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Periodical volume Nr. 187, 11.08.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

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Kr. 187. 
Friedenau, Freitag den 11. August 1905. 
12. Iahrg. 
Depeschen. 
Fürth. Der Magistrat beschloß wegen der fort 
dauernden Steigerung der Fleischpreise das Staats 
ministerium um Öffnung der Grenze für die Vieheinfuhr 
zu ersuchen. 
Budapest. Der leitende Koalitionsausschuß beschloß, 
die Verwaltungsbehörden zu verschärftem Widerstände auf 
zufordern. 
Belgrad. Aus angeblich autentischer Quelle 
berichtet die „Stampa", Österreich-Ungarn habe der 
serbischen Regierung die Bedingungen mitgeteilt, auf 
Grund deren Verhandlungen zum Abschluß eines Handels 
vertrages eingeleitet worden. Das Blatt erklärt diese 
Bedingungen für unannehmbar. 
Stockholm. Die Meldung, daß es mit der dänischen 
Kandidatur ernst sei, erregt hier Verblüffung und eine 
neuerliche Diskussion der norwegischen Thronfrage. Es 
ist ein Umschwung bemerkbar zu Gunsten der Kandidatur 
eines Prinzen aus dem Hause Bernadotte. In maß 
gebenden Kreisen hofft man, daß, wenn Norwegen Koulanz 
bei den Verhandlungen zeigt, noch Ende August die 
offizielle Lösung der Union auszusprechen, einem neuen 
außerordentlichen Reichstag die Thronfolgefrage vorzulegen 
und eventuell die Zustimmung zur Thronbesteigung Karls 
von Schweden zu erhalten. 
Petersburg. Nach hier aus dem Inneren Chinas 
eingetroffenen Meldungen dauern die Christen-Nieder- 
metzelungen in verschiedeneu Provinzen fort. Zahlreiche 
budhistische Mönche beteiligen sich an den Metzeleien, 
denen mehrere Missionare zum Opfer gefallen sind. 
Paris. Entgegen Informationen der Pariser Presse 
steht es fest, daß in Sachen der neuen Marokkoanleihe 
die deutsche Regierung bereits in aller Form eine Er 
klärung bei der französischen abgegeben hat. Diese Er 
klärung ist unmittelbar nach der Abreise Rouviers an den 
Genfer See erfolgt und hat an amtlicher Stelle keine 
Überraschung hervorgerufen. 
Paris. Der „Matin" meldet aus Portsmouth: Ein 
russischer Delegierter antwortete dem Korrespondenten des 
Blattes auf die Frage, welchen Eindruck die Sitzung auf 
ihn gemacht habe: „Offengestanden einen schlechten. Es 
sei ausgemacht worden, daß die Japaner sowie die Russen 
über die Beratungen keinerlei Mitteilungen an die Öffent 
lichkeit gelangen lassen dürften. Was die Frage der von 
Japan verlangten Kriegsentschädigung anbelange, so könne 
er darüber höchstens sagen, daß Japan die Summe nicht 
spezialisiert habe, es fordere nur prinzipiell eine Ent 
schädigung für die erlittenen Verluste und verausgabten 
Kriegsgelder." — Wie der „Matin" noch aus Portsmouth 
meldet, überreichte Witte bei der Eröffnung der gestrigen 
Sitzung Komura eine diplomatische Note, welche sich mit 
dem Umstande befaßt, daß die Japaner zum ersten Ver 
handlungstage ihre Beglaubigungsschreiben nicht mit- 
„Sie Mache mein." 
Kriminal-Roman von L. Haid heim. 
26. (Nachdruck verboten. Alle Rechte vorbehalten.) 
Der Zug mit dem Meißen, ganz zerschmetterten jungen 
Menschenkinde, das sich vcrz.veistungsvoll in eine Ecke des 
zum Glück ganz leeren Franentvupees drückte, brauste schon 
längst in weiter Ferne durch die Ebene, als Donna Laura 
Palmieris Wohnung erreichte und seine sehr erstaunte Haus 
wirtin bat, ihn, der nach dirrchwachter Nacht noch in tiefem 
Schlafe lag, unverzüglich zu wecken. 
Was? Die Signorina, die liebe Braut, sei doch nicht 
kränker geworden? rief die Frau betroffen. 
Nein, nein, aber sie solle nur sagen, Donna Laura 
wünsche den Signor zu sprechen und wolle, bis er Toilette 
gemacht und etwas Kaffee getrunken, vor dem Hause aus und 
abgehen. 
Die gute Donna Laura! Nun sie D ucelti den verdienten 
Schlag versetzt und ihn: Irene entzogen hatte, verrauchte ihr 
Zorn schon und rhre fürsorgliche Mütterlichkeit, unter der 
sich alle so wohl suhlten, bekam wieder die Oberhand. 
„Hören Sie also, Madame, bringen Sie ihm seinen 
Kaffee stark und heiß — er braucht ihn," sagte sie noch. 
In jähem Schrecken war Palmieri emporgefahren, als 
seine Wirtin ihm die Botschaft brachte. 
Was war das nun wieder? Constanze? Irene? Welche 
von beiden war tot? Oder krank? Oder was war für ein 
Unglück geschehen? 
" Wie eilte schwarze, den Blick verhüllende Last wälzte sich 
die Erinnerung an das Geschehene ivieder aus ihn. 
Gesegnet die gute Wirtin, die ihm den Kaffee und da 
mit seinen vibrierenden Nerven Kraft gab. 
Madame hütete sich wohl, zu verraten, daß Donna 
Laura eigentlich den Segen verdiente. 
gebracht hatten. Indessen wird der Zwischenfall darin als 
erledigt erklärt. 
Neuyork. Der „Herold" meldet aus Portsmouth: 
Es sei unbekannt, ob bei den Friedensverhandlungen die 
Frage eines Waffenstillstandes erörtert worden sei, indessen 
wisse man, daß die Japaner sich weigern, einen Waffen 
stillstand zu schließen, solange sich die Russen gegen eine 
Gebietsabtretung sträuben. Die Japaner beabsichtigen, 
neue russische Gebiete in der nördlichen Mandschurei zu 
besetzen, wenn Rußland in keine Gebietsabtretung ein 
willigen wolle. — Am Schluffe der letzten Sitzung der 
Friedenskonferenz fragte Komura, wann er die russische 
Antwort auf die japanischen Forderungen erhalten könne 
und fügte hinzu, daß er für die Antwort keine lange Frist 
gewähren könne. Russischerseits wurde versprochen, so 
schnell wie irgend möglich den Japanern Bescheid zukommen 
zu lassen. Wie verlautet, ist der Wortlaut der japanischen 
Bedingungen ein sehr umfangreicher. Außer der Forderung, 
die Insel Sachalin abzutreten und eine Kriegskosten 
entschädigung von einer halben Milliarde Dollars zu 
zahlen, enthält das Schriftstück noch weitere Einzelheiten 
über die Reorganisation Ostasiens, speziell der Mandschurei, 
Einführung einer Kontrolle über die chinesischen Eisen 
bahnen rc. Die japanischen Bedingungen sollen überhaupt 
in einer solchen Weise abgefaßt sein, daß ein abermaliger 
Krieg in Ostasien für die Zukunft ausgeschlossen erscheint. 
— Professor Hagasudi von der Universität Tokio, der gegen 
wärtig hier weilt, äußerte nach einer Unterredung mit 
Sato, Japan werde wahrscheinlich die Räumung der 
Mandschurei und die Abtretung Sachalins und Wladiwostoks, 
sowie etwa 1 Milliarde Barentschädigung fordern. 
Unpfändöare Sachen. 
Zu der ebenso bedeutsamen wie in der gerichtlichen 
Praxis leider noch immer schwankenden Frage nach dem 
Umfang der unpfändbaren Sachen sind neuerdings einige 
Entscheidungen ergangen, die für Grundbesitzer von be 
sonderem Interesse sind. 
In dem ersten Falle handelte es sich um ein Sofa. 
Durch einen Gerichtsbeschluß war ausgesprochen, daß das 
gepfändete Sofa dem Schuldner entbehrlich sei, weil unter 
dem angemessenen Hausstande nicht ein standesgemäßer 
zu verstehen sei und der Hausstand des Schuldners durch 
den Mangel eines Sofas nicht auf eine unangemessene 
Dürftigkeit herabgedrückt werde. Allein das Oberlandes 
gericht Dresden hat nach den „Analen" angenommen, daß 
ein Sofa zur Erhaltung eines angemessenen Hausstandes 
unentbehrlich ist. Durch die Novelle zur Zivilprozeß 
ordnung ist der § 715 Ziffer 1 dahin ausgedehnt worden, 
daß die zur Erhaltung eines angemessenen Hausstandes 
unentbehrlichen Gegenstände unpfändbar sind. Hierdurch 
hat Fürsorge getroffen werden sollen, daß dem Schuldner 
auch diejenigen Sachen nicht genommen werden dürfen, die 
Endlich war Palmieri hinausgeeilt. Blaß vor Angst und 
Unruhe, bot er Donna Laura den Arm, sie in sein Zimmer 
zu führen, und dort sagte sie's ihn: dann: 
„Ich habe Irene soeben mit dem Zuge abreisen lassen." 
Ganz kalt und kühl meldete sie. es ihm, der das Unerhörte, 
diese abscheuliche Hinterlist, diesen frevelhaften Eingriff in 
— nein, es war nicht zu fassen, ivie Donna Laura das tun 
— noch weniger, wie sie die Stirn haben konnte, ihm das 
frank und frei zu gestehen? 
Wohin? Wohin nur hatte sie seine arme, unglückliche 
Irene —? 
„Und Ihre arme, unglücklicheConstanze, Signor Palmieri?" 
höhnte sie ihn, nun auch wieder zornig werdend. Es gab 
erregte, bittere Reden hin und her. Erst was Palmieri ihr 
entgegenschleuderte in seinem hilflosen, verzweifelten Groll, 
gab dem alten Fräulein ein richtiges Bild, eine Erklärung, wie 
das alles wider beider Willen — monatelang ehrlich be 
kämpft — so unwiderstehlich gekommen, in demselben Schritt, 
in dem das gute Einvernehmen zwischen Constanze und ihm 
geschwunden; auch hier hatten sie ehrlich gerungen, einander 
festzuhalten und die Treue zu ivahren. 
Und wie sympathisierte sie mit Palmicris Erbitterung 
gegen Dncetti! Hatte man je eine so leise schleichende Tücke, 
solchen schnöden Egoismus gejchen? Ja, ivcnu er noch wirklich, 
verliebt in das Mädchen, einer scsi leren Leidenschaft zum 
Opfer gefallen wäre! Aber keine Spur davon! Nichts als 
die alberne Eitelkeit des alternden Mannes, der mit der für 
sein Geld gekauften Schonheil prunken wollte. 
O, Donna Lauras Entrüstung verfügte über ein ganzes 
Register derartiger Kritiken ihres sonst so hoch verehrten 
Hausherrn. 
Nach und nach erfuhr Palmieri dann auch, daß sie Irenes 
Widerstand gegen die Abreise gebrochen mit der Drohung, 
ihr Bruder werde Palmieri sofort fordern und, niederschießen. 
Zum ersten Riale machte sich Palmieri klar, daß Leo, statt 
er zur Fortführung seines Hausstandes in einem den Um 
ständen nach angemessenen Umfange notwendig braucht. 
Hiernach ist es unumgängig, im einzelnen Falle die per 
sönlichen und sonstigen Verhältnisse des Schuldners zu 
berücksichtigen. Ob auch der einfache Tagelöhner nach der 
regelmäßigen Lebenshaltung derartiger Personen auf Be 
lastung eines Sofas in seiner Wohnung Anspruch habe, 
kann hier unentschieden bleiben. Denn da der Schuldner 
Bäcker ist, so ist anzunehmen, daß er sich seither in Lebens 
haltung und Hausstand über den Kreis gewöhnlicher 
Arbeiter erhoben und demnach unter allen Umständen zu 
denjenigen Personen gehört habe, bei denen nach den An 
schauungen und gewohnten Bedürfnissen der neueren Zeit 
ein Sofa als unentbehrlicher Bestandteil eines ihren Ver 
hältnissen angemessenen Hausstandes gilt und mithin zu 
dessen Fortführung notwendig ist, daher würde allerdings 
durch den Mangel eines Sofas der Hausstand des 
Schuldners auf eine angemessene, eine proletarische 
Dürftigkeit herabgedrückt weroen. 
Über die Pfändbarkeit von Werkzeugen rc. hat sich 
das Oberlandesgericht Posen nach dex „Pos. M.-Schr." 
folgendermaßen ausgesprochen: 
Die Pfändbarkeit der zum Gebrauch und Verbrauch 
im Tischlereibetriebe dienlichen Werkzeuge und Materialien 
wäre dann gegeben, wenn der Schuldner den Betrieb 
seines Handwerks nicht bloß unterbrochen, sondern erkenn 
bar gänzlich aufgegeben hätte. Hinsichtlich der Werkzeuge 
und der zur Verarbeitung bestimmten Materialien, deren 
erstere namentlich in teilweise erheblicher Zahl gleicher 
Gattung gepfändet wvdÄen sind, können nur diejenigen 
von der Pfändung ausgeschlossen werden, deren der 
Schuldner zu eigenhändiger Fortsetzung seiner Erwerbs- 
tätigkeit, sei es in einem oder zu mehreren Exemplaren, 
notwendig bedarf, wogegen auf den Bedarf der etwa von 
ihm anzunehmenden Gewerbegehilfen keine Rücksicht zu 
nehmen ist. Zur Verarbeitung bestimmte Vorräte, sei es 
von Rohstoffen oder fertigen Fabrikaten (z. B. Schlösser) 
sind nur in soweit von der Pfändung auszuschließen, als 
sie den sofortigen Arbeitsbedarf des Schuldners zu decken 
bestimmt sind, wogegen die für eine längere Zeit hinaus 
beschafften Materialien dem Zugriff des Gläubigers unter 
liegen. Letzteres gilt auch von fertigen Erzeugnissen der 
Erwerbstätigkeit des Schuldners. 
Die Frage, ob ein Gegenstand zur persönlichen Fort 
setzung eines Handwerks unentbehrlich ist, ist nnter Berück 
sichtigung der gesamten Tätigkeit zu entscheiden, die der 
Betrieb des Handwerks mit sich bringt. Ein Gegenstand, 
der im Betrieb eines Handwerks nur zu gewissen Zeiten 
oder Zeiträumen gebraucht wird, hört mit Ablauf dieser 
Zeit nicht auf, unentbehrlich zu sein. Ist ein Eisschrank 
zum Betriebe des Fleischerhandwerks im Sommer unent 
behrlich, so ist er auch im Winter der Pfändung nicht 
unterworfen, weil die Fortsetzung der Erwerbstätigkeit zu 
wie er bis jetzt töricht angenommen, aus Irenes und seine 
Seite zu treten, es für Pflicht halten würde, Ducettis Partei zu 
ergreifen. 
Als Bruder würde er ziveiscllos Rechte über Irene in 
Anspruch nehmen, noch mehr aber einen schiveren moralischen 
Truck auf sie ausüben können. 
Donna Laura sah mit Schrecken ein, daß Palniieri den 
Bruch mit Constanze als unvermeidlich betrachtete. An dieser 
hing sie mit mütterlicher Liebe, die lange Krankheit hatte ihr 
das Pflegekind noch teurer gemacht. Constanze wandte sich 
jetzt all ihr Bestreben zu, für das arme, kaum vom Tode er 
standene junge Leben diesen unheilvollen 'Schlag aufgehalten 
zu sehen. 
Sie bot Zugeständnis um Zugeständnis — sie wollte 
ihm Irenes Aufenthalt sogar verraten, wenn er nur sanft 
und langsam das Band lösen ivollte, das ihn an Constanze 
fesselte. 
Wie gern wollte er — nur durfte Irene nicht darunter 
leiden! Und doch — war nicht Constanze die, welcher seine 
nächste Rücksicht gebührte? 
In diese schmerzlichen Zweifel hinein trat nach kurzem 
Klopsen der Gerichtspedell. 
Er brachte wichtig und aufgeregt eine mündliche Nachricht 
vom Präsidenten. Einer der Räte ivar schwer erkrankt, sein 
Vertreter verreist, ein dritter Rat arbeitete unabkömmlich in 
einer Kommission; — Palmieri wurde gebeten, die Schwur 
gerichtssitzung heute mit dem Herrn Präsidenten zu leiten, 
seine Vertretung wiederum in seinem eigenen Ressort werde 
ein jüngerer Kollege übernehmen, derselbe sei schon be 
nachrichtigt. 
Dienst! Vor dem Worte hört jeder andere Anspruch aus. 
Und da gab es gar kein Zögern. Die Zeit drängte. 
Als Donna Laura heimwärts ging, nun doch fühlend, 
daß die völlig schlaflose Nacht und der tatenreiche Morgen sie 
gänzlich erschöpft, begegnete ihr Dncetti. Er war so mit sich
        
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