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Periodical volume Nr. 188, 12.08.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

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»*. 188. 
Friedenau, Sonnabend den 12. August 1905. 
12. Iahrg. 
sächlich den wirtschaftlichen Besitz der Insel sichern. Was 
die Auslieferung der in neutralen Häfen liegenden Kriegs 
schiffe anlange, so lehne Rußland diese ab, weil es damit 
auf ein gutes Recht verzichten würde. Dagegen würde 
man sich eventuell bereitfinden, im Einverständnis mit 
Japan die Grenze der beiderseitigen Rüstungen festzulegen. 
Ein Vertreter des „Petit Paristen" in Newcastle hatte 
eine Unterredung mit Witte, worin dieser auf die Frage, 
was er in großen Zügen über die japanischen Bedingungen 
denke, die Antwort gab: Wenn ich gewußt hätte, daß die 
Bedingungen unannehmbare sind, so hätte ich nicht eine 
Frist verlangt, um sie zu prüfen. Alles, was er sagen 
könne, sei, daß die Diskussion auf der Basis der von 
Japan gestellten Bedingungen beginnen könne. 
London. „Daily Telegraph" meldet aus Neucastle: 
Auf russischer Seite treten bei den Friedensverhandlungen 
besonders Pokotilow und Schipow als geschickte Diplomaten 
hervor. Weiter wird von dem Blatte berichtet, nach der 
letzten Sitzung der Friedenskonferenz arbeitete Witte im 
Hotel die Nacht hindurch bis zum Morgen. Witte 
diktierte, nachdem er die Ansicht eines jeden seiner Berater 
eingeholt hatte, von Anfang bis zu Ende, die Antwort 
auf die japanische Note. Die Antwort ist eine so aus 
führliche, daß die darin behandelten Fragen vollständig 
erschöpft werden. Jede japanische Forderung wird einer 
genauen Erörterung unterzogen. Dann wird der Stand 
punkt des Zaren den Forderungen gegenüber dargelegt 
und die Gründe, welche Rußland dazu bewegen, die betr. 
Bedingungen abzulehnen. 
Neuyork. Witte erklärte, während der Nacht die 
Antwort auf die japanischen Forderungen geschrieben zu 
haben. Er habe ohne Genehmigung des Zaren handeln 
können, da er hierzu bevollmächtigt sei. Der „Globe" 
meldet, Witte erklärte einem Interviewer, daß er Gegen 
vorschläge machen werde, die japanischen Forderungen seien 
nicht gar zu schlecht. 
Die Beglaubigungen der japanischen Gesandten sind 
noch nicht in Ordnung, da nur das japanische Original, 
das die Russen nicht lesen können, und nicht die englische 
Übersetzung beglaubigt, sowie die Vollmacht nicht absolut 
ist, da die Abmachungen der Japaner durch den Mikado 
annuliert werden können. Dagegen hat sich der Zar ehren 
wörtlich verpflichtet, Wittes Abmachungen anzuerkennen. 
Obwohl die Nachrichten über den Verlauf der Verhand 
lungen in Portsmouth nicht übereinstimmen, überwiegt 
hier und in Washington doch den Eindruck, daß eine 
Einigung erzielt werden wird. 
Neuyork. In den Vereinigten Staaten herrscht in 
der Bevölkerung große Aufregung über den Stand der 
Friedensverhandlungen. Die unwahrscheinlichsten Gerüchte 
sind im Umlauf, ohne daß irgend etwas genaues über 
die zu erwartende Entschließung Rußlands bekannt würde. 
Mit größter Spannung sieht man der Entscheidung 
entgegen. 
Allgemeines. 
Q Arbeitsverhältniffe in Wasch, und Platt, 
anstalten. Wie das Ministerialblatt der Handels- und 
Gewerbeverwaltung mitteilt, hat der Reichskanzler (Reichs 
amt des Innern) das Kaiserliche Statistische Amt, 
Abteilung für Arbeiterstatistik, beauftragt, unter Zuziehung 
des Beirats für Arbeiterstatistik Ermittelungen über die 
Dauer der täglichen Arbeitszeit und der Ruhepausen der 
in den Plättanstalten und in den nicht als Fabriken oder 
Werkstätten mit Motorbetrieb anzusehenden Waschanstalten 
beschäftigten Personen anzustellen. Der Beirat für 
Arbeiterstatistik hat befürwortet, zunächst eine statistische 
Aufnahme einzuleiten, die unter Zugrundelegung eines 
Fragebogens und einer dazu entworfenen Anweisung für 
die mit der Durchführung der Erhebung zu beauftragenden 
Organe ausgeführt haben soll. 
[] Bahnhofsbuchhandel. Nachdem in den letzten 
Jahren in den Kreisen der Beteiligten und auch in der 
Rechtsprechung eingehend die Frage erörtert worden ist, ob 
und inwieweit auf den Bahnhofsbuchhandel die Vor 
schriften der Gewerbeordnung über die Sonntagsruhe und 
die Bestimmungen der Polizeiverordnungen über die äußere 
Heilighaltung der Sonn- und Feiertage Anwendung finden, 
wird es sich empfehlen, wie das. Ministerialblatt der 
Handels- und Gewerbeverwaltung mitteilt, in Zukunft den 
Verkauf von Zeitungen und anderen Druckschriften auf 
Bahnhöfen, insoweit er innerhalb der Bahnsteigsperre statt 
findet, also im wesentlichen nur den Bedürfnissen des 
reisenden Publikums dient, als einen Teil des Gewerbe 
betriebes der Eisenbahnunternehmungen zu betrachten und 
deshalb den vorbezeichneten Vorschriften nicht zu unter 
stellen. Dieser Standpunkt wird sich um so eher recht 
fertigen lassen, als der Minister der öffentlichen Arbeiten 
bereit ist, im Verwaltungswege darauf hinzuwirken, daß 
den im Bahnhofsbuchhandel beschäftigten Gehilfen, 
Lehrlingen und Arbeitern die im Erlaß vom 25. Juli 
1896 vorgeschriebenen Ruhezeiten auch fernerhin gewährt 
werden. Dagegen haben auf den Bahnhofsbuchhandel 
außerhalb der Bahnsteigsperre auch in Zukunft lediglich 
die für den sonstigen Buchhandel geltenden Vorschriften 
über Sonntagsruhe und Sonntagsheiligung Anwendung 
zu finden. 
sj Gefangeuenarbeit. Die Klagen der Gewerbe 
treibenden und Arbeiter über die Verwendung der Ge 
fangenen bei öffentlichen Arbeiten reißen nicht ab. Jetzt 
wird aus Dortmund, den 11. August, gedrahtet: Viel 
böses Blut in Arbeiterkreisen macht die hier und da vor» 
Depeschen. 
Chemnitz. Zu dem Einsturz des Neubaues der 
Kaserne werden noch folgende Einzelheiten bekannt: Das 
für die 3. Eskadron bestimmte Stallgebäude war eben 
fertig geworden und 4 Zimmerleute waren damit be 
schäftigt, die Gerüste unter den Bogew fortzunehmen, als 
plötzlich mit furchtbarem Krach das Gewölbe zusammen 
brach und die beiden nächstfolgenden Gewölbe mit hinunter 
riß. Die Zimmerleute vermochten sich noch früh genug in 
Sicherheit zu bringen, während die unter den anderen 
Abteilungen beschäftigten 12 Maurer von den Trümmern 
verschüttet wurden. Über die Ursache des Bauunglücks 
konnte bisher noch nichts genaueres festgestellt werden, es 
ist jedoch nicht ausgeschlossen, daß infolge der starken 
Regenmaffen in den letzten Tagen der Zement nicht genügend 
gebunden hat. 
Paris. Der Petersburger Korrespondent des 
„Matin" berichtet, die Antwortnote des Zaren befinde sich 
bereits in den Händen Wittes. Man glaubt, daß in 
dieser Antwort, welche heute von Witte überreicht wird, 
erklärt wird, 'baß Rußland es ablehnen müsse, eine Kriegs 
kostenentschädigung an Japan zu zahlen, die Insel 
Sachalin abzutreten, die in den neutralen Häfen liegenden 
Schiffe auszuliefern und die russischen Marinestreitkräfte 
in Ostasien einzuschränken. In der heute stattfindenden 
Sitzung der Friedenskonferenz soll Witte die Erklärung ab 
geben, daß Rußland entschlossen sei, mit Japan iiber alle 
anderen Punkte der aufgestellten Friedensbedingungen zu 
verhandeln; Rußland sei der Ansicht, daß es, indem es 
von 12 Bedingungen 8 annehme, den Beweis liefere, daß 
es den aufrichtigen Wunsch zur Versöhnung hege, soweit 
eine solche vereinbar sei mit der Ehre Rußlands und der 
Absicht, einen dauernden Frieden zu schaffen. 
Das „Echo de Paris" meldet aus Petersburg, das 
Telegramm Wittes, worin die Bedingungen Japans mit 
geteilt wurden, traf vorige Nacht beim Zaren ein. Aus 
einer Unterredung, welche der Korrespondent des genannten 
Blattes mit einer hochstehenden Persönlichkeit gehabt haben 
will, geht folgendes hervor: Eine Abtretung Liaojangs, 
der ostchinesischcn Eisenbahn, Einräumung des Protektorates 
über Korea, Verlaffen der Mandschurei und Aufrecht 
erhaltung des Prinzips der offenen Tür, dies alles seien 
Punkte, in denen Rußland bereit sei, das weiteste Ent 
gegenkommen zu zeigen. Von einer Kriegskosten 
entschädigung könne nicht die Rede sein, jedoch mit einer 
Rückerstattung der wirklichen Kriegsausgaben könne man 
sich vielleicht im Prinzip einverstanden erklären. Was 
Sachalin anbetreffe, so lehne Rußland eine Abtretung ab, 
aber es sei bereit, Japan weitgehende Privilegien zwecks 
Ausbeutung des natürlichen Reichtums der Insel zu 
gewähren. Diese Privilegien würden den Japanern tat- 
«Kie Mache ist mein." 
Kriminal-Roman von L. Haid heim. 
27. (Nachdruck verboten, rille Rechte vorbehalten.) 
Mit einem Schlage wurde ihr plötzlich klar, daß Ducetti 
zum Erschrecken verändert war, ganz unleugbar! Aber was 
ging denn mit ihm vor? Seit wann? 
Nun natürlich, seit er ein vcrliebler alter Narr geworden! 
O dieser Irene! Sie hatte das Unglück in dies Haus ge 
bracht. — Sie wollte einfach die reiche Signora Ducetti 
werden! Aber warum leugnete Ducetti? Warum hätte er 
denn jetzt keine Zeit, an „solche Torheit" zu denken? Klang 
es nicht fast, als hätte das Schwurgericht etwas damit zu 
tun? — Lieber Gott, man hörte schon so oft, wie geniale Er 
finder wahnsinnig wurden. 
Die arme Donna Laura! Wem konnte sie sich anver 
trauen? Sordcgna? Er, als Arzt, mußte gesehen haben, 
was sie jetzt sah: Ducettis seltsam direktionsloses und doch 
grüblerisches, verschlossenes Wesen. 
Das beides war allerdings eine Charaktereigenschaft von 
ihm, die jeder kannte: aber während er sonst an nichts 
dachte, als an seine Forschungen über die geheimnisvollen 
Naturkräfte, faßte er plötzlich Heiratsgedanken, lief in die 
Gerichtsverhandlungen, vergaß sich gegen seine treue, erhabene 
und anspruchslose Bertreterin der Hausfrau. 
Gewohnheit ist bei alledem die Macht, der Donna 
Laura völlig untertan geworden in dem langjährigen Gleich 
maß ihres Lebens, Gewohnheit treuer Pflichterfüllung. 
Eine Stunde später kam sie auf ihrem Rundgang 
durch das Haus auch in Sordegnas Zimmer, um dort nach 
zusehen. 
Er stand am Fenster, träumend, ernst grübelnd. Welch 
lieber Mensch er doch war! Und auch der falsch? Nein! 
Neben ihm auf der Fensterbank lag ein aufgeschlagenes Buch. 
„Herr Sordcgna," sagte Donna Laura, plötzlich von einer 
Eingebung berührt, .haben Sie wohl einmal in der letzten 
Zeit darauf geachtet, daß Ducettr sich — daß er —?" Es 
wollte ihr nicht über die Zunge. 
Plötzlich las sie den Titel des neben ihm liegenden Buches: 
„Genie und Wahnsinn." 
Also auch er — ? Sordegna? Das überwältigte sie. An 
ein Entsetzliches von fern denken und es auf einmal vor sich 
sehen, das ist doch sehr zweierlei. 
Mit zitternden Lippen hatte sie seine Hand ergriffen; — 
stumni, namenlos erschreckt sah sie ihm in die Augen und darin 
las sie — eine Bestätigung ihrer Angst. 
Er strich sanft, beruhigend, aber nichts leugnend über ihre 
erkaltende Rechte. — „Donna Laura, Mut! Wir wollen ihn 
zwingen, wieder fortzugehen. — Er denkt zu viel, und das 
arme überarbeitete Hirn gehorcht ihm beinahe nicht mehr. Ruhe 
und kaltes Wasser, und Loslösung von allem, was Arbeit 
heißt, wird schon helfen. 
Sein milder Zuspruch löste plötzlich ihre hochgradige 
Aufregung. Sie sank auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch 
und schluchzte herzbrechend. Das setzte ihn auch nicht in Er 
staunen. Er wußte ihr nicht viel weiteren Trost zu sagen, aber 
seine Warnung, die Genesende nichts merken zu lassen, tat ihr 
wohl und weckte ihr Vertrauen nun doch und lenkte sie darauf. 
Einen muß ich haben, dem ich meine Sorgen vertraue! 
Wissen Sie, daß Ducetti Ihre Schwester heiraten will?" sagte 
sie zu ihm. — Er trat zurück, sah sie starr an. 
„Ducetti —!? Er — Irene?" Sein grenzenloses Er 
staunen belehrte sie, er hatte nichts davon gewußt, denn sein 
nächster Ausruf lautete: „Das kann — das darf nicht sein! 
Ist denn Irene dazu geneigt? Wie? Seit Rom? Seit sie 
hier bei den Ducettis lebt? O Donna Laura, nein! Sie 
irren sich! Kein Gedanke! Das wüßte ich!" 
Sie redeten rasch hin und her. Zwar warf Sordegna 
das Wort hin: „Sie würde eine reiche Frau!" aber in dem 
selben Atemzuge nannte er seine Schwester falsch und ver 
steckt! Warum ihm dies verschweigen? — 
„Warum das verschweigen? Das will ich Ihnen jetzt 
erklären, rief sie: „Weil Irene und Palmieri sich lieben, 
weil sie hinter Constanzes Rücken —" 
„Das ist nicht wahr, Donna Laura! Meine Schwester 
ist keine Ehrlose —!" flammte Sordegna auf. 
So erfuhr er nun alles, so weit sie es wußte. Sordegna 
wurde kreideweiß. 
Wie? Palmieri hatte die Absicht, mit Constanze zu brechen? 
Dies holde Geschöpf wollte er aufgeben? 
„Ja! Und ich glaube nicht einmal, daß sie daran sterben 
wird! Wie gleichmütig bleibt sie, daß er nicht kommt!" ries 
Donna Laura bitter. 
Sordegna hatte sich abgewandt, dem Fenster zu; sie konnte 
sein Gesicht nicht sehen. 
Als er sich ihr wieder zuwandte, war die Leichenblässe ver 
schwunden. Seine Augen leuchteten. 
Er nahm ihre beiden Hände in die seinigen. 
„Sie sind der gute Geist dieses Hauses, Donna Laura! 
Helfen Sie mir — lassen Sie uns zusammen versuchen, all 
dies Schwere abzuwenden — .* 
„Sie meinen, Palmieri zu Constanze zurückzuführen? 
Das wird vergebens sein. Sie wissen nicht, mit welcher 
Leidenschaft er und Irene sich lieben! Constanze und er 
dagegen zankten sich den ganzen Sommer — keinen Tag 
wahrer Einigkeit gab es in Detri zwischen ihnen —. 
„Und das war Irenes Werk?" rief er empört. — 
Dem widersprach sie aber. Gerecht war sie; Irene hätte 
in Detri sich nichts zu Schulden kommen lassen, Palmieri sogar 
gemieden, aber Constanze und er paßten eben nicht zusammen, 
und sie wurde darüber reizbar, verdrossen, unliebenswürdig; 
sie war eben schon krank. 
„Das arme holde Kind! Was vermißt er denn an 
ihr? Und so hat er sie gepeinigt, bis sie mit dem Tode 
rang," schalt Sordegna in tiefster Entrüstung. 
Auch jetzt beruhigte sie, stellte richtig, was er falsch und 
übertrieben auffaßte. 
Es konnte Donna Laura nicht entgehen, daß Sordegna 
sich viel weniger mit Irenes Schicksal, als mit dem Con 
stanzes beschäftigte. 
(Fortsetzung folgt.)
        
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