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Periodical volume Nr. 193, 18.08.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Eröffnung gelangen: heute das Kaufmannsgericht in Gr.- 
Lichterfelde, und am 1. Oktober das zu Köpenick, während 
für Weißensee das Ortsstatut am 21. Februar d. I. ge 
nehmigt ist, ein bestimmter Termin für die Eröffnung aber 
noch nicht feststeht. 
-j- Der neue Sportpark Steglitz geht jetzt seiner 
Vollendung entgegen, und die neue, 500 Meter lange, 
allen Anforderungen der Neuzeit entsprechende Zement- 
Rennbahn wird am Dienstag, den 22. August, fertig 
gestellt sein, sodaß dieselbe Ende der kommenden Woche 
den Rennfahrern zum Training freigegeben werden kann. 
Die Eröffnung der Bahn soll durch ein zweitägiges 
Meeting am Sonntag, den 3. und 10. September, statt 
finden, und zwar werden dem Publikum sowohl Flieger- 
als Dauerrennen geboten werden; die Ausschreibung der 
Rennen erfolgt in den nächsten Tagen. Die neue Bahn 
dürfte mit ihren großen, komfortabel eingerichteten 
Tribünen, dem umfangreichen und breiten Sattelplatz und 
Stehplatz und den sich in Höhe der Kurven anschließenden, 
terrassenförmig erhöhten Stehtribünen, von denen man 
überall den Verlauf der Rennen bestens verfolgen kann, 
mindestens 25—30000 Zuschauern Platz gewähren. Die 
Fertigstellung des neuen Sportparks wird von allen 
Sportsfreunden jedenfalls mit großer Freude begrüßt 
werden. 
t Vogelköuig ist bei dem Vogelkönigsschießen der 
Steglitzer Schützengilde Herr Schönborn, Albrechtstraße, 
geworden. Zweitbester Schütze war Herr Robert Schulz. 
f „Ernst sei das Leben, heiter die Kunst"! 
mit diesem Dichterwort begann gestern Abend der stimmungs 
volle Prolog des Herrn Schriftsteller Theben und da 
mit die feierliche Eröffnung des „Schöneberger Winter 
gartens", Goltzstr. 9, vor geladenem Publikum — 
nur Herren. Es herrschte dort von vornherein eine urge 
mütliche Stimmung in dem Schmuckkästchen (ehedem 
„Mausefalle" wie der Redner anführte) und trug dazu bei 
der recht behagliche Aufenthalt, die vortrefflich gut besetzte 
Musikkapelle und vor allem die ausgezeichnete Künstler- 
schar. Den Erstauftritt hatte der Tenorist Völkers, der 
uns von der Myliusschen „Freien Opernbühne" aus dem 
„Rheinschloß" bereits bestens bekannt ist. Er sang das 
Postillion - Lied aus der Oper „Der Postillion von 
Lonjumeau" mit einer Routine und Klangfülle, daß die 
aufmerksamen Zuhörer zu lebhaftem Beifall hingerissen 
wurden. Flora Elferdy, eine reizende Bühnenerscheinung, 
errang sich sofort die Sympathie deS Auditoriums, schade 
nur, daß sie gesanglich nicht disponiert war. Weniger bei 
fällig wurde der Humorist Holländer aufgenommen. Seine 
Kriegsgeschichten und übrigen Vorträge verfehlten zufolge 
des nicht gefälligen Organs und unangebrachten Mienen 
spiels jedwede Wirkung, applaudiert wurde jedoch trotzdem. 
Beim Ballet - Divertissement (6 Damen), das sehr nett 
war, schossen die beiden Spanierinnen den Vogel ab. 
Hierauf folgte die intereffanteste Programm-Nummer des 
Abends, die lebenden Bilder, 6 Gemälde nach berühmten 
Meistern, wirklich künstlerisch zusammengestellt. Laute 
Anerkennung wurde den Darstellerinnen, die im leichten 
Trikot besonders für diese Bilder wie geschaffen waren, zu 
teil. Erika van Dirkens bot alles, was man von einer 
schneidigen, temperamentvollen Soubrette verlangen kann. 
Angenehm berührte ihre Stimme, die erfreulicherweise den 
sonst üblichen Varieteton vermissen läßt. Der zweite 
Humorist, Fredy Waldmüller, mit seiner sicheren Auftritts 
und gelungenen Vortragsweise, ließ uns vergessen, daß 
sein Kollege weniger Gutes geboten hatte. Die Freunde 
akrobatischer Künste wurden durch Montecinos Odalisken 
in jeder Hinsicht vollauf befriedigt. Diese Truppe — 
1 Herr 3 Damen — boten so vorzügliches, daß man 
sich auch ohne „Sternenhimmel" in den Berliner Winter 
garten versetzt fühlen konnte. Den Schluß des Programms 
bildete die einaktige Gesangs- und Tanzkomödie „Bischers 
Abenteuer in Paris". Trotzdem derselben jeder literarische 
Wert fehlt, wurden die Lachmuskeln öfters flott in 
Bewegung gebracht. Hierzu trugen besonders bei Herr Herm. 
Kraus als Moritz Bischer nebst Frau Sarah (Mathilde 
Roberti) mit ihren jüdischen Schlagwörtern. Dem offiziellen 
Teil folgten noch Ansprachen, in welchen in erster Linie 
des Besitzers Herrn Bankier Bäthge, in dessen Vertretung 
Herr Georg Rogalski anwesend war, und weiter des 
Direktors Herrn Ewald, des Baumeisters Herrn Dorn und 
der Gäste feierlich gedacht wurde. Möge nun der 
„Schöneberger Wintergarten" nach dieser glanzvollen 
im Kloster, war ihrem Gedächtnis zu ihrem eignen Erstaunen 
entschwunden. .Jetzt machten diese nicht sehr häufigen Aus- 
gänge ihre einzige Freude aus. 
Ach, wie sie sich so elend fühlte, so nanienlos verlassen! 
Und selbst die Tränen mußte sie nach innen weinen, um ihre 
Begleiterin nicht zu beleidigen. 
Die Nonne wollte mit ihr zu einem der alten Palazzi 
am Canale Grande. 
Wie diese Gondelfahrten Irene entzückten, doch immer 
nur noch elender- und unglücklicher machten! 
Der Gondoliere fragte sie zutraulich, ob sie zu dem 
reichen, kranken Herrn wollten? 
Irene wußte nichts von einem solchen, und die Nonne 
antwortete ihm nur kurz: „Zu der Mutter, der Eccellcnza 
Menardetta Sommerset.' 
Dem Gondoliere imponierte es augenscheinlich, daß sie 
so vornehme Bekanntschaften hatten; sie stiegen aus und 
läuteten an der Tür des Palazzo, Irene jetzt mit der heim 
lichen Aufregung, die ihr jede Unterbrechung des ihr so un 
gewohnten Klosterlebens niachte. 
Die prächtige altniodische Halle, die weite Toppeltreppe 
mit antiken Marmorbildern, eine Reihe herrlicher Räume, 
deren Möbel mit grauem Leinen überzogen und deren riesige 
Kristallkronen in Netzen von Gaze steckten, machten auf das 
gedrückte Gemüt des jungen Mädchens einen Eindruck, wie 
alle römische Pracht es nicht gekonnt. 
Damals ivar sie achtlos und hoffnungsfreudig an vielem 
vorübergegangen, nur immer eine Zukunft voll Licht und 
Sonnenschein schauend, die jeden, jungen Herzen so sicher für 
das liebe eigene Ich in unbestimmter Ferne leuchtete. 
Jetzt schritt sie mit offenen Augen vorüber an all der 
Pracht. — Vorüber! Für sie war das alles nur fremdes 
Glück, verhüllte Schönheit.. 
Eröffnung immer ein gleich volles Haus sehen wie gestern, 
das Etabliffement verdient es. 
f Krieger- und Laudwehr-Bereiu. Das zweite 
diesjährige Prämien- und Silberschießen findet laut 
Vereinsbeschluß am Sonntag den 20. August unter den 
bekannten Bedingungen im „Schützenhause" zu Steglitz 
statt; die Kameraden werden gebeten, sich recht zahlreich 
hieran zu beteiligen, da der Überschuß der Weihnachtskasse 
zur Unterstützung der Witwen und Waisen verstorbener 
Kameradefi zufließt. Der Verein bittet, Gegenstände, die 
sich als Prämien eignen, ihm zukommen zu lassen, Kamerad 
Wegner, Kirchstraße 15, nimmt dieselben mit Dank ent 
gegen oder läßt sie eventuell abholen. Am Silberschießen 
können auch Gäste teilnehmen. Den vom Festausschuß 
gestifteten Wanderschießpreis errang beim ersten diesjährigen 
Schießen der Kamerad Bildgießer Noack und hat er den 
selben noch zweimal zu verteidigen; dieser Kamerad hat 
nun zu diesem nächsten Schießen als ersten Preis eine Büste 
Fürst Bismarcks in echt Bronze gestiftet, die einen Wert 
von 100 M. hat. Gleichzeitig wollen wir noch darauf 
hinweisen, daß für Unterhaltungs- und Tanzmusik gesorgt 
ist, außerdem Familien-Kaffeekochen, Damenpreisschießen, 
Kinderbelustigungen, als: Wettlaufen, Sackhüpfen, Topf 
schlagen, Fackelzug. wozu die Stocklaternen gratis ver 
abfolgt werden usw. Das Schießen beginnt pünktlich um 
2 Uhr. Das „Schützenhaus" ist jetzt sehr bequem in 
15 Minuten von der Friedenauer Brücke (Saarstraße) zu 
erreichen, da ein direkter Weg von der Knausstraße dort 
hin führt. Für gute Speisen und Getränke wird der 
Schützenwirt ebenfalls sorgen. 
f Ev. Jünglingsverein. Der sehnliche Wunsch 
nach einem eigenen Gesangchor ist in Erfüllung gegangen. 
Der Chor steht unter Leitung des Herrn Direktor v. Berg. 
Übungsstunden vorläufig jeden Sonntag 2 bis 3 Uhr im 
Gemeindehause. Wir sind überzeugt, daß diese neue Ein 
richtung für den Verein eine große Bedeutung hat und 
hoffen nun auf recht rege Beteiligung. 
-j- Daß der Genuß des Obstes zur Gesundheit 
dient und frisches Obst der Jahreszeit auf keinem Tische 
fehlen sollte, braucht nicht betont zu werden. Um so 
wichtiger ist es aber, immer wieder darauf hinzuweisen, 
wie wichtig es ist, die Früchte vor dem Genuß gehörig zu 
reinigen. Man schält Birnen, Äpfel, auch Pfirsiche und 
Aprikosen im allgemeinen, statt sie sorgfältig gereinigt mit 
der Schale zu verspeisen, denn gerade die aromatischen 
Stoffe und Nährsalze stecken unter der Schale. Dagegen 
wird das kleine Obst, wie Kirschen, Weintrauben, Stachel 
beeren rc. meist so verspeist, wie es gepflückt ist. Schon 
der Gedanke erweckt Ekel, daß das Obst mit schmutzigen 
Händen gepflückt ist, daß es Staub, Schmutz und 
Krankheitspilze angenommen hat. Man gewöhne sich 
deshalb, größere Früchte mit einem nassen Tuch abzu 
reiben, Trauben aber und dergleichen in klarem, frischem 
Wasser zu schwenken und von Schmutz zu säubern. 
-j- Vielfach hört man darüber klagen, daß die 
abgelegten Stecklinge verschiedener Pflanzen keine Wurzeln 
treiben wollen. Schuld daran, ist in vielen Fällen der 
dazu gewählte Grund und Boden. Nachdem man die ver 
schiedensten Mischungen erprobt, hat man bei Torfmull, 
sowohl rein, als zur Hälfte mit Gartenerde gemischt, am 
besten bestanden. Die obere Hälfte der Töpfe wurde mit 
feinem Mull, die untere mit großen Torfstücken gefüllt. 
Die Erfolge und die Schnelligkeit, womit die Stücke sich 
bewurzelten, waren zum Staunen. 
Schöneöerg. 
— AuS dem Handelsregister. Bei Nr. 958 
(Firma I Rosenthal, Schöneberg). Die Erben der flirmen- 
inhaberin: Karl Rosenthal, geb. am 8. Juni 1895 zu 
Schöneberg, und Walter Rosenthal, geb. am 26. Mai 
1897, Schöneberg, sind an Stelle der verstorbenen In 
haberin in Erbgemeinschaft eingetreten. Zur Vertretung 
der Erbgemeinschaft ist der Kaufmann Josef Rosenthal in 
Schöneberg als Vater berechtigt. Die Prokura des Kauf 
manns Josef Rosenthal in Schöneberg ist erloschen. 
Berlin und Wororle. 
8 Die Verlegung deS Kgl. Statistische» 
Laudesamtes in der Lindenstraße von Berlin nach 
Dahlem scheint nun beschlossene Sache zu sein. Diese Ab 
sicht hat weder hier noch dort angenehm berührt. Hier 
fragt man sich mit Recht, wie es möglich sein soll, einen 
so umfangreichen Betrieb, der mit der Post und Eisen- 
Ein großes sonniges Zimmer tat sich vor ihnen aus mit 
einer offenen Säulenhalle davor, auf die weit geöffnete Türen 
gingen, und vor derselben lag das blaue Meer und die wunder- - 
volle Kirche Santa Maria maggiore. — Schiffchen mit den 
bunten lateinischen Segeln der Fischer von Chioggia glitten an 
dem breiten Balkon vorüber, und zur Seite entfaltete sich 
das Uferbild in seiner ganzen Pracht. 
Der Eindruck war so unerwartet, überwältigend, und 
Irene, sich völlig vergessend, war stehen geblieben, indes die 
Nonne von einer Dame empfangen wurde, deren kummervolle 
Züge und traurigen Augen sofort verrieten: All diese Schön 
heit heilt ein krankes Herz nicht. — 
Die Dame hatte im ersten Augenblick Irene nicht be- 
achtet. Jetzt rief sie ihr höflich zu. einen Sessel zu nehmen, 
sprach aber dann sofort mit der Nonne weiter über irgend 
welche Wohltätigkeitsangelegenheiten. 
Sie trug tiefste Trauer; — ein schweres, englisches 
Kreppklcid hing faltenreich um ihre hagere, hohe Gestalt, die 
sie stolz und würdevoll hielt. 
Wie traurig die Dame aussah! Ihre Erscheinung fesselte 
Irene völlig, noch mehr drängte sich ihr der Gegensatz auf 
zwischen der lachenden Aussicht und der kostbaren Einrichtung 
des weiten Geniachs und diesem Kummer, der aus ihren 
Mienen sprach. 
Plötzlich sah Irene Sordegna, daß noch eine zweite Person 
int Zimmer war oder vielmehr auf einem Chaiselongue lag, 
welche, von seidenen Schirmen gegen jeden Windhauch geschützt, 
unter der offenen Säulenhalle stand. 
Eine Stimme sprach von dort; englische Worte riefen sie 
der Dame in Trauer zu. 
„Laß das junge Mädchen zu mir kommen — ich will mit 
ihm sprechen, Mutter!" 
Sofort wandte die Dame sich Irene zu, rrahm sie bei der 
bahn, mit den Druckereien und dem Publikum in so enger 
Berührung steht, in einen entfernten Vorort zu verlegen, 
ohne die Interessen der Statistik auf das Empfindlichste 
zu schädigen. Steht doch das Statistische Landesamt mit 
Hunderten von Behörden, Anstalten und Privaten in leb 
hafter Korrespondenz, bei Volkszählungen z. B. auch mit 
sämtlichen Landratsämtern und Standesämtern der ganzen 
Monarchie und dann treffen die Listen, Fragebogen und 
Berichte täglich in ganzen Wagenladungen ein! Wie soll 
sich dieser Verkehr in Dahlem abspielen! - Und dort auf 
dem Terrain der Kgl. Domäne, wohnen doch vorwiegend 
Leute, denen man Ruhe und Abgeschiedenheit versprochen 
hat; man darf daher doch nicht immer mehr öffentliche 
Anstalten hinausverlegen, welche durch ihren Geschäfts 
betrieb der Ansiedelung den Charakter einer Villenkolonie 
raubenI Man hofft noch immer, daß die Regierung ihre 
Absicht aufgeben und das Statistische Landesamt in Berlin 
belassen wird. Die Sternwarte, welche man ursprünglich 
in das Centrum des Dahlemer Geländes (nämlich in den 
Block 192d) zu verlegen beabsichtigte, scheint mit. ihrem 
Protest gegen diesen Platz durchgedrungen zu sein, denn 
man spricht jetzt davon, daß diesem Institute ein größerer 
und freierer Platz im westlich anstoßenden Grunewald an 
gewiesen worden sei. Hier soll in der Nähe auch ein 
großer Spielplatz für die akademischen Turn- und Sport 
vereine angelegt werden, die jetzt ihre Spiele in Schön 
holz und auf dem Tentpelhofer Felde abhalten müssen. 
Man hat dabei auch an benachbarten Grunewaldseen ge 
dacht, welche unsern Akademikern reichlich Gelegenheit zur 
Ausübung des Rudersportes bieten würden. 
8 Die schiefen Häuser in der Charlotten- 
stratze. Schon Mancher wnd sich über das Aussehen 
der Häuser Charlottenstraße 93 bis 96 gewundert haben. 
Sie stehen nicht gerade ausgerichtet in der Baufluchtlinie, 
sondern bilden eine Art Zickzacklinie, indem das eine vor- 
und das andere zurücktritt. Auch haben sie sich nach der 
einen oder der anderen Seite geneigt, was besonders bet 
dem Hause Nr. 95 auffällt. In den niedrigen Parterre- 
geschossen bildet der Fußboden eine schiefe Ebene. In 
diesem Zustande befinden sich die Häuser bereits etwas 
über 60 Jahre, denn im Jahre 1854 verbreitete sich 
plötzlich das Gerücht, die Häuser Charlottenstraße 90 bis 96 
seien dem Einsturz nahe. Im Polizeibericht hieß es 
damals: „Die Häuserreihe 90 bis 96 steht auf feuchtem, 
nachgebendem Boden, welcher Umstand schon zu den aus 
gedehntesten Reparaturen Veranlassung gegeben, es sogar 
notwendig gemacht hat, daß einzelne Mieter ihre Wohnung 
räumen mußten." Die Häuser 90 bis 92 wurden ab 
gerissen, da sie am meisten bedroht waren. Auf dem 
Grundstück, auf dem sich heute das Berliner Theater 
erhebt, wurde dann zunächst der Renz'sche Zirkus und 
später die Walhalla erbaut. Die Häuser 93 bis 96 
wurden von Sachverständigen untersucht und ausgebessert, 
sodaß sie wieder vollständig bewohnbar wurden und noch 
heute so.stehen, wie alle anderen Häuser der Charlotten 
straße. Altere Berliner werden sich erinnern, daß stüher 
der zwischen der Koch- und Besselstraße gelegene Teil der 
Charlottenstraße von einem morastigen Graben durch 
flossen wurde. 
8 Beim Moltke-Denkmal wird jetzt die breite 
Plattform angelegt, die bedeutend höher ist als die des 
Bismarck- und des Roon-Denkmals, denn es führen drei 
sechsstufige Treppen, eine breite mittlere und zwei seitliche, 
zu ihr empor. 
tz DaS Maschinenhaus des Königlichen Schlosses 
für die Licht- und Heizanlagen, das sich als sehr tief 
liegender Bau an der Wasserseite vor der alten Kurfürst 
lichen Burg entlangzieht, wird jetzt durch einen Anbei er 
weitert. Zu diesem Zwecke ist die Schmuckanlage an der 
Kaiser Wilhelm-Brücke beseitigt worden und wird als 
Bauplatz verwandt, auf dem die Ausschachtungsarbeilen 
bereits im vollem Gange find. Der Bauplatz wird gegen 
die Straße durch einen hohen Bretterzaun abgesperrt. 
8 Am Tempelhofer Berg. Aller Beschreibung 
spottet nachgerade die Straße „Am Tempelhofer Berg." 
Nur der kleinere östliche Teil des Fahrdammes hat ein 
erbärmliches Steinpflaster, während die ganze Westseite 
völlig umgepflastert ist. Bei trockenem Wetter wirbeln die 
Sandmassen, die hier liegen, dichten Staub auf bei Regen 
wetter verwandeln sie sich in einen Morast. Die Straße 
ist Anfang der 70 er Jahre angelegt worden und sollte 
auf Vorschlag des Magistrats zur Erinnerung an die alt 
hergebrachte Benennung der Örtlichkeit oen Namen „Am 
Hand und flüsterte: „Es ist mein kranker Sohn, Siguorina!" 
Aber wie daneben ihre stolzen Augen so kummervoll baten! 
Ehe Irene wußte, wie ihr geschah, hatte die Dame sie 
hinausgeführt auf den Balkon in den weichen wonnigen 
Frühlingssonnenschein und zu einem kranken jungen Manne, 
dem sie zärtlich sagte: „Hier ist die Signorina, Arthur! Du 
möchtest mit ihr plaudern?" 
Der Kranke hatte Irene stutzend, ja erschrocken aus seinen 
fieberisch leuchtenden Augen angestaunt, dann war er empor- 
gcsprungen und rief in der Verwirrung in seiner Muttersprache, 
tvieder englisch: „Ich bitte tausendmal um Verzeihung, teure 
Miß, ich hatte nicht gesehen, wer es war, der mit der Nonne 
gekommen." — 
Zitternd vor Schwäche, aber mit der vollen Höflichkeit eines 
Kavaliers schob er einen Stuhl für Irene heran, wehrte seiner 
Mutter, die ihn erschrocken aus das Ruhebett zurückzwmgen 
wollte und dabei doch mit Erstaunen hörte, wie die junge 
Italienerin, in der auch sie jetzt sofort das feinerzogene Kiitd 
eines guten Hauses erkannte, ihrem Sohn englisch ant 
wortete. — 
„Ich bin nur ein Gast des Klosters, und Schwester Virginia 
nahm mich mit sich, um mir eine Freude zu machen," hatte 
Irene sich so zu sagen vorgestellt. 
„Ach, ich danke dem Schutzheiligen des Klosters, daß er 
mir eine so liebenswürdige Gesellschaft in der unerträglichen 
Langweile meiner Krankheit schickt! Sie sind also keine Ve- 
netianerin, Signorina? 'Aber ein Kind des schönen Italiens? 
O, daran ist gar nicht zu zweifeln. Laß Dich nicht stören, 
Mutter, plaudere mit Deinem frommen Gast und sei barm 
herzig, gönne mir auch einmal —" 
„Arthur! Mein Liebling! Gönnen! Alles was Tu 
willst!" hatte die Mutter in leidenschaftlicher Zärtlichkeit 
gerufen. (Fortsetzung folgt.)
        
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