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Periodical volume Nr. 186, 10.08.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Bezüglich der Witterung gilt für diesen Tag die Regel: 
„Jst's an Laurentius schön, — Läßt ein guter Herbst 
sich sehn." 
f Die Allcebäumc in der Rheinftrastc. Der 
von der Gemeinde angestellte Obergäftner Herr Körte 
schreibt uns: 
„Die Linde gehört unstreitig zu den schönsten und beliebtesten 
Allee- und Etraßenbäumen. Ihre saftig-grüne Belaubung und ihr 
herrliches Wachstum macht sie als Straßenbaum ganz besonders 
wertvoll. Die von den Gartenbeamten der Städte in den letzten 
Jahren aufgestellten Beobachtungen und Statistiken haben jedoch 
gelehrt, daß nicht alle Sorten sich gleich günstig als Straßenbäume 
verwenden lasten. Die in unserer Rheinstraße angepflanzte Linde ist 
„Tilia platyphyüos“ die breitblätterige Sommerlinde, die im Frühjahr 
zuerst grün, die aber auch im trockenen Sommer schon Ende August 
das Laub fallen läßt. Eine Art, die sich deshalb schon sehr wenig 
empfiehlt. Sie ist außerdem sehr empfänglich für Krankheiten und 
Ungeziefer aller Art. Der diesjährige frühe Laubabfall, trotz Gießen 
und Besprengen in mehr als hinreichender Menge, ist die Folge von 
Überhandnehmen von Ungeziefer. Fast sämtliche Bäume sind von 
einer kleinen SchildlauS (Lecanium) befallen, die im Winter am 
Stamme unter kleinen Schildern überwintert — meist weibliche 
Exemplare — und dann im Mai fest auf den Zweigen sitzend ihre 
Eier ablegt, oft 2000 Stück von einer Laus. Mitte Juni schlüpfen 
dann die winzigen Jungen aus und kriechen auf die Unterseite der 
Blätter, um hier ihr Zerörungswerk zu beginnen. Was das Un- 
geziefer in solcher Menge vermag, davon geben unsere Linden ein 
beredtes Zeugnis. Es ist natürlich schwer, die befallenen Bäume 
wieder gänzlich zu befreien und es wird Jahre bedürfen, das zu 
erreichen. Es ist für den Winter eine gründliche Säuberung der 
Bäume und ein Bestreichen mit kräftiger Kupfcrkalklösung vorgesehen. 
— Die beste und empfehlenswerteste Linde zur Straßenpflanzung ist 
die Tilia dasystila (enchlora) die Krimlinde, wie sie auf Schöne- 
berger Gebiet und auch in Steglitz angepflanzt ist und die auch bei 
Nachpflanzungen nun auch bei uns in Friedenau genommen wird, die 
bei außerordentlicher Widerstandsfähigkeit geradezu gefeit zu sein 
scheint gegen alles, was Ungeziefer heißt, wie ganz deutlich einige in 
der Rheinstraße zwischen den befallenen Bäumen stehende Exemplare 
zeigen." 
f Gemeinsame Kanalisation. Die noch nicht 
erfolgte Vollendung der Kanalisation Schönebergs kostet 
dieser Stadt seit dem 1. August täglich die Summe 
von 1500 M., die vertragsmäßig an Charlottenburg 
abzuführen sind. Schöneberg hat nämlich schon seit 
längerer Zeit Anschluß an die Charlottenburger Kanali 
sation, wofür es bis zum 31. März d. Js. täglich 
den Betrag von 900 M. zuzahlen hatte. Vom 1. April 
trat dann ein neuer Vertrag in Kraft, auf Grund 
dessen diese Summe für die Monate April, Mai, 
Juni, Juli auf 1000 Mk. und vom 1. August ab auf 
1500 M. erhöht wurde. In einer der letzteu Sitzungen 
der Stadtverordneten-Versammlung vor den Ferien wurde 
daher der Magistrat dringend um Beschleunigung der 
Arbeiten ersucht, die jetzt eintreten soll. Denn vorgestern 
sind in der Kanalisationsdeputation 2 größere Arbeiten 
im Betrage von 220 000 und 115 000 M. vergeben worden. 
Nene Straßenbahn. Im nächsten Frühjahr 
soll eine Verbindung längs der Potsdamer Chaussee 
zwischen Steglitz und Lichterfelde hergestellt werden durch 
Verlängerung der Linie E der Westlichen Vorortbahn: 
Linkstraße—Steglitz bis zur Drakestraße in Lichterfelde. 
Damit erhält das Kreiskrankenhaus in Lichterfelde direkte 
Verbindung mit Berlin. 
t Krieger- und Landwehrperein. Die Mouats- 
versammlung findet Sonnabend, 'den 12. d. Mts. im 
Vereinslokal „Hohenzollern" statt. 
f Wohnungsanzeiger. Wir machen darauf auf 
merksam, daß Anzeigen, die für den am Sonnabend zur 
Ausgabe gelangenden Wohnungsanzeiger bestimmt sind, 
bis spätestens Sonnabend Mittag 12 Uhr eingeliefert 
sein müssen. 
f Straßenbahnunfall. Die Kunde von einem 
schweren Straßenbahnunfall durcheilte gestern Abend unsern 
Ort. Man sprach von 15 verletzten Personen, die Opfer 
des Unfalles geworden seien. Glücklicherweise ergaben die 
Erhebungen, daß nur eine Dame schwer, eine zweite 
Dame leicht verletzt wurde. Der Tatbestand selbst ist 
folgender: Am Friedrich Wilhelmplatz werden bekanntlich 
zurzeit Asphaltierungsarbeiten vorgenommen und wird der 
Straßenbahnverkehr deshalb nur auf der westlichen Seite 
aufrecht erhalten. Es mußte aus diesem Grunde dortselbst 
eine Hilfsweiche angelegt werden. Als nun gestern Nach 
mittag gegen l / 2 5 Uhr ein von Steglitz kommender Wagen 
der Straßenbahn auf das Hauptgeleise einfuhr, sprang der 
Anhängewagen Nr. 2522 auf das provisorische Nebengeleise 
auch, in diesen freudig qualvollen Nachtstunden nichts mehr 
zu wollen. Tenn das Glück, endlich zu einem Entschluß 
durchgedrungen zu sein, der niit den Anforderungen des 
Herzens und des Ehrgefühl übereinstimmte, diese Wieder 
gewinnung innerer Harmonie blieb ihm auch jetzt tröstlich 
bewußt. 
Morgen würde er Klarheit schaffen und es lag im höchsten 
Interesse aller, so schonend wie möglich vorzugehen. 
Der nächste Schritt mußte sein, um Versetzung für sich 
zu erbitten; Sordegna würde Irene aus dem gastfreundlichen 
Hause sofort entfernen, später würden sie in irgend einem 
Ort des Königreichs sich ihre bescheidene Häuslichkeit gründen. — 
* * 
In Ducettis Hause herrschte die ganze Nacht eine 
geheimnißvolle Unruhe hinter Donna Lauras verschlossener 
Türe — von welcher der Hausherr nichts ahnte, als er 
endlich lange nach Mitternacht sein Lager aufsuchte und in 
den totähnlichen Schlaf tiefster Abspannung fiel, der ihm doch 
niemals rechte Erquickung brachte. 
Auch Sordegna fand kein Arg dabei. Die jetzt so 
häufigen, stundenlangen Nachtgespräche mit seinem Gönner, die 
sich gewöhnlich bei dessen phantastischen Spekulationen über 
Sensationsfälle der Kriminalistik oder Gifte und ihre Wirkimgen 
und dergleichen ganz fernliegende Gedanken anspannen, um 
nach und nach bei den Erörterungen der beiden klugen, denkenden 
Männer auf ganz anderen Gebieten zu enden, hatten doch auch 
ihr Ermüdendes, und nur der Erfolg, daß Ducetli danach 
meist fest schlief, belohnte den jungen Mann für die Selbstver 
leugnung. 
So blieben die beiden Frauen ungestört, und was Donna 
Laura mit der strengen Richterinnenmiene aus des ganz 
gebrochenen jungen Mädchens Bekenntnissen heraushörte, das 
machte sie völlig stumm vor Schrecken und erregte dann ganz 
andere Gefühle in ihr, als den anfänglichen Groll auf Irene 
Sordegna, die Undankbare, die Constanze dem Verlobten 
untreu machte. — 
War es denn möglich, daß unter ihren — Donna 
Lauras — eigenen Augen solche Intrigue sich abspinnen und 
fortsetzen konnte? Ducetti, der so nanienlos viel Grund zur 
über, kam dadurch zur Entgleisung und legte sich zur 
Seite. Dem Wagenführer gelang es, den Wagen sofort 
zum Halten zu bringen. Von den Paffagieren erlitten 
eine Dalye eine schwere Verletzung, eine zweite Dame 
leichtere Verletzungen. Ein des Weges kommender Arzt 
leistete die erste Hilfe. Während die eine Dame den Weg 
ohne weiteres fortsetzen konnte, mußte die andere Dame 
mittels Wagen in ihre Wohnung in die Lützowstraße ge 
bracht werden. Die übrigen Passagiere kamen mit dem 
Schrecken davon. Von Steglitz wurde sofort ein Hilfs 
wagen requiriert, der mit Arbeitern und Handwerkszeug 
in kurzer Zeit eintraf. Nach einhalbstündiger Arbeit ge 
lang es. den Wagen wieder in daS Geleise zu heben, 
Der Unfall rief eine Verkehrsstörung von nahezu einer 
Stunde hervor. 
ch Ein entdecktes Verbrechen. Unter sonder 
baren Umständen starb am Mittwoch die auf Besuch 
weilende 20jährige Nichte des hier Rheinstraße 10 
wohnendenStraßenbahnwagenführers Klocke. Das Mädchen, 
das bereits am 2. August bei ihrem Onkel eintreffen sollte, 
kam am Dienstag Nachmittag erst an, klagte sofort über 
Unwohlbefinden und sah sich deshalb gezwungen, das 
Bett zu hüten. Im Laufe des Tages verschlimmerte sich 
der Zustand dermaßen, daß ein Arzt gerufen werden 
mußte. Dieser nahm eine Untersuchung vor und stellte 
sofort fest, daß hier ein Verbrechen wider das keimende 
Leben vorliege. Das Mädchen gestand nun ein, daß sie 
in nächster Zeit ihrer Entbindung entgegen gesehen hätte 
und auf eine Zeitungsanzeige hin sich nach Berlin begeben 
habe, wo sie bei einer Frau Aufnahme gefunden, gegen 
die nun das Strafverfahren wegen Verbrechens wider das 
keimende Leben eingeleitet ist. Die Frau, welche zwei 
Wohnungen, eine im 0- und eine solche im 80- inne hat, 
wurde bereits verhaftet, nachdem auch aus beschlagnahmten 
Briefen der Beweis für das Verbrechen erbracht ist. Das 
Mädchen, das für die Aufnahme bei der Berliner Frau 
80 M. bezahlt hatte, starb am nächsten Tage ihres 
Hierseins. Die Anverwandten, verbrachten die Nacht bei 
Nachbarn, da sie nicht bei der Leiche in demselben Zimmer 
schlafen wollten. Soweit unsere Ermittelungen, die wir 
morgen noch ergänzen werden. — Unsere Erkundigungen 
bei der hiesigen Polizeibehörde um nähere Einzelheiten 
(Name des Mädchens, des Arztes, der verhafteten Person 
in Berlin usw.) waren erfolglos. Trotzdem im Polizei 
bureau eine Bestätigung der Tatsachen nicht geleugnet 
werden konnte, wurde uns jede weitere Auskunft ver 
weigert. Es kann sich hier doch sicherlich nicht um einen 
Bruch des Amtsgeheimnisses handeln, wenn die Tatsachen 
schon offenkundig Verbreitung gefunden haben. Noch er 
staunlicher erscheint die Tatsache, daß eine wiederholte 
Anfrage bei der Kriminal-Polizei damit beantwortet wurde, 
es sei überhaupt über die Angelegenheit nichts bekannt. 
Die Polizei weiß die Presse wohl zu finden, wenn sie 
ihrer bedarf und man sollte doch auch von der Friedenauer 
Polizei erwarten dürfen, daß sie der Presse bei derartigen 
Fällen entgegenkommt. Man muß sich unwillkürlich 
fragen, was die Polizei zu solchem ablehnenden Vorgehen 
veranlaßt. 
f Ein Trnnkenbold. Der Alkohol richtet leider 
fortgesetzt sein Unheil an. Gestern Abend taumelte wieder 
ein schwer Trunkener durch die Schloßstraße in Steglitz 
und betrug sich trotz aller Warnungen so unanständig, 
daß er schließlich festgenommen werden mußte. Er wurde 
als ein Zimmerer Erich Keil aus der Ringstraße in Groß- 
Lichterfelde festgestellt. Wir meinen, solchen unliebsamen 
Vorkommnissen könnte zum großen Teil durch unsere 
Herren Gastwirte vorgebeugt werden, indem sie Leuten, 
die trunken die Wirtsstube betreten, grundsäßlich keine 
Alkoholgetränke mehr verabfolgen. 
Schöneöerg. 
— Eine Verstärknng der städtischen Fener- 
wehr soll herbeigeführt werden. In das Offizierkorps, 
das bis jetzt nur aus dem Branddirektor Flöter und dem 
Brandmeister Meyer besteht, wird ein Brandmeister- 
Volontär eintreten, während die Mannschaft um einen 
Oberfeuermann und zwölf Feuerleute vermehrt wird. 
Diese Verstärkung ist bedingt durch die Errichtung der 
Dankbarkeit gegen sie hatte, wollte heiraten? Hatte die Herz 
losigkeit, seinen Kindern eine Stiefmutter zu bringen, die ihre 
Schwester sein konnte, und die treue Hüterin und Leiterin 
des Hauses und der Familie auf eine schmähliche Weise zu 
hintergehen, um sie dann eines Tages rücksichtslos an die Luft 
zu sehen? — 
Donna Laura hätte mehr Engelsnatur haben müssen, 
als es der Fall war, um nicht für diesen sie selbst betreffenden 
Punkt am meisten Verständnis zu haben. — 
Solche Schändlichkeit! Und dann kam neue Wut. Er, 
der Vater erwachsener Kinder, dachte daran, sich eine Schön 
heit zur Frau zu nehmen, die ihm auch nicht einen Pfennig 
Mitgift brachte? Also solche Gedanken trug er in seinem 
schwarzen Herzen? Eine Schönheit wollte er haben, auf häus 
liche Tugenden kam es ihm nicht an. Sie, Donna Laura, war 
gut genug gewesen, in den „Hungerjahren," als er ein armer 
Ingenieur war, für ihn und mit ihm zu sparen, ja zu darben 
und sich für ihn aufzuopfern; und nun, wo sie selig war, 
bescheiden am Glück des Hauses teilzunehmen, nun warf er 
sie beiseite wie eine ausgepreßte Zitrone? Und dies Mädchen, 
das so bereitwillig des unschönen, wunderlichen allen Mannes 
S and annahm, das verpflichtete er viere Monate zuni 
chweigen? Machte es zur Heuchlerin und — und — ha, 
ha — und nun betrog sie, heuchelte sie auch ihm gegenüber? 
— O dieser Abgrund von Schlechtigkeit! 
Also daher dieses Wohlwollen gegen Bruder und 
Schwester? Der betrog also in Compagnie mit? 
Donna Lauras Empörung spottete jeder Beschreibung. 
Rätselhaft blieb ihr doch vieles. Warum z. B. heiratete er 
also nicht? Und wie ein Liebhaber sah er doch wirklich nicht 
aus! — Aber Rätsel zu lösen, hatte sie weder Zeit noch 
Laune. 
Ducetti war's schon zu gönnen, daß Irene ihn zum 
Narren hatte; — der sollte sie nicht dauern. Aber Constanze I? 
Das arme, so schwer geprüfte Kind! Freilich — mit dem 
ewigen Zank zwischen ihr und Palmieri war's auch sonder 
bar! — O gewiß, das ahnende Gemüt Constanzes hatte 
den gerechten Grund zur Eifersucht durchschaut. — 
Und was nun? Was war jeut das nächste? 
neuen Feuerwache an der Speyererstraße im Berliner 
Ortsteil. Die neue Feuerwache wird mit einem automobilen 
Löschzug ausgerüstet. Die Kosten für den Bau, die Ein 
richtung und Ausrüstung belaufen sich auf 400 000 Mark. 
Für später ist noch der Bau einer Feuerwache im 
Friedenauer OrtSteil von Schöneberg in Busicht 
genommen. 
— Ans den» Handelsregister. Am 4. August 
ist in das Handelsregister eingetragen worden: Nr. 27 271 
offene Handelsgesellschaft: Robert Mietusch & Co.. Schöne- 
berg, und als Gesellschafter Robert Mietusch. Schlächter 
meister, Schöneberg, und Robert Fritsch, Tapezierermeister, 
Schöneberg. Die Gesellschaft hat am 1. Juni 1905 be 
gonnen. — Nr. 27 274. Firma: Franz Faehling. Metall- 
formen- und Maschinenfabrik, Berlin. Inhaber Franz 
Faehling, Ingenieur, Schöneberg. — Nr. 27 280 offene 
Handelsgesellschaft E. Hillmann <L Th. Heinemann. 
Wilmersdorf, und als Gesellschafter Ernst Hillmann, Bild 
hauer, Schöneberg, und Thomas Heinemann, Stuckateur, 
Schöneberg. Die Gesellschaft hat am 15. Juli 1905 be 
gonnen. — Bei Nr. 2605. (Firma Pöe & Schartiger 
Nächst., Schöneberg): Der Inhaber heißt „Emil" mit 
Vormanen. 
Wertin und Wororte. 
§ Ein Teil des tronprirrzlichen Wagenparks 
ist gestern in den auf dem Grundstück Oberwallstraße 2 
befindlichen Remisen untergebracht worden. Es sind fünf 
neue Wagen, nämlich ein Phaeton, ein Koupö, zwei 
Doppelkaleschen (Landauer) und eine sogenannte Klarenze, 
die sämmtlich aus der hiesigen Hofwagenfabrik von 
I. Andres Nachf. hervörgegangen sind. Auf demselben 
Grundstück befinden sich auch die Stallungen. 
§ Eine Probefahrt mit den neuen Automobil- 
Omnibussen, die nächstens hier eingeführt werden sollen, 
fand gestern in verschiedenen Straßen statt. Die eleganten 
Gefährte, die mit Decksitzen versehen sind und doppelte 
Hinterräder haben, bewegten sich mit ziemlicher Schnellig 
keit und ohne großes Geräusch über Asphalt und Pflaster 
hinweg. 
8 Eine interessante Erdarbeit wird jetzt in 
Westend aus Anlaß der hier stattfindenden Kanalisation 
ausgeführt. Der alte Luisenkirchhof wird in seiner ganzen 
Breite von Süden nach Norden untertunnelt. Da auf 
dem Kirchhof selbst keine Ausgrabungen vorgenommen 
werden dürfen, so wird von beiden Seiten aus auf berg 
männische Art ein Stollen getrieben, der jetzt schon etwa 
bis zur Hälfte fertig ist. In diesen Stollen wird gleich 
zeitig ein Kanal eingemauert, der eine lichte Höhe von 
3 in hat und dessen Sohle 8 m unter dem Niveau liegt. 
8 Für die Jnbilänms - Ansstellnng für 
Wohnnngsknnst Berlin 1906 in den Gesamträumen 
der Philharmonie (Bernburger Straße) wird zur Erlangung 
eines Plakatenentwurfes ein Preisausschreiben veranstaltet. 
Der Entwurf soll in vier bis fünf Farben hergestellt sein. 
Als Preise sind ausgesetzt 150, 100 und 75 Mk. Ent 
würfe mit versiegeltem Anschreiben und Merkwort sind an 
den Geschäftsleiter der Ausstellung, Tapeziermeister Feder, 
NW 23, Lessingstr. 6, bis zum 1. Oktober spätestens zu 
errichten. 
8 Eine fnrchtbare Familientragödie hat sich 
infolge Arbeitslosigkeit und Nahrungssorgen gestern im 
Norden der Stadt zugetragen. Der in der Stralsunder- 
straße 62 wohnende Mechaniker Paul Charlet hat dort 
seine 25jährige Frau Charlotte und seine fünfjährige 
Tochter Hildegard vergiftet und sich dann selbst das Leben 
durch mehrere Revolverschüffe zu nehmen versucht. 
Steglitz. Ein Unglückstag war der heutige Tag für 
den Neubau an der Ecke der Schloß- und Miquelstraße, 
welcher von der Baufirma Pumplun aufgeführt wird. 
Gegen Mittag stürzte ein Träger, nachdem er mit seiner 
Last gerade die letzte Sprosse des Leiterganges zum ersten 
Stock erreicht hatte, rückwärts in die Tiefe und verletzte 
sich anscheinend schwer. Er hatte schon vorher über 
Unwohlsein geklagt und war die Ursache des Sturzes an 
scheinend in einem plötzlichen erneuten Anfall begründet. 
Man war eben um den Verunglückten bemüht, als sich in 
der dritten Etage ein neues Unglück ereignete. Drei dort 
Zu allererst Irene fortschaffen — unter irgend einem 
plausiblen Vorwände; — fort mit ihr, daß es im Hause keine 
Szene gab, die Constanze erschreckte. In ihrem ganzen Leben 
hatte Donna Laura nicht so scharf und schnell gedacht. 
Später verwunderte sie sich selbst über die Raschheit, mit 
der sie in dieser Nacht alles nötige bedachte. 
Mil keinem Fuße kam sie ins Bett, Irene ebensowenig. 
Aus Strünipfen schlichen sie hin und her und packten von 
Irenes Sachen das nötigste in ein Täschchen, alles andere in 
ihren Koffer, der nachgeschickt werden sollte. 
Die Sonne stieg eben empor, da waren sie fertig. 
„Wenn Du Dich vor Deines Bruders und Ducettis 
Zwang retten willst, denn Leo gibt Dich ihm zur Ehe — 
das weißt Du! — so mußt Tu fort, ihnen entfliehen. Leo 
wird seines Wohltäters Sache zu der seinigen machen, 
Palmieri vor die Pistole fordern und ihn kalten Blutes 
niederschießen. Weder er noch Ducetti dürfen ahnen, daß Du 
ehrlos genug bist, Constanzes Verlobten zu lieben. — Was 
Palmieri dann tun wird? — Ob er zu seiner Pflicht und 
Ehre zurückkehrt? Ich bin mir nicht klar, ob ich dulden 
werde, daß er meinen armen Liebling nun doch noch heirarcl. 
O, Du Unselige, was hast Tu Dir vorzuwerfen! Welche 
Reihe von Sünden ludest Du, Falsche, auf Dich!" 
Mürbe gemacht von all diesen moralischen Forderungen, 
gab Irene längst jedes Widerstreben auf. 
Sie hatte nur eine einzige alte Verwandte in einem 
Kloster zu Venedig, zu der sie gehen konnte, sicher, Aufnahme 
zu finden, eine Großtante, von der sie für später auch noch 
ein kleines Vermögen gehofft. Dahin sollte sie. 
Donna Laura huschte selbst in die Küche, kochte etwas 
starken Kaffee und gab Irene, was sie an Geld zur Ver 
fügung halte. Diese folgte jetzt schon willenlos. 
Als die Mägde und der Diener an ihre Morgenarbeit 
gingen, sahen sie die beiden Danien eben das Haus verlassen 
und dachten erstaunt, ob denn eine von ihnen reisen wolle? 
Aber Donna Laura war sehr mildtätig, vielleicht brachren 
sie auch, wie schon öfter. Armen ihre Gaben in der kleinen 
Reisetasche. 
* * * * (Fortsetzung folgt.)
        
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