fieberhafte Tätigkeit. Die 
japanische Armee in Korea hat bereits die Verbindung 
mit den Truppen Oyamas hergestellt. 
Nach Meldungen aus der Mandschurei, hat General 
Liniewitsch seine Verteidigungsarbeiten beendet. Die 
Russen kundschaften die Gegend genau aus; General 
Liniewitsch befürchtet anscheinend, daß die Japaner seine 
Flanke umgehen. Die erste und zweite russische Armee 
befindet sich in der Front, während die dritte als Reserve 
dient. 40 000 Mann Kavallerie stehen längs der Eisen 
bahn. Die japanische Armee hat in der letzten Zeit große 
Verstärkungen erhalten. 
Allgemeines. 
jj Sedanfeiern in Fach- nnd Fortbildungs 
schulen. Der Minister für Handel und Gewerbe hat sich 
in einem Erlasse dahin ausgesprochen, daß der bei den 
öffentlichen Schulen eingeführte gute Brauch, ain Sedan 
tage unter Ausfall des Unterrichts entsprechende Schulfeiern 
Gott verzeih mir, wenn ich ihm Unrecht tue, übcrivinden 
kann ich den Gro:! noch nicht, nnd darum gehe ich nicht 
mehr hin. Dein Bruder, der täglich zu mir kommt, hat ihm 
alles erzählt, auch daß wir uns lieben, meine Irene, er hat 
es ganz gelassen angehört und gesagt: „Es würde mich doch 
nicht beruhigen." Was er damit meint, verstehen wir nicht; 
er ist einsilbig und grüblerisch wie immer und arbeitet wieder 
viel. — Was mit Dir nun werden soll, mein Lieb, bis ich 
Dich heimführen kann, mußt Du mir sagen. Wird Deine 
Verivandte Dich behalten können, bis ich meine Bersetzung 
irgend wohin erhalten haben werde? Darf ich Dich 
besuchen? —" 
Ueber diesen letzten Punkt konnte der sehnsuchtsvolle 
Mann dann offenbar nicht hinweg; seitenlang schrieb er davon, 
durch jedes Wort Irene sagend, daß er sic glühend liebte. 
Ihr war es sehr recht, daß er die Ducettis niied; sie 
konnte einen starken Groll gegen Constanze doch auch nicht 
gleich überwinden und noch viel weniger gegen Donna Laura. 
Dagegen begriff sie, wie sie meinte, Ducetti sehr gut! er hatte 
sie nur aus Wohlwollen heiraten wollen — nur um sie sicher 
zu stellen, und als er sie dann zufrieden sah, dachte er nicht 
weiter daran. — Es war begreiflich, daß Palmieri Eifersucht 
fühlte, :veil er Ducettis edle Motive nicht verstand. Sie 
lächelte glücklich und freute sich; als ihr nach und nach dann 
allerlei Züge aus Ducettis Benehmen der letzten Wochen 
wieder einfielen, die sich sogar nicht reimen ließen zu ihrem 
Glauben an ihn, da machte sie sich a»ch weiter keine 
Gedanken. Wenn man glück.ich ist nach langer Sehnsucht 
und Qual, will man sein Glück eben nur genießen. — 
* * 
* 
„Sie sehen heute noch viel schöner, und besonders sehen 
Sic glücklicher aus als wie gestern," empfing am andern Morgen 
zu veranstalten, auch bei den seiner Verwaltung unter 
stellten Fach- und Fortbildungsschulen beibehalten bezw. 
eingeführt werden soll. 
sj Acetylen und Carbid. Die Herstellung, Auf 
bewahrung und Verwendung von Acetylen, sowie die 
Lageiung von Carbid regelt eine neue für den Regierungs 
bezirk Potsdam erlassene Polizeiverordnung, welche am 
1. Oktober d. I. in Kraft treten wird. Sie führt die 
Anzeigepflicht für diejenigen ein, welche Acetylen herstellen 
oder verwenden wollen und setzt die Bedingungen fest, 
unter denen diese gefährlichen Materien hergestellt und 
aufbewahrt werden müssen. Vor allem dürfen die 
Fabrikationsräume nicht in oder unter menschlichen 
Wohnungen liegen, vielmehr sollen die Gasbehälter rc. in 
isoliert gelegenen brandstcheren Räumen untergebracht und 
nur durch Wasserdampf rc. geheizt und durch Außen 
beleuchtung erhellt werden. Ähnliche Sicherheits-Vor 
schriften werden für die Aufbewahrung des Calcium-Carbids 
gegeben, aus dem das Acetylengas durch Zuführung von 
Wasser bereitet wird; dies Material muß natürlich sehr 
trocken gehalten und gelagert werden und wird daher auch 
stets unter der Aufschrift geführt: „Carbid, gefährlich, 
wenn nicht trocken gehalten". Für Mengen von mehr als 
500 bezw. 1000 Kilogramm Carbid werden in feuer 
polizeilichem Interesse besondere Sicherheitsmaßregeln vor 
geschrieben. Ausgenommen sind kleinere (bewegliche) 
Apparate bis zu zwei Kilogramm Carbidfüllung, die 
Lagerung von kleineren Mengen Carbid (bis 10 Kilo 
gramm) rc. Dahingegen unterliegen die Anlagen zur 
fabrikmäßigen Herstellung von flüssigen Acetylen, welche 
als chemische Fabriken der gewerbepolizeilichen Genehmigung 
bedürfen, außerdem noch den Bestimmungen des Gesetzes 
gegen den verbrecherischen und gemeingefährlichen Gebrauch 
von Sprengstoffen. Den Inhabern von bereits im 
Betriebe befindlichen Acetylen-Entwickelungsapparaten kann 
eine Übergangsfrist bis zum 1. Oktober 1906 bewilligt 
werden. 
sj Die Sonderznge nach Stettin und Swine 
münde, welche den Berlinern Gelegenheit zur Besichtigung 
des englischen Ostsee-Geschwaders bezw. zur Beiwohnung 
des Stapellaufs der „Kaiserin Auguste Viktoria" von der 
„Vulkan"-Werft in Stettin bieten sollen, werden dem Ver 
nehmen nach am Montag, Dienstag und Mittwoch, 28., 
29. und 30. August, vom hiesigen Stettiner Bahnhöfe aus 
befördert werden. An diesen Tagen werden voraussichtlich 
je ein Sonderzug nach Stettin (Abfahrt kurz nach Mitter 
nacht, mit Anschluß an den Dampfer der Bräunlich-Gesell- 
schaft nach Swinemünde) und nach Swinemünde (Abfahrt 
zwischen 7 und 8 Uhr Vorm.) gefahren werden, am 
Dienstag, den 29. August, dem Tage des Stapellaufs, 
außerdem noch je ein Sonderzug nach Stettin bezw. 
Swinemünde. Die Sonderzüge führen, wie verlautet, die 
zweite unb dritte Wagenklasse; die Fahrkarten berechtigen 
— innerhalb eines Zeitraumes von 5 Tagen — zur Rück 
fahrt mit allen fahrplanmäßigen Personenzügen. Der 
Fahrpreis der Rückfahrkarte wird ungefähr den der ein- 
der kranke junge Mann Irene, die von ihrer alten Ver 
wandten in das fremde Haus gebracht wurde. 
„Ich empfing gestern einen heiß und langersehnten Brief 
von meinem Verlobten!" erklärte sie diese Veränderung. 
„Ah! Sie sind Braut! Mutter hörst Du cs, die 
Signorina ist Braut! Ich sagte gleich. Sie blickten so abge 
schlossen und fertig in die Welt!" rief Mr. Arthur 
Sommerset. 
Seine Mutter lächelte auch heute doppelt so freundlich 
Irene an, und diese argwöhnte, nicht ohne Grund, daß sie 
mit ihrer Antwort die stolze Frau sehr beruhigt hatte. 
Sie mußte sich zu dem Patienten setzen und ihm zunächst 
über ihren Verlobten Auskunft geben, über seine Person wie 
über seine Familie, denn Mrs. Sommersct, die eine geborene 
Florentinerin war, interessierte sich sehr für letztere, da sie 
einst einen sehr gefeierten Schriftsteller oder Maler — sie 
wußte es leider nicht genau mehr — des Namens gekannt. 
Des jungen Mädchens Stellung als Braut des Judici 
Palmieri wurde so, ohne jedes Wort darüber, ganz selbstver 
ständlich die eines geehrten Gastes. Die alte Großtante ließ 
sich befriedigt in ihr Kloster zurückfahren und erzählte stolz dem 
Gondolier, daß ihre junge Verivandte von eben so vornehmer 
Familie sei wie die Eccellenza Jnglesa, daß alle ihre Kloster- 
schwestern das schöne Mädchen geliebt und es nur fortgelassen 
hätten, um der Wohltäterin der Armen sich dankbar zu 
erweisen. 
Irene wäre vollkommen glücklich gewesen, denn bei den 
neuen Freunden fehlte es ihr weder an Freiheit, noch an der 
rücksichtsvollsten Güte, wäre nur nicht eben trotzdem das 
Gefühl allezeit dagewesen: Du bist in Constanze Ducettis 
Augen doch immer die Störerin ihres Glückes! — 
Was hals ihr dagegen das Bewußtsein ihrer Schuld-
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.