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Periodical volume Nr. 187, 11.08.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

beachten ist. Im übrigen ist der Zeitpunkt der Pfändung 
maßgebend. Betreibt der Schuldner zurzeit der Pfändung 
ein Handwerk mit , der Absicht es fortzusetzen und ist der 
gepfändete Gegenstand zur persönlichen Fortsetzung der 
Erwerbstätigkeit unentbehrlich, so ist eine nachträgliche 
Änderung der Erwerbstätigkeit des Schuldners ohne Be 
deutung. Die Pfändung, die dagegen verstößt ist nichtig; 
sie begründet kein Pfandrecht. Ein solches kann daher 
auch durch eine nachträgliche Änderung der Erwerbs 
tätigkeit des Schnldners allein, ohne einen neuen 
Pfändungsakt, nicht hergestellt werden. Der Zeit« 
punkt der Entscheidung des Vollstreckungsgerichts ist nicht 
maßgebend. Der Handwerker, dem das ganze Hand 
werkszeug im Wege der Pfändung weggenommen und da 
mit die Möglichkeit, das Handwerk zu betreiben, entzogen 
ist, würde sonst die Freigabe des Handwerkszeugs nicht 
erreichen können, da er zurzeit der Entscheidung des Voll 
streckungsgerichts das Handwerk nicht mehr betreibt. Der 
Schuldner, dem die notwendigsten Kleidungsstücke im Wege 
der Zwangsvollstreckung weggenommen sind, würde sich 
auf deren Unentbehrlichkeit nicht berufen können, wenn er 
zwischen der Pfändung und der Entscheidung des Voll- 
streckungs - Gerichts von der Armenpflege Ersatz er 
halten hat. 
Endlich hat das Oberlandesgericht Dresden in einem 
andern an der oben genannten Stelle mitgeteilten Urteile 
entschieden, daß auch ein Fahrrad unter Umständen unent 
behrlich und deshalb unpfändbar sein kann. Der Schuldner 
hat die Kundschaft seiner Firma in der näheren >md bis 
weilen auch die in der weiteren Umgebung zu besuchen. 
Diese Reisen, also ganz eigentlich körperliche Leistungen, 
bilden einen wesentlichen Bestandteil der Obliegenheiten, 
die er der Firma gegenüber übernommen hat. Wenn ihm 
das Fahrrad als Beförderungsmittel genommen wird, 
würde er entweder alle Wegestrecken zu Fuß zurücklegen 
oder kostspielige Beförderungsmittel benutzen müssen. Im 
ersten Falle müßte er seine Erwerbstätigkeit ganz wesentlich 
einschränken; es würde ihm nicht möglich sein, in der 
gleichen Zeit eine gleich große Zahl von Kunden, besonders 
entfernt wohnende, zu besuchen. Auch wenn er die Eisen 
bahn oder ein Fuhrwerk zum Fortkommen benutzen würde, 
könnte er seine Erwerbstätigkeit nicht in der bisherigen 
Weise fortsetzen. Denn um die Kosten dieser Beförderungs 
mittel würde sich das Ergebnis seiner Erwerbstätigkeit 
schmälern, dafern ihre Aufwendung seine Erwerbstätigkeit 
überhaupt noch als wirtschaftlich aussichtsreich erscheinen 
ließe und er nicht der hohen Kosten wegen davon ab 
sehen müßte, die entfernt wohnende Kunden noch auf 
zusuchen. 
Lokates. 
-j- Vom Elektrizitätswerk. Der erste Dieselmotor 
ist nunmehr bald nahezu vollständig montiert. Auch die 
Akkumulatorenanlage im Kellergeschosse steht ihrer Fertig 
stellung in den nächsten Tagen entgegen. Auf jeden Fall 
erhält man heute schon ein Bild, wie es im Innern 
unseres Werkes nach Inbetriebnahme aussehen wird. 
t Der Platz an der K'aisereiche erfährt durch 
die Geleiselegung eine Veränderung, indem ein größeres 
Stück der nördlichen Ecke weggenommen werden mußte. 
t Die Regulierung der Kaiserallee schreitet 
rasch vorwärts, im südlichen Teile ist streckenweise bereits 
der Betonuntergrund vollständig gelegt. Der Straßenbahn 
verkehr wird, allerdings mit Schwierigkeiten, aufrecht 
erhalten, während die Straße sonst für jeglichen Fuhrwerk 
verkehr vollständig gesperrt ist. 
t Zur Zeit ist die Frage zu entscheiden, ob 
ein Berliner Magistratsbeamter ein Gemeindeamt in einem 
Vorort annehmen könne. Der Magistratsbeamte K., im 
Vorort Rosenthal bei Reinickendorf wohnhaft, war vor 
anderthalb Jahren zum Gemeindevertreter des Ortes, 
und zwar in der II. Wählerabteilung gewählt worden. 
K. vertrat mit großer Sachkenntnis insbesondere die Rechte 
der von Berlin nach dem Orte gezogenen Beamten, Hand 
werker und Gewerbetreibenden und genoß deren unbe 
grenztes Vertrauen. So wurde er auch Vorsitzender des 
Haus- und Grundbesitzer-Vereins von Wilhelmsruhe und 
Mitglied der Voreinschätzungskvmmission. Am Mittwoch 
lag nun der Gemeindevertretung in Rosenthal ein 
Schreiben des Herrn K. vor, worin er bittet, ihn von 
seinem Amte zu entheben. Er habe schon alle übrigen 
Ehrenämter niedergelegt. Der Gemeindevorsteher hatte 
dem Ersuchen um Amtsenthebung nicht ohne weiteres stattge 
geben, sondern K. aufgefordert, die Gründe anzugeben, 
da er verpflichtet sei, das Amt drei Jahre zu verwalten, 
widrigenfalls er mit 25 v. H. höher zur Steuer heran 
gezogen würde. Notgedrungen erklärte K. nun, daß er 
bei seiner vorgesetzten Behörde, dem Berliner Magistrat 
denunziert worden und dadurch gezwungen sei, sein Amt nieder 
zulegen. In der Gemeindevertretung kam es darüberzu einer leb 
haften Debatte. Von fast allen Rednern wurde anerkannt, 
daß K. sein Amt gut verwaltet hat. Der Gemeindevor 
steher erklärte, den angegebenen Grund nicht als stichhaltig 
ansehen zu können. Es wurde vorgeschlagen, der Ge 
meindevorstand möge sich mit dem Berliner Magistrat wegen 
des Falles in Verbindung setzten, doch lautete der Beschluß 
schließlich, von K. nach wie vor die Ausübung der Amts 
tätigkeit zu verlangen und eine abwartende Stellung 
einzunehmen. 
f Volkszählung. Die Vorbereitungen für die 
nächste Volkszählung am 1. Dezember d. I. sind schon im 
Gange. Besondere Aufmerksamkeit soll diesmal dem 
Wohnungswesen, dem Arbeitsort, dem Wohnort usw. 
gewidmet werden. 
f Obstmärkte. Die Landwirtschaftskammer für die 
Provinz Brandenburg veranstaltet auch in diesem Jahre 
wieder in Berlin, und zwar in der Westhalle des Landes- 
Ausstellungsparkes mehrere Obstmärkte, durch welche der 
Bevölkerung Gelegenheit gegeben werden soll, gutes und 
billiges Obst direkt von den märkischen Obstzüchtern zu 
kaufen. Besonderer Wert ist diesmal auf eine einheitliche 
Verpackung (Kisten mit 25 und 50 Pfd. Inhalt und pein 
liche Sortierung) des Obstes gelegt -worden. Insgesamt 
werden in diesem Jahre 3 Obstmärkte stattfinden und zwar 
je einer im September, Oktober und Dezember. Der erste 
Markt findet vom 19. bis 22. September d. Js. statt. 
Alle Hausfrauen und Obstfreunde seien schon jetzt auf 
diese vorteilhafte Gelegenheit zum Obsteinkauf aufmerk 
sam gemacht. 
-j- Das Vereinsturnen im Kreise Teltow. 
Nach der letzten statistischen Erhebung der Deutschen 
Turnerschaft für das Jahr 1904 bestanden am 1. Januar 
1905 im Kreise Teltow 47 Turnvereine, die sich diesem 
großem Verbände angeschlossen haben. Zwei Turnvereine 
haben die Orte Groß-Lichterfelde, Steglitz, Tempelhof, 
Nowawes, Mittenwalde und Zosien. Die Gesamtzahl 
aller Vereinsangehörigen beträgt 4262, davon sind 3183 
Erwachsene, 574 Zöglinge und 495 Frauen. Frauen 
abteilungen haben bisher nur 16 Vereine. Das Turnen 
schulpflichtiger Kinder pflegen 9 Vereine bei einer Teil 
nahme von insgesamt 419 Knaben und 300 Mädchen. 
Von diesen Vereinen werden 24 Gemeinde- oder Schul 
turnhallen benutzt, die übrigen sind leider auf Restaurations 
räumlichkeiten angewiesen. Nur der Männer-Turnverein 
Mariendorf besitzt eine eigene Turnhalle mit Turnplatz; 
diesen haben auch die Turnvereine in Treptow und 
Nowawes. Die Gesamtzahl der Turnzeiten aller Vereine 
beläuft sich auf 6062 Stunden, an denen 112 703 Besucher 
teilnahmen. In das Heer traten im Berichtsjahre 98 Mann 
ein, die bei ihrer Vorschulung besonders gern genommen 
werden. — Der größte Verein des Kreises ist der 
Männer-Turnverein Friedenau mit 361 Mitgliedern, 
ihm folgen der Steglitzer Männer-Turnverein mit 284 
und der Männer-Turnverein Cöpenick mit 234 Angehörigen, 
ferner 14 Vereine mit 100 bis 200 Mitgliedern. 
f Die Sonnenblume. Die Sonnenblume blüht 
jetzt in vielen Gärten, und ihre großen, hellgelben Blüten 
mit dem dunkelbraunen Samen in der Mitte geben ihr 
ein wirkungsvolles Aussehen. Wie die Strahlen einer 
Sonne gehen die Randblätter nach allen Seiten hin; aber 
wohl weniger dieser Eigenschaft wegen hat man der 
Pflanze ihren Namen verliehen, als vielmehr der Merk 
würdigkeit halber, daß sie, gleichviel wo sie steht, ihr 
Antlitz stets der Sonne zuwendet. Man bezeichnet diese 
Bewegung als Heliotropismus und hat vielfach in 
allegorischer Weise die Sehnsucht der Blume nach dem 
Lichte verherrlicht. Die Sonnenblume wurde das Symbol 
treuer Anhänglichkeit und besonders das Zeichen lehns 
pflichtiger Ritterschaft, als welches sie in Wappen und 
Siegeln große Verwendung fand. Erst gegen Ende des 
16. Jahrhunderts wurde sie in Europa bekannt und 
erfreut sich von der Zeit an stets wachsender Beliebtheit. 
In manchen Gegenden werden ihre Knospen als Gemüse 
gekocht Die Stengel benutzt man vielfach als Brenn 
material; die Blätter finden als Viehfutter Verwendung, 
während aus den Blüten die Bienen Honig saugen. Vor 
allem aber sind die Samen zur Ölgewinnung nützlich. 
Nachdem sie enthülst worden find, preßt man sie und 
erhält dann ein Öl, das beim Backen gute Dienste leistet. 
Die Heimat der Sonnenblume ist Mexiko; in Amerika 
unterscheidet man 55 Arten, von denen manche in ganzen 
Landstrecken angebaut werden, um dadurch ein nahrhaftes 
Viehfutter zu erhalten. 
-j- Für die große landwirtschaftliche Aus 
stellung, welche von der Deutschen Landwirtschafts 
gesellschaft vom 21. bis 26. Juni 1906 in Schöneberg 
veranstaltet wird, ist auch ein Preisbewerb für Dauer 
waren für In- und Ausland, sowie für den Schiffsbedarf 
vorgesehen. Das für diesen Preisbewerb erlassene Preisaus 
schreiben zerfällt in acht Hauptgruppen, welche in 
41 Klassen eingeteilt sind. Es können zugelassen werden 
Molkereiwaren, Fleischwaren, Fischwaren, Obst, Gemüse, 
Kartoffeln, Teig- und Backwaren, Trauben-, Obst- und 
Beerenweine, sowie Bier. Auch ist für alle anderen Dauer 
waren, die in den aufgeführten Klassen Zulassung nicht 
finden können, eine allgemeine Klasse „sonstige Dauer 
waren" vorgesehen. Über die nähren Bestimmungen für 
die Beteiligung am Preisbewerb gibt das Preisaus 
schreiben Auskunft, welches mit den Anmeldepapieren 
von der Hauptstelle der Deutschen Landwirtschaftsgesellschast, 
Berlin SW., Dessauer Straße 14, kostenlos bezogen werden 
kann. Nach dort sind auch sonstige diesbezügliche Anfragen 
zu richten. Die Anmeldungen zum Preisbewerb müssen bis 
zum 31. August 1905 bewirkt sein, da die angemeldeten 
Gegenstände sich einer mehrmonatlichen Prüfungsreise nach 
Australien unterziehen müssen, um ihre Dauerhaftigkeit zu 
beweisen. Nach Rückkunft erfolgt die Prüfung durch ein 
sachverständiges Richterkollegium unter den im Preis 
ausschreiben festgelegten Bestimmungen und zwar bei Ab 
wesenheit der Aussteller und anonym, d. h. nach sorg 
fältigem Entfernen aller Etikettierungen und sonstiger 
Erkennungsmerkmale wird den Preisrichtern nur die mit 
einer Ordnungsnummer versehene Büchse, Flasche oder dergl. 
vorgestellt, welches Verfahren eine vollständige parteilose 
Prüfung sichert. 
-j- Unglücksfälle durch Biß von Schlangen und 
tollen Hunden sowie durch Insektenstiche sind jetzt leider 
an der Tagesordnung. Man tut daher gut, sich folgende 
Verhaltungsmaßregeln einzuprägen. Sofort nach einem 
giftigen Biß oder Stich ist ein Band, eine Schnur, ein 
Tuch, was man nur zur Hand hat, oberhalb der Wunde 
bezw. zwischen Lunge und Herz fest herumzubinden. Wird 
jemand z. B. von einem giftigen Insekt in den Daumen 
gestochen oder beißt ihn eine Schlange in die Hand, so 
sindet man oberhalb der Wunde, also z. B. am Oberarm 
Wunde und Herz eben ein Band fest herum. 
Dadurch verhindert man, daß das Blut der Hand zurück 
läuft und das in das Blut aufgenommene Gift zum 
Herzen schleppt. Hat jemanden ein Hund in die Wade 
gebissen, so bindet man den Oberschenkel recht fest, damit 
das Gift von der Wade nicht zum Herzen kommt. Das 
feste Binden oberhalb der Wunde hat noch einen zweiten 
ehr großen Vorteil. Das Blut kann nicht allein nicht 
jum Herzen ckommen, ssondern es wird durch das Binden 
ogar rückwärts getrieben und die Wunde fängt stark zu 
ckuten an, was sehr erwünscht ist. denn das Heraus 
aufende Blut ist der allernächste Brunnen, um das Gift 
ms der Wunde herauszuwaschen. Ist dieses Binden gut 
zemacht, so ist die Hauptsache geschehen und eine allgemeine 
glutvergiftung nicht mehr zu befürchten. Alles übrige 
ult nicht mehr so sehr. Wir werden dann einen Brunnen 
uchen und die Wunde tüchtig auswaschen und hierauf 
>um Arzt gehen. 
-j-0. Männer-Turnverein. Zur Teilnahme an 
)em Gauturnfest in Oranienburg haben sich 60 Turnge- 
ossen gemeldet. Die Abfahrt erfolgt Sonnabend, den 12. 
beschäftigt, bas; er, ohne sie zu erkennen, an ihr vorüber 
wollte. Es fiel ihr auf, daß er schlecht aussah und seinen 
besten Anzug trug. Wollte er wohl gar sein Aufgebot auf 
dem Standesamt bestellen? 
Am liebsten hätte sie ihn dies höhnisch gefragt aber das 
wagte sie doch nicht. 
„Wohin so früh, Ducetti?" fragte sie, ihn aufhaltend. 
Sekundenlang sah er sie fremd an; seine Gedarrten waren 
wieder einmal so weit weg, daß es eine Weile dauerte, bis er 
sie beisamnien hatte. 
„Ach, Sie? Lassen Sie mich — es schlägt gleich zehn 
Uhr!" 
„Ich habe Wichtiges mit Ihnen zu sprechen, Ducetti." 
„Jetzt nicht, jetzt nicht! Später! —" 
Er schoß weiter: guer über den freien Platz. Sie stand 
ganz verwundert und sah ihm nach, wie er mit anderen 
Leuten auf ein großes, kahles Gebäude zuschritt. Jetzt ver 
schwand er in dem Eingänge; noch mehrere Männer folgten 
ihm; es bewegten sich auch weitere Gruppen und Einzelne 
dahin. 
„Was gibt es denn dort?" fragte sie eine Frau, die vom 
Markte kam. 
„Es ist der Justizpalast — sie halten Schwurgericht!" 
„Ach! Wahrhaftig?" Sie sah jetzt eben Floris dahin 
streben. 
Aber, Ducetti? Er hatte doch dort nichts zu tun? Nun, 
vielleicht doch; er verstand sich ja auf allerlei Waffen. — 
Oder vielleicht hatte er auch nur Floris eine Höflichkeit 
erzeigen wollen? — Oder — ach! Das war am Ende das 
Richtige! In einem der Teile des Justizpalastes würde er 
das Standesamt finden — oder vielleicht wollte er auch einen 
Heiratskontrakt machen? ' 
Donna Lauras Gedanken stürmten förmlich durch das 
ganze Reich der Möglichkeiten. 
Zu Hause angekommen, erfuhr sie, daß Constanze schon 
mehrere Male nach ihr oder Irene gefragt. Jetzt — Ver 
stellung ! Ihr Liebling sollte nichts merken. 
«Denke Dir, Herzchen, ich habe Irene eben zur Bahn 
gebracht, ihre Klostertante ist krank, will sie sehen. Da hat 
sic dann nicht Abschied nehmen können, flücht einmal ihren 
Bruder wollte sie stören, der mit Deinem Vater bis fast zum 
Morgen wieder gelehrte Gespräche geführt. Nun — sie kommt 
ja sobald zurück —" 
„Der gute Lod! Er hot den Papa so lieb!" sagte Con 
stanze warm. Irenes Abreise schien ihr sehr gleichgültig. 
Sie war es auch, die dem jungen Arzt ein paar Stunden 
später die Neuigkeit auf Donna Lauras Wunsch mitteilte, als 
er ihr seinen täglichen Besuch machte. 
„Donna Laura hat Irene verhindert, Sie schon wieder 
zu wecken, weil Sie dem Vater so lange Gesellschaft geleistet. 
Wie gut sind Sie, Sordegna! Ich verdanke Ihnen fast das 
Leben! — Nein, nein, der alte Sinedi hat sich wenig. Mühe 
mit mir gegeben! O, ich hab' es nur zu gut gehört, wenn 
ich Euch oft bewußtlos schien — wie er Sie lobte: So! so! 
Das haben Sie ja gut gemacht! Ei, ei, lieber Kollege, Sie 
haben in der Tat die Wendung ganz richtig erkannt!" — O, 
und Sie wußten immer einen Tag früher als er, wie es 
werden würde, und fanden allenial, was mir wohltat. —" 
Der junge Mann wehrte mit glücklichem Erröten all das 
herzliche Lob ab. Er fühlte sich von Donna Laura und 
Eonstanze anerkannt, die liebenswürdigste Fürsorge umgab 
ihn; wo er dankbar sich zu erweisen suchte, dankte man ihm 
wiederum. Was Wunder, daß er sich sehr wohl fühlte und 
daß ihn in dieser Stunde Constanze viel mehr interessierte, 
als seine Schwester und die alte Klostertaute,' die er nie gesehen, 
während Irene sie früher, als ihre Pathe, öfter besuchte. 
Er erzählte dies der Genesenden und allerlei kleine scherz 
hafte Erinnerungen an ihre Kinderzeit. Sie lachten zuletzt 
so heiter, als wtzren sie selbst noch Kinder, und Constanze 
erklärte unbefangen, mit ihm flöge ihr die Zeit, sie hätte gar 
kein Verlangen, aufzustehen, möchte viel lieber noch im Kranken 
zimmer bleiben. 
Dabei flog über ihr Gesichtchen ein tiefer Schatten. 
„Tann quält mich Palmieri wieder mit seinen ewigen 
Reden von Oberflächlichkeit und Verliefung und alledem!" 
seufzte sie beunruhign 
-Er suchte sie mit einem Scherzwort über die flüchtige 
Verstimmung hinwegzuheben. Das gelang ihm auch; sie war 
bald wieder ganz heiter und bedauerte keinen Augenblick, daß 
ihr Verlobter den ganzen Tag im Schivurgericht sitzen mußte, 
ivie sie voii Donna Laura erfahren, der er es sagen ließ. 
O, sie ivurde bereits ganz kräftig, sie hatte schon zwei Stunden 
mit Sordegna lachen und plaudern können. Das wollte sie 
aber lieber keinem sagen. — 
* * * 
* 
Die Schwurgerichtsverhandlungen nahmen eine ganze 
Reihe von Tageli in Anspruch. 
Ducetti .fehlte bei keiner einzigen, war schweigsamer als 
je im Familienkreise und hatte Donna Laura heftig ange 
fahren, als sie ihn zwingen wollte, ihr reinen Wein einzu- 
schänken betreffs seiner Heiratspläne. 
Er redete sich dabei in eine Wut, die ihn so sehr alle 
Höflichkeit vergessen ließ, daß er sie fragte, ob sie verrückt sei. 
Ob er jetzt an Heirat denken könne? Jetzt? Donna Lauras 
Geduld war eben auch seit diesen letzten Erfahrungen er 
schöpft; aufgeregt und voll Mißtrauen gegen ihn, scheute sie 
einen regelrechten Zank durchaus nicht und versicherte hoch 
und heilig, sie würde sein Haus in kürzester Frist verlassen, den 
Dank, den sie sich vielleicht um' ihn und seine Kinder ver 
dient, schenke sie ihm. 
Noch nie war etwas wie eine derartige Szene bei den 
Ducettis vorgekommen. Bis zum letzten Punkt zu gehen und 
ihm zu berichten, daß Irene und Palmieri sich liebten, das 
wagte Donna Laura nun doch nicht, denn ihr bisher so hoch 
verehrter Herr benahm sich in seiner Wut sonderbar genug, 
um in ihr denselben Verdacht aufsteigen zu lassen, den er ihr 
entgegengcschlcudert. 
Das Ende war, daß er seine Tür weit aufriß und sie 
mit kreischender Stimme und lautem Hohngelächter hiuaus- 
wics. Ihr das! Ihr das! Es konnte nicht anders sein, er 
war verrückt oder auf dem besten Wege, es zu werden. 
Donna Laura schlich zitternd in ihre Kammer. Welch schreck 
liches unheimliches Funkeln in seinen Augen gelegen hatte! 
(Fortsetzung folgt.)
        
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