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Periodical volume Nr. 188, 12.08.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

kommende Verwendung von Gefangenen, nicht nur zu 
AusschachwngS-, sondern auch zu Bauarbeiten. Der 
Kölner Handwerks- und Gewerbetag wird schon ein 
kräftiges Wörtlein dazu sagen. 
Lokales. 
t Den Fraueuverächteru, die es nicht müde werden, 
immer neue Scheinbeweise heranzuholen,' um die Minder 
wertigkeit des weiblichen gegenüber dem männlichen 
Geschlecht darzutun, könnte man eine Reihe von Aus 
sprüchen berühmter Männer entgegenhalten, die den tiefen, 
grundlegenden Einfluß der Mutter auf das Kind dartun. 
Übrigens sind sich auch alle hervorragenden Pädagogen 
in diesem Punkt einig und ihre Bestrebungen, Kinder 
gärten, Kleinkinderschulen und dergleichen mehr ins Leben 
zu rufen, haben zu allen Zeiten darin gegipfelt, eben 
diesen Einfluß der Mutter auf das Kind zu ersetzen. Alle 
solche Institute sind, im Grunde genommen, ja nur 
Surrogate und würden in dem Moment überflüssig 
werden, wo sämtliche Mütter über die nötige Zeit, die 
erforderlichen Fähigkeiten und Kenntnisse verfügen würden, 
um selber die geheimnisvolle Entfaltung der zarten 
Menschenknospe zu überwachen. Napoleon I-, der in so 
vieler Hinsicht eine geringe Wertschätzung der Frau an 
den Tag legte, dessen berühmtes Gesetzbuch in gewiffen 
Paragraphen die Beleidigung des ganzen weiblichen 
Geschlechts enthält, erkannte gleichwohl den Wert an, den 
dieses als Mutter für die Menschheit besitzt. „Die 
Zukunft des Kindes ist immer das Werk der Mutter", 
lautete sein bekannter Ausspruch. Und er ließ nie eine 
Gelegenheit vorübergehen, ohne darauf hinzuweisen, in 
wie hohem Grade er seiner eigenen, allerdings sehr ehr 
geizigen Mutter das verdanke, was er geworden ist. 
Auch unter den modernen Geistesheroen haben viele 
öffentlich anerkannt, daß der Einfluß der Mutter auf ihre 
empfängliche Kinderseele eine Mitgift von bleibendem Wert 
für das Leben gewesen ist. Viktor Scheffel, der Dichter 
des Ekkehardt, ließ sich hierüber einem Freunde gegen 
über folgendermaßen aus: „Wenn Sie meine dichterische 
Art begreifen wollen, dann müssen Sie den Grund nicht 
in meinem Leben suchen — das ist sehr einfach verlaufen. 
Es kam alles von innen heraus. Meine Mutter hätten 
Sie kennen müssen. Was ich Poetisches in mir habe, das 
habe ich von ihr." In ganz ähnlicher Weise äußert sich 
auch Peter Rosegger, dieser seif made man unter den 
Schriftstellern. „Meiner lieber, guten Mutter, die mit 
ihrem reichen Schatze von Sagen, Märchen und Liedern 
den Funken in mir entfachte, hegte und pflegte, die in sich 
eine Welt voll Poesie trug, ihr, meiner guten unver 
gessenen Zauberfee, danke ich alles; durch ihr inniges, 
gemütstiefes Walten wurde mein Pfund gehoben. Das 
Beste in mir — habe ich von ihr." In diesem Punkte 
finden wir auch eine auffallende Übereinstimmung mit 
Walter Scott, dem Erzähler der schönsten romantisch 
historischen Liebesabenteuer, die wir kennen. Auch er be 
richtet von dem zauberhaften Reiz, den die Märchen, 
Sagen und Balladen seiner Mutter für ihn gehabt hätten. 
Liegt nicht etwas bedeutungsvolles in der Tatsache, daß 
es hauptsächlich Dichter sind, die sich des fundamentalen 
Einflusses der Mutter bewußt geworden? Wenn man an 
den Segen, den sie in diesen Fällen gespendet, die Macht 
fülle der Mutter ermessen darf, eröffnet sich uns damit 
nicht zugleich die Fernsicht auf das unermeßliche Unheil, 
das eine entartete oder auch nur gleichgiltige Mutter in 
dem kommenden Geschlecht anzurichten vermag? Ist nicht 
fast jeder Verbrecher ein unbewußter Ankläger seiner 
Mutter? Darum, Ihr Mütter, die Ihr die Zukunft der 
Menschheit in Euren Händen haltet, wachet und betet, daß 
Ihr nicht in Anfechtung fallet, daß Ihr das heilige, Euch 
anvertraute Gut nicht verwahrlost, nicht zerstört, daß ihr 
mit dem kostbarsten der Pfunde, das Euch gegeben, 
wuchert, damit es hundertfältige Zinsen trage. 
1- Die Kabellegung in den einzelnen Straßen 
schreitet rasch vorwärts und dürfte in den nächsten Wochen 
fertig gestellt sein. 
t Die Gemeiude-Baubeamten unserer Vororte 
entbehren noch oft in der Gemeindeverwaltung der 
Stellung, die ihnen nach der Bedeutung ihrer Tätigkeit 
zukommen müßte. Bei manchen unserer Landge 
meinden, es sei nur an Wilmersdorf und Lichten 
berg erinnert, sind die technisch-wirtschaftlichen Aufgaben 
in einer Weise gestiegen, daß sie die mancher mittleren 
Provinzialstadt weit übertreffen. Man hat deshalb wohl 
eigene Stadtbauämter geschaffen und ihre Leitung einem 
besonderen Baubeamten mit dem Titel „Gemeinde-Bau 
meister" oder Gemeinde-Baurat übertragen. Aber da die 
alte Landgemeindeordnung, der auch die Vororte Berlins 
unterworfen sind, naturgemäß außer dem besoldeten Ge 
meindevorsteher keine höheren besoldeten Beamten kennt, 
so fehlt es an jeder rechtlichen Festlegung der Stellung 
der leitenden Gemeinde-Baubeamten. Mit Recht hebt die 
„Deutsche Bauzeitung" hervor, daß nicht selten unter 
solchen Umständen von einer für die Gemeinde ersprieß 
lichen Tätigkeit ihres ersten Baubeamten auf die Dauer 
nicht die Rede sein kann. Ja, es kann sogar für die 
Gemeinden ein recht erheblicher wirtschaftlicher Schaden 
entstehen, wenn der technische Sachverständige selbst in 
wichtigen Fragen der entscheidenden Mitwirkung beraubt 
ist, und wenn er nicht die volle Verantwortung für seine 
Maßnahmen trägt. Übrigens gibt das Ergänzungsgesetz 
vom 20. Mai 1902 den Gemeinden das Recht, besoldete 
Schöffen anzustellen. Aber bisher hat noch keine Gemeinde 
dieses Recht dazu benutzt, dem Leiter ihres Bauamtes eine 
solche Stellung einzuräumen. 
t Eine Speisekarte mit sonderbarer Ortho 
graphie besitzt ein uralter Budikerkeller in der Nähe des 
Spittelmarktes. Die Karte, die mit Tinte auf Papier ge 
schrieben und kurzer Hand an die Kellertür geklebt worden 
ist, enthält eine ganze Reihe von Gerichten. Man be 
kommt da u. a.: „Supe und friesche Bolljonn, Schmohr- 
bradten mit Karttoffeln, Eisbein mit diecke Erbsen-Boletten 
und Wersigkohl." An Getränken giebt es: „Weis- und 
Beirisch Bier. Conjan, Kaffe und Milsch." Außerdem 
heißt es auf der Karte: „Franzesisch Billgardt. Sempliche 
Zeitungen gratieß." Links uud rechts von der Kellertür 
befinden sich Schilder, auf denen, wie daS früher bei 
Berliner Budikerkellern allgemein üblich war, von der 
Hand eines fahrenden Künstlers die Speisen und Getränke 
in Gestalt eines freundlichen Stilllebens abgebildet 
worden find. 
f Einen groben Schwindel verüben Berliner 
Stellenvermittler, welche durch Inserate in kleineren 
Zeitungen der Provinz für die Große Berliner Straßen- 
bahngesellschaft Leute als Schaffner suchen. Die bei den 
Agenten sich Meldenden haben eine Vermittelungsgebühr 
in Höhe von 10 bis 20 M. zu erlegen, ohne daß die 
Vermittler in der Lage sind, ihren Kunden die versprochene 
Stelle zu verschaffen. Die Große Berliner Straßenbahn 
gesellschaft hat, wie uns mitgeteilt wird, noch niemals 
durch Stellen-Vermittler Betriebspersonal engagieren lassem, 
da fast stets genügend Bewerbungen um Stellen als 
Schaffner bezw. Fahrer bei der Verkehrskonirolle der 
Großen Berliner Straßenbahn einlaufen. 
f Strafienbahnuufall. Von der Elektrischen wurde 
heute Mittag eine ältere, besser gekleidete Dame um 
gefahren. Dem Wagenführer gelang es, den Wagen sofort 
zum Stehen zu bringen, sodaß die Dame nur leichtere 
Hautabschürfungen erlitt. 
-j- Polizeibericht. Als zugelaufen ist hier angemeldet 
worden: ein Jagdhund. Der rechtmäßige Eigentümer des 
Hundes wird aufgefordert, seine Ansprüche binnen drei 
Monaten im hiesigen Amtsburxau, Feurigstraße 8, 
Zimmer 6, geltend zu machen, widrigenfalls anderweit 
verfügt werden wird. 
Schöneöerg. 
— Im Schöneberger Magistrat werden große 
Personenveränderungen in kürzester Zeit erforderlich sein. 
Für den 2. Bürgermeister Dr. Gerhardt, der in Halber 
stadt zum 1. Bürgermeister gewählt worden ist, muß Ersatz 
geschaffen werden. Ferner sind infolge der beschlossenen 
Vermehrung der Stadtratsstellen zwei unbesoldete Stadträte 
zu wählen und außerdem soll die Kämmererstelle, die bis 
her der 2. Bürgermeister mit versehen hatte, durch ein 
besonderes besoldetes Magistratsmitglied verwaltet worden. 
Seitens des Magistrats wurde der Stadtverordnetenver 
sammlung vorgeschlagen, die 2. Bürgermeisterstelle aus 
zuschreiben und die Kämmererstelle durch den jetzigen 
Rechnungsdirektor Machowiez, der aus dem Kreise der 
Subalternbeamten hervorgegangen ist und früher in Posen 
tätig war, zu besetzen. Es wäre dies der erste Fall, daß 
ein nicht akademisch gebildeter Beamter in Schöneberg als 
besoldetes Magistratsmitglied fungiert. Bei vielen Bürgern 
unserer Stadt ist die zweifellos berechtigte Ansicht ver 
treten, daß eine Stadt wie Schöneberg sicher einen Juristen 
oder höheren Verwaltungsbeamten finden wird, der längere 
Zeit im Finanzfach tätig war. In der letzten Stadtver- 
ordneten-Sitzung sollte bereits die Wahl des Kämmerers 
stattfinden. Da aber verschiedene Stadtverordnete sich eine 
derartige Festlegung einer bestimmten Person nicht gefallen 
lassen wollten und für Ausschreibung der Bürgermeister 
stelle als auch der Kämmererstelle waren, wurde die Wahl 
auf Antrag des Stadtv. Rich. Schneider vertagt und unter 
blieb auch einstweilen die Ausschreibung des 2. BUrger- 
meisterpostens. Mit großem Interesse sieht man auch der 
Wahl des 2. Bürgermeisters entgegen, da es sicher ist, daß 
sich zu diesem Posten zwei besoldete Schöneberger Stadträte 
die Herren Dr. Wölk und Blankenstein melden werden. 
— Eintragungen in daS Handelsregister. 
Nr. 27 291. Bonner Dampf-Kaffee-Brennerei P. I. HanS- 
mann, Bonn, mit Zweigniederlassung in Schöneberg. 
Inhaber: Witwe Anna Maria Hansmann, geb. Schumacher 
in Endenich, Paul Peter Hubert Hansmann, Kaufmann, 
Berlin, verehel. Fabrikant Maria Magdalena Jansen, geb. 
Hansmann, in Bonn, verehel. Dr. Katharina Maria 
Josefine Käst, geb. Hansmann, in Triberg, Johanna 
Elisabeth Hansmann in Endenich, Peter Josef Hansmann, 
Gerichtsreferendar in Endenich — in Erbengemeinschaft. 
Die Witwe Anna Maria Hansmann, geb. Schumacher, ist 
zur Vertretung der Erbengemeinschaft ermächtigt. Dem 
Kaufmann Paul Peter Hubert Hansmann in Berlin ist 
Prokura erteilt. — Bei Nr. 2118. H. Gaebel, Inhaber 
Gaebel & Wiedemann, Schöneberg. Die Firma lautet 
jetzt: H. Gaebel Inh. Fritz Gaebel. Der bisherige Gesell 
schafter Fritz Gaebel ist alleiniger Inhaber der Firma. 
Die Gesellschaft ist durch Ausscheiden des Maschinen 
ingenieurs Heimbert Wiedemann aufgelöst. — Nr. 27 294. 
Offene Handelsgesellschaft Edmund Thiel L Co., Berlin. 
Gesellschafter: Edmund Thiel, Kaufmann, Berlin, Eugen 
Rudolph, Kaufmann, Schöneberg. Die Gesellschaft hat am 
2. Juni 1905 begonnen. Zur Vertretung der Gesellschaft 
ist nur der Kaufmann Eugen Rudolph ermächtigt. 
— Konkursverfahren aufgehoben. jDas Kon 
kursverfahren über das Vermögen des Kaufmanns Adolf 
Stein, in Firma Adolf Stein in Schöneberg, Kolonnen- 
straße 66, wird, nachdem der in dem Vergleichstermin vom 
6. Juni 1905 angenommene Zwangsvergleich durch rechts 
kräftigen Beschluß von demselben Tage bestätigt ist, auf 
gehoben. 
ZLerlin und Vororte. 
8 Kirchliche Nachrichten. Die Kaiserin hat der 
Kirche zu Friedrichshagen, Diöcese Kölln Land II, eine 
Altarbibel und der Kapelle zu Philippsthal, Diöcese Pots 
dam I eine Altarbibel, ein Kruzifix und zwei Altarleuchter 
überweisen lassen. — Mit Genehmigung des Kultusministers 
und des evangelischen Oberkirchenrats ist in der evangelischen 
Jmmanuel-Kirchengemeinde zu Berlin eine vierte Pfarr 
stelle errichtet worden. — Der bisherige Pfarrer zu Honnef 
a. Rh., Karl Röhrig, ist zum zweiten Diakonus bei der 
Friedens-Kirchengemeinde zu Potsdam, Diözese Potsdam I, 
bestellt worden. 
8 Mit dem Umbau des von Nederschen Palais 
zu einem Hotel kann nicht vor April 1906 begonnen 
werden, denn erst um diese Zeit verläßt die bekannte 
Gemäldegalerie, die das gesamte Parterregeschoß des 
Hauses sowohl nach den „Linden" wie nach dem Pariser 
Platz zu inne hat, diese Räume, um nach dem gegenüber 
liegenden Neubau zu ziehen, der an Stelle des 
Schwerin'schen Palais, „Unter den Linden" Nr. 75, er 
richtet wird. ’ ^ t -- 
8 Die neue monumentale Fußgängerbrücke, 
die im Zuge der Flensburgerstraße über die Unterspree 
führt, ist jetzt vollständig fertig und wird nach Regulierung 
der Straßenanschlüsse sofort dem Verkehr übergeben werden. 
Eine Anrampung der Straße braucht nicht zu erfolgen, da 
zu der aus Eisen und Stein bestehenden Brücke, wie es 
bei dem Schlütersteg der Fall ist, einige Stufen empor 
führen. Für die Verbindung des tieferliegenden Schles- 
wiger Ufers mit der Brücke und der Flensburgerstraße ist 
eine neue breite, von Sandsteinwänden eingefaßte Treppe 
angelegt worden, die schon jetzt vom Publikum benutzt 
weeden darf. Über die Unterspree führt nunmehr nur noch 
eine Holzbrücke, die Hansa-Brücke, die aber ebenfalls durch 
eine massive ersetzt werden wird. 
8 Die Abholzungen im Kleinen Tiergarten, 
die kürzlich vorgenommen wurden, haben sich nur auf das 
Grundstück Ottostraße 17 beschränkt, wo ein Gemeindehaus 
für die im Tiergarten gelegene Heilandskirche errichtet wird. 
8 Eine neue Apotheke soll in Lichtenberg, im 
Kreise N.-Barmin und zwar im Ortsteil Neu-Lichtenberg, 
errichtet werden. Der Regierungs-Präsident von Potsdam 
fordert Bewerber auf, ihre Gesuche an ihn bis zum 
5. September d. I. einzureichen. Apotheker, welche erst 
nach dem Jahre 1888 approbiert sind, haben bei der großen 
Zahl älterer Beamten keine Aussicht auf Berücksichtigung. 
Teltow. Ein Fund alter Silbermünzen wurde beim 
Umbau eines Hauses in der Lutherstraße von einem 
Arbeiter gemacht. Sie befanden sich in einem großen 
Behälter in der Wand eingemauert. Die Münzen stammen 
aus dem 16.—16. Jahrhundert. 
HerichMches. 
(:) Kinderarbeit 1« gewerblichen Betrieben. Wegen Ver- 
gehenS gegen das Gesetz über Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben 
war der Gastwirt Wembach von der Strafkammer des Landgerichts I 
zu 30 M. Geldstrafe verurteilt worden, weil er in einer neben seinen 
Echankräumen befindlichen Kegelbahn schulpflichtige Kinder als Kegel 
jungen in der Zeit nacht 8 Uhr Abends beschäftigt hatte. Die 
Kinderarbeit nach 8 Uhr Abends ist nach Maßgabe des tz 23 deS 
KinderschutzaesetzeS vom 90. März 1903 verboten. Gegen das ver- 
urteilende Erkenntnis der Strafkammer legte W. Revision ein, die er 
damit begründete, daß die „Kegeljungen' nicht in dem Gewerbebetriebe 
seines Schankgeschäftes, sondem in der daneben liegenden Kegelbahn 
beschäftigt wurden, die der Verwaltung eines KeglerbundeS unter- 
stand. Von dem Kassierer dieser Vereinigung wären die Knaben auch 
aus der Vereinskaffe entlohnt worden. Er selbst habe mit der Be- 
schäftigung der Kegeljungen also garnichts zu tun. Das Reichsgericht 
verwarf die Revision kostenpflichtig unter folgender Begründung. Rach 
tz 4 des Kinderschutzgesetzes ist das Kegelaufsetzeu durch Kinder an 
und für sich nicht strafbar, nur wenn dies in dem Betriebe einer 
Gastwirtschaft geschieht, ist cs straffällig. Wenn auch die Kegelbahn 
in dem vorliegenden Falle neben dem Gewerbebetriebe des Ange 
klagten liege, so stelle sie doch einen Bestandteil des Gewerbes dar. 
Von diesem Gesichtspunkte aus waren die in dem Betriebe der Kegel- 
bahn beschäftigten Knaben auch in dem Betriebe der Schankwirtschaft 
tätig; indem sie ihre Aufgabe erfüllten, dienten sie dem Nutzen deS 
Echankwirtschaftsbetricbes. Es könne vielleicht in Frage kommen, daß 
die Knaben in dem vorliegenden Falle nicht vom Wirt, sondern von 
dem Mieter der Kegelbahn bezahlt würden. Dies schließe aber auch 
eine Strafbarkeit nicht auS, da nach dem Kiuderfchutzgefetz sich auch 
schon derjenige strafbar mache, welcher in seinem Betriebe die Be 
schäftigung von Kineern dulde, auch wenn diese nicht von ihm selbst, 
sondem von einem Dritten angenommen worben sind. Der Wirt sei 
sür alles verantwortlich, was in seinen Räumen geschieht, speziell wenn 
er in der Lage ist, eine Verhinderung eintreten zu lassen. Anderer 
seits ist der Wirt auch berechtigt, seinem Mieter die Benutzung der 
Mielsräume zu gesetzwidrigen Handlungen zu verbieten. AuS 
diesen Gründen verwarf das Reichsgericht die Revision des Angeklagten. 
Vermischtes. 
' Kanzleideutsch. „Der beklagenswerte Eisenbahnunfall ist... 
durch den den Zugmeldedicnst in Spremberg leitenden Stations 
assistenten veranlaßt.' — „Die angeordnete Untersuchung wird ergeben, 
inwieweit die bestehenden Verfügungm.... nicht ausreichend 
beachtet sind.' — „Aus diesem beklagenswerten Unfall, dessen weitere 
Verfolgung von der Eisenbahnverwaltung der Staatsanwal schaff 
übergeben ist' . . . usw. Alle diese drei Sätze oder Eatzstück?, die 
sich in der au tlichen Veröffentlichung der „Norbd. Allg. Ztg." über 
das Spremberger Eisenbahnunglück finden, sind grammatikalisch falsch, 
lückenhaft, und kranken alle an demselben Fehler. Der be'lagenswerte 
Eisenbahnunfall ist nicht „veranlaßt', sondem „veranlaßt worden' 
oder er „wurde veranlaßt", und ebenso muß es statt'„beobachtet sind" 
heißen: „beachtet worden sind" oder „b.achtet wurden", und statt 
„übergeben ist" wäre zu setzen gewesen „übergeben worden ist' od-r 
„übergeben wurde'. Wir haben diese Weglaffung des notwendigen 
Wörtchens „worden' beim Geb.auch des passiven Perfektums schon 
einmal in einem besonderen Aussatz als eine Mißhandlung unserer 
Sprache gekennzeichnet. Merkwürdigerweise aber huldigen gerade die 
offiziellen Kreise diesem modemen Mißbrauch, der in jedem Sinne 
eine arge Verkürzung unserer Eprachformen ist. ES ist nicht Klein- 
krämerei, was uns veranlaßt, auf derartige Verstöße gegen die 
deutsche Sprache aufmerksam zu machen. Wenn unsere hohen 
Lmtsjtellen, was ja vork mmt, genötigt sind, ein französisches 
Schriftstück abzufaffen, so werden sie sich ganz gewiß die aller 
größte Mühe geben, keinen grammatikalischen oder stilistischen 
Schnitzer zu machen, denn sie befürchten mit R.cht, daß man ihnen 
dergleichen als Bildungsmangel auslegen würde. Was aber in Bezug 
auf die französische Sprache recht ist, soll und muß in Bezug auf 
die deutsche Sprache billig sein. Auch die deutsche Sprache soll von 
dem gebildeten Deutschen einwandfrei gehandhabt werden. 
* Die alten Spielkarten. Dr. Lisicr erzählt in seinem 
zourne/ to Paria 1869, daß er in einer Privatsammlung in Paris 
dreihundert Jahre alte Spielkarten gefunden habe. Die ältesten 
waren sechsmal so groß, wie die jetzt gebräuchlichen, sie waren gut 
gemalt, illuminiert und mit goldenen, Rand. Das Kartenpapier 
war dick und fest, aber kein einziges vollständiges Spiel mehr 
vorhanden. 
* Franenfchlauheit» Mitternacht. Der Herr des Hauses ist, 
wie gewöhnlich, lange im Gasthause geblieben und hat seine trostlose 
kleine Frau allein gelassen. Der Mann versucht nun, mit seinem 
Schlüssel die Vorzimmer zu öffnen. Da flüstett die Stimme der 
kleinen Frau durchs Schlüsselloch: . .. „Bist du's, Julius?' — Der 
Herr — er heißt Wilhelm — kommt seither stets vor Torsperre 
nach Hause. 
* Von zwei Übeln das kleinere. Arzt: „Sie müßten zur 
Erholung auf drei Monate verreisen!' — Patient: „Dazu habe ich 
kein Geld!" — Arzt: „Gut, bleiben Sie hier, ich werde Sie täglich 
besuchen." — Patient: „Da will ich doch lieber auf drei Monate 
verreisen!" 
CARL RICHARD 
Pobdamersh. 43" 
u in sftmti. FUJaln
        
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