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Periodical volume Nr. 186, 10.08.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den Mdenaner Ortsteil von Schöneberg und den Bezirksverein 5üd - West. 
UnpllüeiiHe Zeitung für kommunale 
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Leo Schultz in Friedenau. 
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Kr. 186. Friedenau, Donnerstag den 10. August 1905. 
Depeschen. 
Dresden. Das Ministerium des Innern genehmigte 
den sonntäglichen Zeitungs- und Buchhandel auf den 
Bahnhöfen, soweit derselbe den Bedürfnissen der 
Reisenden dient. 
Kempten. Die Leiche des am 4. August von der 
Leiterspitze in den Jschtaler Alpen abgestürzten Post- 
sekrekärs aus Göppingen wurde gestern gefunden und nach 
Bachland im Lechtal gebracht. 
Wien. Die von Stengel & Co.-Dresden, von Dr. 
Trenkler & Co.-Leipzig und Arl Otto Moyd-München an 
gefertigten Ansichtspostkarten von dem Kriegshafen Pola 
sind in Österreich verboten worden. 
In einer gestern in Oderberg stattgehabten Konferenz 
der deutschen Abgeordneten und Bürgermeister ostschlestscher 
Städte wurde die Absendung einer Entschließung an den 
Ministerpräsidenten Gautsch beschlossen, worin sich die 
Konferenz dagegen verwahrt, daß die Errichtung einer 
selbständigen czechischen Lehrerbildungsanstalt in Polnisch- 
Ostrau verfügt worden sei, ohne daß die berufenen Ver 
treter der deutschen Bevölkerung Ostschlestens gehört 
worden sind, und entschieden die Sistierung des Vollzuges 
dieser einschneidenden Maßregel fordert, insolange diese 
Vertreter nicht gehört worden sind. Gleichzeitig wird 
unbedingt die Aufhebung der polnischen Parallelklassen in 
Teschen gefordert. 
Ferleiten. Der Major Brückner aus Wien, welcher 
eine Partie in das Glöckner-Gebiet unternahm, wird 
vermißt und dürste voraussichtlich verunglückt fein. 
Rettungsexpeditioneu sind bereits unterwegs. 
Paris. Der Dampfer „Ozeana", der in Marseille 
eingetroffen ist, berichtet, daß der Dampfer „Affas", der 
augenblicklich in Saigon vor Anker liegt, mehrere an 
Cholera erkrankte Mannschaften an Bord hatte. Weiter 
wird gemeldet, daß der Panzerschiff „Redoutable", in der 
Meerenge von Saigon aufgelaufen ist und nur schwer 
wieder flott gemacht werden konnte. Das Schiff hat da 
bei schwere Beschädigungen erlitten. 
London. Als König Eduard gestern über das eng 
lisch-französische Geschwader bei Portsmouth Revue ab 
genommen hatte und die Kgl. Aacht nach Cowes zurück 
kehrte. erschien plötzlich ein deutscher Torpedojäger, der mit 
ungewöhnlich großer deutscher Flagge sowie der deutschen 
Lotsenflagge von Portsmouth kommend an den englischen 
und französischen Kriegsvorschiffen vorbeieilte. Dies rief 
Sensation hervor, doch heißt es, jener Torpedojäger schien 
als Tender zum „Meteor". 
Petersburg. Hier zirkulieren Gerüchte, daß Trepow 
zum Minister des Innern und Stadthauptmann Ledjalin 
zum Generalgouverneur ernannt werden sollen. 
Die Friedenskonferenz betreffend gehen uns folgende 
Depeschen zu: 
Paris. Die gestrige erste Versammlung der Friedens- 
delegierten hat, wie der „Newyork Herald" aus Newcastle 
meldet, den Eindruck hinterlassen, daß es möglich sein 
wird, die Unterhandlungen mit Erfolg zu beendigen. 
Witte setzte die Japaner in Erstaunen durch seine 
Forderung, täglich zwei Sitzungen abzuhalten, deren erste 
bereits um 9 Uhr Morgens beginnen soll. Es deutet dies 
auf den Wunsch hin, die Verhandlungen schnell und zum 
glücklichen Ende zu führen. Soweit bis jetzt verlautet, 
hat Witte die Japaner ersucht, ihre Bedingungen im all 
gemeinen gleich bei der ersten Versammlung zusammen 
zufassen, oder wenigstens ausreichende Angaben darüber zu 
machen, damit die russischen Delegierten in der Lage sind, 
festzustellen, ob diese Bedingungen als Grundlage für eine 
Verständigung zu diesen geeignet sind. Die Japaner 
weigerten sich, soweit zu gehen. Die Tatsache, daß ein 
formeller Austausch der Beglaubigungsbriefe nicht statt 
gefunden hat, wird keine Verzögerung der Verhandlungen 
herbeiführen. 
London. Nach Meldungen aus Portsmouth wird 
nunmehr die japanische Friedenskommission der Presse nur 
noch schriftlich Mitteilungen zukommen laffen. Kein 
Mitglied der Mission wird einem Journalisten ein 
Interview gewähren. Baron Sato erklärte, er befürchte, 
daß diese schriftlichen Mitteilungen nur die Worte ent 
halten werden: „Nichts Neues." 
Petersburg. Die russische Presse faßt ihre Kom 
mentare über die Aussicht der Friedensverhandlungen da 
hin zusammen, daß es an einer genügenden Basis fehle, 
um einem Friedensschluß zustande zu bringen. 
Neuyork. Herr von Witte, von dem Wunsche 
beseelt, zu beweisen, daß Rußland die Arbeiten der 
Friedenskonferenz zu erleichtern gewillt sei, ersuchte Baron 
Komurra, ihm eine Kopie der Beglaubigungsschreiben, 
welche zu der ersten Sitzung nicht mitgebracht worden 
waren, nach seiner Wohnung zu senden. Heute wird es 
sich herausstellen, ob die Konferenz wegen unüberwind 
barer Meinungsverschiedenheiten abgebrochen werden muß 
oder ob eine Fortsetzung mit Aussicht auf Erfolg mög 
lich ist. 
Tokio. Die japanische Preffe ist sehr befriedigt über 
den Empfang der japanischen Friedensdelegierten seitens 
des amerikanischen Volkes und speziell des Präsidenten 
Roosevelt. Der Ton der Preffe ist ein sehr optimistischer, 
nachdem man in Erfahrung gebracht hat, daß die erste 
Zusammenkunft der Friedensdelegierten bereits einen über 
aus herzlichen Charakter trug. 
»Sie Mache iß mein." 
Kriminal-Roman von L. Haid heim. 
25. (Nachdruck verboten. Alle Rechte Vordebatten.) 
„Irene!" Hatte er den Namen gedacht oder gebrochen? 
— Breitete er ihr seine Arme entgegen? Zog der Blick seiner 
Augen sie magnetisch zu ihm hin? Er wußte es nicht, sie 
auch nicht. Sekundenlang hatte sie ihm, erschrocken stutzend, 
fast zurückweichend, die Hände entgegen gestreckt, wie in Ab 
wehr; — im nächsten Moment lag sie an seiner Brust, 
und zum ersten Male fanden sich ihre Lippen in einem langen 
Kuß. 
Vergessen war alles, was er sich am Mittag gesagt, 
er wollte nicht eher zu ihr sprechen, als bis er seine Ver 
pflichtungen gelöst. Unwiderstehlich wurden sie zueinander ge 
zogen, und wie ein lange zurückgedämmter Strom brach die 
Liebesglut aus beider Herzen. — 
Dennoch durften sie nicht einen Moment vergessen, wo 
sie waren. Dort am Ende des Ganges Constanzes Räume — 
dort unten Ducettis Zimmer. 
„Wo ist denn Donna Laura?" fragte Palmieri, noch ein 
mal in dem Ringen nach Klarheit und Lösung seiner Fesseln und 
bereit, mit Irene vor sie zu treten. 
„Sic wird zu ihrem Beichtvater sein! Sic geht oft, sich 
Rat zu holen! lautete Irenes Antwort. 
Dann glaubten sie sich sicherer, und immer ängstlich 
lauschend auf die Klingel an der Haustür, hörten sie nicht, wie 
ganz leise, leise Donna Lauras Tür sich öffnete, nur gerade 
eben weit genug, ihr den Blick auf die beiden zu gestatten. 
Ach, die armen Liebenden hatten sich so viel zu sagen! 
Sic waren so unglücklich und doch so glücklich. Ueber Con 
stanzes Herz hinwegschreiten zu müssen — das war ja unmög 
lich! War so unsagbar roh und grausam! Und was würde 
Ducetti sagen? 
„Er liebt mich nicht; — er hat nicht einen Gedanken von 
Liebe für mich! Ich habe mich tausendmal gefragt, was kann 
ihn bestimmen. Dich heiraten zu wollen? Doch ich finde es , 
nicht — finde nichts, als eine neue Wohltat zu all den an- 
oern, er will meine Zukunft sicher stellen durch diese Heirat," 
— sagte zitternd vor Glück und Leid Irene. 
„Dos hätte er auf weniger egoistischem Wege gekonnt," 
beharrte Palmieri. — Und dann vergaßen sie eine Weile wieder 
alles über dem schmerzlichen Glück, sich gesunden zu haben. 
Plötzlich ließ ein leises Geräusch sie zusammenfahren, aus 
einanderfliegen. 
Sprachlos standen sie und starrten Donna Laura 
an, die, wie aus der Erde gewachsen, neben ihnen war. 
Das sonst so behäbige alte Fräulein sah sehr blaß und 
streng ans, aber die stets etwas laute Stimme desselben 
flüsterte seltsam leise, ja tonlos und doch deutlich, daß es 
dem Liebespaar zu Mute war, als ob sie in einer leeren 
Kirche Halle. 
„Das konnte niemand ahnen! So viel Gewissenlosigkeit 
unter unserm Dach! So viel Betrug und Lüge, Heuchelei 
und Herzlosigkeit!" sagte sie. 
Unbeschreiblich bitter und empört klang das, aber keine 
Sekunde vergaß die Sprecherin, daß Constanze nicht einen 
Ton hören, nicht aus dem heißersehnten ersten Genesungs 
schlaf aufgestört werden durfte. 
„Donna Laura — ich flehe Sie an, mich zu hören!" bat 
Palmieri mit bebenden Lippen. 
„Morgen, Signor, obgleich ich nicht weiß, was Sie mir 
nach diesem noch zu sagen haben könnten." 
Donna Laura hatte nichts Vornehmes in ihrem Wesen, 
nur eine unendliche Hcrzensgüte, eine gute Portion Trivialität 
und eine gewisse Schlauheit in Angelegenheiten, die sie als 
die ihrigen oder die Ducettis angingen. — In dieser Stunde 
sah sie klug, klar und sehr hart aus. Palmieri erschrak um 
so mehr, als ihm nichts übrig blieb, als Irene ihrem Zorn 
schutzlos zu überlassen. 
Noch einnial versuchte er, ihr Aufklärung zu geben. 
„Donna Laura, ich kam heute, um —" 
„Was Sie heute wollten, hat wohl auch morgen Zeit — 
Signor Palmieri ich bitte Sie noch einmal, zu gehen!" 
Da war nichts mehr zu tun. Und doch — er durfte 
das geliebte, totblasse, zitternde Geschöpf nicht auf Gnade und 
Ungnade in den Händen dieser harten, schwer beleidigten Frau 
lassen. 
12. Iahrg. 
Allgemeines. 
[] Die Vereinfachung des Schreibwerks bleibt 
fortgesetzt ein wichtiges Ziel der Staatsregierung. So 
haben, schreibt die „Neue polit. Korresp.", kürzlich die 
Rossortminister angeordnet, daß die Urschrift der Unfall 
untersuchungsverhandlungen den Vorständen der beteiligten 
Berufsgenossenschaften oder den beteiligten Sektions- 
vorständen oder den Ausführungsbehörden zu übersenden 
ist. Die Berufsgenoffenschaften und die Ausführungs 
behörden werden die Unfalluntersuchungsverhandlungen 
ordnungsmäßig aufbewahren und dieselben den Ortspolizei 
behörden auf Erfordern zum Gebrauche herausgeben. 
Hierbei sind die Polizeibehörden noch auf eine sorgfältige 
Vornahme der Unfalluntersuchung und auf eine leserliche 
Niederschrift hingewiesen worden. 
Lokales. 
f Laurentius. Der heutige 10. August gilt dem 
Gedächtnis des Märtyrers' Laurentius, dem ausgesetzten 
Sohn eines Feldherrn, den ein römischer Priester als 
Knäblein einst unter einem Lorbeerbaum auffand und dem 
er deshalb den Namen Laurenftus verlieh. Er widmete 
sich nach vollendeter Erziehung dem Dienste der Kirche, 
ward später erster Diakon seines Wohltäters, des unter 
dessen zum Bischof ernannten Sixtus und erwies sich in 
dieser Stellung allezeit als besonders wohltätig gegen 
Arme und Kranke. Als nun der römische Feldherr Decius 
nach Ermordung des Kaisers Philipp dessen Thron bestieg, 
wollte er den Bischof zwingen, die Schätze herauszugeben, 
die der landflüchtige Sohn des gemeuchelten Kaisers diesem 
zur Verwaltung übergeben hatte. Sixtus aber legte die 
Kostbarkeiten in die Hände seines Vertrauten Laurentius, 
weigerte sich der Herausgabe und erlitt standhaft den 
Kreuzestod, jedoch nicht ohne vor seinem Ende noch 
Laurentius damit beauftragt zu haben, all jene Schätze 
unter die Armen zu verteilen. Der Kaiser, der inzwischen 
davon gehört hatte, daß Laurentius im Besitz der Kost 
barkeiten sei, befahl nun diesem die Auslieferung derselben. 
Der fromme Mann aber führte ihm seine Armen und 
Kranken zu mit den Worten: „Siehe, da sind meine 
Schätze." Nun verlangte Decius in heller Wut über die 
Enttäuschung, Laurentius solle Christum abschwören und 
ließ ihn, um das zu erzwingen, blutig peitschen. Der 
Gemarterte aber blieb seinem Glauben treu und starb 
eines entsetzlichen Todes, denn der Tyrann beauftragte die 
Folterknechte, ihn auf einen glühenden Rost zu legen. 
Mit den Worten: Aus ist der Kampf, mein ist die Krone!" 
hauchte Laurentius sein Leben aus. Wer am Laurentius 
tage Knochen ins Feuer wirft, befreit sich nach Ansicht 
des Volkes damit für immer von Zahnschmerzen. 
„Donna Laura, begleiten Sie mich hinunter, dort will 
ich Ducetti zwingen, mich anzuhören!" 
„Tncclti? Daß er Herzkrampf bekäme über den schmäh 
lichen Undank dieses —?* 
Aber Irene unterbrach sie. „Nein, nein, nicht jetzt, nicht 
beute! Geh! Morgen muß sich alles — klären," wollte sie 
sagen, aber in Tränen zerfließend, sank sie vor Donna Laura 
nieder, die empört murmelte von Liebschaften auf Treppen 
absätzen und Kammerjungferabenteuern! — Und so sollte er 
fortgeben? 
Er riß Irene in seine Arme, ganz vergessend, wo er war. 
„Geschieht ihr das Geringste — wird ihr ein Haar gc- 
krümmt — hören Sie nicht auf mit Ihren Beleidigungen —" 
Jetzt war es Donna Laura, die in Todesangst geriet. 
Nein, nein, Irene sollte ihr heilig sein, wenn er doch nur 
gehen wollte! — 
So blieb ihm ^nichts anderes übrig. 
In Ducettis Stube sah er diesen und Sordegna immer 
noch sitzen und lebhaft sprechen. 
Er war gewiß nicht in der Stimmung zu beobachten, 
aber es fiel ihm nie so sehr wie jetzt auf, daß Ducetti die 
verhängnisvolle Eigenschaft besaß, immer weniger sympathisch 
zu erscheinen, je länger nian ihn kannte. Ganz langsam war 
das gekommen; — er hatte ihn bei der ersten Bekanntschaft, 
seinem ersten Werben um Constanze recht gern gehabt, er 
schien damals eiic guter, warmherziger Mensch, nur von Geld- 
sorgen gedrückt. Aber vielleicht kam seine Abneigung auf 
Rechnung der zornigen, geringschätzigen Eifersucht? 
Dann vergaß er Ducetti, um nur an Irene zu denken. 
O, wie bereute er, nicht heute abend Ducetti gezwungen zu 
haben, ihn anzuhören! 
Morgen niußte er nun zuerst Sordegna sprechen; ihn als 
Irenes natürlichen Beschützer, der mit unverzeihlicher Indolenz 
den Plänen Ducettis auf das junge Mädchen zugesehen, als 
sei die Heirat ganz in der Ordnung. Er mußte von dem 
Augenblick an, wo sie sich dagegen erklärte, seiner Schwester 
'Partei nehmen. 
Doch das alles wogte völlig unklar in ihm; er fühlte sich 
in einer Gemütsverfassung, die ihm vernünftige Erwägung 
ganz unmöglich machte, und so viel Einsicht blieb ihm doch
        
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